Der Garten der Gerechten in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem

Vanessa Stahl am 28.01.2011

Helfer werden nicht als Altruisten geboren

Harald Welzer referierte über das heterogene Feld der Helferforschung und die Bedeutsamkeit situativer Faktoren für eine Entscheidung für oder gegen das Helfen.

Harald WelzerHarald Welzer Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Helfer und Retter im Nationalsozialismus wurden nicht als Helfer und gute Altruisten geboren. Sie treten in unterschiedlicher Gestalt und Motivation auf; sie kommen aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen, Sozialschichten, haben vielfältige politische und religiöse Einstellungen, sind Frauen oder Männer, handeln allein, zu zweit oder im Rahmen größerer Netzwerke. Gemeinsam haben sie offenbar nur, dass sie Handlungsspielräume dort wahrnehmen, wo andere keine sehen oder sehen wollen.

Harald Welzer stellte Theorien und Befunde aus dem heterogenen Feld der Helferforschung vor, in dem überwiegend faktisches Helferverhalten anhand von Einzelfällen untersucht worden ist. Bisher gebe es nur wenige komparative Studien die Bedingungsfaktoren von Handlungsbereitschaft untersuchen oder aufzeigen, wie Menschen zu der Entscheidung kommen, sich helfend oder ausgrenzend, mörderisch oder schlichtweg abweichend von der Mehrheit zu verhalten.

Ähnlich wie in der Täterforschung existiere kein klar identifizierbares Profil des Helfers als des guten, altruistischen, prosozialen Menschen. Harald Welzer exemplifizierte dies zu Beginn anhand des "Guten Samariter"-Experiments. Gegen die Vorstellung vom Helfer als dem guten Menschen erwiesen sich situative Faktoren als deutlich stärker für Handlungsentscheidungen. Die Differenz zwischen dem individuellen Selbstbild der Versuchspersonen (als guten, hilfsbereiten Menschen) und ihrem tatsächlichen Verhalten (der mehrheitlichen Nicht-Hilfe) bilde sich deutlich ab. Die meisten Teilnehmer hatten die Hilfesituation nicht einmal als solche erkannt.

Hilfeverhalten lasse sich verstehen als Zusammenwirken dreier Faktoren: dem Erkennen einer Situation als Hilfesituation, der Wahrnehmung eines Handlungsspielraums und den vorhandenen Ressourcen zu erfolgreicher Hilfeleistung.

Hilfeleistung für Juden sei im Nationalsozialismus als abweichendes Verhalten eingestuft worden, "als antisozial nach den Maßgaben der Volksgemeinschaft – das nicht Helfen, Ausliefern ist". Hier verwies Welzer vor allem auf Wolfram Wettes Forschungen über die Bedeutung des Helferverhaltens in der Wehrmacht.

Welzer stellte die Frage, wie man Menschen zu Zivilcourage motiviere. Es bestehe keine Korrelation zwischen Konformität und Autonomie von Individuen und deren faktischem Verhalten. Vielmehr müsse es um die Vermittlung partikularer Moralitäten gehen im Gegensatz zu einer umfassenden universellen Moral. Ein Heldennarrativ war und sei kontraproduktiv, da es Handlungsmaßstäbe anlege, die im wirklichen Leben und ihren sozialen Figurationen kaum Entsprechungen hätten.

Ein Interview mit Haral Welzer und Johannes Tuchel finden Sie hier: Sind Helfer Helden?