Gehen-Müssen oder Bleiben-Können
Zwei Beispiele klimawandelbedingter Umsiedlungen in den USA und in den Niederlanden
Aurora A. Sauter
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Überall auf der Welt zwingen Klimawandelfolgen Menschen, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie sie an ihren Wohnorten bleiben können oder ob sie gehen müssen.
Was passiert, wenn die Folgen des Interner Link: Klimawandels Menschen mitten in Europa zur Flucht zwingen? Mit diesem Gedanken experimentiert die Serie Families Like Ours. Darin ordnet die dänische Regierung gegenüber der Bevölkerung an, das Land zu verlassen, denn Dänemark wird aufgrund des klimawandelbedingten Meeresspiegelanstiegs im Meer versinken. Der Regisseur der Serie, Thomas Vinterberg, stellt dabei eine dänische Familie ins Zentrum des Geschehens, die – soziologisch gesprochen – über Kapital verfügt: finanziell, beruflich, kulturell und sozial. Sie muss sich damit auseinandersetzen, all dieses durch die Flucht zu verlieren. Diese Familie wird zum Anschauungsbeispiel einer imaginierten Klimaflucht aus einem europäischen Land. Vinterberg greift dafür einerseits auf gewaltvolle Realitäten aktueller Geflüchteter zurück. Anderseits zeigt sein Titel – zu Deutsch Familien wie die unsere – sein Kernanliegen auf: Er will uns als Mitglieder wohlhabender Gesellschaften dazu bringen, uns mit Szenarien von Klimaflucht, -migration oder -exil auseinanderzusetzen, in denen wir Betroffene werden: Wir, die über einen Pass verfügen, der uns Grenzen leicht überschreiten lässt; wir, die in Ländern mit technischen und finanziellen Möglichkeiten leben, die es erlauben, Zerstörtes wieder aufzubauen oder gar durch Vorsorgemechanismen Zerstörungen abwenden zu können; wir, die von Klimaflucht vor allem in der Zeitung lesen und im Radio hören.
Schieflagen in den Debatten um Migration und Klimawandel
Das Bemerkenswerte dieser Serie ist, wie sie Debatten über den Einfluss des Klimawandels auf Migration und Flucht aufgreift und dabei mit vorherrschenden Perspektiven unerwartet bricht: Wenn in Medienberichten der Klimawandel als potentielle Ursache von Flucht und Migration behandelt wird, stehen meist große Zahlen prognostizierter Massenbewegungen in und aus ärmeren Ländern insbesondere Afrikas, Zentral- und Südostasiens oder Mittel- und Südamerikas im Fokus. So spricht beispielsweise der medial häufig zitierte Groundswell Report 2021 davon, dass bis 2050 etwa 216 Millionen Menschen klimawandelbedingt innerhalb ihrer Länder zur Migration gezwungen werden könnten. Reiche Industriestaaten kommen in der Medienberichterstattung zwar als mögliche Ziele von ‚Klimaflucht‘, selten aber als Herkunftsregionen solcher Bewegungen vor. Das spiegelt sich ebenso in wissenschaftlichen Berichten über ‚Klimaflucht‘ und entsprechenden politischen Debatten wider: Im Jahr 2023 etwa veröffentlichte der deutschen Sachverständigenrat für Integration und Migration seinen Jahresbericht Klimawandel und Migration: Was wir über den Zusammenhang wissen und welche Handlungsoptionen es gibt. Länder des sogenannten Globalen Nordens wie etwa Deutschland werden hier als potentielle Einwanderungsländer bzw. Fluchtziele adressiert. Diese seien aus humanitären Gründen und aufgrund des Verursacherprinzips – da insbesondere reiche Industriestaaten das Gros der Treibhausgase produziert und damit stärker zum Klimawandel beigetragen hätten– gefordert, sich mit der Einrichtung von rechtlichen Möglichkeiten zur Aufnahme von ‚Klimaflüchtlingen‘ zu beschäftigen. Vorgeschlagen wird etwa ein „Klima-Visum“, das betroffenen Personen die Einreise ermöglichen soll. Der Gedanke dahinter ist, dass z.B. politisch verfolgte Menschen Schutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention erhalten können, für die Aufnahme von vom Klimawandel zur Flucht gezwungene Menschen hingegen gibt es Interner Link: keine international geltenden rechtlichen Grundlagen.
Was meinen die Begriffe Globaler Süden / Globaler Norden?
Die Begriffe Globaler Süden und Globaler Norden bezeichnen keine geografischen Regionen im wörtlichen Sinne, sondern sind soziale Konstruktionen, die verwendet werden, um das geopolitische und wirtschaftliche Gefälle zwischen Staaten sowie internationale Machtasymmetrien zu beschreiben. Es geht um die Möglichkeit gewachsene, in Teilen kolonialistisch verursachte oder neue Formen von Ungleichheiten zu markieren.
Zugleich sind die Begriffe hoch umstritten, u.a. werden folgende Kritikpunkte genannt: die Gefahr, damit Stereotype zu reproduzieren, eine Einheit zu behaupten bzw. ungleiche Machtverhältnisse/Entwicklungsstadien innerhalb des Globalen Südens zu kaschieren, oder Agency bestimmter Länder, also eigene Handlungsmacht (etwa mit Blick auf China), zu verneinen; weitere Kritikpunkte richten sich an die geographische Ungenauigkeit des Begriffspaares (Australien etwa wird dem Globalen Norden zugerechnet, während die reichen Vereinigten Arabischen Emirate zum Globalen Süden gezählt werden), oder dass es ein dezidiert politischer Begriff sei. Allerdings bereiten alternative Begriffe wie Industriestaaten, Entwicklungs- und Schwellenländer, Staaten mit niedrigen/hohem Einkommen, bei denen eine starke eurozentristische Perspektive mitschwingt, ähnliche Schwierigkeiten. Sie sind ebenso wie die Begriffe Globaler Süden und Globaler Norden nicht neutral, wertfrei und unumstritten.
In diesem Beitrag werden die Begriffe Globaler Süden und Globaler Norden aufgegriffen, weil der wissenschaftliche Diskurs von Klimawandel und Migration von dieser Unterscheidung durchzogen ist und die Begriffe in diesem Kontext auch als kritische politische Vokabeln genutzt werden. Des Weiteren können durch die Unterscheidungen von Globaler Norden und Süden materielle und diskursive Unterschiede besser verstanden werden. Mit diesen Begriffen können und sollen keine klaren Grenzen gezogen werden. Es geht vielmehr darum, Verhältnisse und sozial gemachte Ungleichheiten besser zu verstehen.
Erstellt von: Aurora A. Sauter / Redaktion bpb
Komplexe Zusammenhänge
Während manche Schlagzeilen von Massenfluchtbewegungen sprechen und diese unmittelbar auf den Klimawandel zurückführen, zeigen Forschungsergebnisse: Die Frage nach Mobilität, Migration oder gar Interner Link: Flucht aufgrund der Folgen des Klimawandels ist weitaus komplexer, als es die kausale Aussage ‚Klimawandel als Fluchtursache‘ suggeriert. Zudem wird in der Forschung darauf hingewiesen, dass der Diskurs rund um klimabedingte Migration soziale und globale Ungleichheiten und Machtverhältnissen reproduziert und in Teilen intensiviert.
Klimaflucht gilt oft als Ultima Ratio. Die Erzählung geht dann so: Umweltveränderungen führen dazu, dass bestimmte Regionen unbewohnbar und die dort lebenden Menschen aufgrund mangelnder Alternativen fliehen müssen. Diese zunächst einleuchtende Kausalität aus Ursache (Klimawandel) und Wirkung (Klimaflucht) ist allerdings wesentlich komplexer. Zunächst stellt sich die Frage der Bestimmbarkeit: Wer bestimmt, wann ein Ort bewohnbar oder unbewohnbar ist? Wie klar lassen sich aus Annahmen über die vermeintliche Unbewohnbarkeit bestimmter Regionen Prognosen ableiten, wie Menschen mit den dortigen Lebensbedingungen umgehen? Klimamodellierungen bieten teilweise solche Antworten an, jedoch werden diese von Migrationsforschenden stark kritisiert: Demnach könnten Klimamodelle die Komplexität des sozialen Lebens von Menschen nicht adäquat abdecken. Des Weiteren könne nicht angemessen erfasst werden, dass der Klimawandel bereits bestehende Probleme wie Arbeitslosigkeit, Armut, Abhängigkeiten oder Ungleichheiten verstärkt. Migrationsentscheidungen basieren meist nicht auf einem einzigen Grund, sondern in der Regel auf einer Vielzahl von Gründen. Menschen reagieren jedoch auf ähnliche Bedingungen ganz unterschiedlich; ihre Handlungsmöglichkeiten sind dabei auch davon abhängig, welche Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen. In den Blick gerückt sind daher verstärkt etwa sogenannte trapped populations – Menschen, die unfreiwillig und aus Mangel an Ressourcen immobil sind, also eben nicht flüchten können.
Um diese komplexe Beziehung von Klimawandel und Migration zu erfassen, spricht die Fachwissenschaft von Climate Im/Mobilities, anstatt von Klimamigration oder Klimaflucht. Der Begriff soll die Bandbreite der Mobilitätsphänomene erfassen – von Migration ins Ausland, über gewählte oder unfreiwillige Immobilität bis hin zu kleinräumigen Formen der Mobilität, also etwa der Verlagerung des Wohnhauses ein paar Meter weiter weg von der Abbruchkante des Flusses oder einen Meter in die Höhe. Die neue Terminologie soll der Engführung des Diskurses über veränderte Umweltbedingungen auf Klimamigration als maßgebliche Anpassungsstrategie entgegenwirken. Denn diese lenke durch den Fokus auf Migration den Blick weg von den Ursachen des Klimawandels. Würden weniger Treibhausgase ausgestoßen werden (Mitigation), würde sich auch für viele Menschen die Gefahr des „Gehen-Müssens“ gar nicht erst stellen. Zudem verwische die Rahmung von Migration als Anpassungsstrategie den Fokus auf Ressourcen, die mobilisiert werden könnten, um Infrastrukturen zu schaffen, die das „Bleiben-Können“, das viele betroffene Gemeinschaften einfordern, ermöglichen (Climate In-Situ Adaptation).
Schließlich ist die bisherige Diskussion über Klimamigration von stereotypisierenden, stigmatisierenden und rassistischen Zuschreibungen belastet. Das zeigt sich beispielsweise in visuellen Darstellungen von Klimamigration, in denen häufig stereotype Bilder verwendet werden, die Menschen lediglich als Opfer ohne eigene Handlungsmacht darstellen oder wenn etwa Bilder von überfüllten Flüchtlingsbooten ohne Kontext verwendet werden oder nur Menschen mit dunkler Hautfarbe im Kontext der Berichterstattung über Klimaflucht gezeigt werden. Zudem richten die Debatten über den Klimawandel die Aufmerksamkeit häufig einseitig auf Regionen im sogenannten Globalen Süden, die dann als vermeintliche ‚Hotspots‘ der Klimawandelfolgen konstruiert werden. Das führt dazu, dass Vorstellungen von Andersartigkeit und Rückständigkeit („Othering“) einerseits verstärkt und eine Aufwertung der eigenen Hemisphäre andererseits reproduziert werden. Dabei gerät aus dem Blick, dass auch reiche Industriestaaten betroffen sind und der Klimawandel das Wohnen- und Bleiben-Können hier ebenfalls verändert. Dieses Ungleichgewicht besteht sowohl medial als auch in der Wissenschaft. Bislang wird sich nur vereinzelt mit klimabedingten Mobilitäten in den Industriestaaten des Globalen Nordens auseinandergesetzt. Forschung selbst stellt zusätzlich eine ‚ungleiche Forschungslandschaft‘ fest: In den reichen Industriestaaten des Globalen Nordens arbeiten deutlich mehr der Forschenden und erhalten Forschungsgelder, wohingegen die Forschungsziele im Globalen Süden zu finden sind. Ein stärker beforschtes Land ist beispielsweise die USA, insbesondere nach Hurrikan Katrina im Jahr 2005. Aktuelle Forschungen beschäftigen sich beispielsweise mit Umsiedlungen („Managed Retreat“) oder mit potentieller Binnenmigration in den USA. Dieses Ungleichgewicht lässt sich allerdings auch mit Argumenten der „Klima(un)gerechtigkeit“ erklären: Die reichen Industriestaaten haben in der Regel viel größere Ressourcen für die Anpassung an den Klimawandel, sodass Schäden abgefedert oder zum Teil auch vorbeugend verhindert werden können. Allerdings ist Betroffenheit auch dort abhängig von der sozioökonomischen Stellung der Menschen. All diese Aspekte tragen – aus guten, aber auch problematischen Gründen – dazu bei, dass wir eben nicht die dänische Familie vor Augen haben, wenn wir an Klimaflüchtlinge denken.
Wie Formen der ‚Migration‘ oder vielmehr der Mobilität aussehen können, wenn sie in reichen Industriestaaten stattfinden, soll im Folgenden an zwei Beispielen klimawandelbedingter Umsiedlungen veranschaulicht werden. Das erste Beispiel resultierte aus einer Bürgerinitiative in New York City (USA); das zweite Beispiel war ein staatliches Programm zum Schutz vor Überschwemmungen in der Gegend von Norwaard in den Niederlanden.
Oakwood Beach, USA: Erstes Abfindungsprogramm in New York nach dem Sturm Sandy
Am 29. Oktober 2012 traf der Hurrikan Sandy auf die Küste von New York City. Der Meteorologe John Davitt, der in der Nacht des Sturmes die Berichterstattung übernahm, erzählt in der Rückschau, Sturm Sandy sei ein worst-case scenario für die Stadt gewesen: Bei Vollmond und Flut traf der Sturm mit potenzierter Kraft die Küste. Die Wellen im Hafen von New York City erreichten eine Höhe von bis zu 9,8 Metern. Anstatt wie für solche Stürme üblich nach Norden und aufs Meer hinaus abzuziehen, wütete Sandy im Landesinneren und zerstörte weite Teile der Ostküste. Obwohl die Menschen vorab gewarnt worden waren und sich auf den Sturm mit Konserven und dem Aufsuchen von Schutzräumen vorbereiten konnten, war die Zerstörung enorm. Eine besonders betroffene Gegend in New York war der Stadtteil Oakwood Beach im Bezirk Staten Island. Dieser war aufgrund seiner Lage am Wasser bereits 1992 von einer starken Flut betroffen gewesen. Als Reaktion auf Sturm Sandy forderten die Einwohnerinnen und Einwohner finanzielle Unterstützung – allerdings nicht für den Wiederaufbau und ihre Rückkehr in den Stadtteil, sondern für ein Managed Retreat-Programm, also ein Programm für den ‚geordneten‘ Rückzug aus der Wohngegend. Diese Initiative führte zu New Yorks erstem Buyout Program – einem Abfindungsprogramm, das die Einwohnerinnen und Einwohner des Stadtteils nicht nur mit finanziellem Ausgleich umsiedelte, sondern die ehemals bewohnten Grundstücke in Naturland umwidmete.
In ihrer Forschungsarbeit begleitete Liz Kozlov den Prozess hin zu diesem Buyout-Programm ethnografisch. Dieser bestand aus zahlreichen Treffen und Verhandlungen mit politischen Akteuren. Der Versuch, mit Hilfe der Stadtverwaltung ein Abfindungsprogramm aufzubauen, scheiterte zunächst. Der damalige Bürgermeister Michael Bloomberg betonte ein Jahr nach Hurrikan Sandy, die New Yorker bestünden auf ihre Wasserfront; sie solle geschützt werden anstatt sich von ihr zurückzuziehen. Die Bürgerinitiative verhandelte daraufhin mit der Regierung des Bundesstaates New York. Andre M. Cuomo, der damalige Gouverneur von New York State, unterstützte schließlich den Prozess. Das Programm beinhaltete den Ankauf der Grundstücke, die Zerstörung der darauf gebauten Häuser und schließlich die Umwidmung der Grundstücke in Feuchtgebiete, sodass eine Art Pufferzone für Häuser entstehen konnte, die weiter im Landesinneren liegen. Nach ersten Verhandlungen bot die Stadt New York City ein Alternativprogramm an: Die Hausbesitzer*innen würden weiterhin Abfindungen erhalten und aus ihren Häusern ausziehen, aber das Land würde städtisches Baugebiet bleiben.
Die Bewohner*innen von Oakwood Beach entschieden sich jedoch für das Programm des Bundesstaats New York. Sie begründeten dies mit dem Hinweis darauf, dass auch in Zukunft Menschen in der Gegend vor Naturkatastrophen geschützt werden sollten. Kozlov schreibt über den Prozess, dass die Beteiligten der Initiative den Rückbau der Häuser als Korrektur eines Fehlers empfinden: Ein Rückzug sei ein klügerer Weg für die Zukunft, da er das Leben in Oakwood Beach schützen würde, anstatt es aufzugeben. Für sie bedeutete das Aufgeben einiger Häuser und Grundstücke, dass dadurch eine Pufferzone geschaffen werden konnte, die es Menschen in anderen Straßen des Stadtteils ermöglicht, dort wohnen bleiben zu können.
Das New Yorker Buyout-Programm war ein freiwilliges Angebot, eine Abfindung anzunehmen und die betroffenen Gebiete zu verlassen. Einige wenige Menschen entschieden sich dazu, das Angebot nicht anzunehmen und zu bleiben. Während meiner Forschungsreise nach New York im Jahr 2025 habe ich mir selbst ein Bild von der betroffenen Gegend machen können. Die Straßenabschnitte sind bereits zu einem guten Teil von der Natur zurückerobert worden; die wenigen Verbliebenen wirken zurückgelassen und aufgegeben.
Nordwaard, Niederlande: Depoldern für den Fluss und Umsiedlungen
Die Niederlande sind ein Polderland: Große Teile des Landes sind dem Meer oder Binnengewässern durch künstliches Trockenlegen abgerungen und bewohnbar gemacht worden. Auch das ist der Grund, weshalb rund ein Viertel der Niederlande unter dem Meeresspiegel liegen und zwei Drittel der Landflächen als überschwemmungsgefährdet gelten. Die Geschichte der Niederlande ist damit eine vom Wasser-Management geprägte: Die großen Fluten in der Geschichte des Landes – in jüngerer Zeit etwa 1916, 1953, 1993 und 1995 – führten alle zu neuen Projekten des Hochwasserschutzes. Das bislang größte Projekt ist das in Reaktion auf die verheerende Flut von 1953 eingerichtete Delta-Programm. Die bekannten Sperrwerke Osterschelde (niederländisch Oosterscheldekering) und Maeslant (Maeslantkering) wurden in diesem Rahmen realisiert.
Nachdem das Delta-Programm sich maßgeblich darauf konzentriert hatte, das (Meer-)Wasser abzuhalten, ist das ab 2006 aktive Projekt Ruimte voor de Rivier (dt. Raum für den Fluss; im Folgenden RvR) eine Maßnahme, in deren Rahmen Land „depoldert“, also dem Wasser wieder überlassen wird. Auslöser für das RvR waren die Flutkatastrophen von 1993 und 1995. Vor allem die Überflutungen an Rhein und Maas machten auf die Gefahren aufmerksam, die von Flüssen ausgehen können. Der Name des Programms macht bereits das Ziel deutlich, dem Fluss Ausweichmöglichkeiten zu schaffen, um so umliegende Gebiete vor Überflutungen zu schützen. Dafür wurden Teile der Bevölkerung in der Gegend Nordwaard im Zeitraum 2006 bis Anfang 2019 umgesiedelt und Landflächen renaturiert.
Dieses von der niederländischen Regierung entwickelte und finanzierte Projekt wurde als notwendige Sicherheitsmaßnahme gerahmt, die auch auf die Erfahrungen antwortet, welche die Zivilbevölkerung mit den Überflutungen gemacht hat: „Die Verantwortung für die Sicherheit von vier Millionen Niederländern ist natürlich ein sehr starkes Argument für das Depoldern des Noordwaard“, erklärte einer der Verantwortlichen in einem Medien-Interview. Trotzdem verursachte das Vorhaben Widerstand und Abwehr bei den 75 betroffenen Haushalten, was dazu beitrug, diese eng in den Planungsprozess einzubeziehen und zum Teil individuelle Lösungen für die Umsiedlungen zu ermöglichen. Die Haushalte, die sich für die Umsiedlung entschieden, wurden finanziell unterstützt und begleitet, um sich ein neues Zuhause aufzubauen. Von den 25 lokalen Landwirt*innen, die an der Entscheidungsfindung beteiligt waren, mussten 15 das Gebiet verlassen, da es im neu gestalteten Noordwaard nicht genügend landwirtschaftliche Flächen für sie geben würde. Einige der betroffenen Familien entschieden, im Gebiet zu bleiben. Dafür wurden dann Wohnmöglichkeiten geschaffen, die höher gelegen sind oder besser gegen Überschwemmungen geschützt wurden. Zudem wurde eine Evakuierungsstraße gebaut, die die Sicherheit der verbleibenden Bewohner*innen erhöhen soll. Hier zeigt sich, wie es dank vorausschauender Planung unter Einbezug der lokalen Bevölkerung und ihrer individuellen Lebenssituationen sowie mithilfe entsprechender finanzieller Mittel gelingen kann, Konflikte um Interner Link: Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel zu lösen und die menschliche Sicherheit zu erhöhen.
Klimawandelanpassung – eine Frage von Ressourcen
Die beispielhaft vorgestellten Programme in den Niederlanden und den USA zum Schutz vor Interner Link: Extremwetterereignissen, die sich im Zuge des Klimawandels häufen, spiegeln Fragen von Interner Link: Klimagerechtigkeit wider. In beiden Fällen standen enorme Ressourcen zur Verfügung, die es den Betroffenen ermöglichten, bewusste Entscheidungen für das Gehen oder das Bleiben zu treffen. Als Ressourcen sind dabei nicht nur die finanziellen Mittel zu sehen, sondern auch die Zeit, einen solchen Entscheidungs- und Umsiedlungsprozess gestalten zu können, sowie die notwendige Expertise und Infrastruktur für deren Umsetzung. Dies beinhaltet auch Rechte, die Eigentum schützen. Die behandelten Beispiele demonstrieren erstens, dass auch reiche Industriestaaten mit den Auswirkungen des Klimawandels konfrontiert sind, welche das Leben von Menschen bedrohen und eine Auseinandersetzung mit der Frage des Gehen-Müssens und Bleiben-Könnens erzwingen. Zweitens zeigen die Beispiele, dass der Diskurs um Klimawandel und Migration stark von Klima(un)gerechtigkeiten strukturiert ist: Hätten die Niederlande nicht die Ressourcen, um Mega-Infrastrukturen wie die Sturmflutsperrwerke Oosterscheldekering und Maeslantkering einzurichten und weitere Programme der Anpassung an steigende Meeresspiegel aufzulegen, dann wären Familien wie die unsere vermutlich längst gezwungen, ihre Häuser nicht präventiv, sondern als Reaktion auf mitunter tödliche Klimawandelfolgen zu verlassen.
ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Schwerpunkt Interpretative Sozialforschung, Goethe-Universität Frankfurt am Main im Forschungsprojekt Die Produktion von Klimaflucht als Theoretisierungsanlass, welches im Rahmen des Sonderforschungsbereichs „Produktion von Migration“ (SFB 1604) von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Soziologie des Klimawandels, Körpersoziologie, Migrationsforschung sowie Science and Technology Studies.