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Eine durchwachsene Bilanz

Debatte 20 Jahre Euro – eine Erfolgsgeschichte?

Standpunkt von Friedrich Heinemann

Eine durchwachsene Bilanz

Friedrich Heinemann

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Die Partys zum 20-jährigen Bestehen des Euro sind ausgeblieben. Kein Wunder, findet der Mannheimer Ökonom Friedrich Heinemann. Die Gemeinschaftswährung hat nicht nur als Reformmotor gewirkt.

Der damalige Bundesfinanzminister Hans Eichel zeigt am 1. Januar 2002 in Berlin seine ersten Euro-Geldscheine, die er während der Silvesternacht in einem Euro-Pavillon am Brandenburger Tor gegen D-Mark-Scheine eingetauscht hatte. (© picture-alliance/dpa)

20 Jahre Euro im Überblick

  • Anfangsjahre: Am 1. Januar 2002 wird der Euro als Bargeld in der Eurozone eingeführt. Viele sehen darin ein wichtiges Symbol der Einigung Europas. Am Anfang beteiligen sich zwölf Länder mit über 300 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern an der Gemeinschaftswährung – das sind Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Portugal und Spanien. Mit der Aufnahme Kroatiens im Januar 2023 werden es 20 Länder mit fast 350 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern sein.

  • Vorteile einer gemeinsamen Währung: Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen müssen kein Geld beim Einkaufen im Ausland umtauschen. Es gibt kein Wechselkursrisiko, die ökonomische Integration in der Eurozone wird erleichtert. Zinsen und Inflation in der Eurozone sind lange gering. In den Anfangsjahren sorgt die gemeinsame Währung für stabile Preise und beständiges Wirtschaftswachstum in der Eurozone, auch die ökonomisch schwächeren Länder gewinnen an Wohlstand. Insbesondere Deutschland profitiert.

  • Krisenzeiten und Kontroversen: Die weltweite Finanzkrise ab 2007 trifft die Eurozone hart. Vor allem in den Ländern im Süden Europas bricht die Wirtschaftsleistung ein, die Arbeitslosigkeit steigt stark an. Erst das beherzte Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB) hilft, den Bankrott von Staaten wie Griechenland, Spanien oder Italien zu vermeiden. EZB-Präsident Mario Draghi verspricht 2012, er werde notfalls unbegrenzt Staatsanleihen kaufen, um diese Länder vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren.

  • Kritik an Rettungsmaßnahmen: Kritikerinnen und Kritiker der Eurozone betonen, dass die Krisenstaaten nicht genug auf Reformen setzten und die Unterschiede im Währungsgebiet zu hoch seien. Anstatt sich auf ihr wichtigstes Ziel, also stabile Preise, zu konzentrieren, rette die EZB hoch verschuldete Länder mit dem Ankauf von Staatsanleihen. Dagegen vertreten Stimmen in den Krisenstaaten die Auffassung, dass die Sparprogramme, die ihnen auferlegt werden, um Schulden abzubauen und Hilfen von EU, EZB oder IWF zu bekommen, starke wirtschaftliche und gesellschaftliche Schäden verursachten und die Krise letztlich verlängerten.

  • Neue Herausforderungen: Aktuell wird die Gemeinschaftswährung durch Coronapandemie und den Krieg in der Ukraine erneut strapaziert: Weil die Inflation weit über die von der Zentralbank tolerierten zwei Prozent angestiegen ist, erhöhte die EZB 2022 die Leitzinsen zum ersten Mal seit elf Jahren. Außerdem stellte sie den Ankauf von Staatsanleihen ein. Dies kann möglicherweise die wirtschaftliche Erholung in der Eurozone abbremsen – und wie bereits in der Eurokrise hoch verschuldete Länder in eine Schieflage bringen.

Wo waren sie eigentlich, die rauschenden Partys zu 20 Jahren Euro-Bargeld? Als Europas Währung in den ersten Januartagen des Jahres 2002 erstmalig mit Händen zu greifen war, war die Euphorie noch groß. Plötzlich bezahlten Menschen von Finnland bis Italien, von Österreich bis Portugal mit den gleichen Münzen und Geldscheinen. Damit hatte ein bedeutsames Symbol europäischer Einigung die Geldbörsen und den Alltag erreicht. Warum also feierte Europa den zwanzigsten Geburtstag nicht?

Abgesehen davon, dass Konfliktzeiten wenig Lust auf Freudenfeste zulassen, dürften auch enttäuschte Hoffnungen die fehlende Euro-Feierlaune erklären. In der ökonomischen Fachliteratur war schon im Vorfeld der Euro-Einführung oft mit Skepsis diskutiert worden, ob die Europäische Union tatsächlich reif für eine gemeinsame Währung sei. Robert Mundell, Ökonomie-Nobelpreisträger des Jahres 1999, hatte dafür den Begriff des "optimalen Währungsraums" geprägt. Seiner Empfehlung nach sollten nur solche Länder eine Gemeinschaftswährung einführen, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Zu diesen zählten unter anderem eine hohe Anpassungsfähigkeit durch flexible Arbeitsmärkte und reformfreudige Regierungen.

Viele Forschungsbeiträge in den 1990ern kamen zu dem Schluss, dass eine Währungsunion, die Nord- und Südeuropa umfasst, ökonomisch riskant ist. Allerdings gab es in dieser kontroversen Debatte immer ein wichtiges Argument, das für eine von Anfang an große Währungsunion ins Feld geführt wurde: Der Euro könne wie ein Reformmotor wirken. Länder, die bislang im Reformstau verharrt hätten, würden durch das Euro-Korsett gezwungen, sich zu reformieren und zu modernisieren.

Im Rückblick ist zu konstatieren, dass sich diese Hoffnung nicht erfüllt hat. Als die Finanzkrise 2008/09 die globale Weltwirtschaft erschütterte, kam die Stunde der Wahrheit für den Euro-Währungsraum. Jetzt wurde augenfällig, dass besonders die Euro-Mitgliedstaaten Südeuropas die ersten zehn Jahre der Euro-Ära keineswegs für umfassende Reformen genutzt hatten. Stattdessen hatten sie an Exportfähigkeit eingebüßt, wichtige Reformdefizite nicht beseitigt und waren noch dazu in eine gefährlich hohe Staatsverschuldung geraten.


EZB wird zum Retter hoch verschuldeter Staaten


Letztlich konnte damals erst die Garantie der Europäischen Zentralbank (EZB), notfalls unbegrenzt Staatsanleihen zu kaufen, die drohende Zahlungsunfähigkeit dieser Länder abwenden. Das Versprechen des damaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi ("Ich werde tun was immer notwendig ist, um den Euro zu bewahren") hat im Sommer 2012 die Krise zwar eindämmen können. Diese historische Rede markiert gleichzeitig aber eine brisante Weichenstellung in der Geschichte der Eurozone: Immer mehr geriet die EZB, die sich eigentlich auf ihr primäres Ziel der Preisstabilität konzentrieren sollte, in die Rolle des Retters für hoch verschuldete Staaten.

Die Pandemie brachte im Jahr 2020 den nächsten Test. Europa hat auf diesen Schock rasch und umfassend reagiert und dadurch den ökonomischen Schaden begrenzt. Die EU hat mit dem 750 Milliarden Euro umfassenden Interner Link: Corona-Paket "Next Generation EU" erhebliche Finanzmittel mobilisiert, um insbesondere den ärmeren EU-Mitgliedstaaten bei der Bewältigung der Pandemie zu helfen.


In noch wesentlich höherem Umfang hat sich erneut die EZB für die Absicherung hoch verschuldeter Euro-Staaten engagiert. In einem zusätzlichen Wertpapierkaufprogramm, dem "Pandemic Emergency Purchase Programme" (PEPP), haben die Zentralbanken des Eurosystems zwischen März 2020 und März 2022 Staatsanleihen im Umfang von 1,7 Billionen Euro erworben. Über alle Wertpapierkaufprogramme hinweg hielten die Euro-Zentralbanken im Mai 2022 Staatsanleihen im Umfang von 4,3 Billionen Euro, was etwa 30 Prozent der gesamten Euro-Staatsverschuldung entspricht.

Lockere Geldpolitik – zum Schaden der Preisstabilität


Im Sommer 2022 ist erneut deutlich geworden, wie sehr gerade die Staaten Südeuropas inzwischen auf die EZB-Hilfe angewiesen sind. Als die EZB angesichts einer Rekord-Inflation beschloss, die Anleihekäufe einzustellen, schnellten die Zinsen für südeuropäische Staatspapiere in die Höhe. Die Regierungen Italiens, Spaniens oder Griechenlands mussten Investoren hohe Zinsen bieten, damit diese die Staatsschulden des Landes finanzierten. Der EZB-Rat sah sich veranlasst, umgehend zu reagieren und stellte erneut gezielte Anleihekäufe dieser Länder in Aussicht.

Der Euro hat in den ersten 20 Jahren mit einer im Durchschnitt sehr niedrigen Inflationsrate geglänzt. Die zögerliche Reaktion der EZB auf den Inflationsschub 2021 und 2022 lässt zweifeln, ob es dabei bleiben wird. Kritiker befürchten, dass die EZB die Inflation nicht mehr wirklich konsequent durch angemessen hohe Zinsen und eine Verringerung ihrer Wertpapierbestände bekämpfen kann, weil sich manche hoch verschuldete Euro-Länder diese höheren Zinsen schlicht nicht leisten können. In der Fachsprache wird eine solche Konstellation "fiskalische Dominanz" genannt. Damit ist gemeint, dass die Fiskalpolitik letztlich am längeren Hebel sitzt und die Zentralbank zu einer lockeren Geldpolitik zwingen kann – auch wenn das zum Schaden der Preisstabilität ist.


Wenig überzeugen können Vorschläge, die Probleme hoch verschuldeter Staaten durch eine Ausweitung der gemeinsamen europäischen Verschuldung lösen zu wollen. Gemeinsam garantierte Euro-Bonds und ähnliche Instrumente können zwar die Krisengefahr kurzfristig reduzieren. Eine erleichterte Finanzierung hoher nationaler Defizite würde aber die Anreize für Reformen weiter verringern und damit letztlich die ökonomische Perspektive weiter verschlechtern. Noch dazu sind Euro-Bonds für die Akzeptanz des Euro in den fiskalisch gesunden Staaten riskant, weil sie dort zur Mithaftung für eine nicht nachhaltige Politik in anderen Staaten führen.

Ungleiche ökonomische Leistungsfähigkeit bremst


Es ist somit nachvollziehbar, warum die Euro-Geburtstagsfeiern abgesagt wurden. Der einheitliche Währungsraum hat zwar geholfen, den europäischen Binnenmarkt voranzutreiben und Unternehmen und Menschen den Handel und das Reisen erleichtert. Gleichwohl ist die Eurozone durch die ungleiche ökonomische Leistungsfähigkeit ihrer Mitgliedstaaten mit ungelösten Problemen konfrontiert.

Es kommt daher darauf an, die Lektionen aus 20 Jahren Eurogeschichte zu lernen: Die Gemeinschaftswährung kann sich letztlich nur harmonisch entwickeln, wenn die Euro-Mitglieder eine nachhaltige Wirtschafts- und Finanzpolitik betreiben. Optimisten verweisen gerne auf den EU-Wiederaufbaufonds "Next Generation" mit seinen Anreizen für Reformen und höhere Investitionen in Digitalisierung und Klimaschutz. Dieses Paket bietet sicherlich eine Chance, aber mitnichten eine Erfolgsgarantie. Auch wenn man es in Brüssel und Frankfurt ungerne zugibt: Der Euro ist bislang alles andere als eine ungetrübte Erfolgsgeschichte. Es bleibt viel zu tun, damit es zum 30- oder 40-jährigen Geburtstag Grund für Partys geben kann.

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Prof. Dr. Friedrich Heinemann leitet den Forschungsbereich Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft am ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung und lehrt Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg.