beleuchteter Landschaftspark Duisburg Nord am Abend

Redaktion Bundeskongress am 21.03.2015

Sektion 3 – Die Entwicklung der Städte

Immer mehr Menschen strömen in den urbanen Raum: Im Jahr 2020 werden es Schätzungen zufolge bereits 75 Prozent der Weltbevölkerung sein. Städte werden so zu Orten der Verheißung auf ein besseres Leben – aber auch zur treibenden Kraft sozialer Ausgrenzung. Eine Sektion über Lebens(t)räume.

Übertragung von Sektion 3: "Entwicklung der Städte"

Referierende der Sektion 3:
Prof. Dr. Benjamin Barber, Politikwissenschaftler, USA
Dr. Regina Bittner, Bauhaus Kolleg Dessau
Uli Hellweg, IBA Hamburg GmbH
Prof. Dr. Michael Voigtländer, Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) e.V.
Moderation: Kathrin Latsch, Journalistin und Autorin


Cities work, nation states don't



Politikwissenschaftler Benjamin Barber fordert, den Städten mehr Verantwortung zu geben. Im Gegensatz zu Nationalstaaten seien sie in der Lage, realitätsnäher auf die Sorgen und Wünsche der Bürger einzugehen. Jedoch sei die derzeitige finanzielle Ausstattung der Städte bei weitem nicht ausreichend. Zwar sind es die Städte, die 80 Prozent des BIP – und somit letztlich den Großteil des Steueraufkommens – generieren. Der Nationalstaat verteilt dieses aber zu Ungunsten der Kommunen. Laut Barber sollen die Städte ihr Recht auf diese Einnahmen geltend machen, um ihre Aufgaben erfüllen zu können. Nur durch die nationale und internationale Vernetzung der Städte untereinander würden die Kommunen zum ernstzunehmenden Akteur auf der weltweiten Bühne: Ein globales Parlament der Bürgermeister wäre hierfür eine mögliche Institution.

Das Urbane als Kreativkraft



Uli Hellweg, (IBA Hamburg GmbH), Prof. Dr. Benjamin Barber und Moderatorin Kathrin Latsch.Uli Hellweg, (IBA Hamburg GmbH), Prof. Dr. Benjamin Barber und Moderatorin Kathrin Latsch. (© bpb/Smilla Dankert)
Dr. Regina Bittner, Direktorin des Bauhaus-Kolleg Dessau, weist auf aktuelle Entwicklungen in der Städteforschung hin. Städte, die nicht auf konventionelle Weise in die Finanz- und Warenströme integriert sind, würden nun zunehmend zum Forschungsgegenstand. Phänomene seien die hohe Verschuldung der Städte (austerity urbanism), Wanderungsbewegungen zwischen und innerhalb von Städten und privater Städtebau (privatopia), der den Grundgedanken der polis als Gemeinschaft unterminiert.
Gleichzeitig zeige sich jedoch auch, wie das Urbane als Produktivkraft genutzt wird: Städte im globalen und europäischen Süden wurden zuletzt immer wieder zu Zentren partizipativer Revolutionen, wie Dr. Bittner am Beispiel des Campo de Cebada in Madrid erörterte. Hierbei sei häufig nicht nur die Suche nach bezahlbarem Wohnraum von Bedeutung: Vor allem die Gestaltung des öffentlichen Raums würde zum Anliegen der Bewohner.

Soziale Segregation ist kein Natur-, sondern ein Marktgesetz



Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen bei der Umgestaltung des Hamburger Stadtteils Wilhelmsburg reflektiert Uli Hellweg von der IBA Hamburg, wie wichtig eine durchlässige sozialräumliche Gliederung für eine inklusive Stadt sei. Er beobachtete zuletzt eine "Renaissance der Stadt", die aber durch soziale Ungleichheiten geprägt sei und deren Dynamiken sich vor allem in vernachlässigten Gebieten entwickle. Dort führe die Abwanderung in Szeneviertel häufig zu soziokultureller Isolierung.

Prof. Benjamin Barber im Interview

Ein solcher Stadtteil als "dritter Lehrer" senke die Chancen sozialer Mobilität erheblich. Daher müssten hier das Bildungsangebot ausgeweitet, Instrumente der Miet- und Wohnungspolitik gezielter eingesetzt und die Bürger in Prozessen stärker beteiligt werden. Nur so könnten Ungleichheiten abgeschwächt und soziale Segregation vermieden werden.

Zentren entlasten, Peripherien stärken



Prof. Dr. Michael Voigtländer vom IW Köln eröffnet die ökonomische Perspektive auf die zuletzt starke Miet- und Preisdynamik in deutschen Großstädten. Die steigende Nachfrage nach urbanem Wohnraum weise auch auf einen Präferenzwandel innerhalb der deutschen Gesellschaft hin: Der Traum von einem Haus im Grünen werde zunehmend abgelöst durch den Wunsch nach effektiver Zeitnutzung. Allerdings sei das Angebot an städtischem Wohnraum zu gering. Dies führe zu steigenden Preisen auf dem Wohnungsmarkt, die nur durch zusätzliche Bautätigkeit gesenkt werden könnten. Zudem sollte mehr in Bildungsangebote und Verkehrsanbindungen an umliegende Stadtteile investiert werden, um die Zentren zu entlasten und die Peripherie zu stärken.

Pauschallösungen vermeiden



Die anschließende Diskussion behandelt zunächst den Zusammenhang zwischen städtischer Entwicklung und der zugrundeliegenden Logik des freien Marktes. Märkte müssten als soziale Verhältnisse begriffen werden, die sich in unterschiedlichen (Wirtschafts-) Formen ausdrücken könnten. Hierbei könnten die Städte des globalen Südens Vorbild sein: In vielen Megacities entstünden innovative Ideen dazu, wie Stadt zum Lebensraum würde.


Einig sind sich die Referierenden in einem Punkt: Pauschallösungen müssten in jedem Fall vermieden werden, um den Potenzialen einer jeden Stadt gerecht zu werden. Gerade für schrumpfende Städte wie die BuKo-Stadt Duisburg entstünde so die Möglichkeit, durch alternative Ideen und Vernetzung der sozialen Spaltung in bestimmten Stadtteilen entgegenzuwirken.

von Teresa Wilmes


Den Bericht der ruhrbarone von der Außenstation der Sektion finden Sie hier.



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Kommentare anderer Nutzer

Dr. Claus Meichssner | 25.03.2015 um 12:22 [Antworten]

Demografischer Wandel in Deutschland - Leere Städte

Das Phänomen wird breit beschrieben, aber über die sich aufdrängende Lösung fast nichts. Wir werden Flüchtlinge über viele Jahre aufnehmen müssen. Warum werden diese nicht dort angesiedelt, wo leere Wohnungen und Häuser sich befinden. Die Gemeinden könnten sich so sanieren, wenn sie höhere Kontingente aufnehmen als ihnen zugeordnet und zwar von den Städten, die keine Möglichkeiten der Unterbringung haben, und dafür diesen aufnehmenden Gemeinden dann die ihnen für die Flüchtlingsaufnahme bereitgestellten Gelder zur Verfügung stellen.


 

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