Ein Graffito zeigt die religiösen Symbole des Christentums, Judentums und des Islam

30.10.2019

Arbeitsgruppenphase II: Welche Rolle spielt Religion?

1. Religion als Identitätsstifter?

Arbeitsgruppe "Religionsmobbing an Schulen" (© Peter-Paul Weiler)
  • Julia Wolter, Abrahamisches Forum in Deutschland, Darmstadt
  • Gerald Sabelberg, Landespräventionsstelle gegen Gewalt und Cybergewalt an Schulen in Nordrhein-Westfalen
  • Katrin Benzenberg, Julia Förster und Gonca Monneypenny, Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland, Berlin
  • Moderation: Mahyar Nicoubin, Bundeszentrale für politische Bildung, Berlin
In der Arbeitsgruppe "Religionsmobbing an Schulen“ widmeten sich Frau Julia Wolter, Referentin des Abrahamischen Forums Deutschland und Herr Gerald Sabelberg von der Landespräventionsstelle gegen Gewalt und Cybergewalt an Schulen in Nordrheinwestfalen der Darstellung und Erklärung von Religionsmobbing und den Umgang mit dieser Problematik. Zu Beginn des Workshops stellte außerdem der Verein Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland sein Projekt "Die Freiheit, die ich meine“ vor. In diesem genderspezifischen und sozialraumorientierten Projekt wird mit meist muslimischen Mädchen und Frauen an dem Bewusstsein für eine individuelle Freiheit und dem Verständnis für die Freiheit anderer gearbeitet. Das Projekt beruht auf der Freiwilligkeit der Frauen und Mädchen und versucht, das Grundverständnis von Freiheit und Individualität durch eigens konzipierte Materialien und Spiele zu vermitteln. Zudem wird mit Rollenvorbildern kooperiert, die in ihrem Auftreten und Handeln diesem Grundverständnis entsprechen. Im Anschluss daran erörterte Herr Sabelberg grundlegende Formen des Mobbing. Dabei sei Religionsmobbing jedoch keine eigenständige Form, sondern vielmehr ein Sprachrohr für bestehende Mobbingformen. Diese Mobbingformen können von physischem und verbalen Mobbing, Cybermobbing und relationalem Mobbing bis zur Zerstörung von Gegenständen reichen. Häufig seien Mobbing-Täter zuvor selbst Opfer von Mobbing-Attacken gewesen. Physisches Mobbing nehme dabei mit steigendem Bildungsniveau deutlich ab. Daher sei es umso wichtiger, durch Bildung präventiv zu handeln und Opfer nicht zu Tätern werden zu lassen. Erwiesen sei auch, dass es keine Steigerung von Mobbingfällen durch Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund gebe, physisches Mobbing allerdings eine Domäne männlicher Schüler sei. Schülerinnen würden eher auf das verbale Mobbing in Form von Ausgrenzung und der Verbreitung von Lügen und Gerüchten zurückgreifen. Die Art der Intervention, vor allem durch Lehrerinnen und Lehrer, sowie ihre Nachhaltigkeit spiele beim Umgang mit Mobbing an Schulen eine entscheidende Rolle. Dabei zeige eine unterstützend-kooperierende Intervention den größten Erfolg, doch gerade das Erkennen von Mobbing sei mit einer großen Schwierigkeit verbunden. Zudem sorge eine Überbelastung von Schulpersonal dafür, dass derartige Interventionen nicht ausreichend stattfinden. Hierbei wurde auf die Netzwerkmöglichkeiten verwiesen, die es Schulen ermöglicht, dem Religionsmobbing entgegenzuwirken. Denn Risikofaktoren für Religionsmobbing seien in erster Linie mangelnde Prävention und Intervention. Aber auch ein hoher Leistungsdruck, fehlende Regeln und Vereinbarungen oder unzureichend empfundene soziale Unterstützung begünstigen mitunter religiöses Mobbing innerhalb einer Schulgemeinschaft. Herr Sabelberg betonte neben den allgemeinen auch die äußeren Risikofaktoren, die Raum für physisches Mobbing bieten. Wichtig sei es hierbei, schlecht überschaubare Orte des Schulgeländes gut im Blick zu haben und sie liebevoll zu gestalten. Dies könne das Risiko eines physischen Mobbings verringern. Grundsätzlich basiere Mobbing mit religiösem Bezug auf einem diskriminierenden Klima, in dem demokratische Werte in Frage gestellt werden und das Recht des Stärkeren gelte. Bildungsinhalte wie Toleranz und der Umgang mit Diversität seien in diesen Kontexten schwer vermittelbar.

Frau Julia Wolter warf im Anschluss an Herrn Sabelbergs Input einen Blick auf die Verursacherinnen und Verursacher von Religionsmobbing und stellte die Arbeit des Abrahamischen Forums vor. Sie definierte Religionsmobbing als eine Form des religionsbezogenen Rassismus, der auch Konfessionslose betreffe. Dabei sei es der antimuslimische Rassismus, der am häufigsten auftritt. Doch auch antisemitischer Rassismus nehme in öffentlichen Wahrnehmung erneut zu. Verursacherinnen und Verursacher religiösen Mobbings seien in den meisten Fällen Mitschülerinnen und Mitschüler sowie Kommilitonen und Kommilitoninnen. Auch Lehrerinnen und Lehrer, so die Referentin, würden meist unbedacht religiöses Mobbing verstärken oder sogar verursachen. Daher sei es umso wichtiger, dass Lehrkräfte ihre eigene Sprache hinterfragen und reflektieren. In einem nächsten Schritt stellte Frau Wolter Methoden gegen Religionsmobbing vor. In erster Linie sei es wichtig, aufmerksam zu sein und Religionsmobbing zu erkennen. Außerdem sollte die Problematik des religiösen Mobbings im Unterricht behandelt werden, um die Schülerinnen und Schüler dafür zu sensibilisieren. Der Besuch verschiedener Gotteshäuser könne dabei genauso hilfreich sein wie das Einladen von interreligiösen Teams für die Arbeit in Workshops. Das grundlegende Problem sei die Angst vor dem Fremden sowie Vorurteile gegenüber diesem. Das große Hindernis liege zunächst im Begin eines Dialogs. Hilfreich sei es in diesem Kontext, Gemeinsamkeiten aufzuzeigen, um der Angst vor dem Unbekannten entgegenzuwirken. Dabei leistet das Abrahamische Forum mit seinen Teams unterstützende Arbeit. Im Rahmen von Workshops sollen Schülerinnen und Schüler im Umgang mit religiöser Vielfalt gestärkt werden. Dabei werden Themen wie Toleranz, Gemeinsamkeiten und Unterschiede verschiedener Glaubensrichtungen und die Auslegung der Schriften, aber auch gesellschaftliche Themen wie Geschlechterverhältnisse, die Stellung der Frau und interreligiöse Partnerschaften behandelt. Zudem werde sich mit aktuellen Debatten wie die Rolle der Religion in einer säkularen Gesellschaft und in einem demokratischen Staat auseinandergesetzt.

2. Antijudaismus und Anitsemitismus – ein religiöses Phänomen?

Dervis Hizarci und Dr. Christian Staffa in der DiskussionDervis Hizarci und Dr. Christian Staffa in der Diskussion (© Peter-Paul Weiler)
  • Dervis Hizarci, Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, Berlin
  • Dr. Christian Staffa, Evangelische Akademie zu Berlin
  • Moderation: Hanne Wurzel, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn
Die Arbeitsgruppe "Antijudaismus und Antisemitismus – ein religiöses Phänomen“ zeigte einen starken Wunsch seitens der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Methoden im Umgang mit Antisemitismus zu erlernen. Bereits die Vorstellungsrunde machte deutlich, dass zahlreiche Assoziationen zu "Antisemitismus und Religion“ existieren. Dies wiederum verwies unmittelbar auf die Komplexität des Phänomens, das für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer kein religiöses Phänomen darstellt. In einer ersten Arbeitsphase im Plenum erarbeiteten die Teilnehmenden verschiedene Themen und Motive von antisemitischen Texten. Diese griff Dervis Hizarci in seinem Input auf und differenzierte die prominentesten Formen des gegenwärtigen Antisemitismus. Die wichtigsten Merkmale des Antisemitismus, so der Referent, seien die Konstituierung von Jüdinnen und Juden als "die Anderen“ und die Zuschreibung von Übermacht und Überlegenheit (im Gegensatz zu anderen Rassismen, denen abwertende Attribute zugeteilt werden). Außerdem inkorporiere der Antisemitismus Verschwörungstheorien und somit Motive für meist einfache Erklärungen für eine komplexe Welt. Motive für den Antisemitismus seien der Machterhalt der jeweiligen Gruppe und die Angst vor einem Privilegienverlust. Die gegenwärtig prominentesten Formen des Antisemitismus seien der "sekundäre Antisemistismus“ und der "israelbezogene Antisemitismus“. Der sekundäre Antisemitismus lehnt die fortlaufende Rechtfertigung für Auschwitz ab und ist daher eine speziell deutsche Form des Antisemitismus. Er fordert einen Schlussstrich unter die sogenannte Erinnerungskultur. Den israelbezogenen Antisemitismus bezeichnet der Referent als "antisemitische Umweg-Kommunikation“: Was sich die Menschen nicht trauen über Jüdinnen und Juden zu sagen, formulieren sie als antiisraelische Kritik. Jedoch müsse zwischen der Kritik an israelischer Politik und einem israelbezogenen Antisemitismus unterschieden werden, so der Referent. Er forderte dafür die stetige Anwendung des 3-D-Tests – eine Methode, die bei ebenjener Unterscheidung zwischen legitimer politischer Kritik und Antisemitismus helfen soll: Sind bestimmte Aussagen von Dämonisierung, Doppelstandards oder Delegitimierung des Staates Israel gekennzeichnet, so können sie als antisemitisch gelten.

Dervis Hizarci, Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, Berlin (© bpb)
In einer weiteren Gruppenarbeit arbeiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Phänomen des "muslimischen Antisemitismus“. Dabei galt es zu beantworten, was für dieses Konzept spreche und was dagegen? Die Referenten bestätigten, dass es natürlich einen Antisemitismus unter Musliminnen und Muslimen gebe, jedoch keine spezielle Form des "muslimischen Antisemitismus“. Unter muslimisch sozialisierten Jugendlichen sei der israelbezogene Antisemitismus am prominentesten, unter nicht-muslimischen Jugendlichen der primäre Antisemitismus. Das scheinbare Konzept eines muslimischen Antisemitismus sei mitunter ein Instrument zur Legitimation eines Rassismus gegenüber Musliminnen und Muslimen. Dabei werde die Bedeutung des Antisemitismus in der Neuen Rechten verharmlost. Zum Abschluss der Arbeitsgruppenphase fand ein allgemeines Brainstorming zum Umgang mit Antisemitismus statt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer forderten eine bessere historische Aufklärung über die Judenverfolgung der letzten 2000 Jahre, mehr politische Bildung an Schulen, einen Geschichtsunterricht, der sich intensiver mit dem Nahost-Konflikt auseinandersetzt und die Thematisierung von Antisemitismus im eigenen beruflichen oder privaten Kontext. Zudem müsse das Begriffspaar "muslimischer Antisemitismus“ stärker entflochten werden.

3. Islamfeindlichkeit zwischen Religionskritik und Rassismus

Arbeitsgruppe zu Islamfeindlichkeit (© Peter-Paul Weiler)
  • Mirjam Gläser, ufuq.de, Berlin
  • Aylin Yavaş, ufuq.de, Berlin
  • Moderation: Dr. Gereon Flümann, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn
Schweineköpfe vor Moscheen, körperliche Angriffe auf Frauen mit Kopftuch, verbale Abwertungen auf dem Schulhof: Islamfeindlichkeit in Deutschland ist keine subjektive Wahrnehmung, sondern eine Realität, die bereits Menschenleben gekostet hat. Doch was zeichnet Islamfeindlichkeit in Deutschland aus? Wo hört Religionskritik auf und wo fängt antimuslimischer Rassismus an?

Dazu referierten Mirjam Gläser und Aylin Yavaş, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im Verein ufuq.de in Berlin, und erläuterten zunächst den Begriff „Rassismus“. Rassismus sei ein emotionales Thema, so Mirijam Gläser. Er führe zu Homogenisierung, Hierarchisierung, Essenzialisierung und Polarisierung von Gruppen. Aylin Yavaş unterschied zwischen "biologischem Rassismus“ und "kulturellem Rassismus“. Antimuslimischen Rassismus ordnete sie der Kategorie des kulturellen Rassismus zu. Es wurde bewusst der Begriff des antimuslimischen Rassismus verwendet. Der Begriff "Islamophobie“ würde eine pathologisierende Wahrnehmung des Phänomens befeuern. "Islamfeindlichkeit“ hingegen verkürze das Phänomen auf die Ablehnung des Glaubens und umfasse nicht all die Menschen, welche als muslimisch markiert gelesen werden, jedoch auch nicht oder anders-gläubig sein könnten. Dies entspreche nicht den Problematiken (Macht, Struktur, Markierung als Muslim/-in), die thematisiert werden sollten.

Charakteristisch für antimuslimischen Rassismus sei die Konstruktion von Musliminnen und Muslimen als eine quasi-natürliche, homogene Gruppe, unabhängig von individuellen Glaubensbekenntnissen. Erkennungsmarker würden zum Stigma werden, erläuterte Frau Yavaş. Es handele sich dabei um kollektive, rassifizierte Zuschreibungen und durch das binäre Verhältnis zum bzw. zur weißen, christlich/atheistischen Europäer/-in entstehe eine Hierarchisierung. Studien wie beispielsweise der „European Islamophobia Report 2017“ von Enes Bayrakli und Farid Hafez verweisen auf den Zuwachs eines antimuslimischen Rassismus in den letzten Jahren.

"Warum gibt es Rassismus?“, fragte Mirjam Gläser und erklärte, dass Religion mit Andersheit verbunden werden. Damit werde die andere Religion zur Religion der Anderen. Frau Gläser sprach die Widersprüchlichkeit bei der Thematisierung von Religion an. Es erfolge eine gleichzeitige Deprivatisierung und Privatisierung von Religiösem. Bezogen auf den Westen oder auf das Christentum gelte Religion als eine individualisierende Aneignung. Christinnen und Christen hätten die Wahl, Musliminnen und Muslime nicht. Der Islam werde als zwanghafte Religion gesehen, aus der man nicht austreten könne, so die Referentin. Damit werde der Islam als identitäres Schicksal gesehen, der über seine Subjekte verfügt.

4. Der Hammer zerschmettert das Kreuz...Das Feindbild Christentum im Heavy Metal

Arbeitsgruppe zum Thema "Der Hammer zerschmettert das Kreuz...Das Feindbild Christentum im Heavy Metal " (© Peter-Paul Weiler)
  • Dr. Imke von Helden, Universität Koblenz-Landau, Koblenz
  • Dr. Niels Penke, Universität Siegen
  • Moderation: Martin Langebach, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn
Unter dem Titel "Der Hammer zerschmettert das Kreuz...Das Feinbild Christentum im Heavy Metal“ wurde über Christenfeindlichkeit in der Rock- und Metal-Musik diskutiert. Der Germanist Dr. Niels Penke begann mit einem Input über die Geschichte und Entwicklung von Metal, speziell Black Metal, und deren Bezüge auf Satanismus und Christenfeindlichkeit. Er vertrat die These, dass menschenfeindliche Ausprägungen im Metal, vor allem Antisemitismus und Christenfeindlichkeit, einer Radikalisierungslogik des Genres folgen würden. Wichtig sei dabei die Differenz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung: E-Gitarren und Rock-Musik wurde seit jeher zugeschrieben, als "Musik des Teufels“ jugendgefährdend zu sein. Dies sei sowohl als Stigma, aber auch als Reiz aufgenommen worden. Seit den 1960ern seien satanistische Motive in diesem Genre kaum mehr wegzudenken. Beispielhaft dafür sei die Single "Sympathy for the Devil“ der englischen Rockband The Rolling Stones (1968). Um 1980 sei das Phänomen der Christenfeindlichkeit vor allem in den neuen Genres Trash Metal und der First Wave of Black Metal relevanter geworden, exemplarisch dafür stünden die Bands Mercyful Fate, Slayer und Bathory. Das Album "Black Metal“ der britischen Band Venom prägte die Genrebezeichnung. Stilistisch habe Theatralik eine große Rolle gespielt. Bezüge auf Waffen, Totenköpfe, Pentagramme und Auftritte in Lack und Leder seien programmatisch gewesen. Bands wie Slayer hätten dabei allerdings – wenigstens retrospektiv – mit Authentizitätsproblemen zu kämpfen gehabt: Die inszenierte Identifikation mit dem Antichrist wurde kontrastiert durch den christlichen Glauben einiger Bandmitglieder. Ende der 1980er Jahre erregte dagegen der Sänger der US-Band Deicide Glen Benton Aufsehen, als er sich ein umgedrehtes Kreuz in die Stirn brennen ließ. Damit wurde konkret auf christliche Motive Bezug genommen.

Genau dieses Bestreben nach Authentizität, der Topos "des Wahren“, "des Echten“, so die These von Herrn Dr. Penke, habe in den 1990ern zum Übergang vom (gesungenen) Wort zur Tat, und somit zu einer Radikalisierung geführt. Besonders gut zu beobachten sei dies in der Second Wave of Black Metal mit dem Schwerpunkt in Norwegen gewesen. So bewarb die norwegische Band Burzum ein Album mit dem Foto einer niedergebrannten Kirche, die mutmaßlich vom Sänger der Band, Varg Vikernes, in Brand gesetzt worden war.

Mit Burzum und der deutschen Band Absurd radikalisierten sich Musiker bis hin zu neonazistischen Morden, beide Bands sind dem Untergenre des National Socialist Black Metal (NSBM) zuzurechnen. Bei diesen sei der Satanismus des Black Metal auf die Ebene eines neuheidnischen Kulturkampfes gegen die als christlich-jüdisch wahrgenommene Gesellschaft übertragen worden. Die Vorstellung eines solchen neuheidnischen Kulturkampfes lasse sich am Lied "Der Hammer zerschmettert das Kreuz“ von Absurd nachvollziehen.

An diese Ausführungen schloss die Skandinavistin Dr. Imke von Helden mit ihrem Input über norwegische Formen von (Black) Metal an. Sie erörterte, dass im norwegischen Metal häufig die Christianisierung als Kolonialisierung gelesen werde, die es zu bekämpfen gelte. Der norwegische Black Metal der 1990er sei stellenweise durch einen radikalen Individualismus, Elitarismus und selbstverletzendes Verhalten geprägt gewesen. Dadurch wurde versucht, sich von US-amerikanischen Bands, denen die Ernsthaftigkeit abgesprochen wurde, abzugrenzen. Die schwedische Band Bathory leitete eine neue Welle ein, in der der thematische Fokus weg vom Okkulten hin zu Wikinger- und nordischer Natur-Motiven gelegt wurde. Dies wurde auch damit begründet, dass Satanismus lediglich die Umkehrung des Christentums sei. Die Wikingerzeit wurde mit den Motiven Krieg, Tod und Heroismus belegt, die Wikinger selbst als Gegner des Christentums interpretiert. Dabei würden sowohl Wikinger als auch Christinnen und Christen als gewaltsam und die Christianisierung als brutaler und negativer Prozess beschrieben werden. Das wiederkehrende Motiv der Rückkehr der nordischen Götter werde als gewaltvolles Ende des Christentums imaginiert. Anschließend stellte Frau Dr. von Helden die zentralen Ergebnisse ihrer intensiven Auseinandersetzung mit den Werken norwegischer Bands vor. Es habe sich gezeigt, dass diese in erster Linie an ihrer kulturellen Identität interessiert gewesen seien. Ihre Bezüge auf die nordische Mythologie seien vor allem als das Zeigen des kulturellen Erbes und die Bezugnahme auf heidnische Motive als kulturelles Phänomen zu verstehen, so Frau Dr. von Helden.
Siehe auch https://www.deutschlandfunk.de/

5. Wie religiös ist religiös begründeter Extremismus? – Von den "Zwölf Stämmen" bis zum Salafismus

Arbeitsgruppe "Wie religiös ist religiös begründeter Extremismus?" (© Peter-Paul Weiler)
  • Sabine Riede, Sekten-Info Nordrhein-Westfalen, Essen
  • Fabian Srowig, Universität Bielefeld
  • Moderation: Kathrin Wagner, Universität Osnabrück
Sabine Riede machte in ihrem Impulsvortrag deutlich, dass Radikalisierung auch in anderen Religionen und nicht nur im Islam existent sei. Als Beispiel einer radikal religiösen Gemeinschaft stellte sie die "Zwölf Stämme“ vor, die weltweit aus etwa 2.500 Mitgliedern bestehe. Gründer Yoneq sei der einzig wahre Apostel und es finde eine sehr enge Orientierung an der biblischen Lehre statt: Der Wille Gottes werde durch die Ältesten vermittelt und eine individuelle Freiheit sei nicht existent. Die Mitglieder arbeiten und leben in einer hierarchisch strukturierten Gütergemeinschaft ohne persönliches Eigentum, bei der die Frau klar untergeordnet und die Kindeserziehung von Beginn an auf das Brechen des Willens mit brutalen Methoden ausgerichtet sei. Die Mitglieder besäßen außerdem weder Papiere noch Krankenversicherung. Da "normale“ Menschen Sünde in sich tragen, sei ein Besuch öffentlicher Schulen nicht erlaubt und der Zugang zu Medien stark eingeschränkt. Nach außen hin wirke das Anwesen der Gemeinschaft jedoch wie ein Biohof mit Verkauf und Café, sodass das wahre Geschehen verschleiert werde. Mit seinen Kameraaufnahmen wandte sich ein Journalist an die Sekten-Info, die dies aufgrund der Kindeswohlgefährdung an das Jugendamt weiterleite. So kam es 2013 dazu, dass 40 Kinder der Zwölf Stämme mit Hilfe eines großen Polizeiaufgebotes in Obhut genommen und bei Pflegefamilie untergebracht wurden. Zwei Familien seien aufgrund der Vorkommnisse wachgerüttelt worden und ausgetreten. Ein positiver Effekt auf die Mitglieder von radikalen Gemeinschaften sei also möglich. Auch die gesetzliche Lage sei eindeutig: Zwar verbiete die religiös-weltanschauliche Neutralitätspflicht dem Staat eine Bewertung als richtig oder falsch, jedoch dürfen sich die Auswirkungen des elterlichen Glaubens nicht negativ auf das Leben und die Rechte der Kinder auswirken.

Herr Srowig thematisierte in seinem Vortrag salafistische Jugendliche und beginnt mit allgemeinen Informationen zu gewaltorientiertem Islamismus: Die Extremistinnen und Extremisten werden zunehmend jünger, was unter anderem an jugendnahen Identitätsangeboten und einem niedrigschwelligen Zugang über Bilder, Memes und Social Media liege. Der sogenannte "digitale Dschihad“ beantworte viele Fragen der Jugendlichen und biete Hilfe an. Insgesamt nehme die Vielfalt an Angeboten on- und offline zu. Der Referent stellte die sogenannte "Whatsapp-Studie“ vor, eine empirische Untersuchung zu gewalttätigen Jugendlichen mittels eines Gruppenchats. Ziel der Studie sei die Erweiterung des Wissens über die Prozesse der Radikalisierungsverläufe und die Optimierung von Prävention und Intervention. Relevant für die Analyse seien vor allem die Gruppendynamik, Beziehungen, Kultur und die Inszenierung der Gruppenidentität nach außen. Zu den zentralen Ergebnissen der Studie gehöre die selektive und willkürliche Nutzung von sprachlichen Mitteln, die durch IS-Propaganda geprägt sind. Religiöse Elemente werden zur Festigung des Gruppenzusammenhaltes, zur Lösung von individuellen Problemen durch klare Handlungsanweisungen und als Ausdruck der Zugehörigkeit zum internationalen Dschihad verwendet. Eine Radikalisierung, so der Referent, finde im Übergang zum Erwachsenenalter statt, anziehend sei die radikale Jugendkultur, die Problemlösungen vorgibt. Außerdem sei die Gruppe an Jugendlichen vereint durch eine naive Vorstellung davon, gemeinsam auf den Schlachtfeldern des Dschihads zu stehen und zum Mann zu werden. Normale Fragen werden auf radikale Weise beantwortet. Obwohl die Entwicklungswege in den gewaltbereiten Islamismus nach ähnlichen Mustern ablaufen würden, seien Radikalisierungsprozesse individuell und Prognosen daher nicht möglich. Es liege an der Gesellschaft, Gegenangebote für eine eindeutige und sinnstiftende Teilhabe bereitzustellen.


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