Ein ehemaliger polnischer Gefangener des Konzentrationslagers Dachau bezichtigt nach der Befreiung durch amerikanische Truppen am 30. April 1945 einen Bewacher der Misshandlung von Häftlingen.

Clara Woopen am 26.01.2015

Ein Blick in die Zukunft?

Die Vorträge und Diskussionen im Panel "Re-Education-Entnazifizierung-Prozesse" eröffneten neue Erkenntnisse und Perspektiven. Immer wieder standen die Unterschiede zwischen zeitgenössischen und gegenwärtigen Bewertungen der Nachkriegszeit zur Debatte.

bild16Alexa Stiller, Hanne Leßau und Katharina Gerund (v.l.n.r.) während der Podiumsdiskussion. (© Oliver Feist / buero fuer neues denken)

Katharina Gerund steckte kursorisch das Feld der US-amerikanischen Re-Education im Nachkriegsdeutschland ab. Unter dem Slogan "Wie aus Feinden Freunde wurden" unterschied sie zwei Phasen, die Re-Education und die Re-Orientation. In der ersten Phase seien Korrektive für den Feind gesucht worden, der Ausgangspunkt dabei war die Vergangenheit Deutschlands. Hinter der Pädagogik der Zwangsbesuche von Konzentrationslagern und Atrocity-Filmen hätte eine klare Schuldzuweisung gestanden. Recht bald sei dieser Ansatz einem positiveren Blick in die Zukunft gewichen. Im Kontext des Kalten Krieges sei eine schnelle Rehabilitation und Umdeutung der Deutschen als Freunde opportun gewesen. Das habe eine tiefgehende und langfristige Auseinandersetzung mit dem Holocaust gehemmt. 

In der Diskussion hinterfragte Gerund die Machtasymmetrie, die in den USA mit Bildern vom infantilisierten, feminisierten Deutschland, dem "Patienten", aufrechterhalten wurde. Den vermeintlichen Vorbildcharakter der amerikanischen Demokratie sah sie von der unterschiedlichen Erfahrung Schwarzer GI’s unterminiert. Im ehemals nationalsozialistisch diktierten Land fühlten sie sich besser behandelt als im segregierten Amerika. Ein weiteres Schlaglicht setzte Gerund auf den Erfolg und die Akzeptanz der Strategien der Re-Education, wobei sie die besonders beliebten Amerikahäuser den umstrittenen Schulreformen gegenüberstellte. Aber auch die zeitgenössische Selbsteinschätzung der Amerikaner und die der Forschung gingen auseinander. Während die Amerikaner vor allem die Amerikahäuser als großen Erfolg schätzten, spreche die gegenwärtige Forschung den inoffiziellen, persönlichen Kontakten zu Amerikanern und zur amerikanischen (Populär)-Kultur eine besondere Wirkung zu.

Mehr ein Blick in die Zukunft als in die Vergangenheit

Hanne Leßau hinterfragte die Ziele, Potentiale und Grenzen der Entnazifizierung. Die Forschung habe sie daran gemessen, inwieweit sie eine Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und der Schuld vorangetrieben habe. An diesem Anspruch sei die Entnazifizierung regelmäßig gescheitert. Zu Unrecht, so Leßau, denn die Alliierten hätten sie nicht als Maßnahme der Reflektion vorgesehen. Dass die Forschung – und nicht zuletzt auch diese Konferenz – sie in eine Reihe mit Re-Education und Prozessen setzt, erlaube viel mehr eine Aussage über die Erwartung der gegenwärtigen Forschung als über die historische Realität. Vielmehr sei die Prüfung der politischen Belastung der Deutschen als administrative Datenerhebung angedacht gewesen, nicht als pädagogische oder strafrechtliche Läuterung. Die Einfachheit der Fragebögen, in denen Ja-Nein-Fragen dominierten, statt Raum für persönliche Stellungnahmen zu lassen, belege das eigentliche Ziel der Entnazifizierung: das Sicherheitsrisiko durch belastete Deutsche, eventuelle Sabotage, beim Aufbau eines demokratischen Staates zu minimieren. Auch wenn eine Reflektion der eigenen NS-Geschichte nicht in der Konzeption der Fragebögen beabsichtigt war, hat Leßau eben diese in zeitgenössischen Selbstzeugnissen gefunden. Den Antworten auf den Fragebögen seien Gedanken und Diskussionen vorausgegangen. Einigen waren unaufgefordert zusätzliche Ausführungen beigelegt worden, die die persönlichen Geschichten der Befragten erzählten. Diese Konfrontation mit der eigenen NS-Vergangenheit hätte weder durch die Prozesse noch die Re-Education stattgefunden.

Das Holocaustverständnis in den Nürnberger Prozesse

Alexa Stiller zeichnete in ihrem Vortrag nach, wie sich das Verständnis der Alliierten vom Holocaust im Laufe der Nürnberger Prozesse entwickelte und vereinheitlichte. Vor allem drei Annahmen hätten sich etabliert: Die Alliierten hätten den Massenmord an den Jüdinnen und Juden getrennt von anderen nationalsozialistisch motivierten Verbrechen wahrgenommen; sie hätten die Organisationen der SS hauptverantwortlich und den Antisemitismus als "Intention des Massenmordes" erklärt. Heutzutage sind diese Annahmen wissenschaftlich widerlegt und wirken befremdlich kurzsichtig. Dieser "institutionelle" und "intentionalistische" Ansatz spielte den Angeklagten in die Hände, die ihre Verantwortung auf höhere Verwaltungsebenen oder Hitler übertrugen, und vereinfachte die Integration der ehemaligen Täter in die westdeutsche Gesellschaft. Die reduzierten Ansichten hätten sich längerfristig durchgesetzt, obwohl die Tätergruppen vorher als multipel und als größerer Zusammenhang der NS-Verbrechen erkannt wurde. Diesen Meinungswandel führte Stiller auf den "Schlüsselzeitraum" im Januar 1946 zurück, als der ehemalige SS-Offizier Otto Ohlendorf aussagte. Die Alliierten seien von dem Gedanken überfordert gewesen, dass derartige Verbrechen nicht nur als Plan eines "Super-Bösen" begangen worden waren. In der Diskussion gestand Michael Wildt Alexa Stiller zu, ihn mit ihrem Vortrag in der Annahme widerlegt zu haben, der Holocaust sei in Nürnberg nicht thematisiert worden.

PDF-Icon Vortragstranskript Hanne Leßau
PDF-Icon Vortragstranskript Katharina Gerund


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