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Ostdeutsche of Color | Schwarz und Deutsch | bpb.de

Schwarz und Deutsch Editorial Black Germany. Zur Entstehung einer Schwarzen Community in Deutschland Die "farbigen Besatzungskinder" der zwei Weltkriege Ostdeutsche of Color. Schwarze Geschichte(n) der DDR und Erfahrungen nach der deutschen Einheit Afrozensus. Intersektionale Analysen zu Anti-Schwarzem Rassismus in Deutschland Schwarze Körper in weißen Kunsträumen. Für eine Kultur des Kontakts Die Renaissance der Hautfarbe. Ein Gespräch über Kindheitserfahrungen, Identität und antirassistische Diskurse

Ostdeutsche of Color Schwarze Geschichte(n) der DDR und Erfahrungen nach der deutschen Einheit

Patrice G. Poutrus Katharina Warda

/ 17 Minuten zu lesen

Tausende Schwarze Menschen kamen zum Studieren, Arbeiten oder als Asylsuchende in die DDR. In ihrem Alltag erlebten sie oftmals eine Diskrepanz zwischen antirassistischer Symbolpolitik und realer Diskriminierung.

Ost-Berlin, Schönefeld, September 1972. Am Flughafen herrscht Chaos. Statt der 3000 angekündigten Besucher:innen erscheinen knapp 50000 Menschen. Ein Meer aus Fotoapparaten, Transparenten, Sonnenschirmen und Blumensträußen. Sie umringen das gelandete Flugzeug, jubeln und begrüßen in ekstatischen Sprechchören eines der größten politischen Idole der DDR: "unsere schwarze Schwester Angela".

Dem vorausgegangen war eine Solidaritätskampagne zur Freilassung der 1970 durch das FBI inhaftierten US-amerikanischen Bürgerrechtlerin und Kommunistin Angela Davis, die sich bis heute im kollektiven Gedächtnis der Ostdeutschen verankert hat. Unter dem Slogan "1 Million Rosen für Angela" schrieben DDR-Bürger:innen in den Jahren 1970 bis 1972 Tausende Postkarten und Protestschreiben, die ihre Freilassung forderten. Im Jahr 1971 verging kaum ein Tag, an dem die Staatsmedien nicht über Davis und ihre Inhaftierung berichteten. Als Kommunistin verkörperte sie für die DDR-Führung ein "anderes Amerika" – einen im marxistisch-leninistischen Sinne revolutionären Teil der US-Bevölkerung.

Zudem wurde in den sozialistischen Ländern die afroamerikanische Bevölkerung generell als das "andere Amerika" angesehen und Rassismus als Instrument kapitalistischer Unterdrückung betrachtet. Vor diesem Hintergrund pflegte die Sowjetunion bereits in den 1930er Jahren Kontakte zu afroamerikanischen Aktivist:innen. Prominente Beispiele sind der Schwarze Musiker, Bürgerrechtler und Sozialist Paul Robeson und seine Frau, die Autorin und Panafrikanistin Eslanda Goode Robeson, die 1934 die Sowjetunion besuchten und mehrere Jahre in der DDR lebten. Während Paul Robeson in der sozialistischen Welt ein gefeierter Musiker und Aktivist war, musste er in seiner Heimat, den USA der McCarthy-Ära, mit starken Repressionen leben.

Auch Angela Davis genoss bei Besuchen in der DDR und anderen sozialistischen Ländern einen Schutz, der für sie als bekannte Schwarze Bürgerrechtlerin in den USA der 1970er Jahre nicht selbstverständlich war – den Schutz, sich frei und ohne Angst um ihr Leben in der Öffentlichkeit bewegen zu können. Gleiches galt etwa für Martin Luther King und seinen Nachfolger Ralph Abernathy, der sich 1971 beeindruckt von den Solidaritätsbemühungen für Angela Davis zeigte. Davis selbst wurde nach ihrer Freilassung ein gefeierter Star in der weißen Mehrheitsgesellschaft der DDR: Ihr Gesicht wurde in Zeitschriften, auf Postkarten und Demonstrationstransparenten abgebildet, die Stadt Magdeburg ernannte sie zur Ehrenbürgerin, die Universität Leipzig verlieh ihr vor einem Publikum von 200000 Menschen die Ehrendoktorwürde.

Dennoch verblieb aus heutiger Sicht dieser Antirassismus vor allem auf der Repräsentationsebene: Während Davis, Robeson, King und Abernathy als Symbole einer neuen Gesellschaft gefeiert wurden, fanden ihre Lehren selbst kaum Verankerung in der Gesellschaft der DDR, sondern standen lediglich für das "andere Amerika". Auch wurden weder sie als Personen noch ihr antirassistisches Bewusstsein ein alltäglicher Teil der DDR.

Doch war die DDR selbst auch keine homogen weiße Gesellschaft. Seit ihrer Gründung hatte es neben repräsentativen Besuchen weniger diplomatischer Abgesandter auch größere Migrationsbewegungen gegeben. Die daraus hervorgehenden Schwarzen DDR-Bürger:innen erlebten in ihrem Alltag eine Diskrepanz zwischen antirassistischer Symbolpolitik einerseits und einem Mangel an antirassistischem Bewusstsein andererseits.

(© picture-alliance, dpa-Zentralbild)

Wege Schwarzer Menschen in die DDR

Asylsuchende

Schwarze Menschen kamen auf verschiedenen Wegen in die DDR. Eine Gruppe waren Asylsuchende. Dem sowjetischen Beispiel folgend, bot die erste Verfassung der DDR zwar eine Möglichkeit für die Aufnahme politischer Flüchtlinge. In Artikel 10 wurde denjenigen Ausländern Asyl gewährt, die "wegen ihres Kampfes für die in dieser Verfassung niedergelegten Grundsätze im Ausland verfolgt werden". In der sozialistischen Verfassung von 1968 wurde dieses Asylrecht in Artikel 23 jedoch zu einer reinen Kann-Bestimmung. Entscheidungsträger waren die Führungsgremien der kommunistischen Staatspartei der DDR, das Politbüro und das Sekretariat des Zentralkomitees der SED, die als zentrale nicht-staatliche Gremien über die Gewährung von Asyl beziehungsweise den dauerhaften Aufenthalt von Asylsuchenden entschieden.

Es entwickelte sich eine Aufnahmepraxis, die den jeweils aktuellen außenpolitischen Interessen der SED nachgeordnet war und einen bedingten Aufnahmewillen der Staatspartei spiegelte. Die Unterstützung sogenannter fortschrittlicher Kräfte im Kampf gegen den Imperialismus zeigte sich in der Ausbildung und begrenzten Aufnahme von Funktionären und als zuverlässig geltenden Mitgliedern politischer Bewegungen im Ausland, wie der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), der namibischen Südwestafrikanischen Volksorganisation (SWAPO), des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) in Südafrika und lateinamerikanischer Befreiungsbewegungen.

Bei den Aufgenommenen handelte es sich nicht lediglich um Opfer oder Verfolgte von Willkür und Gewaltherrschaft in den Herkunftsländern. Als politische, meist kommunistische Gegner der jeweiligen Regime in ihrer Heimat galten sie als Verbündete im Kalten Krieg. Für diesen Personenkreis war es unter Umständen möglich, mit der gesamten Familie in die Emigration zu gehen. Durch das Überschreiten der Demarkationslinie zwischen Ost und West in der Zeit der Blockkonfrontation fiel diesen sogenannten politischen Emigranten jedoch eine äußere wie innere Mehrdeutigkeit zu: Ihre zumeist kommunistische Gesinnung und politische Loyalität gegenüber dem SED-Staat stand einer emotionalen Bindung an das verlassene Heimatland gegenüber. Die Folge waren Konflikte, in denen sie in Abhängigkeit zu den Institutionen des SED-Staates standen und sich, angesichts der Unmöglichkeit, Rechtsgarantien einzuklagen, in einer schwachen und letztlich gefährdeten Position befanden.

Der von der SED reklamierte Anspruch auf "gesellschaftlichen Fortschritt durch den Kampf gegen den Imperialismus" – das heißt, gegen den "kapitalistischen Westen" – war kein rein ideologisches Etikett, sondern verstärkte zugleich den Unwillen des Regimes, sich im Grundsatz wie im Einzelfall mit den Schwierigkeiten im Zusammenleben von Einheimischen und Fremden auseinanderzusetzen. Entscheidend für den Umgang mit Fremden im Staatssozialismus war die mit der Totalität des marxistisch-leninistischen Herrschaftsanspruchs verbundene Homogenitätsvorstellung der kommunistischen Staatspartei. Nicht das Postulat des universalen Menschheitsfortschritts, sondern die dichotome Struktur des Klassenkampfes kann für den Umgang mit Fremden im "Arbeiter-und-Bauern-Staat" als grundlegend angesehen werden. Für DDR-Bürger:innen war es unter Berufung auf den "proletarischen Internationalismus" durchaus möglich, im Alltag chauvinistische Vorurteile und rassistische Stereotype aufrechtzuhalten, ohne dadurch in Konflikt mit der sozialistischen Staatsmacht zu geraten.

Ausländische Studierende

In der Zeit von 1951 bis 1989 erwarben zwischen 64000 und 78400 ausländische Studierende aus mehr als 125 Staaten an tertiären Bildungseinrichtungen der DDR einen Abschluss und machten damit bis zu drei Prozent aller Hochschulabsolvent:innen aus. Für 1952 weisen die internen Statistiken des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen der DDR erstmals 16 ausländische Studierende an den Hochschulen und Universitäten in der DDR aus. Die Zahl stieg kontinuierlich an, und für 1989 wurden 13410 ausländische Studierende in der DDR gezählt. Nicht alle kamen aus den kommunistisch beherrschten Ländern in Ostmittel-, Südost- und Osteuropa oder Ostasien.

Obwohl die DDR-Funktionäre die Aufnahme ausländischer Studierender beharrlich als Ausdruck der sozialistischen Solidarität und des proletarischen Internationalismus darstellten, war sie doch zugleich auch außen- und handelspolitischen Zielen unterworfen. So veränderte sich die Herkunftsstruktur der ausländischen Studierenden in der DDR gemäß den sich wandelnden außenpolitischen Interessen des SED-Staates. Die Zahl der arabischen Studierenden ging zwischen 1959 und 1967 um zehn Prozent zurück, während der Prozentsatz der Studierenden aus afrikanischen Ländern um zehn Prozent anstieg und die Zahl der Studierenden aus Asien, Westeuropa und Lateinamerika in diesem Zeitraum relativ konstant blieb.

Während ihres Aufenthalts waren die ausländischen Studierenden in der DDR einem erheblichen Anpassungsdruck ausgesetzt. Es wurde erwartet, dass sie die gegebenen politischen und ökonomischen Verhältnisse im SED-Staat hinnahmen. Es steht außer Frage, dass die DDR vielen Menschen eine Hochschulbildung ermöglichte, die sie ansonsten nicht erhalten hätten. Die individuellen Bedürfnisse dieser Menschen jedoch wurden von Vertreter:innen des SED-Staats im Allgemeinen ignoriert. Trotz der Rhetorik des Internationalismus und der Solidarität sahen diese die ausländischen Studierenden vor allem als außen- und handelspolitisches Kapital an. Die Verantwortlichen führten sich die unvermeidlichen sozialen Konsequenzen nicht vor Augen, die es haben musste, wenn junge Studierende für viele Jahre in einer von rassistischen Einstellungen geprägten Gesellschaft lebten. Das zerstörte letztlich nicht nur viele positive Beispiele für interkulturelle Verständigung in der DDR, es machte auch den erhofften Effekt der Verbreitung eines positiven DDR-Bildes bei den Bürger:innen nicht-sozialistischer Länder zunichte.

Weil die DDR-Behörden sich bei der Entwicklung eines Alumni-Netzwerks schwerfällig zeigten, ist es kaum möglich, systematisch die weiteren Lebenswege der Menschen nachzuvollziehen, die in der DDR studierten. Einiges weist jedoch darauf hin, dass viele Absolvent:innen schlussendlich in Westdeutschland oder bei westdeutschen Firmen im Ausland Arbeit fanden. Ironischerweise hat so letztlich wohl gerade die Bundesrepublik am stärksten vom Ausländerstudium in der DDR profitiert. Zugleich wies das Ausländerstudium bereits in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren Merkmale auf, die in der Folgezeit zu Grundlinien der SED-Politik gegenüber Ausländer:innen im Allgemeinen und insbesondere gegenüber Arbeitsmigrant:innen wurden.

Vertragsarbeiter:innen

Im Jahr 1989 registrierte der SED-Staat rund 95000 ausländische Beschäftigte, hauptsächlich aus Vietnam, Mosambik, Angola, Kuba und Polen. In der neueren Forschung herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass der entscheidende Grund für die Beschäftigung von ausländischen Arbeitsmigrant:innen der zunehmende Arbeitskräftemangel in der zentralistischen Planwirtschaft war. Zugleich gingen die ausländischen Arbeitskräfte, die Repräsentanten der jeweiligen Entsendeländer und ihre administrativen Partner in der DDR sowie die ostdeutsche Bevölkerung davon aus, dass mit der Arbeitsmigration keine langfristige Einwanderung verbunden sein würde. In der offiziellen Propaganda galt der Aufenthalt als "Arbeitskräftekooperation" im Rahmen der "sozialistischen ökonomischen Integration". Dadurch sollte das unterschiedliche Entwicklungsniveau zwischen den sozialistischen Staaten und den sogenannten Jungen Nationalstaaten ausgeglichen werden.

In der Presse wurde ein ausnahmslos harmonisches Bild vom Leben und Arbeiten von Vertragsarbeiter:innen in der DDR-Gesellschaft gezeichnet. Hilfsbereitschaft und Solidarität mit und vor allem vonseiten der ostdeutschen Kolleg:innen wurden hervorgehoben. Neben Rührung, Herzlichkeit und Zuneigung kam das alltägliche, von Mangel und Misstrauen geprägte Zusammenleben schlicht nicht vor. Widersprüche und Konflikte wurden – wenn überhaupt – nur als Anpassungsprobleme der Arbeitsmigrant:innen an den Alltag in der "fortschrittlichen" Industrieproduktion dargestellt. Implizit erschienen die Vertragsarbeiter:innen entweder als Bestätigung des kommunistischen Ideals vom Revolutionär in der Welt oder sie galten als behütete Schützlinge und folgsame Schüler:innen des Sozialismus in der DDR.

Gemessen an ihrer Anzahl und Aufenthaltsdauer, prägten insbesondere Menschen aus Vietnam und Mosambik das Bild der Arbeitsmigrant:innen. 1989 waren aus den beiden Staaten rund 52000 beziehungsweise 15000 Personen als Beschäftigte in der DDR registriert. Vietnam, Mosambik und Angola rangen seit Ende der 1970er Jahre mit den Folgen jahrzehntelanger Dekolonisationskonflikte, die durch die globale Blockkonfrontation im Kalten Krieg ausgeweitet worden waren: Massive Kriegszerstörungen, hohe Auslandsverschuldung, Wirtschaftskrisen sowie Versorgungsengpässe bei Grundnahrungsmitteln und gleichzeitige Massenerwerbslosigkeit führten dazu, dass die kommunistischen beziehungsweise prokommunistischen Regierungen dieser Staaten großes Interesse an Vereinbarungen zum Arbeitskräftetransfer in die verbündeten Staaten in Europa hatten. Angeworben werden sollten insbesondere Menschen zwischen 18 und 35 Jahren, weil diese Altersgruppe als besonders leistungsfähig angesehen wurde. Die Beschäftigung der Vertragsarbeiter:innen sollte auf einen Zeitraum von jeweils vier Jahren begrenzt sein, wobei die Möglichkeit einer Verlängerung auf sieben Jahre bestand, wenn die Betriebe sie für unabkömmlich hielten. Ab 1987 sollte es möglich sein, dass vietnamesische Vertragsarbeiter:innen für fünf Jahre in der DDR einer Arbeit nachgingen. Allerdings war ein Übergang in eine permanente Anstellung mit einem entfristeten Aufenthaltsrecht kein Gegenstand der bilateralen Übereinkünfte.

Insbesondere, wenn es zwischen Vertragsarbeiter:innen und Einheimischen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam, verurteilten die Justizorgane des SED-Staates bei gleichen Strafvorwürfen Ausländer deutlich härter als ostdeutsche Angeklagte. Insbesondere mosambikanische Vertragsarbeiter wurden überdurchschnittlich oft wegen Sexualdelikten angeklagt und verurteilt. Gewaltsame Ausschreitungen gegen Vertragsarbeiter:innen, etwa gegen algerische Arbeitsmigrant:innen in Erfurt im August 1975 oder gegen zwei kubanische Männer im August 1979 in Merseburg, wurden in der DDR-Öffentlichkeit nicht thematisiert. Vertragsarbeiter:innen waren gegenüber ihren ostdeutschen Kolleg:innen und den Institutionen des SED-Staats situativ und strukturell gefährdet.

Dennoch kam es zwischen Vertragsarbeiter:innen und DDR-Bürger:innen auch zu privaten Kontakten und Beziehungen. Wenn binationale Paare heiraten wollten, benötigten sie für die Eheschließung das Einverständnis beider Staaten, und dies war weder in der DDR noch in den Entsendeländern ein mit Wohlwollen begleiteter Vorgang. Viele Beziehungen scheiterten an der staatlichen Willkür, manche deutsche Frau verleugnete gar den ausländischen Vater ihres Kindes, um den Männern Schwierigkeiten nach der Rückkehr ins Heimatland zu ersparen.

Wenngleich dieser staatliche Druck auf private Beziehungen Ausdruck der generellen Politisierung eines jeden Auslandskontakts war, so erwies sich diese Gemengelage de facto doch als geeignet, ohnehin bestehende rassistische Vorbehalte in der ostdeutschen Bevölkerung durch eine institutionelle Rahmensetzung zu bestätigen. Die ganze Aufmerksamkeit der verantwortlichen Teile des Partei- und Staatsapparates richtete sich auf die Entlastung der angeschlagenen Planwirtschaft der DDR durch den Arbeitskräftetransfer. Wenn auch die Willkür im institutionellen Handeln dabei zuweilen überraschende Spielräume für einzelne beziehungsweise paradoxe Lebensumstände für manche Vertragsarbeiter:innen mit sich bringen konnte, entwickelte sich die gesellschaftliche Integration der Vertragsarbeiter:innen in die ostdeutsche Gesellschaft nie zum Ziel. Erwartet wurde eine umfassende Anpassung an die vorgefundenen Arbeits- und Lebensverhältnisse sowie eine unbedingte Anerkennung der staatlichen Autorität.

Mit dem rapiden Machtverlust der SED im Herbst und Winter 1989/90 ging nicht nur die Illusion der Reformierbarkeit der Planwirtschaft verloren, sondern auch die Kontrolle über die staatlichen Betriebe. Damit landeten die Vertragsarbeiter:innen trotz fortwährender Gültigkeit der bilateralen Entsendevereinbarungen in einem rechtlichen Niemandsland. In der sich abzeichnenden Systemkrise standen viele nun massiv unter Druck: Vertragsarbeiter:innen waren von betrieblichen Kündigungen betroffen, und betriebliche Unterkünfte wurden aus Kostengründen geschlossen. Insbesondere am Rande ostdeutscher Großstädte breitete sich ein xenophobes Klima aus, dessen radikalster Ausdruck gewaltsame Übergriffe auf Ausländer:innen waren. Um diesen Verhältnissen zu entgehen, folgten zahlreiche Vertragsarbeiter:innen dem Weg ihrer ostdeutschen Kolleg:innen und beantragten nach dem Fall der Mauer in Westdeutschland Asyl. Zugleich bemühte sich die inzwischen frei gewählte und zugleich letzte Regierung der DDR im Sommer 1990 darum, die gezielte Rückführung der nun ehemaligen Vertragsarbeiter:innen in ihre Entsendeländer durch finanzielle Unterstützungszahlungen zu befördern. Die gewandelte gesellschaftliche Situation in der DDR und die damit einhergehenden staatlichen Maßnahmen führten schließlich dazu, dass von den Ende 1989 registrierten etwa 59000 vietnamesischen und 15100 mosambikanischen Vertragsarbeiter:innen zum Zeitpunkt der deutschen Einheit lediglich noch 21000 beziehungsweise 2800 in Ostdeutschland lebten.

Lebenswege Schwarzer Ostdeutscher

Die, die blieben, erwarteten die Wirren und die Gewalt der Wendejahre. Das betraf zum einen weit verbreitete Phänomene wie Arbeitslosigkeit und die Abwertung von Qualifikationen und Bildungsabschlüssen, die Schwarze Ostdeutsche potenziell schneller und stärker trafen als ihre weißen Kolleg:innen. Zum anderen waren Schwarze Menschen der rechten Gewalt, die sich in der DDR bereits abzeichnete, aber sich mit der Wiedervereinigung in einem erschütternden Ausmaß im Osten ausbreitete, oft am stärksten ausgesetzt. Am 6. Dezember 1990 wurde der aus Angola stammende Vertragsarbeiter Amadeu Antonio in Eberswalde ermordet. In Hoyerswerda kam es 1991 und ein Jahr später in Rostock-Lichtenhagen zu rassistischen Pogromen. Aber auch im Alltäglichen hat und hatte der Umgang mit Schwarzen Menschen in der DDR-Gesellschaft für viele Menschen biografische Konsequenzen. Diese sind in journalistischen, literarischen und geisteswissenschaftlichen Darstellungen und Deutungen der Verhältnisse in Ostdeutschland bisher nachrangig behandelt worden, was Aussagen über wiederkehrende Muster, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Biografien Schwarzer Menschen in der DDR und Ostdeutschland erschwert. Deshalb möchten wir im Folgenden unsere persönlichen Lebenserfahrungen schildern und damit andere Schwarze Menschen aus Ostdeutschland ermutigen, hervorzutreten und ihre Geschichten und Sichtweisen vorzustellen.

Patrice Poutrus

Als Sohn einer Ostberliner Buchhändlerin und eines afrikanischen Studenten war bis 1989 die DDR Dreh- und Angelpunkt meines Lebens. Ich wurde hier geboren und wuchs in der Nähe der Berliner Mauer auf. In Ostberlin ging ich zur Schule und absolvierte meine erste Berufsausbildung als Elektronikfacharbeiter. Ich fühlte mich in dieser Zeit dem SED-Staat stark verbunden, war stolzer Thälmann-Pionier und erhielt die Jugendweihe. Mit 18 Jahren wurde ich Mitglied der SED und diente von 1981 bis 1984 als Unteroffizier in der NVA. Während der Militärzeit wurden meine Frau und ich Eltern von zwei Söhnen und erhielten vom Staat relativ zügig eine Wohnung. Meine Frau studierte an der Humboldt-Universität und wurde Lehrerin, ich war hauptamtlicher Funktionär der FDJ, zuerst in meinem Ausbildungsbetrieb, später in der Berliner Bezirksleitung der FDJ. Ich suchte in dieser Wirklichkeit nach Anerkennung und schien sie als junger Mann auch gefunden zu haben.

Allerdings gab es in den Jahren zwischen dem Ende meiner Schulzeit und dem Ende der DDR auch Episoden und Ereignisse, die ich mir nicht erklären konnte. Warum wollten unbekannte Menschen meine Haare berühren? Warum erwarteten Lehrer und Mitschüler, dass ich ein besonders guter Sportler oder talentierter Tänzer sein musste? Warum verprügelte ein Vater seine Tochter, nachdem ich sie nach der Disco nach Hause gebracht hatte? Warum mussten sich junge Frauen in meiner Begleitung anzügliche Bemerkungen über ihre Partnerwahl gefallen lassen? Es gab Zeiten, da mied ich im Sommer die Sonne, damit ich nicht gar zu verschieden aussah. Ich wollte, dass die "Genossen" erkannten, dass sie sich auf mich verlassen konnten. Dennoch ergab es sich mehrfach, dass mein abwesender Vater ausreichender Grund dafür war, dass ich bei der Berufswahl, beim Militär und auch bei der FDJ nicht als hinreichend vertrauenswürdig galt und deshalb bestimmte Stellen nicht einnehmen sollte.

Ich hatte das Ende des SED-Staates nicht kommen sehen; ich habe es so auch nicht wirklich gewollt und war deshalb Ende 1989 tief enttäuscht – enttäuscht vom real existierenden Kommunismus, von der DDR (als vermeintlicher Alternative zur Bundesrepublik) und vor allem von mir selbst. Ich gehörte nicht zu den Siegern der Geschichte, wie ich es in der Schule, beim Militär und in der SED gelernt und mir auch gewünscht hatte. Nicht nur das Politbüro der SED war gescheitert, sondern auch meine Hoffnung auf Anerkennung und Teilhabe hatte sich als vergeblich erwiesen. Die frühen 1990er Jahren waren für mich eine Zeit schwerer Enttäuschungen, großer Ängste und schwerwiegender Verluste. Gleichzeitig zu meiner persönliche Sinnkrise veränderte sich die Stimmung in Ostdeutschland und Ostberlin auf gefährliche Weise. Ich hatte den Eindruck, dass sich mir bekannte Orte und Menschen zu einer Gefahr entwickelten, und jeder Blick in die Medien zu dieser Zeit verstärkte dieses Gefühl.

In dieser Zeit fand ich in Kreuzberg zur Initiative Schwarze Deutsche (ISD) und lernte die Poetin May Ayim kennen. Wie ich schon zuvor erfahren hatte, war May in dieser Szene von Menschen, denen ich mich verwandt fühlte, durch ihre historisch-publizistische Arbeit und nicht zuletzt durch ihre Poesie zu einer der herausragenden Frauen geworden, und ich bewunderte sie. Die wöchentlichen Zusammenkünfte der ISD in Kreuzberg, und ganz besonders der Black History Month, wurden für mich zu Zufluchts-, Sehnsuchts- und Inspirationsräumen. Dies ist auch ein Grund dafür, warum ich mich nicht, trotz Treuhand-Skandalen und all der Härten der Transformation in Ostdeutschland, an Wessi-Ossi-Zerwürfnissen der vergangenen Jahre beteiligen mag. Westberlin war für mich in den sogenannten Baseballschlägerjahren zum Zufluchtsort geworden. Durch die ISD habe ich mein Selbstbewusstsein als Schwarzer Ostdeutscher gefunden, und die Worte von May Ayim werden mich immer begleiten.

Katharina Warda

1985 werde ich in Wernigerode geboren, einer Kleinstadt im Harz. Meine Mutter ist weiße ostdeutsche Fabrikarbeiterin, mein Vater südafrikanischer Student, der über den ANC in die DDR kam. Ihn habe ich bis zum heutigen Tag nie kennengelernt, weil die Beziehung meiner Eltern von den staatlichen Funktionären "nicht gern gesehen" wurde. "Nicht gern gesehen" – die Worte meiner Mutter scheinen sich verselbstständigt zu haben, auch wenn es generell um Schwarze Menschen in der DDR und Ostdeutschland geht. "Nicht gern gesehen" – eigentlich gar nicht gesehen und besprochen. Denn so real eine Schwarze DDR-Bevölkerung auch war und so virulent antirassistische Kämpfe im Ausland gefeiert wurden, so wenig wurden beide im Alltag der DDR zusammengebracht. Es fehlte ein gelebter Antirassismus in Praxis und Sprache.

Meine Mutter sagte mir in meiner Kindheit oft, meine Haare sähen aus wie die von Angela Davis. Ein gewisser Stolz und Anerkennung blitzten dann immer in ihren Augen auf. Ich glaube heute, das war ihre einzige Metapher, um mir zu sagen, dass ich Schwarz bin. Damit meine ich eine Art und Weise, zu einer vermeintlich "Anderen" gemacht zu werden, "nicht gern gesehen", nicht gern besprochen zu sein. Meine Kindheit war geprägt von einem Schweigen, wenn es zum Beispiel um meinen Vater und seine Geschichte in der DDR ging, oder wenn es um Dinge ging, die mir passierten und die ich heute als rassistisch benennen kann; von einer Sprachlosigkeit im Umgang mit Schwarz-Sein in dem Deutschland, in dem ich aufwuchs.

In meiner Erinnerung an die DDR stehen die Erfahrungen im Kindergarten, das Warten auf die Pionierweihung und Alltägliches wie Besuche im Zoo im Vordergrund. Doch mit der Wende im Alter von fünf Jahren brach die ganze Dimension mangelnder antirassistischer Praxis über mich herein. Auf einmal, mit dem Aufbrechen der Regeln, die zuvor galten, gab es eine Sprache für mich als Schwarze Person; eine gewaltvolle Sprache der Außenwelt – die ihre Entsprechung in Anfeindungen und körperlicher Gewalt auf der Straße fand. Als ich sieben Jahre alt war, verfolgte mich eine Gruppe Berufsschülerinnen auf dem Weg von der Grundschule nach Hause. Sie bewarfen mich mit Steinen, riefen Beleidigungen und wünschten mich dahin zurück, "wo ich herkomme". Ich frage mich bis heute manchmal, wo das eigentlich sein soll. Denn so sehr ich mich aufgrund meiner Erfahrungen als Ostdeutsche fühle, so wenig finde ich als Schwarze Frau bis heute in Erzählungen der DDR und Ostdeutschlands im öffentlichen Raum statt. Es scheint, als wiederhole sich die Wortlosigkeit der DDR gegenüber ihren Schwarzen Bürger:innen bis heute in der beharrlichen Betrachtung der DDR und Ostdeutschlands als homogen weiße Gesellschaft ohne Migration, anstatt eine antirassistische Sprache zu finden und Ostdeutsche of Color selbst zu Wort zu bitten.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Maria Schubert, Solidarität! Angela Davis und die DDR, in: Kathleen Reinhardt (Hrsg.), 1 Million Rosen für Angela Davis, Ausstellungskatalog, Staatliche Kunstsammlungen Dresden 2020, S. 56–58.

  2. Vgl. Michael Rauhut, The Voice of the Other America: African-American Music and Political Protest in the German Democratic Republic, in: Timothy Brown/Lorena Anton (Hrsg.), Between the Avant-Garde and the Everyday. Subversive Politics in Europe from 1957 to the Present, Kopenhagen 2011, S. 96–101.

  3. Vgl. Kathleen Reinhardt, 1 Million Rosen für Angela Davis, in: Reinhardt (Anm. 1), S. 16.

  4. Vgl. Sophie Lorenz, Chronologie der Ereignisse, in: Reinhardt (Anm. 1), S. 46.

  5. Vgl. Patrice G. Poutrus, Umkämpftes Asyl. Vom Nachkriegsdeutschland bis zur Gegenwart, Berlin 2019, S. 103–160.

  6. Vgl. Poutrus (Anm. 5), S. 105.

  7. Vgl. ebd., S. 158f.

  8. Zu den Zahlenangaben vgl. Damian Mac Con Uladh, "Studium bei Freunden?" Ausländische Studierende in der DDR bis 1970, in: Christian Th. Müller/Patrice G. Poutrus (Hrsg.), Ankunft – Alltag – Ausreise. Migration und interkulturelle Begegnungen in der DDR-Gesellschaft, Köln 2005, S. 175–220.

  9. Vgl. Patrice G. Poutrus, Migranten in der "Geschlossenen Gesellschaft". Remigranten, Übersiedler, ausländische Studierende, Arbeitsmigranten in der DDR, in: Jochen Oltmer (Hrsg.), Handbuch Staat und Migration vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Berlin–Boston 2016, S. 967–995, hier S. 981–984.

  10. Vgl. Jonathan R. Zatlin, Scarcity and Resentment. Economic Sources of Xenophobia in the GDR 1971, in: Central European History 4/2007, S. 683–720; Mike Dennis, Asian and African Workers in the Niches Society, in: ders./Norman LaPorte, State and Minorities in Communist East Germany, New York 2011, S. 87–123; Urmila Goel, Ungehörte Stimmen. Überlegungen zur Ausblendung von Migration in die DDR in der Migrationsforschung, in: Duygu Gürsel/Zülfukar Çetin/Allmende e.V. (Hrsg.), Wer Macht Demo_kratie? Kritische Beiträge zu Migration und Machtverhältnissen, Münster 2013, S. 138–150.

  11. Vgl. Mirjam Schulz, Migrationspolitik der DDR. Bilaterale Anwerbungsverträge von Vertragsarbeitnehmern, in: Kim Christian Priemel (Hrsg.), Transit – Transfer. Politik und Praxis der Einwanderung in der DDR 1945–1990, Berlin 2011, S. 143–168.

  12. Vgl. Ann-Judith Rabenschlag, Völkerfreundschaft nach Bedarf, Ausländische Arbeitskräfte in der Wahrnehmung von Staat und Bevölkerung der DDR, Stockholm 2014.

  13. Vgl. Patrice G. Poutrus, Fremd im Bruderland. Vertragsarbeit und das Ende des Goldbroilers, in: Lydia Lierke/Massimo Perinelli (Hrsg.), Erinnern stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive, Berlin 2020, S. 277–298, hier S. 284–291.

  14. Vgl. Jürgen Mense, Ausländerkriminalität in der DDR. Eine Untersuchung zu Kriminalität und Kriminalisierung von Mosambikanern 1979–1990, in: Priemel (Anm. 11), S. 211–244.

  15. Vgl. Christoph Lorke, Verhandelte Grenzüberschreitungen – Binationale und interkulturelle Eheschließungen und Paarbeziehungen in der DDR, 13.10.2021, Externer Link: http://www.bpb.de/342017.

  16. Vgl. Almuth Berger, Nach der Wende: Die Bleiberechtsregelung und der Übergang ins vereinte Deutschland, in: Karin Weiss/Mike Dennis (Hrsg.), Erfolg in der Nische? Die Vietnamesen in der DDR und in Ostdeutschland, Münster 2005, S. 69–76.

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ist Zeithistoriker, Migrationsforscher und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Erfurt mit einem Schwerpunkt auf der DDR und Ostdeutschland.
E-Mail Link: patrice.poutrus@uni-erfurt.de

ist Literaturwissenschaftlerin, Soziologin und freie Autorin mit den Schwerpunktthemen Ostdeutschland, marginalisierte Identitäten, Rassismus, Klassismus und Punk.
E-Mail Link: katharina.warda@gmail.com