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Debatte 20 Jahre Euro – eine Erfolgsgeschichte?

Standpunkt von Werner Plumpe

Die EZB ist endgültig zum politischen Akteur geworden

Werner Plumpe

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Die Wiederkehr der Inflation zeigt das Dilemma des Euro, meint der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe. Die Probleme der Gemeinschaftswährung seien gravierend, ihr Fortbestehen fraglich.

Die Europäische Zentralbank steckt in einem Dilemma: Orientiert sie ihre Politik an der Wahrung der Preisstabilität, kann das im Gegenzug die Refinanzierungskosten einiger Länder der Eurozone stark verteuern. (© picture-alliance, Panama Pictures)

Bislang kann man die Zeit des Euro nur schwerlich eine Erfolgsgeschichte nennen. Bereits einmal musste die Europäische Zentralbank (EZB) gegen ihr eigentliches Mandat zu drastischen Mitteln greifen, um den Zerfall der Währungsunion zu verhindern. Das war im Sommer 2012, als der damalige EZB-Präsident Mario Draghi davon sprach, die EZB werde alles tun ("Whatever it takes"), um den Euro zu erhalten.

Nun, mehr als eine Dekade später, steht die EZB vor der Herausforderung einer sprunghaft angestiegenen Inflation. Nachdem die Zentralbank angekündigt hat, ihr Ankaufprogramm für Staatsanleihen zu beenden und zugleich die Zinsen leicht zu erhöhen, trat das ein, wovor Kritiker der EZB-Politik stets gewarnt hatten. Die angekündigten Maßnahmen der EZB hatten die Spreads, also die Spanne zwischen den Zinssätzen, die das vermeintlich stabile Deutschland oder beispielsweise hochverschuldete Staaten wie Italien zahlen müssen, wieder ansteigen lassen.

Dies zeigt das Dilemma, in dem die EZB steckt: Orientieren die Währungshüter ihre Politik an ihrem Auftrag, die Preisstabilität zu wahren, kann dies im Gegenzug die Refinanzierungskosten von Ländern wie Italien stark verteuern, also den Zusammenhalt der Währungsunion massiv gefährden.

Die EZB reagierte, indem sie die Erträge aus regelmäßig getilgten Staatsanleihen vom Sommer 2022 an vorrangig zum Ankauf italienischer Titel nutzte. Die Gesamtsumme erworbener Anleihen sollte nicht steigen, aber ihre Regionalstruktur so verschoben werden, dass die Zinsbelastungen für Italien sinken, während sie insbesondere für Deutschland und andere gering verschuldete Eurostaaten steigen. Das Ziel war, eine "Fragmentierung" der europäischen Zinssätze zu verhindern. Denn dass zu weite Auseinanderdriften der Zinsen für Staatsanleihen wurde als bedrohlich für den Fortbestand der Währungsunion angesehen.

Damit ist die EZB – abgesehen davon, dass derartige Maßnahmen rechtlich nicht gedeckt sind – endgültig zum politischen Akteur geworden. Ob das entsprechende Agieren langfristig von Erfolg gekrönt sein wird, ist zudem mehr als fraglich.

EZB trägt zur Zombifizierung der Unternehmenslandschaft bei


Auch der Kampf gegen die Fragmentierung dürfte keineswegs das letzte Wort sein. Denn offenkundig führen derartige Aktionen, die die EZB seit Jahren betreibt, nicht zu einer Entspannung der Lage. Im Gegenteil erhöhen diese Maßnahmen das Krisenrisiko, da die günstige Refinanzierung die Staaten von dem Druck befreit, ihre Volkswirtschaften durch Reformen zu modernisieren. Die Maßnahmen zur Überwindung der Eurokrise von 2012 haben folgerichtig auch nicht zum Abbau der Verschuldung, sondern zu deren weiterer Steigerung geführt. Die Politik des billigen Geldes und der niedrigen Zinsen hat zudem in vielen Ländern zu einer Art Zombifizierung der Unternehmenslandschaft beigetragen; das billige Geld hielt viele Firmen am Leben, die es unter regulären Zinsbedingungen längst nicht mehr gäbe.

Letztlich ist die EZB zur Geisel der von ihr selbst ermöglichten massiven Staatsverschuldung geworden. Ihre Gründungskonstellation und ihr eigentlicher Auftrag verblassen hingegen mehr und mehr, zumal keine der größeren europäischen Regierungen auf der Einhaltung der Regeln des Maastricht-Vertrages von 1992 besteht, sondern ihre Verletzung aus unterschiedlichen Gründen toleriert, ja zum Teil ganz offen anstrebt. Das hat sicher auch damit zu tun, dass die Einführung des Euro mit dem Vertrag von Maastricht nur nach außen einvernehmlich verlief. Der damaligen Bundesregierung unter Helmut Kohl war bewusst, dass die neue Währung in der Bundesrepublik angesichts der überragenden Bedeutung der D-Mark nicht populär war.

Die Einführung des Euro wurde in Deutschland folgerichtig auch nicht in einer Art Referendum legitimiert, sondern eher indirekt dadurch, dass die Bundesregierung in den Verhandlungen mit den europäischen Partnern eine Regelung durchsetzte, die die neue Währung der alten D-Mark möglichst nahe kommen ließ.

Kohl versicherte, der Euro werde so stabil wie die D-Mark


Im Vertrag von Maastricht wurden die Unabhängigkeit der EZB, die Verpflichtung auf Preisstabilität, das Verbot der Staatsfinanzierung, das Verbot gemeinsamer Schulden, die gegenseitige Nichthaftung sowie strikte Grenzen für die Gesamt- und die jährliche Neuverschuldung festgelegt. Damit konnte die Kohl-Regierung der Bevölkerung einigermaßen glaubhaft versichern, der Euro werde so stabil werden wie die D-Mark. Diese werde also gar nicht aufgegeben, sondern quasi unter neuem Namen und immun gegen inflationäre Tendenzen für das gesamte europäische Währungsgebiet gelten.

Es zeigte sich schnell, dass die von der Bundesrepublik hoch gehaltenen Regeln keineswegs so strikt ausgelegt werden sollten wie von der deutschen Regierung behauptet. Viele andere Regierungen sahen sie eher als politisch verhandlungsfähige Absichtserklärungen an. Italien und später Griechenland wurden Teil der Währungsunion, obwohl diese Länder die Regeln von Anfang an nicht einhalten konnten. Dass die Vorschriften nicht immer und für jeden galten, zeigten auch Deutschland und Frankreich, die sich im neuen Jahrtausend zeitweilig über einige hinwegsetzten – und damit durchkamen.

Die EZB selbst hielt sich unter ihrem ersten Präsidenten Wim Duisenberg an die Regeln des Maastrichter Vertrages. Somit kam es letztlich vor allem auf die Spitze der Bank an, welche Politik verfolgt wurde. Duisenberg (1998-2003) war der erste und einzige Präsident, der sein Amt nicht als Politiker verstand. Schon Jean-Claude Trichet (2003-2011), umso mehr aber Mario Draghi (2011-2019) und Christine Lagarde (seit 2019) verfolgten eine Geld- und Währungspolitik, die an die Stelle regelgebundenen Handelns diskretionäre, also am Einzelfall orientierte Maßnahmen entsprechend der jeweiligen politischen und ökonomischen Herausforderungen setzten.

Widerstand hiergegen gab es zwar, doch die vor allem deutschen Vorbehalte konnten sich gegen eine laxe Politik der EZB in der Eurokrise 2012 nicht durchsetzen. Die europäischen Partner machten vielmehr der Berliner Regierung klar, dass sie von der EZB im Zweifel eine unkonventionelle Politik zur Stabilisierung der Währungsunion erwarteten, mit der etwa Griechenland gegen alle Regeln in der Währungsunion gehalten und die Risiken der großen Finanzinstitute auf die EZB überwälzt wurden.

Die Politik der Staatsfinanzierung wurde zur Routine


Die Berliner Regierung beugte sich, wenn auch widerstrebend. Deutsche Kritiker der EZB wurden von ihr ebenso wenig unterstützt wie der ernsthafte Versuch nicht unternommen wurde, stabilitätsorientierte Experten an die Spitze der EZB zu bringen. Auch deutsche Gerichte tolerierten trotz erheblicher juristischer Bedenken die Maßnahmen der EZB. Politisch ernstzunehmender Widerstand gegen deren Auffassung von Geld- und Währungspolitik, wie sie unter Mario Draghi Realität geworden war, formierte sich jedenfalls in Berlin nicht.

Die Politik der Negativzinsen, der Ausweitung der Geldmenge und der Staatsfinanzierung wurden so geradezu zur Routine. Die Pandemie und der Ukraine-Krieg und die damit verbundenen finanzpolitischen Zwänge taten den Rest, um den Euro endgültig aus der Tradition der D-Mark zu lösen.

Wiederkehr der Inflation zeigt das Dilemma des Euro


Die Konstruktion des Euro wies von Anfang an Schwachstellen auf (kein homogenes Währungsgebiet, keine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik), die im Krisenfall seine Regeln schnell ins Leere laufen lassen konnten.

Da die laxe Geld- und Währungspolitik namentlich nach der Weltfinanz- und der sich anschließenden Eurokrise zu Anfang der 2010er Jahre keinerlei inflationäre Wirkungen hatte, wie die Kritiker unterstellten, schien das offensive Agieren der EZB zunächst nicht nur tolerabel, sondern geradezu wünschenswert. Erst die Wiederkehr der Inflation 2021, ihre Beschleunigung 2022 und die aktuell drohende Rezession zeigen nun das Dilemma, in das die Währungsgemeinschaft mittlerweile geraten ist: Hält sie an ihrer Niedrigzinspolitik, am Aufkaufen von Staatspapieren und der Ausdehnung der Geldmenge fest, droht die Inflation aus dem Ruder zu laufen. Bekämpft sie durch eine restriktive Geldpolitik und höhere Zinsen wirksam die Inflation, drohen existentielle Risiken für die Staatshaushalte nicht nur Italiens; überdies kann das die sich abzeichnende wirtschaftliche Abkühlung verstärken. Ob der Euro daher die Probleme der kommenden Zeit in der bisherigen Form überstehen wird, ist offen.

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