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Migrantenorganisationen – vielfältige Akteurinnen gesamtgesellschaftlicher Integration

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Migrantenorganisationen – vielfältige Akteurinnen gesamtgesellschaftlicher Integration

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Menschen mit ähnlichen Lebensvorstellungen und Interessen organisieren sich in vielfältiger Weise in Verbänden. Das gilt auch für Menschen mit Migrationsgeschichte. Welche Bedeutung haben Migrantenselbstorganisationen für gesellschaftliche Teilhabe?

Anlässlich des Internationalen Frauentags zeigt der Dachverband der Migrantenorganisation die Lichtinstallation "Macht sichtbar" am Rathaus Neukölln. Das gesellschaftliche Engagement von Migrantenorganisationen ist sehr vielfältig. (© picture-alliance/dpa)

Die Interviewpartner:innen

Dr. Marie Mualem Sultan studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Friedens- und Konfliktforschung. Sie promovierte am Institut für Politikwissenschaft der Philipps-Universität Marburg über die Forschung und Politikberatung zu umweltbedingter Flucht und Migration.

Dr. Nils Friedrichs studierte Soziologie, Psychologie und Volkswirtschaftslehre. Er promovierte am Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zu religiöser Vielfalt in Deutschland.

Dr. Mualem Sultan und Dr. Friedrichs sind wissenschaftliche Mitarbeiter:innen im wissenschaftlichen Stab des Externer Link: Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR) und leiteten gemeinsam das Forschungsprojekt "Externer Link: Migrantenorganisationen als Partner von Politik und Zivilgesellschaft".

Das politische und öffentliche Interesse an Migrantenorganisationen hat sich in den letzten Jahren verstärkt. Auch die neue Bundesregierung aus SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP betont in ihrem Interner Link: Koalitionsvertrag, dass sie Migranten(selbst)organisationen als "wichtige Partnerinnen und Partner" versteht, um Teilhabe und Partizipation in der Einwanderungsgesellschaft zu stärken. Sie sollen daher angemessen gefördert werden. Aber was wissen wir eigentlich über die Landschaft der Migrantenorganisationen in Deutschland? Ein Gespräch mit den Wissenschaftler:innen Dr. Marie Mualem Sultan und Dr. Nils Friedrichs, die im Rahmen eines Forschungsprojekts Migrantenorganisationen in ihrer Vielfalt intensiv untersucht haben.

Die Studie

Im Forschungsprojekt "Migrantenorganisationen als Partner von Politik und Zivilgesellschaft" untersuchten die beteiligten Wissenschaftler:innen zwischen Oktober 2018 und Dezember 2020 die Vielfalt der Migrantenorganisationen in Bezug auf ihre Aktivitäten, ihre Netzwerke sowie die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit. Dafür wurden zwischen April 2019 und Dezember 2019 in vier Bundesländern (Bayern, Berlin, NRW und Sachsen) 6.851 Migrantenorganisationen identifiziert, die im Anschluss aufgefordert wurden, an einer standardisierten Online-Befragung teilzunehmen. Diesem Aufruf folgten zwischen Januar und März 2020 764 Migrantenorganisationen (11 Prozent). Aufbauend auf den Befunden aus dieser quantitativen Untersuchung wurden anschließend leitfadengestützte Interviews mit Vertreter:innen ausgewählter Migrantenorganisationen geführt. Zudem wurden Informationen zu einschlägigen Förderprogrammen auf Bundesebene recherchiert und Vertreter:innen der für Integration zuständigen Ressorts auf Länderebene zu ihrer Kooperation mit Migrantenselbstorganisationen befragt. Aktuelle Trends und Entwicklungen in der Landschaft der Migrantenorganisationen thematisiert ein im Jahr 2019 veröffentlichter Externer Link: Policy Brief, die empirischen Ergebnisse wurden in der Externer Link: Abschlussstudie im Dezember 2020 publiziert.

Was sind Migrantenorganisationen?

Porträtfoto Dr. Marie Mualem Sultan. (© SVR/Michael Setzpfandt)

Mualem Sultan: Das ist eine sehr spannende Frage. Denn obwohl die Rede von Migrantenorganisationen und auch von verwandten Begriffen – z. B. Migrantenselbstorganisation, Zuwandererverein, ethnischer Verein oder Diasporaorganisation – im öffentlichen Diskurs immer präsenter wird, gibt es keine allgemeingültige Definition, was darunter zu verstehen ist. Das ist aber kein Mangel, sondern im Grunde folgerichtig in Anbetracht der teils sehr unterschiedlichen Ziele, Engagementschwerpunkte und Strukturen von Migrantenorganisationen.
In unserem Forschungsprojekt haben wir unter Migrantenorganisationen gemeinnützige Organisationen verstanden, die mindestens zur Hälfte von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte getragen werden – oder zumindest gegründet worden sind – und deren Engagement und Vereinsziele sich zu einem wesentlichen Teil aus den Zuwanderungserfahrungen ihrer Gründer:innen und/oder Mitglieder erklären. Dieser Ansatz erwies sich als zweckmäßig, um die Landschaft der Migrantenorganisationen möglichst breit abzubilden und zugleich anschlussfähig zu bleiben an ein mehrheitlich geteiltes Verständnis davon, was für eine Migrantenorganisation charakteristisch ist in politischen, wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Diskursen.
Wichtig ist aber auch der Hinweis: Zur Auseinandersetzung mit der Definitionsfrage gehört auch die Einsicht, dass mit dem Etikett "Migrantenorganisation" eine gewisse Ambivalenz einhergeht: Einerseits ist das Label keineswegs veraltet oder per se problematisch, etwa drei Viertel der von uns befragten Organisationen gaben an, sich auch selbst so zu bezeichnen. Das kann auch eine politische Funktion erfüllen, um so z. B. die eigene Forderung nach gleichberechtigter Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund, die noch nicht erreicht ist, zu betonen. Andererseits reproduziert das Label aber immer auch selbst ein Stück weit die Idee einer Abgrenzung entlang der Herkunft, die man eigentlich überwinden möchte. Dieser Widerspruch lässt sich nicht ganz auflösen. Deshalb ist es problematisch, wenn von außen Vereine als Migrantenorganisationen bezeichnet werden, die sich selbst vielleicht gar nicht – oder nicht mehr – so sehen und sich in ihren Aktivitäten auch nicht von Vereinen ohne genuinen Migrationsbezug unterscheiden. Das zeigt: Die Definitionsfrage ist keine rein akademische, sondern auch eine politische Frage mit praktischen Konsequenzen.

Wie viele Migrantenorganisationen gibt es denn in Deutschland?

Friedrichs: Auf Basis der genannten Kriterien haben wir versucht, die Anzahl der Migrantenorganisationen in Deutschland zu schätzen. In unserer Studie haben wir nicht die gesamte Bundesrepublik untersucht, sondern uns vier Bundesländer herausgegriffen: Bayern, Berlin, NRW und Sachsen. Dort haben wir versucht, die Migrantenorganisationen auf Basis unserer Kriterien zu zählen. Davon ausgehend schätzen wir, dass bundesweit zwischen 12.400 und 14.300 Migrantenorganisationen mit eigener Rechtspersönlichkeit existieren, meist als eingetragener Verein. Insofern zeigen unsere Zahlen, dass Migrantenorganisationen schon rein quantitativ ein wichtiger Teil der organisierten Zivilgesellschaft sind.

Dazu ist es wichtig zu wissen, dass die Landschaft der Migrantenorganisationen sehr dynamisch ist. Zum Beispiel gibt es sehr viele junge Organisationen. Ein Viertel aller Migrantenorganisationen aus unserer Stichprobe hat sich erst nach 2012 gegründet. Auf der anderen Seite lösen sich natürlich auch viele Vereine wieder auf.

Sie haben herausgefunden, dass Migrantenorganisationen vor allem in Großstädten ansässig sind. Warum ist das so?

Friedrichs: Migrantenorganisationen spiegeln das Engagement der Bürger:innen vor Ort wider. Damit hängt ihre Zahl auch eng mit der Zahl der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte vor Ort zusammen. Fast 60 Prozent der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte lebten 2020 im städtischen Raum. Das erklärt auch, warum sich Migrantenorganisationen vor allem dort finden. Mit unseren Daten aus den vier untersuchten Bundesländern konnten wir nachweisen, dass die Anzahl der Migrantenorganisationen in einer Region sehr stark mit der Zahl der Einwohner:innen mit Migrationshintergrund zusammenhängt.

In Ihrer Studie steht, dass – gemessen am Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in der Gesamtbevölkerung – die Zahl der Migrantenorganisationen in Ostdeutschland höher ist als in Westdeutschland. Können Sie das erklären?

Porträtfoto Dr. Nils Friedrichs. (© SVR/Michael Setzpfandt)

Friedrichs: Das ist eine sehr gute Frage, die wir im Rahmen der Studie nicht abschließend klären konnten. Wir vermuten allerdings, dass dies unter anderem mit der spezifischen Entstehungsgeschichte der Migrantenorganisationen in Ostdeutschland zusammenhängt: Migrantenorganisationen in Ostdeutschland sind im Schnitt deutlich jünger als in Westdeutschland. Das liegt daran, dass sie sich erst nach der Wiedervereinigung gründen konnten. In der DDR war die Gründung von Migrantenvereinigungen verboten. Es gab zudem insgesamt kaum Strukturen für die Integration von Menschen mit Migrationsgeschichte, weshalb der Bedarf an Migrantenorganisationen in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung entsprechend hoch war. In Westdeutschland gab es Migrantenorganisationen hingegen schon lange.

Mualem Sultan: Insgesamt kommt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Geschichte, Struktur und Ausrichtung von Migrantenorganisationen in Ost- und Westdeutschland bisher zu kurz. Die meisten Studien haben sich auf Westdeutschland konzentriert. Es gab aber, wie gesagt, in Ost und West unterschiedliche Anlässe und Umstände der Entstehung von Migrantenorganisationen. Entsprechend verliefen auch die konkreten Prozesse der Netzwerkbildung und Selbstorganisation von Zugewanderten unterschiedlich. Dies wissenschaftlich noch einmal genauer in den Blick zu nehmen, wäre durchaus spannend.
Der Interner Link: Mauerfall ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass wir bislang noch recht wenig darüber wissen, wie verschiedene gesellschaftliche und politische Ereignisse die Landschaft der Migrantenorganisationen in Deutschland geprägt haben. Während der Mauerfall in Ostdeutschland z. B. ihre Gründung erst ermöglichte, stellt sich die Frage, wie die westdeutschen Migrantenorganisationen mit den verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen der Folgezeit umgingen.

Sie haben schon die Vielfalt der Migrantenorganisationen angesprochen. In welchen Bereichen sind diese denn vor allem aktiv?

Mualem Sultan: Migrantenorganisationen decken nahezu das gesamte Spektrum zivilgesellschaftlichen Engagements ab, mit einem gewissen Schwerpunkt im sozialen und im Bildungsbereich, also z. B. in der Kinder- und Jugendarbeit, der Beratung, der Eltern- und Familienarbeit oder in der Unterstützung von Geflüchteten. Unsere Studienergebnisse zeigen außerdem, dass viele Migrantenorganisationen in besonderer Weise auf die aktive Gestaltung des Zusammenlebens in Deutschland ausgerichtet sind: Der am häufigsten genannte Aktivitätsschwerpunkt in unserer quantitativen Befragung war mit 45 Prozent das Engagement für den Austausch zwischen Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte.
Und eine deutliche gesamtgesellschaftliche Offenheit zeigt sich auch beim Blick auf die Frage, für wen Migrantenorganisationen Angebote bereithalten bzw. wer diese nutzt. Zum Beispiel erklärten 96 Prozent in unserer Befragung, dass Angebote auch Nichtmitgliedern offenstehen; 43 Prozent gaben außerdem an, dass diese mittlerweile auch oft von Menschen ohne Migrationshintergrund genutzt werden.

Neben Migrantenorganisationen gibt es auch die sogenannten postmigrantischen Organisationen wie die Neuen Deutschen Organisationen. Wie sehen diese Organisationen sich selbst bzw. welche Unterschiede gibt es zwischen beiden Organisationstypen?

Mualem Sultan: Migrantenorganisationen und postmigrantische Organisationen sind in der Tat nicht das Gleiche. Trotzdem kann man sie auch nicht scharf voneinander abgrenzen. Das ergibt sich auch aus unseren Befragungsergebnissen. Demnach sehen sich einige Organisationen durchaus als beides, also als Migrantenorganisation und als postmigrantische Organisation.

Was die postmigrantischen Organisationen insgesamt ein Stück weit von der Mehrheit der Migrantenorganisationen unterscheidet, ist ihr sehr deutlicher Fokus auf die Frage "Was oder wer ist eigentlich deutsch?". Damit ist die Forderung nach expliziter gesellschaftlicher Anerkennung verbunden, dass Deutschland als Einwanderungsland selbstverständlich gleichermaßen die Heimat von Menschen mit und ohne eigene oder familiäre Zuwanderungsgeschichte ist. Konkret kritisieren postmigrantische Organisationen, dass Menschen z. B. aufgrund ihres Aussehens oder eines nicht typisch deutschen Namens das Deutschsein abgesprochen wird und sie häufig entsprechende Diskriminierungserfahrungen machen. Es geht postmigrantischen Organisationen also auch um die Situation von Menschen, die nicht als deutsch gelesen werden, obwohl sie überhaupt keinen Migrationshintergrund haben. Bei postmigrantischen Organisationen handelt es sich im Vergleich zu Migrantenorganisationen zudem häufiger – wenn auch nicht ausschließlich – um Gruppen, die von Personen der zweiten oder auch dritten Zuwanderungsgeneration getragen werden. Bei ihnen stehen die Themen Interner Link: Rassismus und Interner Link: Zugehörigkeit oft im Zentrum ihrer Arbeit. Laut unseren Befragungsergebnissen sind Organisationen, die sich selbst als postmigrantisch verstehen, etwa doppelt so häufig in der Antidiskriminierungsarbeit aktiv wie Migrantenorganisationen, die sich nicht diesem Spektrum zuordnen. Außerdem legen postmigrantische Organisationen ein stärkeres Gewicht auf das politische Engagement, während ein Großteil der Migrantenorganisationen den Fokus auf die soziale Unterstützung vor Ort legt.

Es gab in vielen Studien immer wieder Versuche, Migrantenorganisationen zu clustern. In Ihrer Studie unterteilen Sie Migrantenorganisationen in 1) kulturpflegende, 2) multifunktional teilhabeorientierte und 3) politische Interessen vertretende Organisationen. Warum machen Sie das und wie ist diese Typologie entstanden?

Friedrichs: Dass Migrantenorganisationen sehr vielfältig sind, haben wir schon betont. Trotz dieser Vielfalt geht es aber auch um die Frage, ob sich bestimmte Schwerpunkte erkennen lassen. Auf Basis der Angaben, die die Migrantenorganisationen in unserer quantitativen Erhebung zur Frage nach ihrer Selbstbezeichnung gemacht haben, ist unsere Typologie entstanden. Herausgekommen sind in diesem Prozess die drei von Ihnen genannten Typen, die sich in der Realität natürlich nicht immer scharf voneinander abgrenzen lassen. Aber: Wenn man die Gesamtheit der Migrantenorganisationen entlang der Angaben zum Selbstverständnis strukturiert, zeigen sich diese drei unterschiedlichen Schwerpunkte. Beim kulturpflegenden Organisationstyp liegt ein Schwerpunkt im kulturellen, künstlerischen oder religiösen Bereich; den politische Interessen vertretenden Organisationstyp kennzeichnet neben der häufigeren politischen Aktivität auch ein stärkerer Fokus auf Antidiskriminierungsarbeit; die multifunktional teilhabeorientierten Migrantenorganisationen decken vor allem den gesamten Bereich der Sozialen Arbeit ab und sind darüber hinaus – wie der Name schon sagt – insgesamt in den meisten Bereichen aktiv. Sie engagieren sich z. T. daher in Handlungsfeldern, die auch für die anderen beiden Organisationstypen kennzeichnend sind.

Mualem Sultan: Uns war bei der Typologie vor allem der wissenschaftliche Mehrwert wichtig. Für eine Übersicht braucht es gewisse Eckpfeiler zur Orientierung. Es geht bei der vorgeschlagenen Typologie also nicht darum, die einzelnen Migrantenorganisationen in ein trennscharfes Schema zu pressen. Aber mit Blick auf die Frage nach der Struktur des Gesamtfeldes deuten unsere Studienbefunde darauf hin, dass sich jede Migrantenorganisation – die unserer Definition entspricht – am Ende doch in mindestens einem dieser drei Typen wiederentdecken dürfte bzw. es wahrscheinlich schwierig ist, eine Migrantenorganisation zu finden, zu der keiner der drei Schwerpunkttypen passt.

Migrantenorganisationen haben auf Bundesebene lange kaum Aufmerksamkeit erfahren. Seit wann hat sich das verändert und warum?

Mualem Sultan: Diesen Wandel können wir ganz grob auf die Jahrtausendwende datieren. Seitdem erhalten Migrantenorganisationen mehr Aufmerksamkeit und man sieht in ihrer Arbeit primär eine wertvolle Ressource zur Förderung von Teilhabe und Integration. Dies steht auch in direktem Zusammenhang mit der politischen Interner Link: Neuorientierung auf Bundesebene hin zu einer aktiven Integrationspolitik. Wichtige Eckdaten, die diese Neuausrichtung verdeutlichen, sind z. B. die Änderung des Interner Link: Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2000 oder das Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes 2005. Auch das Jahr 2006 gilt mit Blick auf den Wandel im Verhältnis zwischen Staat und Migrantenorganisationen als Zäsur: Es wurden auf Bundesebene zwei große integrationspolitische Dialoggremien, bei denen auch Migrantenorganisationen mit am Tisch saßen, geschaffen: der Nationale Integrationsgipfel und die Deutsche Islam Konferenz.
Das wachsende politische Interesse an Migrantenorganisationen hatte und hat also viel mit der Einsicht zu tun, dass diese über besondere Expertise in Bezug auf politische Gestaltungsmöglichkeiten in der Einwanderungsgesellschaft verfügen und hierbei entsprechend wertvolle Impulse geben und als Kooperationspartnerinnen fungieren können, z. B. im Rahmen der Interner Link: aktiven Integrationsarbeit.
Wichtig ist noch zu wissen: Auf der kommunalen und teilweise auch der Länderebene reicht die aktive Kooperation mit Migrantenorganisationen schon deutlich weiter zurück. Das betrifft insbesondere den Austausch mit den Interner Link: früher als Ausländerbeirat und heute als Integrationsbeirat bezeichneten Gremien, die sich häufig aus Vertreter:innen von Migrantenorganisationen zusammensetzen.

Welches Potenzial haben Migrantenorganisationen für die Gestaltung von Integrationsprozessen?

Friedrichs: Im Wesentlichen sind es zwei Punkte: Zum einen nimmt man an, dass Migrantenorganisationen einen besonders guten Zugang zu Zuwander:innen haben. Zum anderen bringen sie eine besondere Expertise mit, weil viele Menschen, die sich in Migrantenorganisationen engagieren, selbst wissen, wie es ist, durch Zuwanderungserfahrung geprägt zu sein oder als zweite Generation in einem Land aufzuwachsen, in dem man sehr lange das Label "mit Migrationshintergrund" trägt. Sie haben also die Expertise, die es braucht, um nachhaltige Ideen und funktionierende Gesamtkonzepte für Integrationsmaßnahmen zu entwickeln.

In unserer qualitativen Interviewstudie hat sich gezeigt, dass Migrantenorganisationen tatsächlich einen besseren Zugang zu Menschen mit Migrationsgeschichte haben. Zum einen spielt der gemeinsame Herkunftskontext eine Rolle: Zuwanderer:innen suchen häufig Organisationen auf, deren Mitglieder aus einer ähnlichen Herkunftsregion kommen wie sie selbst, weil sie davon ausgehen, dass diese sowohl die Lebensverhältnisse in Deutschland als auch im Herkunftsland kennen und daher wissen, wo Vermittlung notwendig ist und wo es Probleme und Herausforderungen geben könnte. Der zweite Punkt ist der der Sprache: Zugewanderte, die noch nicht gut Deutsch sprechen, profitieren in großem Maß von muttersprachlichen Beratungsangeboten. Gleichzeitig ist Sprache ein bedeutender Teil von Identität und Identitätsbildung und auch davon, Identität zu leben. Dafür können Migrantenorganisationen einen entsprechenden Raum schaffen. Und der dritte Punkt ist, dass Migrantenorganisationen offenbar auch dann bei Zugewanderten ein gewisses Vertrauen genießen, wenn sich der Herkunftskontext unterscheidet und die Aktiven nicht die gleiche Sprache sprechen wie die Zuwanderer:innen. Dies resultiert vermutlich aus der geteilten Migrationserfahrung.

Inwieweit können Migrantenorganisationen zu einem besseren Zusammenleben in der Gesellschaft beitragen?

Mualem Sultan: Die Förderung von gesellschaftlichem Zusammenhalt ist generell ein Ziel, das in besonderem Maße mit zivilgesellschaftlichem Engagement verbunden wird. Migrantenorganisationen können hierzu genauso einen Beitrag leisten wie andere Vereine ohne genuinen Migrationsbezug. Zugleich ist es wichtig, dass das Engagement von Migrantenorganisationen nicht primär daran gemessen werden sollte, ob sie integrationspolitisch bzw. gesamtgesellschaftlich relevante Ziele verfolgen – denn das ist auch nicht der Maßstab, der an andere Vereine primär angelegt wird.
Im Vergleich zu anderen Vereinen bringen Migrantenorganisationen aber in den Bereichen, in denen sie arbeiten, sicherlich oftmals einen diversitätssensiblen Aspekt in die Diskussion mit ein, z. B. mit Blick auf Fragen der Anerkennung und Teilhabe. Damit haben sie das Potenzial, in ihrer Umgebung Lernprozesse anzustoßen, die für das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft sehr relevant sind. Darüber hinaus erfüllt die Arbeit von Dachverbänden der Migrantenorganisationen auch häufig ganz direkt die Funktion, im politischen Raum und in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit auf Handlungsbedarfe zur Verbesserung der Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund zu lenken und entsprechende Vorschläge zu formulieren.

Inwieweit hat sich die umfangreiche Fluchtzuwanderung 2015 auf die Landschaft der Migrantenorganisationen, ihre Entwicklung, Ziele und Aktivitätsfelder ausgewirkt?

Friedrichs: Das Engagement von Migrantenorganisationen im Bereich der Geflüchtetenhilfe ist kein neues Phänomen. Migrantenorganisationen machen das schon sehr lange. Aber dennoch hat das Engagement für Geflüchtete seit 2015 deutlich zugenommen und es haben sich auch neue Organisationen gegründet. Wir haben in unserer Studie z. B. festgestellt, dass 38 Prozent der Migrantenorganisationen erst nach 2015 aktiv begonnen haben, sich in diesem Feld zu betätigen. Das sind einerseits Organisationen, die von vornherein einen Bedarf gesehen und sich danach gerichtet haben. Andererseits gibt es auch solche, deren Zielgruppe ursprünglich gar nicht Geflüchtete waren, die dann aber verstärkt von Geflüchteten aufgesucht wurden und daraufhin ihre Angebote umgestellt haben – z. B. von Beratungsleistungen für bereits länger in Deutschland lebende Zugewanderte auf Beratungsleistungen für Neuzugewanderte. Darüber hinaus wurden nach 2015 viele Organisationen von Geflüchteten und schon länger Zugewanderten aus ähnlichen Herkunftsregionen gegründet. Generell stellen wir fest, dass sich das Engagement von Migrantenorganisationen aktuellen Bedarfslagen anpasst. Das konnten wir auch zu Beginn der Corona-Pandemie beobachten, als Migrantenorganisationen z. B. bei der Übersetzung von Informationsmaterialien unterstützt haben.

Durch welche Maßnahmen versucht die Politik in jüngerer Zeit, Migrantenorganisationen zu fördern?

Mualem Sultan: In Deutschland gibt es keine einheitliche Förderstrategie speziell für Migrantenorganisationen. Aber die Frage, wie ihre Arbeit besser gefördert werden kann, hat Bund und Länder in den letzten Jahren in der Tat vermehrt beschäftigt. Im Rahmen unseres Forschungsprojekts haben wir uns die öffentlichen Förderstrategien auf Bundes- und Landesebene angeschaut, wobei wir uns auf Landesebene auf die für Integration zuständigen Ressorts konzentriert haben.
Hier gelten für Migrantenorganisationen zunächst grundsätzlich die gleichen Förderbedingungen wie für andere Vereine auch. Sie können z. B. im Rahmen der Integrationsprogramme der Bundesländer Förderungen beantragen. Projektziel und Qualität des Antrags sind dann in erster Linie entscheidend für die Bewilligung. Zwar wünschen sich manche Länder besonders auch Migrantenorganisationen als Projektträgerinnen. Spezielle Förderrichtlinien für Migrantenorganisationen beurteilen die meisten Bundesländer aber als unvereinbar mit dem Grundsatz der Gleichbehandlung aller Bürger:innen. Deshalb sind gesonderte Programmteile, die z. B. spezifisch die Strukturförderung oder Professionalisierung von Migrantenorganisationen zum Ziel haben, eine Ausnahme.
Nichtsdestotrotz gelten Strukturförderung und Professionalisierung von Migrantenorganisationen auf Länderebene als wichtige Ziele. Ihre Förderung erfolgt allerdings in der Regel im Rahmen von zeitlich befristeten Einzelprojekten. Dauerhafte und längerfristige Grundförderungen sind nur in wenigen Ländern und dann auch nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen möglich.
Auf Bundesebene gibt es seit 2013 z. B. das Programm des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), über das bundesweit tätige Migrantenorganisationen Unterstützung beim Aufbau professioneller Strukturen erhalten können. 2020 startete zudem das BAMF-Modellprojekt "VAMOS – Verbandsakademie für Migrantenorganisationen", über das sowohl in einzelnen Bundesländern als auch bundesweit tätige Migrantenorganisationen bei der Professionalisierung, Qualifizierung und Vernetzung Hilfe erhalten. Die kommunale Ebene war zwar nicht Teil unserer Studie, aber in unserer quantitativen Befragung haben wir festgestellt, dass es sich bei der Beziehung zwischen Migrantenorganisationen und ihren jeweiligen Stadtverwaltungen häufig auch um eine Beziehung zwischen Zuwendungsempfänger und Fördermittelgeber handelt.

Friedrichs: Außerdem ist auch das 2015 initiierte Projekt der "Houses of Resources" für die Arbeit auf der kommunalen Ebene wichtig. Die "Houses of Resources" gibt es aktuell an 20 Standorten. Das Angebot richtet sich vorwiegend – aber nicht ausschließlich – an Migrantenorganisationen und bietet ihnen vor Ort niedrigschwellige finanzielle und ideelle Unterstützung an. Häufig sind dabei Migrantenorganisationen auch Trägerinnen der "Houses of Resources". Sie profitieren also von den Förderprogrammen in zweifacher Hinsicht: als Trägerinnen sowie als Nutzerinnen der Angebote.

Woran genau machen Sie eine zunehmende Professionalisierung fest und welche Auswirkungen hat das auf die Arbeit der Migrantenorganisationen bzw. die Landschaft dieser Organisationen?

Friedrichs: Erst einmal stellt sich die Frage, was eigentlich Professionalisierung ist und an welchem Kriterium man sie festmacht. In unserer Studie haben wir uns auf einen wichtigen, aber sicherlich nicht den einzig wichtigen Aspekt konzentriert, nämlich die Frage, inwieweit ehrenamtlich Engagierte durch hauptamtliches Personal unterstützt werden. Wir haben dann festgestellt, dass 41 Prozent der befragten Migrantenorganisationen überhaupt keine bezahlten Beschäftigten haben. 37 Prozent beschäftigen festangestellte Mitarbeitende in Voll- oder Teilzeit. 16 Prozent arbeiten nur mit Honorarkräften. Nichtsdestotrotz werden heute die Ehrenamtlichen deutlich stärker von hauptamtlichen Mitarbeitenden unterstützt als das in früheren Untersuchungen der Fall war. Wenn Migrantenorganisationen bezahlte Mitarbeitende haben, beschäftigen sie durchschnittlich 5,7 Mitarbeitende. Es kommt hier aber auch auf den Bereich an, in dem die Organisationen tätig sind: jene, die sich politisch oder im Bereich der Antidiskriminierungs- und Interner Link: Antirassismusarbeit, aber auch für Geflüchtete engagieren, haben im Vergleich zu anderen besonders viele bezahlte Mitarbeitende. In anderen Bereichen wie z. B. der Kulturpflege oder Religion finden sich unterdurchschnittlich viele bezahlte Mitarbeitende.

Ein zweiter Aspekt, an dem wir eine zunehmende Professionalisierung festgemacht haben, ist die Tatsache, dass sich sehr viele Migrantenorganisationen um Fördermittel bemühen und Förderanträge stellen. Etwa 80 Prozent der von uns befragten Organisationen haben das in den letzten fünf Jahren getan und sind dabei durchaus erfolgreich: Unsere Studie zeigt, dass die Anträge von etwa zwei Drittel der Migrantenorganisationen, die sich um Fördermittel beworben haben, positiv beschieden wurden – allerdings lässt sich auf Basis der Befragungsdaten nichts über die Höhe der Fördergelder sagen. Um angesichts der dafür zu erfüllenden Voraussetzungen erfolgreich einen Fördermittelantrag zu stellen, benötigt man zum einen Kenntnisse, zum anderen eine strukturierte Vorgehensweise und geordnete Prozessabläufe. Migrantenorganisationen werden tendenziell häufiger gefördert als andere zivilgesellschaftliche Organisationen. Das liegt auch an der Finanzierungsstruktur: So können andere Organisationen häufig auf Mitgliedsbeiträge als Haupteinnahmequelle zurückgreifen. Das ist bei Migrantenorganisationen nicht der Fall. Sie nehmen zwar in der Regel auch Mitgliedsbeiträge ein. Diese sind aber meist eher niedrig und damit vor allem symbolischer Natur. Eine Finanzierung ist darüber häufig nicht möglich, so dass Fördermittel bei Migrantenorganisationen eine größere Rolle spielen als bei zivilgesellschaftlichen Organisationen allgemein.

Sie haben beobachtet, dass sich seit 2015 jenseits formeller Vereinsstrukturen viele migrantische Online-Communities gegründet haben. Welche Vorteile, aber auch Herausforderungen sehen Sie hierin?

Mualem Sultan: Wir haben migrantische Online-Communities in unserem Forschungsprojekt nicht in der Breite untersucht und können daher keine generellen Aussagen treffen. Aber wir konnten im Rahmen qualitativer Leitfadeninterviews mit Vertreter:innen von einzelnen Online-Communities einige Eindrücke gewinnen.
Zunächst nochmal kurz zum Begriff: Unter migrantischen Online-Communities verstehen wir in unserer Studie informelle und rein digitale Gruppen – z. B. von Geflüchteten oder selbst Zugewanderten – die miteinander über Online-Plattformen Informationen zu migrationsspezifischen Themen teilen. Das heißt, solche Online-Communities bilden für ihre Mitglieder häufig ein Informationsarchiv, aber auch eine Plattform für Diskussionen und Vernetzung. Deshalb verbinden sich mit ihnen mitunter auch Funktionen wie Selbsthilfe, gegenseitige Unterstützung und Beratung – ähnlich wie bei Migrantenorganisationen der analogen Welt. Das macht die migrantischen Online-Communities zu einem spannenden Phänomen.

Unsere Interviewpartner:innen sahen gegenüber den Beratungs- und Vernetzungsangeboten in der analogen Welt im Wesentlichen drei Vorteile: Die Angebote und Inhalte von Online-Communities sind erstens dezentral und zweitens zeitlich völlig flexibel nutzbar, was ihre Inanspruchnahme sehr niedrigschwellig macht; man benötigt im Prinzip nur ein internetfähiges Endgerät. Drittens erreichen Online-Communities mit vergleichsweise geringem Aufwand potenziell wesentlich mehr Menschen, als dies im Offline-Kontext möglich ist. Die Online-Gruppen, mit denen wir uns befasst haben, hatten häufig mehrere 10.000 oder sogar auch 100.000 "Mitglieder". Migrantische Online-Communities sind daher auch relevant im Sinne von bislang insgesamt zu wenig beachteten Multiplikator:innen.

Friedrichs: Mit Blick auf die Herausforderungen geht es vor allem um die Frage von vorhandenen Ressourcen. Migrantische Online-Communities können unglaublich effektiv sein, weil sie eine große Reichweite haben und sich jede:r für eine Erstberatung und Informationsweitergabe sofort an sie wenden kann. Es stellt sich dann aber heraus, dass eine intensivere Beratung teilweise einfach den Offline-Kontext erfordert. Beratung ist häufig sehr zeitintensiv und ab einem bestimmten Punkt benötigt man bestimmte Qualifikationen und Fachkenntnisse, um kompetent beraten zu können. Das sind alles Dinge, die migrantische Online-Communities ein Stück weit an ihre Grenzen bringen. Sie sind zudem meist vollständig ehrenamtlich organisiert und in der Regel nicht formalisiert, sondern ein informeller Zusammenschluss von Menschen z. B. in einer Facebook-Gruppe. Dadurch haben sie keinen Zugang zu öffentlichen Fördergeldern. Selbst wenn sie ihre Online-Beratung professionalisieren wollten, müssten sie sich in irgendeiner Form formalisieren, damit sie förderfähig sind.

Inwieweit können migrantische Online-Communities und die in Vereinen organisierten Migrantenorganisationen gegenseitig voneinander profitieren?

Mualem Sultan: Einerseits haben viele Vereine, die schon lange analog aktiv sind, Interesse daran, ihre Angebote auch digital zugänglich zu machen. Andererseits überlegen einige migrantische Online-Communities aus verschiedenen Gründen, ob es nicht langfristig sinnvoll wäre, eine klassische Vereinsgründung anzustreben. In beiden Welten präsent zu sein, bindet allerdings Ressourcen und kann gerade kleine Gruppen überfordern. Ein Gewinn für beide Seiten liegt daher sicherlich auch in einer engeren Vernetzung und Kooperation, z. B. von Migrantenorganisationen und migrantischen Online-Communities, die zu ähnlichen Themen arbeiten.
Online-Communities können dann z. B. Anfragen zur analogen Beratung gezielt an entsprechende Migrantenorganisationen weiterleiten oder sich dort selbst Expertise zu verschiedenen Fragen einholen. Umgekehrt können migrantische Online-Communities Migrantenorganisationen dabei helfen, den digitalen Raum stärker für sich zu nutzen und Angebote breiter zu streuen und zu bewerben. Wissenschaftlich spannend ist in diesem Zusammenhang, inwiefern die Herausforderungen der Corona-Pandemie in diesem Bereich nachhaltig als Katalysator einer stärkeren Vernetzung gewirkt haben.

Wichtig ist auch: Um von Politik und Verwaltung wahrgenommen zu werden, braucht es einen gewissen Grad an Formalisierung (z. B. als eingetragener Verein), die reinen Online-Communities in der Regel fehlt. Da es in vielen Migrantenorganisationen bereits eine tragfähige Kooperation mit Politik und Verwaltung gibt, können sie Online-Communities, die daran Interesse haben, evtl. auch dabei unterstützen, sich als Dialogpartnerinnen von Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft zu etablieren.

Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, damit das Potenzial von Migrantenorganisationen zukünftig noch besser genutzt werden kann?

Friedrichs: Ein relevanter Aspekt ist die Frage der langfristigen Planbarkeit von Finanzierungen – das gilt nicht nur für Migrantenorganisationen, sondern im Prinzip für alle zivilgesellschaftlichen Organisationen. Da Migrantenorganisationen stärker auf Fördermittel angewiesen sind als andere zivilgesellschaftliche Organisationen, sind sie besonders davon betroffen, dass die Fördertöpfe meistens nur Mittel für kurzfristige Projekte zur Verfügung stellen. Kurze Förderperioden erschweren es, dauerhafte Strukturen aufzubauen und das ist einer weiteren Professionalisierung der Arbeit nicht zuträglich. Hier geht es nicht unbedingt um den Ausbau des eigenen Personals, sondern vielmehr um den Erhalt aufgebauter Strukturen. Viele Migrantenorganisationen wünschen sich daher eine institutionelle Förderung. Das ist aus ihrer Perspektive natürlich nachvollziehbar. Auf jeden Fall müssen nachhaltigere Finanzierungskonzepte entwickelt werden. Im Rahmen der Strukturförderung der großen Verbände auf Bundesebene wird versucht, Förderkonzepte so zu gestalten, dass der Strukturaufbau zunächst ermöglicht wird und die aufgebauten Strukturen anschließend in eine andere Finanzierung übergehen.

Neben mehr Langfristigkeit wäre es wichtig, dass sich Migrantenorganisationen auch stärker mit nicht-migrantischen Dachverbänden vernetzen. Die meisten Migrantenorganisationen organisieren sich in migrantischen Dachverbänden. Das sollten sie auch. Gleichzeitig sind sie aber zu wenig in anderen fachspezifischen Verbänden und Gremien vertreten. Wir haben hier ja schon mehrfach darauf hingewiesen, dass es aus unserer Sicht falsch wäre, die Arbeit von Migrantenorganisationen primär daran zu messen, inwieweit sie Integration fördern. Natürlich haben sie in diesem Bereich oft Expertenwissen. Das haben sie aber mitunter auch in Bezug auf Bildungsfragen, die Jugendarbeit, die Gleichstellung von Frauen etc. Dieses Potenzial wird noch nicht hinreichend genutzt. Hier sollten sich Migrantenorganisationen viel stärker in Verbandsstrukturen einbringen, die nicht primär migrantisch geprägt sind, sondern thematische Schwerpunkte behandeln. Umgekehrt sollten solche Dachorganisationen verstärkt um Migrantenorganisationen als Mitglieder werben und ihnen einen niedrigschwelligen Zugang ermöglichen. Denn die Gesellschaft wird immer vielfältiger und damit gibt es in vielen Lebensbereichen einen großen Bedarf an diversitätssensiblen Angeboten. Hier könnten Migrantenorganisationen einen wichtigen Beitrag leisten.

Der dritte Punkt ist die Förderung von Migrantenorganisationen, die in Bereichen wie der Jugendarbeit aktiv sind, bislang aber seltener gefördert werden als etwa Migrantenorganisationen, die sich in der Antidiskriminierungsarbeit engagieren. Woran das liegt, ist nicht ganz klar. Aber es deutet darauf hin, dass Migrantenorganisationen bei Projekten, in denen es nicht unmittelbar um Integration geht, noch nicht so erfolgreich mit nicht-migrantischen Träger:innen um Fördermittel konkurrieren können. Hier wäre eine Überprüfung von Förderprogrammen sicherlich sinnvoll.

Das Interview führte Vera Hanewinkel.

Hintergrundkasten: Was weiß die Forschung über Migrantenorganisationen und welche Forschungslücken bleiben?

Die Landschaft der Migrantenorganisationen in Deutschland ist sehr vielfältig und deckt nahezu das gesamte Spektrum zivilgesellschaftlichen Engagements ab. Besondere Schwerpunkte liegen jedoch im sozialen Bereich, in der Bildungsarbeit, der Beratung und auch in der Unterstützung von Geflüchteten. Dabei sind Migrantenorganisationen häufig in mehreren Engagementbereichen gleichzeitig tätig. Die Landschaft der Migrantenorganisationen wandelt sich bis heute dynamisch. Neben Einflussfaktoren wie dem Wandel der zugewanderten Bevölkerung, zeigt sich, dass Migrantenorganisationen vielfach auf gesellschaftliche Bedarfe und Herausforderungen reagieren.

Gleichzeitig existieren bis heute Wissenslücken zur Vielfalt, Struktur, zu Aktivitätsschwerpunkten sowie Potenzialen und Bedarfen von Migrantenorganisationen in Deutschland. Das hat auch damit zu tun, dass es kein kontinuierliches wissenschaftliches Interesse gab. Wurde der wissenschaftliche Diskurs in den 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre noch durch die Frage geprägt, ob Migrantenorganisationen der Integration zuträglich sind oder ob sie Orte der Segregation und Abschottung darstellen (sog. Esser-Elwert-Kontroverse), untersucht die Forschung heute vergleichbar zu anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen verstärkt die Expertise von Migrantenorganisationen und Potenziale einer Kooperation mit ihnen.

Empirische Studien zu Migrantenorganisationen haben sich häufig regional (z. B. auf kommunaler oder Länderebene) und/oder auf einzelne thematische Schwerpunkte von Migrantenorganisationen (z. B. Religion, Wohlfahrtspflege o. Ä.) bzw. bestimmte Herkunftsgruppen (z. B. Türkeistämmige) fokussiert. Versuche, einen überregionalen Überblick zur Vielfalt der bundesdeutschen Landschaft von Migrantenorganisationen vorzulegen, fehlten bislang. Das Forschungsprojekt "Migrantenorganisationen als Partner von Politik und Zivilgesellschaft" versucht, darauf einzugehen und die Perspektive durch die Erarbeitung einer Überblicksstudie zu weiten. Trotzdem gibt es noch offene Fragen, z. B. bzgl. Besonderheiten der Entstehungsgeschichte, strukturellen Aufstellung, Arbeitsweise und Herausforderungen von Migrantenorganisationen in Ostdeutschland. Darüber hinaus gibt es bislang nur lückenhaftes Wissen bzgl. der Wechselwirkung von Angebotsschwerpunkten einer Migrantenorganisation und ihrer Wahrscheinlichkeit, öffentliche Fördergelder auch jenseits der Integrationsressorts zu erhalten.

Mitunter wird in Wissenschaft und Politik unter der Überschrift Migrantenorganisationen kontrovers über einige (vor allem) muslimische Organisationen diskutiert. Im Mittelpunkt steht dabei z. B. die Befürchtung einer Externer Link: Indienstnahme von Religion für politische oder ideologische Zwecke. So wird zum Beispiel bzgl. der Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) regelmäßig die Frage nach dem Einfluss des türkischen Staats gestellt. Auch wird eine islamistische Indoktrination etwa durch Interner Link: salafistische Moscheevereine befürchtet, oder die Verbreitung extremistischen Gedankenguts in türkischen Organisationen, die den sogenannten Interner Link: Grauen Wölfen zugerechnet werden. In Schieflage geraten entsprechende Diskurse, wenn sie außer Acht lassen, dass es problematische und verfassungsfeindliche Tendenzen auch in der nicht-migrantisch geprägten Zivilgesellschaft gibt, z.B. im Bereich rechtsextremistischer Organisationen oder im Bereich des Linksextremismus.

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