Seit der Fluchtzuwanderung in den Jahren Interner Link: 2015 und Interner Link: 2016 polarisiert die Medienberichterstattung über Migration die deutsche Bevölkerung wie kaum ein anderes Thema. Während ein Teil der Bevölkerung den Medien unterstellt, Migrantinnen und Migranten einseitig positiv darzustellen, um Unterstützung für Zuwanderung zu generieren, unterstellt der andere Teil, die Berichterstattung bediene rechtspopulistische Stereotype und sei migrationsfeindlich. Diese unterschiedlichen Reaktionen lassen sich mit einem Verhaltensmuster erklären, wonach Menschen Medieninhalte nicht immer vorurteilsfrei betrachten können. Sie erwarten vielmehr bewusst oder unbewusst, dass diese ihre eigene Position zum Thema widerspiegeln und nehmen sie als falsch und einseitig wahr, wenn dies nicht der Fall ist. Umso wichtiger ist es, die Medienberichterstattung über Migration und ihre Folgen für die Urteilsbildung der Bevölkerung wissenschaftlich-objektiv zu untersuchen. Dies geschieht in der Regel mit der Methode der Inhaltsanalyse: Hier wird versucht, mithilfe eines vorab entwickelten Messinstruments nach objektiven Kriterien, unterschiedliche Merkmale der Berichterstattung zu erfassen. Mithilfe solcher Analysen lässt sich z.B. untersuchen, wie häufig Medien über Migration berichten, welche Akteurinnen und Akteure dabei vor allem zu Wort kommen und wie sich die Medienbeiträge inhaltlich zum Thema positionieren. Zudem können sie die Grundlage für Studien sein, die untersuchen, in welcher Weise die Migrationsberichterstattung Einstellungen in der Bevölkerung beeinflusst. Um all diese Fragen soll es hier gehen.
Migration als Medienthema
Über die letzten 20 Jahre betrachtet, macht die Berichterstattung über Migration im Schnitt zwischen fünf und zehn Prozent der Gesamtberichterstattung in den Nachrichtenmedien aus. Dabei ist sie sehr stark ereigniszentriert, d.h. Medien berichten nicht kontinuierlich über Migration, sondern nur dann, wenn besonders relevante Ereignisse geschehen, die aus Sicht von Journalistinnen und Journalisten eine Berichterstattung rechtfertigen. Die Kriterien, die ein Ereignis für die Medien berichtenswert machen, nennt man Nachrichtenfaktoren. Zu den wichtigsten gehören Ereignismerkmale wie Konflikt und Schaden, die Beteiligung von (prominenten) Personen, Emotionalität und Kontroverse. Ihren Höhepunkt erreichte die Migrationsberichterstattung in Deutschland deshalb während der sogenannten Flüchtlingskrise im Spätsommer 2015, als fast ein Drittel aller Medienbeiträge einen Bezug zu Migration aufwiesen. Dieser Anstieg der Medienberichterstattung ließ sich einerseits damit erklären, dass das Thema durch einen bis dahin beispiellosen Anstieg der Zuwanderung nach Deutschland objektiv tatsächlich relevanter geworden war. Andererseits lieferte die Flucht über das Meer und später auf der sogenannten Balkanroute aber auch dramatische Geschichten und Bilder, die die oben genannten Nachrichtenfaktoren erfüllten.
Sieht man einmal von der Ausnahmesituation der „Flüchtlingskrise“ ab, beschäftigt sich die Migrationsberichterstattung in den letzten Jahren vor allem mit zwei Arten von Ereignissen: Am häufigsten berichten die Medien über migrationspolitische Debatten, z.B. im Zusammenhang mit der Asylgesetzgebung. Der zweithäufigste Anlass für eine Berichterstattung über Migration sind terroristische Anschläge und Verbrechen, Interner Link: an denen Zuwanderinnen und Zuwanderer beteiligt sind. Migrantinnen und Migranten treten in den Medien folglich häufig im Zusammenhang mit Kriminalität auf. Einige Studien deuten zudem darauf hin, dass in der Medienberichterstattung über Kriminalität die Herkunft der Tatverdächtigen vor allem dann genannt wird, wenn die Betreffenden keine deutsche Staatsbürgerschaft haben.
Migrantinnen und Migranten in der Medienberichterstattung
Wie die gesamte Medienberichterstattung dreht sich auch die Berichterstattung über Migration vor allem um Politikerinnen und Politiker, die deutlich häufiger vorkommen und auch zu Wort kommen als andere Gruppen. Der Anteil von Migrantinnen und Migranten an allen in der Migrationsberichterstattung vorkommenden Personen beträgt zwischen 10 und 25 Prozent. Noch deutlich seltener kommen Migrantinnen und Migranten in der Berichterstattung selbst zu Wort. Migrantinnen sind dabei im Vergleich zu Migranten noch einmal deutlich unterrepräsentiert. Während der „Flüchtlingskrise“ 2015/16 haben tatsächlich deutlich mehr Männer als Frauen in Deutschland Asyl beantragt, sodass die Medienberichterstattung die realen Geschlechterverhältnisse hier weitgehend adäquat widergespiegelt hat. Allerdings dominieren männliche Migranten auch die allgemeine, fluchtunabhängige Berichterstattung über Migration deutlich, obwohl die realen Geschlechterverhältnisse hier wesentlich ausgeglichener sind. Insgesamt konzentriert sich ein Großteil der Berichterstattung über Migration auf Menschen aus den derzeit dominierenden Flucht-Herkunftsländern Interner Link: Syrien, Interner Link: Afghanistan, Türkei und jüngst auch Interner Link: Ukraine. Relativ selten wird dagegen über Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus westlichen Ländern berichtet.
Wertende Darstellungen von Migrantinnen und Migranten
Eine große Zahl von Studien zeigt, dass Migrantinnen und Migranten in den deutschen Medien seit den 1970er Jahren überwiegend negativ charakterisiert werden. Das hat zum einen damit zu tun, dass über sie häufig im Kontext negativer Anlässe wie z.B. Interner Link: Kriminalität berichtet wird, die sie dann fast ausschließlich als Sicherheitsrisiko für die deutsche Bevölkerung erscheinen lassen. Zum anderen werden aber auch in den meisten Medienbeiträgen zu anderen migrationsbezogenen Themen die Gefahren der Zuwanderung deutlich stärker betont als ihre Chancen, etwa wenn es um die Kosten der Zuwanderung oder die generelle Integrationsfähigkeit des Landes geht. Für die Darstellung von Migrantinnen und Migranten spielt aber auch ihre Herkunft eine Rolle: Im Vergleich zu Migrantinnen und Migranten aus westlichen Ländern werden Menschen aus muslimisch geprägten Ländern besonders negativ dargestellt.
Eine Ausnahme von dieser Regel war die außerordentlich hohe Fluchtzuwanderung ab dem Sommer 2015. Für wenige Monate Interner Link: wurden Geflüchtete hier überwiegend positiv charakterisiert, indem z.B. die Notwendigkeit ihrer Flucht betont und ihre Schutzbedürftigkeit in den Vordergrund gestellt wurde. Noch positiver berichteten die deutschen Medien dann 2022 über die ukrainischen Geflüchteten, die in den ersten Monaten nach der russischen Invasion nach Deutschland kamen. Vor allem Kriminalität spielte in der Berichterstattung hier praktisch keine Rolle.
Wirkungen der Migrationsberichterstattung auf die Bevölkerung
Eine wichtige Frage ist schließlich, welche Folgen diese Art der Berichterstattung für die Urteilsbildung der Bevölkerung hat. In einer Studie zur Medienberichterstattung und Bevölkerungsmeinung über Migration zwischen 2015 und 2020 zeigte sich, dass Menschen das Thema Migration für umso relevanter hielten, je häufiger die Medien über dieses Thema berichteten. Dieses sogenannte Agenda-Setting bedeutet, dass Medien das Thema Migration auf die Bevölkerungsagenda setzen und damit auch Handlungsdruck auf die Politik erzeugen können, sich mit diesem Thema zu beschäftigen.
Häufige und negative Medienberichterstattung über Migration kann zudem negative Urteile über Migrantinnen und Migranten verstärken und einer von vielen Faktoren sein, die zu einem Anstieg der Wahlabsicht für migrationskritische Parteien beitragen. Medieneffekte dieser Art treten allerdings nicht bei allen Menschen gleichermaßen auf, sondern hängen von deren Voreinstellungen ab: Die Urteile von Migrations-Befürwortern und Migrations-Gegnern werden durch die Berichterstattung jeweils verstärkt.
Fazit
In der Medienberichterstattung über Migration existieren häufig zwei konträre Narrative über Migrantinnen und Migranten: Auf der einen Seite werden sie im Regelfall als Sicherheits- und Kostenrisiko für die deutsche Bevölkerung beschrieben. Auf der anderen Seite werden sie im Krisenfall als Menschen charakterisiert, die in Not sind und aus humanitären Gründen unbedingt aufgenommen werden müssen. Diese beiden entgegengesetzten Narrative treten in der Berichterstattung zum Teil auch gleichzeitig auf, ohne dass der damit verbundene Widerspruch aufgelöst wird. Die Berichterstattung liefert deshalb aus unterschiedlichen Perspektiven immer wieder Anlass für Kritik.
Zur Versachlichung der Debatte ist es hilfreich darauf hinzuweisen, dass viele der hier identifizierten Berichterstattungsmuster nicht nur für die Berichterstattung über Migration typisch sind. Nachrichtenmedien berichten generell stark ereignisorientiert und betrachten die dargestellten Menschen folglich im Lichte der jeweiligen Ereignisse. Im Alltag von Migrantinnen und Migranten geschehen jedoch nur selten Ereignisse, die spektakulär oder ungewöhnlich genug sind, um von den Medien aufgegriffen zu werden. Vielmehr liefern sie den Medien vor allem dann berichtenswerte Ereignisse, wenn sie sich in Not befinden oder als Tatverdächtige bei schweren Verbrechen in Erscheinung treten. Gut in die Gesellschaft integrierte Migrantinnen und Migranten sind aus journalistischer Sicht keine besonders erwähnenswerte Nachricht und bleiben deshalb medial weitgehend unsichtbar. Die ereignisorientierte Art der Berichterstattung deutet aber letztlich nicht unbedingt auf eine migrationskritische Haltung im Journalismus hin, denn sie betrifft in gleicher Weise auch alle anderen Berichterstattungsthemen und Bevölkerungsgruppen, über die ebenfalls überwiegend negativ berichtet wird. Diese Darstellung bleibt dennoch problematisch, weil sie zumindest bei einem Teil der Bevölkerung negative Urteile über Migrantinnen und Migranten verursachen oder verstärken kann, auch wenn dies von den Medien nicht intendiert ist.