Der Staat will Hunderte Milliarden investieren. Aber kommt das Geld auch an? Im Weg stehen zu viele Vorschriften, zu langsame Verfahren, kurz: Deutschlands Bürokratie-Problem.
🤔 Was ist los?
Deutschland steckt in einer Transformationskrise. Angestammte Industriestrukturen schrumpfen. Die Interner Link: demografische Entwicklung lässt perspektivisch die Zahl der Arbeitskräfte zurückgehen. Dazu kommen die geopolitischen Umbrüche der vergangenen Jahre, die neue sicherheitspolitische Antworten erfordern. Diese Entwicklungen haben wir uns bereits in früheren Ausgaben von „Zahlen, bitte!“ angeschaut. In dieser Folge soll es nun darum gehen, ob wir als Gesellschaft in der Lage sind, rasch und angemessen zu reagieren und den Wandel zu gestalten. Ist das System Deutschland beweglich genug? Oder erstickt die Bürokratie jede Initiative?
Das Thema bekommt zusätzliche Dringlichkeit durch die massive Ausweitung der Staatstätigkeit. Für Militär und Rüstung steigen die Etats rapide – auf rund 190 Milliarden Euro jährlich bis zum Ende dieses Jahrzehnts. Zusätzlich steht auch für Infrastruktur und Klimaschutz viel Geld zur Verfügung. Das 500 Milliarden Euro schwere Interner Link: Sondervermögen macht’s möglich. Der Staat tritt also als Großinvestor an den Markt. Wieviel die Bürgerinnen und Bürger am Ende für all das zusätzliche Geld bekommen, hängt nicht zuletzt davon ab, wie effizient die öffentliche Verwaltung arbeitet.
Entsprechend ist das Thema Bürokratie wieder auf die Agenda gerückt. Talkshows befassen sich mit „Deutschlands Bürokratiehürden“ (Markus Lanz) oder diskutieren über „Bürokratie abbauen ja, aber wie?“ (Hart aber fair). Berichte und Analysen werden veröffentlicht. Die „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“ (Schirmherr: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier) hat 35 Empfehlungen zur Mobilisierung des Landes vorgelegt. Die „Wirtschaftsweisen“ widmen in ihrem aktuellen Jahresgutachten den Kosten der Regulierung ein ganzes Kapitel.
Das Thema betrifft auch Privatbürger. Wer beispielsweise Sozialleistungen beantragt oder Finanzhilfen für klimaschonende Umbauten am Eigenheim, bekommt es mit allerlei Ämtern zu tun. Vor allem aber betreffen bürokratische Vorschriften Unternehmen. Und deren Geschäftsführungen nehmen die allgegenwärtigen Berichts- und Genehmigungspflichten, die früher eher als lästiges Ärgernis galten, inzwischen als massiv geschäftsschädigend wahr (siehe Grafik 1). Angesichts der angespannten Wirtschaftslage fällt der bürokratische Aufwand umso mehr ins Gewicht.
⚠️ Wo ist das Problem?
Bürokratie ist per se nichts Schlechtes. Damit die Wirtschaft funktioniert, braucht es handlungsfähige staatliche Institutionen, die Regulierungen durchsetzen und Gesetze verlässlich zur Geltung bringen. Allerdings verursacht bürokratischer Aufwand Kosten – für jedes einzelne Unternehmen und für die Gesellschaft insgesamt.
Umfassende Zahlen existieren nicht, wohl aber Schätzungen für Teilaspekte. So schätzt das Statistische Bundesamt, dass sich die direkten, regelmäßig anfallenden Bürokratiekosten durch Vorgaben des Bundes auf 65 Milliarden Euro pro Jahr belaufen. Allein für die bundesrechtlich erforderlichen Informationspflichten – also beispielsweise Daten an Behörden zu melden, Berichte zu erstellen oder Nachweise zu erbringen – musste die Wirtschaft zuletzt mehr als eine Milliarde Arbeitsstunden aufwenden, wobei Unternehmen den tatsächlichen Zeitaufwand tendenziell überschätzen (siehe Grafik 2). Eine Firmenumfrage des ifo Instituts zeigt allerdings, dass der Bund nur ein Drittel der Vorgaben macht.
60 bis 70 Prozent des gesamten Bürokratieaufwands der Wirtschaft sind auf EU-Regeln zurückzuführen, kalkuliert der Nationale Normenkontrollrat, ein Beratungsgremium der Bundesregierung. Die Mitgliedstaaten müssen europäische Gesetze („Richtlinien“) in nationales Recht übertragen, wobei gelegentlich striktere Fassungen entstehen – eine Praxis, die „gold plating“ (zu Deutsch „vergolden“) genannt wird.
Als besonders aufwändig gelten Vorgaben in Sachen Datenschutz und Umweltschutz, so die ifo-Umfrage. Die Effekte des bürokratischen Aufwands sehen die Geschäftsführungen denn auch durchweg negativ. 60 Prozent der befragten Firmen gaben an, sie würden wegen der Regulierungen weniger investieren. Überhaupt leide ihre Wettbewerbsfähigkeit. Mehr als 80 Prozent klagten über übermäßigen Personalaufwand und eine verminderte Reaktionsgeschwindigkeit.
Bürokratische Vorgaben umfassen Berichts-, Melde- und Kennzeichnungspflichten, Produktstandards oder Genehmigungen. Viele Regelungen gelten als wenig praktikabel und wirklichkeitsfremd. Amtliche Kontrollen kosten Zeit und Nerven, zumal wenn den Firmen dabei ein Grundmisstrauen entgegenschlägt. Zuweilen widersprechen sich Regulierungen verschiedener Bereiche, etwa Klimaschutz und Brandschutz bei der Baugenehmigung. Wenn daran unterschiedliche Behörden beteiligt sind, verzögert die Auseinandersetzung in der Sache leicht das gesamte Verfahren.
Probleme bereiten bürokratische Regulierungen vor allem kleineren und jüngeren Unternehmen. Während etablierte Konzerne über einschlägige Abteilungen verfügen und gegebenenfalls spezialisierte Anwälte und Fachberater engagieren können, sind Mittelständler und Startups mit bürokratischen Belastungen eher überfordert. Wenn Firmen ihr Potenzial nicht ausschöpfen können, weil sie unproduktiven bürokratischen Aufwand als frustrierend und demotivierend erleben, schadet das der wirtschaftlichen Dynamik.
Einer pragmatischen Verwaltungspraxis steht in Deutschland eine strikte Prozessorientierung entgegen. Das vorrangige Ziel von Behörden besteht demnach nicht darin, ein Projekt umzusetzen, sondern ein fehlerfreies, unangreifbares Verfahren abzuwickeln. Wenn sich dabei das Projekt erheblich verzögert – oder gänzlich scheitert –, ist dies aus der Verwaltungslogik heraus unproblematisch. „Die rechtlich korrekte Einhaltung aller Verwaltungsvorschriften hat höchste Priorität“, schreibt der Wissenschaftliche Beirat beim Wirtschaftsministerium. Der Grund liegt in der Kontrolle der Behörden durch Gerichte und Rechnungshöfe. Ein Amtsleiter, der hemdsärmelig nach praktikablen Lösungen sucht und dabei Vorschriften, so unsinnig sie im gegebenen Fall auch wirken mögen, missachtet, muss mit dienstrechtlichen Konsequenzen rechnen, falls sein Vorgehen von außen beanstandet wird.
Verschärfend kommt hinzu, dass detaillierte Vorgaben die Entscheidungsspielräume vor Ort bewusst einschränken. In Deutschland herrsche die Vorstellung, „man müsse der Komplexität der Welt durch die Komplexität der Rechtsnormen Rechnung tragen“, kritisiert das Beiratsgutachten. Als Gründe führen die Expertinnen und Experten eine „oft unbegründete Furcht vor Kontrollverlust“ an sowie den „Wunsch, so wenig Entscheidungsgewalt wie möglich an die nachgeordneten Instanzen, Behörden und Gerichte und die Betroffenen selbst abzugeben“. Dazu passt, dass in keinem anderen Land der Juristenanteil in den Ämtern so hoch ist wie hierzulande. In der Konsequenz sorgt die Kombination aus detaillierten Vorschriften, klagefreudigen Anwälten und Verwaltungsjuristen, die kein Risiko eingehen wollen, für Lähmungserscheinungen in der Wirtschaft.
Die Folgen sind gravierend, wenn auch schwer zu beziffern. Neben der Bürokratie spielen auch andere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel konjunkturelle Schwankungen oder die Verschiebung internationaler Handelsmuster. Und doch: Interner Link: Dass Deutschlands Wirtschaft kaum noch wächst, liegt insbesondere am Externer Link: Erlahmen der Investitionstätigkeit. Übermäßige bürokratische Regulierungen tragen daran offensichtlich eine Mitschuld.
Um den Strukturwandel zu meistern, bräuchte Deutschland dringend mehr Firmenneugründungen. Aber offenkundig erschweren bürokratische Vorschriften auch die Lust am Gründen. So hat sich die Zahl junger Firmen im Verhältnis zur Einwohnerzahl in den vergangenen drei Jahrzehnten halbiert.
📰 Ist das neu?
Leider nein. Bürokratie und schwergängige Regulierung sind Dauerbrenner. Kaum ein Parteiprogramm, kaum ein Koalitionsvertrag kommt ohne Hinweis auf eine entschlossene Entbürokratisierung aus.
Tatsächlich ist seit Anfang der 2010er Jahre einiges geschehen. So sind die gemessenen Bürokratiekosten leicht gesunken, jedenfalls auf Bundesebene, wie auch der Normenkontrollrat feststellt. Für jede neue nationale Regulierungsmaßnahme soll eine bestehende abgeschafft werden, die sogenannte One-In–One-Out-Regel.
Prinzipiell bietet die Digitalisierung große Chancen für die Bürokratievereinfachung. Allerdings sind die Fortschritte langsam und uneinheitlich, auch weil im deutschen Föderalismus stets drei Ebenen – Bund, Länder und Kommunen – zusammenarbeiten müssen. 2025 hat die schwarz-rote Bundesregierung ein Ministerium für Digitales und Staatsmodernisierung eingerichtet und den früheren Topmanager Karsten Wildberger an die Spitze des Hauses gesetzt. Wieviel der Minister bewegen kann, wird er beweisen müssen.
🌐 Was machen die anderen?
Internationale Vergleiche sind schwierig, da eine einheitliche Datengrundlage fehlt. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zitiert in seinem Externer Link: Jahresgutachten 2025/26 einen Indikator der Weltbank, der inzwischen eingestellt ist. Besonders schlecht schneidet Deutschland demnach bei der Gewerbeanmeldung im Zuge von Firmengründungen ab. Auch bei anderen bürokratischen Verfahren machen es andere Länder Unternehmen generell leichter. Das gilt insbesondere für Dänemark und Schweden, aber auch für die USA.
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD hat die Bürgerinnen und Bürger in den Mitgliedstaaten befragen lassen. Dabei zeigt sich, dass Deutschland zu den Ländern gehört, die den größten Anteil von Unzufriedenen verzeichnen (siehe Grafik 3). Der Externer Link: OECD-Umfrage zufolge zählen für die Leute vor allem Geschwindigkeit und Einfachheit im Umgang mit der staatlichen Verwaltung. In beiden Punkten gibt es bei uns offenkundig Luft nach oben.
🤑 Wer will was?
Die Initiative für einen handlungsfähigen Staat hat einige Vorschläge zur Verwaltungsvereinfachung gemacht. Unter anderem schlagen die Expertinnen und Experten vor, bereits im Verfahren anzusetzen. So soll der Gesetzgebungsprozess „gründlicher, integrativer, transparenter und vollzugsorientierter“ werden. Gesetze sollen leichter umzusetzen und zu erfüllen und überhaupt „innovationsoffen und ausnahmefreundlich“ sein. Private Investitionen sollen erleichtert, die Digitalisierung vorangetrieben, der Datenschutz vereinfacht und gelockert werden. Die Liste der Vorschläge ist lang.
Der Beirat des Wirtschaftsministeriums schlägt vor, wo immer möglich großzügige Pauschalen statt kleinteiliger Einzelnachweise und Ausnahmen bei Kleinstbeträgen („Bagatellklauseln“) vorzusehen. Im Übrigen solle der Staat auf „Mikromanagement“ verzichten. Statt etwa technische Vorgaben zu machen, sollte der Staat Ziele vorgeben, den Weg dorthin aber den Unternehmen und den Bürgerinnen und Bürgern überlassen. Das „gold plating“ von EU-Richtlinien soll aufhören. Behörden sollten künftig an den Ergebnissen, die sie ermöglichen, gemessen werden. An deren Spitzen sollten häufiger Führungskräfte aus der Wirtschaft gesetzt werden, die sich moderner Managementmethoden bedienen. So soll der Vorrang der Prozessorientierung zurückgedrängt werden.
Ob solche Vorstöße eine Chance haben, liegt auch an den Bürgerinnen und Bürgern selbst. Denn oft ist es der öffentliche Ruf nach eindeutigen Regeln, der Parlamente und Regierungen in immer neue Gesetzgebungsverfahren lockt.
Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2025). Perspektiven für morgen schaffen – Chancen nicht verspielen. Externer Link: Jahresgutachten 2025/26 Kapitel 7 beschäftigt sich ausführlich mit Bürokratie, ihren Wirkungen, Kosten und Ursachen.
Julia Jäkel, Thomas de Maizière, Peer Steinbrück, Andreas Vosskuhle (2025). Initiative für einen handlungsfähigen Staat. Externer Link: Abschlussbericht. Der Bericht der beiden Ex-Minister, der Ex-Managerin und des Ex-Verfassungsgerichtspräsidenten befasst sich nicht nur mit der Bürokratieproblematik, bietet aber einige interessante Perspektiven auf das Thema.
Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (2025). Bürokratieabbau und ergebnisorientiertes Verwaltungshandeln. Externer Link: Gutachten. Flott geschriebener, meinungsstarker Text, der sich kritisch mit der Dominanz von Juristen in der Verwaltung auseinandersetzt.
Katrin Demmelhuber, Luisa Dörr, Klaus Gründler, Philipp Heil, Niklas Potrafke, Ramona Schmid (2024). Firmenbefragung zum Thema Bürokratie in Deutschland. Studie im Auftrag des Bundesministeriums der Finanzen. Externer Link: Ifo Forschungsberichte 148
Nationaler Normenkontrollrat (2025). Einfach, schnell, wirksam. Den Staat neu gestalten. Externer Link: Jahresbericht 2025. Alljährlich liefert das unabhängige Expertengremium der Bundesregierung ein umfassendes Update zur Regulierungslage der Nation.