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Meinung: Mehr als ein Mentalitätsproblem – Die Mechanismen der Wegwerfgesellschaft

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Meinung: Mehr als ein Mentalitätsproblem – Die Mechanismen der Wegwerfgesellschaft

Katrin Wenz

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Von den aktuell etwa sieben Milliarden Menschen auf der Welt haben rund 800 Millionen nicht genug Essen. Dabei werden so viele Nahrungsmittel produziert, dass täglich Tonnen auf dem Müll landen. Was läuft da schief? Katrin Wenz vom BUND mit einer Problembeschreibung.

Vor allem bedürftige Menschen holen sich häufig noch essbare Lebensmittel aus den Containern von Supermärkten zurück. Das so genannte "Dumpster Diving" ist allerdings vielerorts verboten. (dpa) Lizenz: cc by-sa/3.0/de

In diesem Jahrhundert wird die Weltbevölkerung auf etwa zehn Milliarden ansteigen. Dieses Wachstum wirft grundlegende Fragen hinsichtlich der Zukunft der Landwirtschaft auf: Wie können alle Menschen ernährt und zugleich die natürlichen Ressourcen und intakte Naturräume bewahrt werden? Bereits heute leidet jeder sechste Mensch weltweit unter Nahrungsmangel. Schon im Externer Link: Weltagrarbericht 2008 kamen mehr als 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 86 Ländern zu dem Schluss, dass "Weiter wie bisher" keine Option ist.

Die große Verschwendung

In Zukunft werden immer mehr Menschen nachhaltig ernährt und neue gesellschaftliche Bedürfnisse befriedigt werden müssen. Doch obwohl Nahrungsmittel wertvoll sind, gehen wir mit ihnen nicht schonend um. Laut der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) werden Jahr für Jahr weltweit Externer Link: 1,3 Milliarden Tonnen essbare Lebensmittel weggeworfen. Diese Nahrungsmittel, die produziert, aber nicht gegessen werden, werden auf etwa 1,4 Milliarden Hektar Land angebaut. Die Ressourcenverschwendung ist sogar noch höher, denn auch für die Produktion, Lagerung, Vermarktung und den Transport werden große Mengen an Energie und Wasser verschwendet. Weggeworfene Lebensmittel fehlen an anderer Stelle, treiben die Preise in die Höhe und tragen erheblich zur Verschärfung der Klimakrise bei. Wichtig ist deshalb ein Blick auf die vielfältigen Ursachen der Verschwendung.

Bereits nach der Ernte geht ein Teil der Lebensmittel auf dem Weg zur Weiterverarbeitung oder Vermarktung verloren, weil beispielsweise Möglichkeiten zur Lagerung und Kühlung fehlen. Außerdem werden landwirtschaftliche Produkte bereits auf dem Feld aussortiert, wenn Größe, Farbe oder Aussehen nicht "perfekt" sind, also nicht den Erwartungen der Vermarkter und Konsumenten entsprechen. Im Lebensmitteleinzelhandel werden Produkte weggeworfen, wenn sie das Minderhaltbarkeits- (MHD) oder das Verfallsdatum erreicht haben. Auch Konsumentinnen und Konsumenten werfen genießbare Lebensmittel weg, wenn das MHD erreicht oder überschritten ist. Dabei könnte ein Teil dieser Lebensmittel noch mehrere Wochen problemlos konsumiert werden.

In Deutschland werden weit mehr Lebensmittel konsumiert, als angebaut werden. Zwei Drittel der Ackerflächen, die für die Ernährung der Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland benötigt werden, befinden sich im Ausland. Ein Grund dafür ist, dass einen großen Teil der landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland mittlerweile für den Anbau von Energiepflanzen nutzen.

Auch Fleisch wird verschwendet, obwohl heute Externer Link: 70 Prozent aller agrarischen Nutzflächen weltweit direkt oder indirekt für die Fütterung von Tieren in Anspruch genommen werden. Nur die Hälfte eines zur Schlachtung vorgesehenen Tieres landet schließlich als Fleisch und Wurst auf dem Teller. Der Mensch verzehrt lediglich 40 bis 55 Prozent eines Tieres. Etwa ein Drittel machen die "edlen" Fleischteile aus, die hierzulande vermarktet werden - z. B. Steaks oder Hühnerbrust. Der Rest wird exportiert, an (Haus)-Tiere verfüttert, in der Chemie- und Düngemittelindustrie verwendet oder als "Biokraftstoff" in den Tank gefüllt. Im Jahr 2013 wurden aus 11,4 Millionen Tonnen Lebendgewicht der geschlachteten Tiere 4,9 Millionen Tonnen "tierische Nebenprodukte" gewonnen. Der größte Anteil wird industriell genutzt, oftmals in Produkten, in denen wir keine tierischen Bestandteile vermuten, wie zum Beispiel in Waschmittel, Seifen oder organischem Dünger.

Gesetzlicher Rahmen gegen die Verschwendung

Einige europäische Länder reagieren auf die Verschwendung. So plant die französische Regierung die Menge der Lebensmittelabfälle bis zum Jahr 2025 zu halbieren und hat beispielsweise ein Wegwerf-Verbot für Supermärkte erlassen. Auch Italien plant ein ähnliches Gesetz auf den Weg zu bringen. Die Gesetze richten sich vor allem auf das Vermarktungssystem, dass für eine hohe Verschwendung essbarer Lebensmittel sorgt. In Supermärkten sind Regale immer gefüllt. Alle Joghurtsorten sind bis zum Ladenschluss vorhanden, sonst wandern die Kunden zur Konkurrenz ab. Wenn die frische Ware kommt, wird die alte entsorgt. Die Kosten für die Entsorgung tragen allerdings oft ehrenamtliche Strukturen oder karitative Organisationen. Nach dem Gesetz dürfen Supermärkte Lebensmittel auch kompostieren, daher wird die Verschwendung nicht wesentlich gebremst.

Deutschland ganz vorne mit dabei

Deutschland Externer Link: verschwendet noch weit mehr Lebensmittel als Frankreich. Es wird zwar diskutiert, ob das Verfallsdatum das Mindeshaltbarkeitsdatum ersetzen soll, gegenwärtig ist jedoch kein konkretes Gesetz geplant, um die Verschwendung einzudämmen. Das Landwirtschaftsministerium initiierte die Kampagne "Zu gut für die Tonne", um das Verhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher zu verändern. Aus ökologischer Sicht ist es wichtig,Externer Link: alle Ebenen der Verarbeitungs- und Wertschöpfungskette kritisch zu hinterfragen - es reicht nicht aus, hier nur auf den Handel und die Konsumentin oder den Konsumenten zu schauen. Ein mögliches Gesetz gegen Lebensmittel-Verschwendung sollte die gesamte Produktionskette inklusive dem landwirtschaftlichen Produktionssystem in den Blick nehmen, um künftig nur Nahrung zu produzieren, die auch gegessen wird und natürliche Ressourcen zu schonen.

Fussnoten

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Katrin Wenz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Agrarpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).