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Helge Jonas Pösche am 27.01.2011

"Verstehen, was wirklich passiert ist"

In ihrem Vortrag "Möglichkeiten und Grenzen der Helferforschung heute – Quellen und exemplarische Fragestellungen" erläutert Barbara Schieb, wie sie und ihre Kolleginnen im Projekt "Gedenkstätte Stille Helden" Lebenswege von Opfern und Helfern im Nationalsozialismus erforschen und rekonstruieren.

Barbara Schieb ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Projekt "Gedenkstätte Stille Helden" der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Gemeinsam mit drei Kolleginnen erforscht die Historikerin Lebenswege von Opfern und Helfern im Nationalsozialismus. Dabei gehen die Wissenschaftlerinnen "wie Kriminalisten" vor. Sie werten unterschiedliche Quellen aus und versuchen herauszufinden, "wer wann was getan hat".

Quellen hierfür sind zum Beispiel Deportations- und Ausbürgerungslisten aus der NS-Zeit, aber auch Prozessakten und Literatur aus der Zeit nach 1945. Seit der Gründung des Zentrums für Antisemitismusforschung dienen auch Tonbandinterviews mit Beteiligten als wertvolle Quelle.

Vor wenigen Jahren stieß Schieb auf ein Zeitungsinterview mit einer Zeitzeugin. Diese hatte während des Krieges gemeinsam mit anderen Berliner Ausgebombten ein Haus in der Kleinstadt Motzen bewohnt. Sie erinnerte sich an eine Bewohnerin, die im Januar 1945 festgenommen wurde und nie wieder auftauchte. Es war weder der Name dieser Frau noch sonst etwas über sie bekannt. Die Gedenkstätte Stille Helden nahm sich der Frage an.

Listen der jüdischen Gemeinde Berlin ergaben, dass es sich bei der Frau um die in Würzburg geborene Jüdin Luise Walzer handelte. Ihre Stelle als Chefsekretärin verlor sie 1933 aufgrund ihrer jüdischen Herkunft, wie Dokumente ihres Arbeitsgebers belegen. Gegen Ende der 1930er Jahre versuchte sie erfolglos, aus Deutschland auszureisen. 1939 zog sie nach Berlin, wie aus Listen der katholischen Kirche hervorgeht, zu der Luise Walzer in diesem Jahr übertrat. Ab 1943 lebte sie illegal in Motzen. Im Januar 1945 wurde sie festgenommen, wahrscheinlich starb sie kurz vor Kriegsende eines gewaltsamen Todes.

Die Aufdeckung der ergreifenden Geschichte der Luise Walzer zeigt, wie die Gedenkstätte arbeitet. Schieb und ihre Kolleginnen setzen "Puzzleteilchen" zusammen, um zu "verstehen, was wirklich passiert ist".

Es bleibt die Frage, warum manche halfen und andere nicht. Schieb betont, dass Menschen aus allen Schichten und Milieus Hilfe leisteten: "von der Lumpensammlerin bis zum Diplomaten". Alle habe verbunden, dass sie die Zeit ab 1933 sehr bewusst erlebten, keiner Ideologie anhingen und das "dritte Reich" als Unrechtsstaat erkannten. "Dadurch war es ihnen möglich, dem Schrecken das ein oder andere Opfer abzutrotzen".