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"Große Veränderungen kann man nicht voraussehen" - Interview mit Gerd Bosbach

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"Große Veränderungen kann man nicht voraussehen" - Interview mit Gerd Bosbach

Netzdebatte Redaktion

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Mittel- oder langfristig haben alle demografischen Prognosen geirrt: Davon ist der Statistiker Gerd Bosbach überzeugt. Außerdem seien die Konsequenzen des demografischen Wandels durchaus nicht nur negativ.

Der Statistiker Gerd Bosbach gilt als einer der vehementesten Kritiker derjenigen, die vor allem die negativen der demografischen Entwicklung betonen. (dpa) Lizenz: cc by/2.0/de

Redaktion: Es gibt jene, die an der Aussagekraft demografischer Prognosen zweifeln. Wie verlässlich sind demografische Vorhersagen wirklich?

Gerd Bosbach: In die gängigen demografischen Modellrechnungen gehen Prognosen über Wanderungsbewegungen, Entwicklung der Lebenserwartung und der Kinderzahl ein. Kurzfristig gibt das brauchbare Ergebnisse, mittel- oder langfristig haben aber alle diese Rechnungen geirrt. 


Welche Faktoren lassen die Prognosen denn außer Acht?

Große Veränderungen kann man nicht voraussehen. Dazu gehören etwa der deutliche Anstieg der Lebenserwartung im letzten Jahrhundert oder der Trend zur Kleinfamilie. Die Wanderungsbewegungen wurden chronisch unterschätzt. Solche "Strukturbrüche" sind nicht vorhersehbar oder berechenbar, weder der Beginn, noch die Richtung und Größe. Ein paar weitere Beispiele aus dem letzten Jahrhundert mit starken Auswirkungen auf die Bevölkerung sind die Entwicklung der Antibabypille Ende der 50er Jahre, die Anwerbung zahlreicher ausländischer Arbeitskräfte Mitte der 60er, der Umbruch des Verhaltens durch die 68er- und die Frauenbewegung, die Auflösung des Ostblocks mit circa drei Millionen Zuwanderern und der Krieg in Jugoslawien Ende der 90er mit massiver Flucht nach Deutschland. 
Jetzt sehen wir die Folgen der Kriege im Irak, Libyen und Syrien. Und die wirtschaftliche Flaute vor allem in Südeuropa ließ in den letzten Jahren gerade junge Leute aufbrechen.

Sie sehen die Warnungen vor den Konsequenzen des Demografischen Wandels kritisch: Ängste vor einer stark alternden Gesellschaft hätte es schon im späten 19. Jahrhundert gegeben, auch Konrad Adenauer hätte in den 50er Jahren unser „Aussterben“ befürchtet. Hat sich wirklich nichts geändert? Ist der Demografische Wandel also etwas woran man glauben kann und keine unumstößliche Gewissheit?

Da ist ein kleines Missverständnis. Der Demografische Wandel ist faktisch da und das mindestens seit 1870. Im letzten Jahrhundert stieg beispielsweise die Lebenserwartung um über 30 Jahre, der Jugendanteil halbierte sich und der Anteil von über 65-jährigen hat sich mehr als verdreifacht. Diese Veränderungen waren sogar deutlich massiver als die heutigen. Nur die angeblich zwangsläufigen negativen Folgen dieses Wandels gab es einfach nicht. Ganz im Gegenteil, trotz massiver Alterung wuchsen Wohlstand und Sozialstaat. Und das bei massiver Verkürzung der notwendigen Arbeitszeiten. Die Demografie-Angstmacher haben diese erlebte Geschichte fast komplett aus der Debatte ausgeblendet. Auf meine Frage, warum gesellschaftliche Alterung früher mit sozialem und wirtschaftlichem Fortschritt verbunden war und in Zukunft ein schwächerer Wandel fast eine Katastrophe sein soll, haben die Angstmacher keine Antwort.


Mal angenommen alle Vorhersagen träfen zu: Wären die Folgen des Demografischen Wandels vor allem negativ zu bewerten?


Nein. Erstmal ist es schön, wenn wir gesund älter werden. Und Arbeitskräfteprobleme bekommen wir eher durch die immer noch hohe Arbeitslosigkeit von rund drei Millionen Arbeitslosen und Problemen bei der Bildung unserer Jugend. Hier müsste man anpacken, statt über Demografie zu jammern.

Noch ein Szenario: Angenommen unsere Gesellschaft schrumpft deutlich und durch die Automatisierung werden viele Arbeitsplätze durch Roboter ersetzt. Wie sollen in Zukunft die Sozialkassen finanziert werden?


Ist doch toll, wenn die Computer uns die Arbeit erleichtern. Dann haben wir die Ware und mehr Zeit sie zu genießen. Allerdings müssen wir dazu die Finanzierungssysteme anpassen. Wenn der Kuchen von Dienstleistungen und Waren wächst (Bruttoinlandsprodukt), die Anzahl der Esser/Verbraucher weniger wird, warum sollte dann jeder Einzelne weniger haben? Wir müssen dazu aber die Umverteilung zugunsten der Reichen stoppen. Dann ist genug Geld für Bildung, Rente und Gesundheit da.

Das gesellschaftliche Bild vom Altern und dem Alt-Sein hat sich über die Jahre stark verändert. Der Soziologe Stephan Lessenich z. B. spricht von den "jungen Alten", die heute auch im Alter noch aktiv sein wollen. Auch die Gesellschaft fordert das zunehmend. Ließen sich die negativen Effekte der Alterung unserer Gesellschaft abschwächen, wenn alte Menschen in Zukunft länger ins Arbeitsleben eingebunden würden?

In einigen Berufen wäre das sicherlich möglich. Zur Zeit würde das aber die Arbeitslosigkeit der Jüngeren erhöhen. Außerdem würde es den Unternehmen den Druck nehmen, genügend auszubilden und auch mal einen nicht ganz geeigneten Bewerber einzustellen. Ich selber werde aus den Gründen auch mit 65 als Professor aufhören und einem der vielen Wartenden meinen Platz überlassen.
 Aber denken Sie bitte auch an die vielen, die es gar nicht schaffen über 65 hinaus zu arbeiten. Deren Rente wird dauerhaft massiv gekürzt und in vielen Fällen zu Altersarmut führen.



Gerd Bosbach

Gerd Bosbach ist ein deutscher Mathematiker. Er ist Professor für Statistik und Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Hochschule Koblenz, Standort Remagen.

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