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Linke Demonstrationsgewalt – Wo kann Prävention ansetzen?

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Linke Demonstrationsgewalt – Wo kann Prävention ansetzen?

Nina Molter

/ 3 Minuten zu lesen

Eine Herausforderung bei der Prävention von politisch motivierter Gewalt ist die Vielschichtigkeit der Hintergründe und Motive. Mit konkreten Strategien und Präventionsansätzen beschäftigt sich das Projekt "Bildungs- und Beratungsstelle "Annedore" für Demokratie, Recht und Freiheit" der Stiftung SPI in Berlin. Einige dieser Ansätze wurden im Workshop durchgespielt.

Wie Präventionsarbeit in der Praxis aussehen kann, erklärte Juliette Brungs vom Projekt "Annedore". (© bpb/Nils Pajenkamp)

Was ist mit Akten linker Gewalt konkret gemeint? Die theoretische Basis zum Stand der Extremismusforschung lieferte Tom Mannewitz, Politikwissenschaftler an der TU Chemnitz. Als wichtigste Akteure linksmotivierter Gewalt in Deutschland trete laut Mannewitz die autonome Szene in Erscheinung. Der Begriff umfasse subkulturelle, heterogene Netzwerke, häufig nicht durch ein einheitliches Weltbild dominiert, sondern weitgehend undogmatisch. Zentrales Motiv der Gruppen sei die Selbstwahrnehmung als antifaschistisch, antirepressiv und antisexistisch, wobei diese Aspekte unterschiedlich stark betont würden. Mannewitz erklärte, dass Gewalt in der linken Szene ein zentrales Mittel des Protests darstelle, sowohl instrumentell als auch expressiv. Dabei erfolge eine Unterscheidung zwischen Massenmilitanz (gegen Gruppen) und klandestinen Aktionen (Anschläge, häufig als Einzelaktionen). In der linken Szene richte sie sich dabei vor allem nach oben, "gegen als repressiv wahrgenommene Strukturen". Das Ziel der einzelnen Aktionen bleibe entsprechend abstrakt. Mannewitz betonte, die Gewalt sei damit ein zentraler linksautonomer Identitätsbestandteil. Für die Präventionsarbeit sei vor allem eine Verbindung von Gewalt- und Extremismusprävention notwendig. Hier trete vor allem eine Primärprävention in den Vordergrund, die durch Empathieförderung, Selbstwertsteigerung und die Stärkung demokratischer Kompetenzen ein Abrutschen in das militante Milieu zu verhindern suche.

Wo kann Prävention ansetzen?

Wie diese Ansätze in der Praxis aussehen können, erarbeiteten Dr. Juliette Brungs und Rüdiger J. Hamm vom Projekt "Beratungs- und Bildungsstelle Annedore" gemeinsam mit den Workshop-Teilnehmenden. Die Zielgruppe von "Annedore" sind junge Menschen zwischen

Wo kann Prävention ansetzen? Juliette Brungs, Rüdiger J. Hamm und Tom Mannewitz führten durch den Workshop zu Linker Demonstrationsgewalt. (© bpb/Nils Pajenkamp)

14 und 27 Jahren mit radikalen Tendenzen. Angestrebt wird eine Sensibilisierung für demokratische Grundnormen und gleichzeitig die Stärkung der Handlungskompetenzen von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren.

Gemeinsam mit den anwesenden Teilnehmenden wurden anhand einer Falldiskussion mögliche Radikalisierungsmuster analysiert. In Kleingruppen wurden Beispielcharaktere besprochen, die Auffälligkeiten in ihren jeweiligen Entwicklungsmustern zeigten. In der anschließenden Diskussion wurden zahlreiche Überschneidungen bei den Radikalisierungsphänomenen identifiziert. So erschienen Jugendliche in der ideologischen Findungsphase besonders anfällig für die Mobilisierungsversuche radikaler Gruppen. Den Jugendlichen gemeinsam seien auch Abgrenzungsprozesse, teils aus Gründen der persönlichen Entwicklung, teils aufgrund von dysfunktionaler Kommunikation mit dem Elternhaus. Die Suche nach Anerkennung, Unzufriedenheit mit dem Umfeld und der politischen Situation sowie der Eindruck, mit konventionellen Mitteln keine Veränderung herbeiführen zu können, wurden als weitere Gründe identifiziert, die zu einer ideologischen Umorientierung der Jugendlichen führten.

Können Lehrende Radikalisierung verhindern?

Ganz zentral beschäftigte die Teilnehmenden die Frage, ob und wie Lehrende Einfluss auf das Weltbild Jugendlicher ausüben und ob sie einer möglichen Radikalisierung entgegenwirken können. Dabei wurde die Ansprechbarkeit der Lehrenden als zentraler Aspekt erfolgreicher Kommunikation genannt. Häufig seien Lehrende jedoch inhaltlich mit der Auseinandersetzung ideologischer Extremstandpunkte überfordert, ein Abbruch der Kommunikation sei die Folge. Juliette Brungs betonte, es sei jedoch gerade hier wichtig, als Gesprächspartner bereitzustehen und eine Reibungsfläche für kritische Meinungen zu bieten. Oft fehle auch die Zeit für eine intensive Auseinandersetzung im Klassenrahmen. Hier könnten Projekte wie "Annedore" ansetzen und Multipliktorinnen und Multiplikatoren inhaltlich unterstützen.


Referenten:
Dr. Juliette Brungs, Projekt BBS "Annedore" für Demokratie, Recht und Freiheit der Stiftung SPI Berlin
Rüdiger J. Hamm, stellv. Projektleiter BBS "Annedore" für Demokratie, Recht und Freiheit der Stiftung SPI Berlin
Prof. Dr. Tom Mannewitz, Technische Universität Chemnitz

Moderation: Dr. Gereon Flümann, Bundeszentrale für politische Bildung

Nina Molter ist seit August 2015 Volontärin in der Stabsstelle Kommunikation der Bundeszentrale für politische Bildung und ist dort Ansprechpartnerin für Journalistinnen und Journalisten. Sie hat Politische Kommunikation in Maastricht und London studiert.