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Kindertransporte nach Großbritannien

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Kindertransporte nach Großbritannien

Claudia Curio

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1938 spitzt sich die Verfolgung jüdischer Menschen im nationalsozialistischen Deutschland dramatisch zu. Großbritannien willigt ein, bedrohte Kinder aufzunehmen. Ihren Eltern wird die Einreise jedoch verwehrt.

Szene aus dem Kinofilm "Kindertransport": Kinder verabschieden sich an einem deutschen Bahnhof von ihren Angehörigen. In der zweiten Hälfte des Jahres 1938 sowie im Jahr 1939 erlauben die Nazis 10000 jüdischen Kindern, das Land zu verlassen. In Zügen und anschließend in Booten gelangt der "Kindertransport" nach Großbritannien und wird so vor dem Holocaust gerettet. (© picture-alliance/dpa)

In den Jahren 1938 und 1939 fanden knapp 10.000 jüdische oder wegen ihrer jüdischen Herkunft im nationalsozialistischen Deutschland bedrohte Kinder im Rahmen der Kindertransporte Zuflucht in Großbritannien. Die meisten kamen aus dem "Altreich", ein Drittel aus dem im März 1938 annektierten Österreich und kleinere Gruppen aus der Tschechoslowakei und der Freien Stadt Danzig.

Nach den Novemberpogromen hatten jüdische Hilfsorganisationen bei der britischen Regierung eine Lockerung der Einreisebedingungen für Personen unter 17 Jahren durchgesetzt. Vorgabe dabei war, dass alle Kosten für Transport und Aufenthalt durch private Gelder gedeckt und die Kinder sich nicht dauerhaft in Großbritannien niederlassen würden. Diese humanitäre Geste ist vor dem Hintergrund einer zum damaligen Zeitpunkt bereits äußerst restriktiven Aufnahmepolitik fast aller möglichen Zufluchtsländer – auch Großbritanniens – für Schutzsuchende aus Deutschland zu sehen.

Denkmal zur Erinnerung an den Kindertransport vor dem Londoner Bahnhof Liverpool Street Station. (© picture-alliance, prisma)

Das "Refugee Children’s Movement" beschaffte Bürgschaften für die aufzunehmenden Kinder und organisierte gemeinsam mit anderen britischen Hilfsorganisationen Unterkünfte für die jungen Migrantinnen und Migranten. Zunächst wurden sie vor allem in Gemeinschaftsunterkünften, später fast nur noch in Pflegefamilien untergebracht. Auf deutscher und nach dem Interner Link: "Anschluss" auch auf österreichischer Seite übernahmen die jüdischen Vertretungen sowie in geringerem Umfang christliche Hilfsorganisationen, insbesondere die Quäker, die Organisation der Transporte. Der erste Kindertransport verließ Berlin am 1.Dezember 1938, mit dem Interner Link: Ausbruch des Zweiten Weltkrieges endeten die Interner Link: Kindertransporte. Neben der "Jugend-Alijah", die Tausenden jüdischen Kindern und Jugendlichen die Auswanderung nach Palästina ermöglichte, waren die Kindertransporte die umfangreichste Rettungsaktion für unbegleitete Kinder aus dem nationalsozialistischen Deutschland.

Nach Kriegsende, als ein großer Teil der Kinder erfahren musste, dass ihre Eltern und andere Verwandte im Interner Link: Holocaust ermordet worden waren, wurde deutlich, dass der Aufenthalt der meisten jungen Flüchtlinge in Großbritannien ein dauerhafter sein würde. Viele Kinder waren inzwischen in die britische Gesellschaft assimiliert – mit dem Preis des Verlustes der Herkunftsidentität – und wurden britische Staatsbürger.

Zum Thema

Dieser Artikel ist Teil des Interner Link: Kurzdossiers "Kinder- und Jugendmigration"

Quellen / Literatur

Benz, Wolfgang/Curio, Claudia/Hammel, Andrea (Hg.) (2003): Die Kindertransporte 1938/39. Rettung und Integration. Frankfurt am Main.

Curio, Claudia (2006): Verfolgung, Flucht, Rettung. Die Kindertransporte nach Großbritannien 1938/39. Berlin.

Göpfert, Rebekka (1997): Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jüdischen Kindern nach England 1938/39. München.

Hammel, Andrea/Lewkowicz, Bea (2012): The Kindertransport to Britain 1938/39. New Perspectives. The Yearbook of the Research Centre for German and Austrian Exile Studies, Vol. 13. Amsterdam und New York.

Fussnoten

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Dr. Claudia Curio ist Historikerin. Sie studierte in Wien, Berlin und an der University of Essex. 2005 promovierte sie am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin über die Kindertransporte 1938/39 nach Großbritannien. Seit 2009 ist sie in der Programmabteilung des Goethe-Instituts Niederlande in Rotterdam tätig.