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Die Entführung der „Landshut“ und die Globalisierung der 1970er Jahre

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Die Entführung der „Landshut“ und die Globalisierung der 1970er Jahre

Frank Bösch

/ 23 Minuten zu lesen

Die terroristische Flugzeug-Entführung 1977 korrespondierte mit der dynamischen Verflechtung der Welt in dieser Zeit. Diese neuen Vernetzungen erschwerten und ermöglichten die Geiselbefreiung.

Der Bonner Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski (M.) am 16. Oktober 1977 in Dubai, wo er sich in ständigem Kontakt mit den Entführern der Lufthansa-Maschine "Landshut" um die Freilassung der Geiseln bemüht. (© picture-alliance/dpa)

Hinweis

Der Autor hat sich im Hinblick auf geschlechtergerechte Sprache für das generische Maskulinum entschieden.

Die terroristische Gewalt 1977 wird oft als Deutscher Herbst bezeichnet. Die RAF-Morde am Generalbundesanwalt Siegfried Buback und am Dresdner Bank-Chef Jürgen Ponto im April und Juli gelten als blutiger Prolog hierzu. Ihnen folgten die Entführungen des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine „Landshut“, um elf RAF-Häftlinge und zwei palästinensische Häftlinge in Istanbul freizupressen. Gleich nach der Befreiung dieser Geiseln in Mogadischu fand man Schleyers Leiche und im Stammheimer Gefängnis die toten Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die sich das Leben genommen hatten.

Diese Ereignisgeschichte ist gut bekannt und oft dargestellt worden. Besonders anhand der Entführung der „Landshut“ lässt sich jedoch ausmachen, dass dieser deutsche Herbst des Terrorismus vielfältige internationale Bezüge hatte. Die Flugzeugentführung lässt sich auch, so das Argument dieses Artikels, als Ausdruck und Ergebnis jener beschleunigten Vernetzung der Welt in den 1970er Jahren interpretieren, die man heute als Globalisierung bezeichnet. Sowohl die Ursachen der Flugzeugentführung, ihr Verlauf als auch das staatliche Krisenmanagement lassen sich aus diesem Blick perspektivieren, um die bekannten Ereignisabläufe mit der wachsenden globalen Vernetzung der 1970er Jahre zu erklären.

Flugzeugentführungen in einer medialisierten Welt

Bereits 1969 erreichte die Zahl der Flugzeugentführungen einen Höhepunkt mit weltweit 85 gekaperten Maschinen, und sie blieb im folgenden Jahrzehnt auf einem erhöhten Niveau. Diese Zunahme korrespondierte mit einer sich globalisierenden Welt. Verbindungen zwischen entfernten Regionen verdichteten sich durch neue Großraumflugzeuge und günstige Charterreisen. Dass die entführte „Landshut“ am 13. Oktober 1977 Urlauber aus Mallorca zurückflog, war symptomatisch für einen neuartigen Massentourismus ins Ausland. Die zunehmend globalisierte Welt förderte zugleich die Vernetzung des Terrorismus sowie grenzübergreifende Geiselnahmen und Anschläge. Neben der Verbreitung von politischen Positionen dienten solche internationalen Flugzeugentführungen vor allem dem Freipressen von Terroristen aus Gefängnissen in unterschiedlichen Staaten. Die RAF hatte von solchen Geiselnahmen „einfacher Bürger“ bislang abgesehen und ihre Gewalt gegen Repräsentanten des Staates und der Wirtschaft konzentriert; die internationale Kooperation mit der „Volksfront zur Befreiung Palästinas” (PFLP) veränderte 1977 ihr Vorgehen, wodurch ihre Akzeptanz auch bei linken Sympathisanten stark sank.

Das in den 1970er Jahren ausgebaute Satellitenfernsehen ermöglichte eine grenzübergreifende Live-Übertragung derartiger terroristischer Aktionen. Flugzeug-Entführungen wanderten so emotionalisierend in die Wohnzimmer. Der Terrorismus, der stets als eine radikale Form der Kommunikation zu fassen ist, nutzte dieses Zusammenspiel von neuer Mobilität und Medienwelt. Gezielt suchten Terroristen Orte und Situationen, die medial große Aufmerksamkeit versprachen, um ihre Botschaften global zu verbreiten. Dies sollte den Druck auf die Erfüllung ihrer Forderungen erhöhen. Auch über den Irrflug der entführten „Landshut“ berichteten die Medien weltweit täglich und Journalisten folgten ihr. Medienberichte unterstützten so indirekt terroristische Akte.

Diese globale Kommunikation in Echtzeit erschwerte zudem, sei es in München 1972 oder bei der „Landshut“ 1977, die Befreiung von Geiseln. Da die globalen Medien sofort live über die Schritte und Informationen der Sicherheitskräfte berichteten, waren auch die Geiselnehmer darüber informiert. Als die GSG 9 etwa zur Befreiung der „Landshut“ in Istanbul Zwischenstation machte, meldete der Rundfunk sogleich deren Ankunft dort, weshalb ein Teil der GSG 9 nach Bonn zurückfliegen musste; zumindest ein Teil unter ihrem Kommandeur Ulrich Wegener blieb verdeckt dort, um bei der nächsten Landestation rasch einzugreifen. Die Geiselnehmer erfuhren auch aus den Medien, dass der Pilot der „Landshut“, Jürgen Schumann, Informationen über sie übermittelt hatte (etwa über Hinweise im Müll) – dies führte zu Misstrauen bei den Entführern, die Schumanns längere Abwesenheit in Aden dann zum Anlass nahmen, ihn zu erschießen. Als über die gut informierten Medien Israels die geplante Befreiung in Mogadischu vorab in Westeuropas Radios wanderte, war die gesamte Aktion gefährdet; Bundeskanzler Schmidt verhinderte zumindest erfolgreich die Auslieferung von Zeitungen mit der Meldung, um die Entführer nicht erneut zu warnen. Medien waren somit nicht einfach Berichterstatter, sondern veränderten durch ihre globale Vernetzung grenzübergreifend den Verlauf der Ereignisse.

Linksterroristische Netzwerke und staatliches Handeln im Kontext der Globalisierung

Der Linksterrorismus agierte in den 1970er Jahren oft international vernetzt und grenzübergreifend. Das galt für die Ausbildung an Waffen, die kooperative Planung und Durchführung von Anschlägen, die Wahl der Ziele und die Flucht ins Ausland. Palästinensische Terroristen spielten in diesen internationalen Netzen eine Schlüsselrolle. Die deutschen Terroristen waren schon früh von internationalen Guerilla-Bewegungen fasziniert, insbesondere denen in Lateinamerika. Während der Entführung der „Landshut“ trugen auch die palästinensischen Terroristen T-Shirts, auf denen Che Guevara aufgedruckt war, und ordneten sich so in die Tradition sozialistischer Guerillakämpfer und die Ikonographie der 68er-Bewegung ein.

Kontakte zwischen westdeutschen und palästinensischen Terroristen entstanden früh. Bereits 1969 trainierten einzelne linksextreme Deutsche um Rainer Kunzelmann in den Lagern der PLO-Organisation Fatah in Jordanien, ein Jahr später dann die Gründergeneration der RAF. Bis zur Entführung der „Landshut“ blieben der deutsche und palästinensische Terrorismus eng verbunden, besonders ab 1975. Umgekehrt wurden erste Anschläge von Palästinensern in der Bundesrepublik bereits 1969/70 registriert. Der Hass auf die USA und den „Imperialismus“ bildete ein wichtiges Bindeglied, da sie Israel als imperialistischen Vorposten der USA ansahen. Allerdings verübte die erste Generation der RAF kaum gemeinsame Anschläge mit der PLO und beschränkte sich auf logistische Hilfe und programmatische Unterstützung. Erst die zweite Generation internationalisierte sich gerade bei ihren Geiselnahmen stärker.

Die Motive für Flugzeugentführungen waren stets sehr heterogen. Entführungen aus dem sozialistischen Ostmitteleuropa sollten den Geiselnehmern Wege in die Freiheit ebnen, während die Linksextremisten vor allem ihre Genossen aus Gefängnissen pressen und Geld für neue Aktionen sichern wollten. Sie einte ihr symbolischer Angriff auf die moderne Mobilität, die staatliche Sicherheitsversprechen und menschliche Urängste herausforderte. Am 6. September 1970 wurden sogar vier verschiedene Flugzeuge, die gen New York fliegen wollten, zur gleichen Stunde von Palästinensern entführt, um ein besonders sichtbares Zeichen zu setzen. Diese Aktion zeigte, welchen Bumerangeffekt Entführungen haben können: Nachdem eine in Jordanien gelandete Maschine ein langes Geiseldrama ausgelöst hatte, reagierte Jordaniens Regierung mit der massenhaften Vertreibung von Palästinensern aus ihrem Staatsgebiet, um sich international von der Geiselnahme zu distanzieren. Neben Entführungen nahm seit 1970 auch das Zünden von Bomben in israelischen und US-amerikanischen Fliegern zu, um Angst zu verbreiten. Anschläge in Flugzeugen waren damit mit der Figur des Selbstmord-Attentäters verbunden, der besonders unberechenbar war und damit Befreiungsaktionen erschwerte.

Die vier „Landshut“-Entführer stammten alle aus palästinensischen Familien, hatten aber zum Teil internationale Viten. Ihr Anführer Zohair Youssif Akache stammte etwa aus einer von Palästina nach Libanon geflohenen Familie und hatte in London Flugzeugtechnik studiert. In England radikalisierte er sich und erschoss den Präsidenten Nordjemens und dessen Begleitung. Seine Mitentführerin Souhaila Sami Andrawes as-Sayeh stammte aus dem israelischen Haifa, wuchs in Beirut und in Kuwait in christlichen Schulen auf, um dann im Libanon zu studieren. Die Entführung der „Landshut“ wurde ebenfalls in globalen Netzwerken konzipiert: Die Planung entstand in Bagdad, wo der Palästinenser Wadi Haddad sie der westdeutschen RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt vorschlug.

Die Kooperation zwischen Linksterroristen aus dem Westen und denen des globalen Südens wurde durch die sozialistischen Staaten im Osten unterstützt, die wie die DDR enge Kontakte zur PLO pflegten. Grenzübergreifend war der Terrorismus entsprechend auch in deutsch-deutscher Perspektive. Die SED-Führung lehnte zwar offiziell den Terrorismus ab, ermöglichte Linksterroristen jedoch, über ihren Ost-Berliner Flughafen in den Nahen Osten zu reisen. So erhoffte sie sich Informationen und Kontrolle über deren Aktionen. Ebenso bildete sie PLO-Angehörige militärisch aus und bot einzelnen westdeutschen Terroristen Unterschlupf in der DDR. Selbst internationale „Top-Terroristen“ konnten in den Gästehäusern und Devisenhotels der DDR logieren. Im Zuge der Globalisierung überbrückte der Terrorismus damit auch jene Grenzen, die sonst versperrt erschienen.

Allerdings wandelte sich die Unterstützung des Terrorismus im Vorfeld der „Landshut“-Entführung. Die PLO, beziehungsweise die Fatah als deren größte Organisation, erklärte ab 1974 ihre Abkehr von terroristischen Aktionen wie Flugzeugentführungen. Ihre radikalen Splittergruppen, wie die „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ bei der „Landshut“-Entführung, setzten derartige Aktionen fort. Nachdem bei internationalen Anschlägen – wie etwa auf die OPEC-Zentrale in Wien Ende 1975 – auch Araber starben, forderten auch Staaten wie Saudi-Arabien ein schärferes Vorgehen gegen diese radikalen Palästinenser. Die offene Aufnahme und Förderung von Terroristen, wie sie besonders Südjemen oder Libyen praktizierten, bedeutete somit zunehmend eine Isolierung innerhalb der arabischen Staatenwelt. Entsprechend schwer fiel es 1977 den Entführern der „Landshut“, Landeplätze zu finden.

Zunehmend international waren auch die Opfer des Terrorismus. Viele Anschläge richteten sich besonders gegen Israelis und US-Amerikaner. In den von radikalen Palästinensern entführten Maschinen saßen freilich stets auch andere Staatsangehörige, was Befreiungsversuche zu einem grenzübergreifenden Politikum machte, bei dem viele Regierungen mitverhandelten. Auch andere terroristische Aktionen suchten gezielt internationale Opfer, um wiederum Terroristen aus unterschiedlichen Staaten mit einem Schlag freizupressen. So überfiel ein Kommando des „Schwarzen September“ 1973 die saudische Botschaft in Sudan bei einem Empfang mit westlichen Diplomaten, um Palästinenser in verschiedenen Staaten zu befreien; zwei Diplomaten aus den USA und einer aus Belgien wurden hierbei erschossen. Dies wiederum förderte grenzübergreifende Gegenmaßnahmen.

Durch diese weltweite Bedrohung kam es im Rahmen der Vereinten Nationen (UN) zu vielfältigen Gesprächen, um eine engere internationale Terrorismusbekämpfung zu etablieren. Bereits am Terrorismusbegriff stießen unterschiedliche Positionen aufeinander, da die sozialistischen Staaten von legitimen „Befreiungsbewegungen“ sprachen. Deshalb gelang 1973 nur ein Übereinkommen gegen die terroristische Ermordung von Diplomaten und 1976, unter Federführung der Bundesrepublik, gegen Geiselnahmen außerhalb bewaffneter Konflikte. Die arabischen Staaten stimmten dem in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre zu, um ihren Ruf als Terrorismusförderer loszuwerden. Eher schleppend verlief auch die westeuropäische Kooperation bei der Terrorismusbekämpfung. Die sogenannte TREVI-Konferenz der neun EG-Staaten zur Inneren Sicherheit führte ab 1976 zu einem intensiven Austausch, wenngleich zunächst zu wenig greifbaren Ergebnissen. Die Antiterror-Bekämpfung blieb insgesamt von nationalen Interessen geprägt. Auch bei der Befreiung der „Landshut“ 1977 standen damit bilaterale Verhandlungen mit zahlreichen Staaten im Vordergrund.

Zudem kam es zu einzelnen internationalen Geheimverhandlungen zwischen westlichen Regierungsvertretern und gesuchten Terroristen. Überliefert ist etwa ein Bericht über ein Geheimtreffen zwischen dem österreichischen Kanzler Bruno Kreisky, dem deutschen SPD-Politiker und Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski und zwei PLO-Abgesandten direkt nach der „Landshut“-Entführung im November 1977. Die PLO versprach dabei Unterstützung im Vorgehen gegen den Terrorismus im Gegenzug für eine stärkere Anerkennung Palästinas. In welchem Maße weitere derartig streng geheime Treffen stattfanden, ist bis heute unklar.

Olympia 1972 und Entebbe 1976: Zur Vorgeschichte der „Landshut“-Befreiung

Besonders zwei internationale terroristische Anschläge der 1970er Jahre beeinflussten die Befreiung der „Landshut“ in Mogadischu. Zum einen veränderte die Geiselnahme bei den Olympischen Spielen in München 1972 den deutschen Umgang mit dem internationalen Terrorismus. Sowohl die Herkunft der palästinensischen Attentäter als auch ihre Flucht unterstrich die neue internationale Gefährdung der inneren Sicherheit der Bundesrepublik, die zugleich die globale Reputation des Staates herausforderte. Die Terroristengruppe „Schwarzer September“ nahm elf israelische Sportler als Geiseln, um 232 Palästinenser, einen japanischen Terroristen und die RAF-Mitglieder Andreas Baader und Ulrike Meinhof freizupressen. Wie sich später zeigte, wurden sie zudem durch deutsche Neonazis unterstützt. Die dilettantisch durchgeführte Befreiungsaktion der deutschen Polizei mündete in den Tod aller Geiseln. Die überlebenden Täter kamen hingegen frei, da sie im Austausch gegen die daraufhin entführte Lufthansa-Maschine „Kiel“ nach Libyen überstellt wurden, wo sie als Helden gefeiert untertauchen konnten.

In Reaktion auf diese desaströse Erfahrung baute die Bundesregierung eine Sondereinheit des Bundesgrenzschutzes auf – die Grenzschutzgruppe 9 (GSG 9), um künftig professioneller Geiseln zu befreien. Die internationale Kritik an der Freipressung der Terroristen, insbesondere von Israel, leitete schrittweise ein Umdenken bei Verhandlungen zwischen der Bundesregierung und Terroristen ein. Bei der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz 1975 durch die Bewegung 2. Juni ließ Kanzler Schmidt sich zwar noch widerwillig überzeugen, terroristische Gefangene freizugeben, aber danach beharrte er auf seiner harten Linie, keiner Freipressung mehr nachzugeben. Bei der „Landshut“-Entführung stand fest, dass nicht mit Geiselnehmern verhandelt wurde.

Die Befreiung der „Landshut“ knüpfte vor allem an die Flugzeug-Entführung nach Entebbe 1976 an. Diese wurde zum Symbol des internationalen Terrorismus. Hier hatten zwei westdeutsche Terroristen der Revolutionären Zellen, Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, mit Genossen der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ ein Flugzeug der Air France gekapert. Sie zwangen die Maschine mit 248 Passagieren in Entebbe in Uganda zu landen, wo der dortige Diktator Idi Amin die Terroristen mit Umarmung empfing und Unterstützung versprach. Dass in der Folge der Geiselnahme eine Unterteilung der Geiseln in eine israelische und eine nicht-israelische (in anderen Quellen: jüdische und nichtjüdische) Gruppe vorgenommen wurde, um 53 Terroristen aus Gefängnissen in unterschiedlichen Staaten freizupressen (darunter sechs Deutsche der RAF), unterstrich sowohl die internationale als auch die antisemitische Dimension der Linksterroristen. Obgleich Ugandas Diktator Adi Amin Hitler verherrlichte und Juden hasste, kooperierte Israels Regierung mit Amin, um die Geiseln dort zu befreien.

Die Befreiungsaktion durch israelische Spezialkräfte erwies sich als wegweisend für die Stürmung der „Landshut“. Bei der Befreiung wurden sämtliche Entführer getötet, während nur drei der hundert Geiseln zu Tode kamen. Die Bundesregierung war zwar in diese Rettungsaktion nicht eingeweiht und erhielt vielmehr zur Täuschung die Aufforderung, die geforderte Freilassung der Gefangenen vorzubereiten; aber der Kommandeur der GSG 9 reiste ebenfalls nach Entebbe und konnte so direkt Erfahrungen sammeln. Schon Jahre zuvor hatte er in Israel zur „Weiterbildung“ mit der dortigen Spezialtruppe die Stürmung entführter Flugzeuge trainiert. Der Erfolg bestärkte Schmidts Kurs, in entsprechenden Situationen nicht zu verhandeln.

Unumstritten waren derartige Befreiungen nicht. Die DDR-Regierung verurteilte etwa die Befreiung als „Israelischen Überfall auf Uganda“ und „verbrecherischen Anschlag Tel Avivs“ und unterschlug ihren Bürgern die Aufteilung der Geiseln nach jüdischer Zugehörigkeit. Auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kurt Waldheim, und die Organisation für Afrikanische Einheit sah darin einen Bruch des Völkerrechts sowie eine Gefährdung des internationalen Friedens und der Sicherheit. Dies unterstrich, wie sehr selbst die Geiselnahme von Juden durch die Brille des Kalten Kriegs bewertet wurde. Die Entführungen von München und Entebbe verdeutlichten zudem, dass Befreiungsaktionen neue Gewalt nach sich zogen. Da Kenia den israelischen Einsatz logistisch unterstützte, ließ Idi Amin in Uganda lebende Kenianer verfolgen und auch töten. Der für die Entführung von Entebbe konzeptionell verantwortliche Palästinenser Wadi Haddad entwarf im Anschluss den Plan für die Entführung der „Landshut“. Der Name des Kommandos der „Landshut“-Entführer, „Martyr Halimeh“, verwies auf den Decknamen der in Entebbe zu Tode gekommenen Terroristin Brigitte Kuhlmann. Dies zeigte, wie selbstreferentiell der Terrorismus wurde, dessen Anschläge grenzübergreifend aufeinander aufbauten.

Nach der Befreiung der Geiseln in Mogadischu wurde oft bemerkt, dass sich die Passagiere trotz größter Belastung äußerst ruhig verhielten und auch beim GSG 9-Einsatz diszipliniert die Maschine verließen. Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass die Opfer derartige Entführungen und Befreiungen aus den Medien kannten. Dies förderte zwar die Angst vor dem Fliegen, gewährte aber zugleich eine Vorstellung davon, was passieren könnte und wie man handeln müsste. Entebbe hatte der Weltöffentlichkeit vorgeführt, dass eine dramatische Befreiungsaktion glücken kann.

Die internationale Dimension der „Landshut“-Entführung

Die Befreiung der „Landshut“ setzte umfangreiche diplomatische Gespräche voraus, um alle direkt oder indirekt beteiligten Staaten einzubinden. Das bundesdeutsche Verhältnis zu den arabischen Staaten des Nahen Ostens schwankte zwischen Kooperation und Distanz. Nach der Aufnahme deutsch-israelischer Beziehungen 1965 hatten die meisten arabischen Staaten ihre diplomatischen Kontakte eingefroren, nahmen diese ab Anfang der 1970er Jahre aber wieder auf. 1973 belastete der erneute Nahost-Krieg mit Israel das Verhältnis, zumal die arabischen OPEC-Staaten Öllieferungen als Druckmittel gegen den Westen einsetzten und ihre Preise erhöhten. Zugleich intensivierten die gestiegenen Öleinnahmen wirtschaftliche und politische Kontakte zum Westen. Um Geiselbefreiungen wie bei der „Landshut“ einzuleiten, bestanden somit oft Gesprächsfäden, besonders nach Saudi-Arabien und den Arabischen Emiraten, aber selbst nach Libyen.

Der politische Kontakt zu Staaten, die den Terrorismus förderten oder Terroristen Zuflucht gewährten, war meist ein heikler Balanceakt. Die Regierungen von Algerien, Libyen oder Südjemen wiesen dieses Thema oft als eine Unterstellung zurück. Denn auch sie fürchteten um ihr internationales Image und eine ökonomische Isolierung. Ab Mitte der 1970er Jahre lehnten sie die Aufnahme von freigepressten Geiseln und Terroristen meist ab. Mitunter wurden sie durch Anreize zur Rettung von Geiseln erst dazu gedrängt, wie Südjemen bei der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Lorenz.

Auch im Herbst 1977 suchte das Auswärtige Amt Gespräche zu Staaten, die mögliche Ausreiseländer für freigepresste Terroristen waren. Vor allem Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski reiste in dieser Mission nach Algerien, Libyen oder in den Irak. Der SPD-Politiker galt seit seiner Unterstützung der algerischen Unabhängigkeitsbewegung Ende der 1950er Jahre als verlässlicher Unterhändler im arabischen Raum und hatte bereits 1970 in Geiselverhandlungen in Jordanien den PLO-Führer Arafat getroffen. Bei der Befreiung der „Landshut“ diente Wischnewski erneut als Krisenmanager in Dubai und Mogadischu und warb in Dubai vergeblich für eine Geiselbefreiung durch die GSG 9 oder den Austausch der Geiseln gegen seine Person.

Die meisten Staaten scheuten 1977 freilich eine Befreiung der „Landshut“ auf ihrem Territorium. Selbst in Rom, wo die entführte Maschine erstmals auftankte, verweigerten Italiens Behörden ein rasches Eingreifen aus Angst, ein Blutbad könne den ohnehin massiven Terrorismus in Italien fördern. Beim folgenden Zwischenstopp in Zypern konnte die Bundesregierung immerhin einen PLO-Vertreter mobilisieren, die Entführer zum Aufgeben zu bewegen, da sie dem palästinensischen Anliegen schaden würden; auch PLO-Führer Arafat distanzierte sich. Als die GSG 9 in Zypern landete, war die „Landshut“ freilich schon ungehindert abgeflogen.

Beim Weiterflug zeigten die arabischen Staaten ihre begrenzte Kooperationsbereitschaft mit den Entführern. Die Regierungen in Beirut, Amman und Kuwait verweigerten den Terroristen den erhofften Zwischenstopp. Ein Tankstopp wurde schließlich in Dubai auf Bitten der Bundesregierung gewährt. Selbst die sozialistische Regierung Südjemens verweigerte eine Landung in Aden und verbarrikadierte die Landebahn, so dass die Maschine dort aus Treibstoffmangel eine Notlandung neben der Fahrbahn machen musste. Während Staaten wie Südjemen vormals noch freigepresste Terroristen aufnahmen, lehnten sie dies nun ab, da es ihre internationale Reputation gefährdete.

Die Befreiung der „Landshut“ erforderte damit eine komplexe internationale Diplomatie. Bundeskanzler Helmut Schmidt telefonierte mit zahlreichen Regierungschefs und Ministern anderer Staaten, um Unterstützung zu gewinnen. Den Präsidenten und den Verteidigungsminister der Vereinigten Arabischen Emirate bat er, das Flugzeug auf keinen Fall starten zu lassen, um eine Stürmung zu ermöglichen. Dabei pries er seinen Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski, der mit Polizeikräften der „Landshut“ nach Dubai nachreiste, als engen Freund der arabischen Kultur an, der „unbeschränkte Vollmachten der Bundesregierung“ habe. Zeitgleich sprach Schmidt mit dem britischen Premierminister Callaghan eine militärische Erstürmung mit britischen Soldaten ab. Allerdings scheute auch die Regierung der Arabischen Emirate eine Befreiung in ihrem Land, bei der vermutlich Palästinenser von westeuropäischen Polizisten erschossen würden. So sehr sie den Terrorismus verachteten, fürchteten sie offensichtlich die Reaktionen aus der eigenen und der benachbarten Gesellschaft. Schließlich lebten auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten viele Palästinenser, deren Unmut das Herrscherhaus vermeiden wollte.

Umstritten war im deutschen Regierungsapparat, ob beim nächsten Landestop der „Landshut“ im sozialistischen Südjemen auch die Hilfe der DDR erbeten werden sollte. Während im Bundeskanzleramt Ministerialdirektor Rufus dagegen argumentierte, „dass wir uns Honecker politisch verpflichten“, kam es schließlich doch zu einem Versuch, über die DDR-Botschaft in Aden unterstützend Einfluss zu nehmen. Die Notlage überbrückte somit diplomatische Befindlichkeiten.

Die erkaufte Befreiungsaktion: diplomatischer Deal mit Somalia

Nachdem Südjemen und Vietnam die potentielle Aufnahme der RAF-Terroristen abgelehnt hatten, blieb Somalia als letztes der verlangten Ziele übrig. Dass die „Landshut“ nicht nur im islamisch geprägten Somalia landete, sondern hier auch befreit werden konnte, entwickelte sich ebenfalls aus komplexen internationalen Konstellationen und Verhandlungen. Die vormals britische und italienische Kolonie Somalia hatte nach ihrer Unabhängigkeit 1960 zunächst demokratische Strukturen aufgebaut. Nach einem Militärputsch unter Siad Barre entstand jedoch eine sozialistische, an die Sowjetunion angelehnte Diktatur. 1977 verkomplizierte sich diese außenpolitische Konstellation: Somalias Krieg mit dem ebenfalls sowjetisch unterstützten Äthiopien ließ die Bindung nach Moskau bröckeln. Erst kurz vor der Landung der „Landshut“ waren die letzten DDR-Militärberater abgezogen. Angesichts des Wettlaufes um Einfluss in Afrika hatte die Bundesrepublik Somalia weiterhin mit signifikanter Kapitalhilfe und technischer Hilfe gefördert und sogar Polizeiausbildung gewährt. Enge Beziehungen hatte die Bundesrepublik zu Somalia somit nicht, aber durchaus vertrauensbildende Kontakte, die sich nun auszahlten.

Diese Konstellation im Ost-West-Konflikt ermöglichte, eine deutsche Geiselbefreiung in Somalia zu erkaufen. Bereits in seinem ersten Telefongespräch mit Somalias Botschafter Bokah kündigte Bundeskanzler Schmidt an, eine somalische Hilfe würde mit „der Bereitschaft zu umfassender Unterstützung honoriert.“ Kurz darauf versprach Schmidt Präsident Siad Barre den Ausbau der „guten Zusammenarbeit […] insbesondere auf wirtschaftlichem und finanziellem Gebiet“. Die Aussicht auf ökonomische Hilfe, darunter verklausuliert auch indirekte Waffenlieferungen, überzeugte Siad Barre, die GSG 9 ins Land zu lassen. Genscher suggerierte Barre zudem wider besseres Wissen, dass die Entführer wohl drei Deutsche und ein Palästinenser seien, um islamische Solidarisierungseffekte zu mindern.

Das Einfliegen der GSG 9 war deshalb so heikel, weil es als Verletzung der staatlichen Souveränität Somalias gedeutet werden konnte. Gerade postkoloniale Staaten waren darauf bedacht, ihre staatliche Hoheit gegenüber Westeuropäern zu unterstreichen. Während die westlichen Staaten in der 1960er Jahren noch zahlreiche militärische Stützpunkte in Nordafrika hatten (etwa in Libyen, Äthiopien u.a.), führte der sozialistische Kurswechsel und das neue Selbstbewusstsein vieler Staaten dazu, dass bei der Befreiung der „Landshut“ Landemöglichkeiten fehlten. Entsprechend vorsichtig betonte Schmidt auch gegenüber Barre immer wieder: „Wir werden nichts tun, was Ihren Wünschen nicht entspricht, sondern werden Ihre Souveränität voll respektieren.“ Wischnewski traf sich in Mogadischu mehrfach mit Staatspräsident Barre, um persönlich Vertrauen aufzubauen.

Ein deutscher Polizeieinsatz im Ausland suggerierte zudem, dass die dortigen Sicherheitskräfte nicht gut genug ausgebildet seien, um ein Flugzeug zu stürmen. Bereits in Dubai entstanden Diskussionen darum, ob nicht die einheimische Polizei dies übernehmen könne, was die Deutschen ablehnten. Entsprechend vorsichtig taktierte die Bundesregierung bei Somalias Staatsführung. Vor Ort sollten die Einsatzleiter der GSG 9 den Regierungsstellen persönlich vorgestellt werden, um Vertrauen aufzubauen. Es wurde angeboten, dass die somalischen und deutschen Spezialkräfte an einem alten Flugzeug ihren Geiseleinsatz vorab wechselseitig vorführen. Nachdem die somalischen Soldaten hier an einer raschen Öffnung des Flugzeuges scheiterten, erlaubten sie den deutschen Einsatz. Das Einfliegen der GSG 9 gelang zeitlich nur, weil die Bundesregierung den Entführern suggerierte, die RAF-Terroristen freizulassen. Auch dieses Hinhalten per Täuschung folgte dem Beispiel der Befreiung von Entebbe. Um möglichst kurz auf Somalias Boden zu bleiben, flog die GSG 9 sofort nach dem Einsatz wieder aus. In der anschließenden Berichterstattung betonte Somalias Presse hingegen den eigenen großen Anteil an der Befreiung, um die Wahrung der Souveränität und die eigene Kompetenz hervorzuheben.

Obgleich Somalia eine sozialistische Diktatur war, sparte die Bundesregierung nicht mit großem symbolischen und materiellen Dank. Somalias Botschafter durfte an einer Kabinettssitzung teilnehmen und wurde im Bundestag mit Beifall begrüßt, während Schmidt die Botschaft zum Nationalfeiertag besuchte. Zudem gewährte die Bundesregierung neben einem sogleich beschlossenen frei verfügbaren Kredithilferahmen von 25 Millionen DM noch sechs Millionen an technischer Hilfe, darunter die Lieferung von LKW. Da die Bundesrepublik offiziell ihren Grundsatz wahren wollte, keine Waffen in Kriegsgebiete zu liefern, bot Schmidt vertraulich an: „Die Bundesregierung könne aber finanzielle Unterstützung geben, die auch für Verteidigungszwecke verwendet werden könnte.“ Deren Gewährung war freilich ein riskanter Eingriff in den fragilen Ost-West-Konflikt und dessen blutige Fortsetzung in Afrika. Um Waffenlieferungen zu vermeiden, versprach Schmidt eine wirtschaftliche Hilfe von 76 Millionen DM für 1977/78, die diskrete Waffenkäufe in Nachbarländern wie Ägypten ermöglichte. Der Preis für die Tötung der Geiselnehmer in Mogadischu war damit materiell und moralisch hoch: Die Bundesregierung finanzierte dafür indirekt einen Krieg einer sozialistischen Autokratie.

Der Mythos der GSG 9 als internationaler Imagegewinn

Die Männer der GSG 9 kehrten aus Mogadischu als die eigentlichen Helden wieder, die weltweit Anerkennung erhielten. Die Bundesregierung erhielt nach der Rettungsaktion aus vielen Ländern Glückwünsche für den Einsatz. Während sich ihre Bundeswehr bei internationalen Einsätzen zurückgehalten hatte, konnte die Grenzschutztruppe bei diesem quasi ersten militärischen Auslandseinsatz nach 1945 vor der Weltöffentlichkeit glänzen. „Triumph für Helmut Schmidt“, titelte etwa die New York Times. In einem Telefonat mit Schmidt und gegenüber der Presse lobte der britische Premier Callaghan, „die Bundesregierung führe den Kampf gegen den Terrorismus für die Welt, sie habe für die Welt eine Schlacht gewonnen.“ Nicht nur der Terrorismus war zu einem globalen Phänomen geworden, sondern auch der militärische Kampf gegen ihn. Der Fund von Schleyers Leiche minderte freilich den staatlichen Triumph, ebenso der in Aden erschossene Pilot der „Landshut“, Jürgen Schumann.

Besonders konservative Politiker begrüßten die Aktion dennoch als heroische nationale Tat. „In diesen Wochen ist sichtbar geworden, daß die Deutschen noch ein Volk sind und nicht nur eine Wohlstandsgesellschaft. […] Diese unter Leiden gewonnenen mit dem Lebensopfer von Mitbürgern besiegelte Staatsqualität wollen wir festhalten“, betonte etwa Alfred Dregger (CDU) im Bundestag. Derartige Worte erinnerten an eine nationale Einigung durch einen erfolgreichen Kriegseinsatz. Eine rein deutsche Befreiung war es freilich nicht: Auch der britische Special Air Service (SAS) war beteiligt, stellte Ausrüstungsteile, und einer seiner Mitglieder, Berry Davies, stürmte mit in die Maschine.

Zahlreiche Staaten wollten nun eine deutsche Polizeiausbildung im Sinne der GSG 9. Selbst und gerade Diktaturen wie Libyen oder Zaire baten um eine derartige Schulung. Da zu befürchten war, dass solche Staaten das GSG 9-Training gegen Oppositionelle einsetzen könnten, erhielten sie dafür meist keine Zusagen. Zumindest eine Polizeischulung wurde jedoch häufig auch nicht-demokratischen Ländern gewährt. Dennoch wurden die Methoden der GSG 9 zu einem werbewirksamen „Exportschlager“.

Die Entführung der „Landshut“ war ein Höhepunkt internationaler linksterroristischer Aktivitäten in der Bundesrepublik, aber kein Endpunkt. Vor allem war damals unklar, mit welchen Vergeltungsmaßnahmen die linksextreme Szene reagieren würde, und einige fragten sich, welche Ziele als nächsten dran seien: „Der Kölner Dom? Das Kernkraftwerk Biblis? Die Nato in Brüssel?“, unkte Der Spiegel halb ernst, halb ironisch. Tatsächlich protestierten viele Linksradikale in westlichen Staaten gegen die Befreiung der „Landshut“: „Mörder, Mörder“ nannten sie die GSG 9-Befreier, schmissen Steine in internationale Niederlassungen von VW und Porsche und auch ein Intellektueller wie Jean-Paul Sartre unterschrieb entsprechende Manifeste. Zudem unterstützte die DDR die PLO mit Waffen und Geheimdienstkooperationen.

Die RAF verlor hingegen nach der gescheiterten Befreiung an Bedeutung. Einzelne gaben Waffen zurück oder flohen in die DDR. Das Sympathisanten-Umfeld schrumpfte, da die gnadenlose Gewalt 1977 abschreckte. Folgt man den Daten der Verfassungsschutzberichte, nahm sowohl die Zahl der bundesdeutschen als auch die der ausländischen terroristischen Gewalttaten in den Jahren nach 1979 wieder stark zu. Dennoch kam es Ende der 1970er Jahre zu einer Transformation der Linken. Statt auf marxistische Debatten und Gewalt setzten sie nun auf eine praktische, eher pazifistische Rettung der Welt, sei es im Bereich der Ökologie, der Friedensbewegung oder der Solidarität mit der „Dritten Welt“. Morde verübten um 1980 in der Bundesrepublik nun eher Rechtsextremisten, die jedoch damals noch stärker als heute – vielfach als Einzeltäter verklärt wurden.

Einzelne islamisch geprägte Staaten, wie insbesondere Gaddafis Libyen, förderten in den 1980er Jahren weiter den Terrorismus. Dazu zählte auch die Erschießung libyscher Oppositioneller auf deutschen Straßen, logistisch unterstützt durch die libysche Botschaft in Bonn. Auch hier wurden die libyschen Täter freigepresst, indem sie gegen in Libyen zuvor verhaftete Deutsche ausgetauscht wurden. Die „Landshut“-Befreiung führte also nicht dazu, dass der Staat unnachgiebig blieb. Besonders das Attentat in der West-Berliner Diskothek La Belle 1986 unterstrich den fortgesetzten grenzübergreifenden Terrorismus in der Bundesrepublik. Arabische Drahtzieher aus dem Nahen Osten kooperierten hier mit Ost-Berliner Behörden, um bei dem Anschlag möglichst viele US-amerikanische Soldaten auf deutschem Boden zu töten. Abgefangene kodierte Anrufe aus der libyschen Botschaft Ost-Berlins deuteten deren Beteiligung an. Die Bombenexplosion in einer PanAm-Maschine über dem schottischen Lockerbie 1988 wies ebenfalls Spuren nach Libyen auf, dessen Staatsführung freilich jede Beteiligung abstritt.

Von den palästinensischen Anschlägen und Geiselnahmen führt keine direkte Linie zum islamistischen Terrorismus seit den 1990er Jahren. Wie angedeutet, kooperierten auch bei der Entführung der „Landshut“ christlich, islamisch oder atheistisch geprägte Täter, die ein sozialistisches und „anti-imperialistisches“ Weltbild einte. Die radikale Feindschaft gegenüber Israel und den USA sowie die erstrebte „Befreiung Palästinas“ bildet sicherlich ein Bindeglied zur Gegenwart. Vor allem aber steht der heutige Terrorismus in der Tradition jener Globalisierung der Täter, Opfer und Verfolgung, die sich in den 1970er Jahren ausbildete.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Dokumentation der Bundesregierung zur Entführung von Hanns Martin Schleyer: Ereignisse und Entscheidungen im Zusammenhang mit der Entführung von Hanns Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine „„Landshut““, München 1977, hier: S. 137-139.

  2. Meist journalistisch, vgl. zuletzt etwa: Chris McNab, Operation Mogadischu: Die Entführung von Lufthansa-Flug 181 „„Landshut““, Flensburg 2016; Anne Ameri-Siemens, Ein Tag im Herbst. Die RAF, der Staat und der Fall Schleyer, Bonn 2017; Butz Peters, Hundert Tage: Die RAF-Chronik 1977, München 2017.

  3. Annette Vowinckel, Flugzeugentführungen: Eine Kulturgeschichte, Göttingen 2011, S. 8 und 25.

  4. Klaus Weinhauer/Jörg Requate (Hg.), Gewalt ohne Ausweg? Terrorismus als Kommunikationsprozess in Europa seit dem 19. Jahrhundert, Frankfurt/New York 2012.

  5. Vgl. im direkten Rückblick: Botschafter Sahm/Ankara an AA 20.10.1977, in: Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland (AAPD) 1977, bearb. von Amit Das Gupta u.a., München 2008, S. 1437; vgl. Erinnerungen der Zeitzeugen, in: Anne Ameri-Siemens, Ein Tag im Herbst. Die RAF, der Staat und der Fall Schleyer, Bonn 2017, S. 114f., 138.

  6. Vgl. dazu Frank Bösch, Das historische Ereignis, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 12.05.2020. Externer Link: http://docupedia.de/zg/Boesch_ereignis_v1_de_2020, DOI: Externer Link: http://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok-1754

  7. Vgl. Christopher Daase, Die RAF und der internationale Terrorismus. Zur transnationalen Kooperation klandestiner Organisationen, in: Wolfgang Kraushaar (Hg.), Die RAF und der linke Terrorismus, Bd. 2, Hamburg 2006, S. 905-929.

  8. Thomas Skelton Robinson, Im Netz verheddert. Die Beziehungen des bundesdeutschen Linksterrorismus zur Volksfront für die Befreiung Palästinas (1969-1980), in: Kraushaar (Hg.) Die RAF und der linke Terrorismus, Bd. 2, S. 828-904, S. 871; Stefan Aust, Der Baader-Meinhof-Komplex, München 1989, S. 103-114; Gerd Koenen, Das Rote Jahrzehnt: Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977, Frankfurt/M. 2002, S. 179f.

  9. Matthias Dahlke: Demokratischer Staat und transnationaler Terrorismus. Drei Wege zur Unnachgiebigkeit in Westeuropa 1972-1975, München 2011, S. 59.

  10. Daase, Die RAF, S. 919, 922f.

  11. Peters, Hundert Tage, S. 241.

  12. Zu letzterem: Lutz Maeke, DDR und PLO. Die Palästinapolitik des SED-Staates, Berlin 2017; Jeffrey Herf, Unerklärte Kriege gegen Israel: Die DDR und die westdeutsche radikale Linke, 1967-1989, Göttingen 2019, S. 372-416.

  13. Matthias Bengtson-Krallert, Die DDR und der internationale Terrorismus, Marburg 2017, S. 366-370.

  14. Bernhard Blumenau, The United Nations and Terrorism: Germany, Multilateralism & Antiterrorism Efforts in the 1970s, London 2014, S. 198f.

  15. Eva Oberloskamp, Codename TREVI. Terrorismusbekämpfung und die Anfänge einer europäischen Innenpolitik in den 1970er Jahren, Berlin 2017, S. 266; vgl. zudem die Beiträge in: Johannes Hürter (Hg.), Terrorismusbekämpfung in Westeuropa. Demokratie und Sicherheit in den 1970er und 1980er Jahren, München 2015

  16. Matthias Dahlke: Das Wischnewski-Protokoll. Zur Zusammenarbeit zwischen westeuropäischen Regierungen und transnationalen Terroristen 1977, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 57.2 (2009), S. 201-215; Tim Geiger Westlicher Anti-Terrorismus-Diplomatie im Nahen Osten, in: Hürter (Hg.), Terrorismus, S. 259-288, hier S. 274f. und 281.

  17. Diese Vermutung, die der beteiligte Neonazi Willi Pohl früh auch selbst verbreitete, belegen vom Spiegel eingesehen Akten des Verfassungsschutzes; Felix Bohr u.a., Braune Hilfe, in: Spiegel 35/2012, S. 32-35.

  18. Zum Aufkommen der „Unnachgiebigkeit“: Dahlke: Demokratischer Staat, S. 427-434.

  19. Vgl. auch den Interner Link: Beitrag von Annette Vowinckel.

  20. Zum Ablauf der Befreiung: Markus Eikel, Keine „Atempause“; zur antisemitischen Dimension: Jeffrey Herf, Unerklärte Kriege, S. 345-366.

  21. Eikel, Keine „Atempause“, S. 253.

  22. So GSG9-Leiter Wegener in: Ameri-Siemens, Ein Tag, S. 117.

  23. Kurzprotokoll Kabinettssitzung 29.6.1976.

  24. Neues Deutschland, 6.7. und 7.7.1976, S. 7. Ebenso die Sowjetunion im UN-Sicherheitsrat: Herf, Vergessene Kriege, S. 351f.

  25. Robinson, Im Netz verheddert, S. 871.

  26. Tim Geiger, Die „„Landshut“” in Mogadischu, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 57.3 (2009), S. 421f., 425. Vgl. auch: Hans J Wischnewski, Mit Leidenschaft und Augenmaß. In Mogadischu und anderswo. Politische Memoiren, München 1989, S. 207f.

  27. Wischnewski, Mit Leidenshaft, S. 130, 230

  28. Geiger, Die ‚“Landshut“‘, S. 430

  29. Telefongespräch Schmidt mit Zayed Bin Sultan al Nahayan und Bin Rashid 16.10.1977, in: AAPD 1977, S. 1397 u. 1399f.

  30. Telefongespräch Schmidt- Callaghan 16.10.1977, in: AAPD 1977, S. 1395f.

  31. Vgl. die Korrespondenz in: AAPD 1977, S. 1408, Anm. 3 und 6; Geiger, Die ‚“Landshut“‘, S. 439; Wischnewski, Leidenschaft, S. 209, 222.

  32. Gespräch Schmidt mit Botschafter Bokah 17.10.1977, in: AAPD 1977, S. 1403

  33. Gespräch Schmidt mit Präsident Barre 17.10.1977, in: AAPD 1977, S. 1404, Anm. 3.

  34. Gespräch Schmidt mit Botschafter Bokah 17.10.1977, in: AAPD 1977, S. 1403

  35. So Schmidts Botschaft über Wischnewski 17.10.1977, in: AAPD 1977 S. 1407.

  36. So GSG9-Leiter Wegener in: Ameri-Siemens, Ein Tag, S. 115f.

  37. Vgl. Zeitzeugengespräch mit GSG 9-Mann Dieter Fox, Landshut-Entführung. Die Lage in Mogadischu, von: https://www.youtube.com/watch?v=1s-_Qieoag4 [ges. 18.12.2021]

  38. Geiger, Die ‚“Landshut“‘, S. 446f.

  39. Gespräch Schmidt mit Bokah, 3.11.1977, in: AAPD 1977, S. 1514

  40. Geiger, Die ‚“Landshut“‘, S. 453f.

  41. German Troops free Hostages, in: New York Times 18.10.1977, S.77

  42. Telefongespräch Schmidt- Callaghan 18.10.1977, in: AAPD 1977, S. 1411.

  43. Dregger Drucksache Bundestag 28.10.1977, S. 4096.

  44. Barry Davies, Fire Magic: Hijack to Mogadishu, London 1994; McNab, Operation Mogadishu, S. 126f.

  45. Vgl. etwa Reimann/Grenzschutzkommando West an BMI 4.8.1986, in: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes BAV 116 KINS 21105.

  46. „Deutsche können stark und menschlich sein“, Der Spiegel 23.10.1977.

  47. So zumindest laut: „Deutsche können stark und menschlich sein“, Der Spiegel 23.10.1977.

  48. Herf, Unerklärte Kriege, S. 386-395.

  49. Vgl. als guten Überblick: Petra Terhoeven, Die Rote Armee Fraktion. Eine Geschichte terroristischer Gewalt, München 2017, S. 93.

  50. Daten nach: Oberloskamp, Codename TREVI, S. 17.

  51. Tim Szatkowski, Die Libyenpolitik der Regierung Kohl/Genscher bis zum Attentat auf die Diskothek ‚La Belle‘ (1982-1986), in: Historisch-Politische Mitteilungen 24.1 (2019), S. 109-150, S. 117.

Weitere Inhalte

ist Professor für Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Universität Potsdam und Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF).