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Stadien für die Fußball-Weltmeisterschaft: Zur Situation von Wanderarbeitskräften in Katar

Regionalprofil Südasien Grenzüberschreitende Arbeitsmigration und Flüchtlingskrisen in Südasien Stadien für die Fußball-Weltmeisterschaft: Zur Situation von Wanderarbeitskräften in Katar

Stadien für die Fußball-Weltmeisterschaft: Zur Situation von Wanderarbeitskräften in Katar

Beeke Wattenberg

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Vom 20. November bis zum 18. Dezember 2022 findet die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in Katar statt. Am Bau von Stadien und Infrastruktur waren hunderttausende ausländische Arbeitskräfte beteiligt – oft unter prekären Bedingungen.

Baustelle vor der Skyline von Doha im Vorfeld der Fußball-WM 2022 (Aufnahmedatum: 21.12.2014). Die Stadien und sonstige Infrastruktur für die Fußball-WM in Katar wurden von ausländischen Arbeitskräften errichtet. Seit Jahren stehen die Bedingungen in der Kritik, unter denen sie leben und arbeiten müssen. (© picture-alliance, Pressefoto ULMER/Markus Ulmer | Pressefoto ULMER/Markus Ulmer)

Im Jahr 2010 wurde die Ausrichtung der diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft (WM) der Männer an das auf der arabischen Halbinsel am Persischen Golf gelegene Emirat Interner Link: Katar vergeben. Seither waren Hunderttausende Arbeitsmigrant:innen am Bau und der Instandhaltung von Stadien, der Transportinfrastruktur und anderen Bauprojekten in Vorbereitung auf die Meisterschaft beteiligt oder im Dienstleistungssektor angestellt, etwa im Hotel- oder Sicherheitsbereich. Seit Jahren kritisieren Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch oder Amnesty International die Bedingungen, unter denen viele ausländische Arbeitskräfte in Katar leben und arbeiten müssen. Sie prangern Ausbeutung und Menschenrechtsverstöße an.

Arbeitsmigrantinnen und -migranten in Katar

Nach Angaben der Interner Link: Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) arbeiten mehr als zwei Millionen ausländische Arbeitskräfte in Katar. Sie machen 95 Prozent der Erwerbsbevölkerung des Golfstaates aus. Der Großteil der Arbeiter:innen kommt aus Interner Link: Südasien und Südostasien, hauptsächlich aus Indien, Bangladesch, Nepal, von den Philippinen, aus Pakistan und Sri Lanka. Über 30.000 Arbeiter:innen waren alleine am (Aus-)Bau der acht Stadien für die Weltmeisterschaft beteiligt. Für diese Menschen hat das Externer Link: Supreme Committee for Delivery & Legacy – die für die Planung und Durchführung der Weltmeisterschaft zuständige katarische Behörde – gemeinsam mit dem Weltfußball-Verband FIFA strengere Arbeitsschutzbestimmungen und Arbeitsstandards eingeführt, als laut Gesetz für Wanderarbeiter:innen gelten. Dazu zählen rechtzeitige Lohnzahlungen und das Verbot von Zwangsarbeit. Es gibt jedoch Berichte, dass diese Standards nicht immer eingehalten werden. Zudem gelten sie laut Amnesty International für weniger als zwei Prozent aller Arbeitsmigrant:innen in Katar. Die Arbeits- und Lebensbedingungen eines Großteils der ausländischen Arbeitskräfte sind damit weiterhin prekär. Viele von ihnen arbeiten an Infrastrukturprojekten, die mit der WM in Verbindung stehen, wie dem Bau von Hotels oder dem Ausbau des U-Bahn-Systems. 2020 waren 34,1 Prozent der wirtschaftlichen aktiven ausländischen Bevölkerung im Bausektor beschäftigt. Damit war die Baubranche der größte Arbeitgeber für ausländische Arbeiter:innen.

Lebens- und Arbeitsbedingungen

Grundlage für die prekären und ausbeuterischen Bedingungen, unter denen viele Arbeitsmigrant:innen in Katar leben und arbeiten, ist das Interner Link: sogenannte Kafala-Bürgschaftssystem. In diesem System fungieren Arbeitgeber:innen als 'Bürgen' (Kafeel) für die von ihnen beschäftigten ausländischen Arbeitskräfte. Damit ist das Recht, in Katar leben und arbeiten zu dürfen, an die Arbeitgeber:innen gekoppelt. Dies schafft ein starkes Abhängigkeitsverhältnis, das es Arbeiter:innen kaum erlaubt, ihre Rechte einzufordern und gegen arbeitsrechtliche Verstöße vorzugehen – etwa überlange Arbeitszeiten oder ausbleibende Lohnzahlungen. Amnesty International hat tausende Fälle dokumentiert, in denen Arbeiter:innen monate- oder sogar jahrelang nicht bezahlt oder unterbezahlt wurden; in den Jahren 2019 und 2020 fielen darunter hundert Beschäftigte, die ein Fußballstadion für die WM (Al Bayt Stadium) bauten. Darüber hinaus dürfen sich ausländische Arbeitskräfte nicht in Gewerkschaften organisieren und werden streng kontrolliert. Sie leben oft unter beengten Bedingungen. Regelmäßig gibt es Berichte über Todesfälle. Recherchen der Londoner Tageszeitung The Guardian zufolge sind zwischen 2010 und 2020 mehr als 6.500 ausländische Arbeiter:innen aus Indien, Pakistan, Nepal, Bangladesch und Sri Lanka in Katar ums Leben gekommen. Die meisten dieser Todesfälle werden von den katarischen Behörden ohne genauere Ermittlungen oder Obduktion auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder 'natürliche Ursachen' zurückgeführt. Dies ist auch der Fall bei 34 der insgesamt 37 Todesfälle, die direkt mit dem Bau von Stadien für die Weltmeisterschaft in Verbindung stehen. Nach Angaben des Supreme Committee for Delivery & Legacy sind seit Beginn der Bauarbeiten im Jahr 2014 drei Arbeiter:innen durch Arbeitsunfälle ums Leben gekommen , bei den anderen Todesfällen wird kein Zusammenhang zu den Arbeitsbedingungen bei den WM-Bauprojekten hergestellt. Eine 2019 veröffentlichte Studie zu in Katar verstorbenen nepalesischen Wanderarbeiter:innen verweist jedoch darauf, dass besonders die Arbeitsbedingungen im Sommer bei Temperaturen von bis zu 45 Grad (trotz Sommerarbeitszeitverboten zur Mittagszeit) ein enormes Gesundheitsrisiko darstellen und dass viele nepalesische Arbeiter:innen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Folge von Hitzestress gestorben sind. Betroffene Familien verlieren dabei nicht nur Familienmitglieder, sondern geraten auch in finanzielle Notsituationen, da das Einkommen der verstorbenen Personen wegfällt. Die fehlende Untersuchung der Todesursachen durch katarische Behörden macht es zudem unmöglich, bei Arbeitgeber:innen oder staatlichen Stellen Entschädigungen einzuklagen.

Reformbestrebungen

Als Reaktion auf anhaltenden internationalen Druck bemüht sich Katars Regierung seit 2014, das Kafala-System zu reformieren und die Arbeits- und Lebensbedingungen der Wanderarbeiter:innen zu verbessern: Im Jahr 2020 wurden beispielsweise branchenübergreifend ein Mindestlohn für alle Arbeitsmigrant:innen eingeführt sowie das Recht etabliert, ohne die Erlaubnis des Arbeitgebers den Arbeitsplatz zu wechseln oder das Land zu verlassen. Zwar ist der Reformprozess in Katar viel weiter fortgeschritten als in den anderen Golfstaaten, die das Kafala-System ebenfalls anwenden. Strukturelle Probleme und eine mangelhafte Durchsetzung der Regelungen führen jedoch dazu, dass die Missstände in der Praxis fortbestehen: Wanderarbeiter:innen sind nach wie vor von ihren Arbeitgeber:innen abhängig, wenn es um Einreise, Aufenthalt, Beschäftigung und Wohnen geht. Zudem wurden Menschenrechtsverletzungen nicht aufgearbeitet, weshalb ein Zusammenschluss von Menschenrechtsorganisationen, Fangruppen und Gewerkschaften Katar und die FIFA in einer Externer Link: aktuellen Kampagne dazu auffordern, Arbeitsmigrant:innen für Menschenrechtsverletzungen zu entschädigen, die im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft stehen. Ob Katar seine Reformanstrengungen fortsetzt, wenn sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit nach der WM von dem Golfstaat abwendet, bleibt abzuwarten. Bis zu einer tatsächlichen Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Arbeitsmigrant:innen ist es noch ein langer Weg.

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Beeke Wattenberg absolviert den Masterstudiengang Internationale Migration und Interkulturelle Beziehungen (IMIB) an der Universität Osnabrück und ist Studentische Hilfskraft am dortigen Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS).