Münzfernglas im Gebirge

24.7.2015 | Von:
Horst W. Opaschowski

Mode, Hype, Megatrend? Vom Nutzen wissenschaftlicher Zukunftsforschung - Essay

Ursachen für Fehlprognosen

Auf einem internationalen Kongress einer Fondsgesellschaft im November 2008 in Venedig machten sich Wirtschaftsforscher Gedanken über die Ursachen und Auswirkungen ihrer Fehlprognosen. Selbstkritisch gestand der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow ein, dass Ökonomen im Grunde auch nur Klempner seien: Er erwarte von seinem Klempner keine Vorhersage, sondern eine Reparatur. Ökonomen seien dazu da, um nach der Krise zu reparieren.[8]

Die Hauptursache für Fehlerquoten bei Wirtschaftsprognosen ist schnell gefunden: mangelnde Berücksichtigung von Kenntnissen der Verbraucherpsychologie. Es ist kein Zufall, dass der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erstmals während der Golfkrise in seinem Gutachten 1990/91 einräumen musste, seine Prognosen seien "kaum in der Lage, Verhaltensänderungen zu erfassen, die sich aus einer möglichen Verunsicherung ergeben könnten".[9] In Krisenzeiten, die Verbraucher verunsichern, sind Wirtschaftsforscher selbst verunsichert: Vor der Psychologie der Verbraucher kapitulieren sie. Sie unterstellen in ihren Berechnungen bei den Verbrauchern ein grundsätzlich rationales Verhalten und schätzen infolgedessen Stimmungen, Hoffnungen oder Ängste falsch ein.

In der Wirtschaftsforschung sollte daher – statt von Konjunkturprognosen – eher von Einschätzungen die Rede sein. Genaugenommen verkünden Wirtschaftsforschungsinstitute keine Prognosen, sondern vage Wenn-dann-Aussagen: Wenn zum Beispiel die Weltwirtschaft weiter wächst und der Rohölpreis stabil bleibt und der Aktienkurs steigt unddann wirkt sich das konjunkturell auf die weitere Wirtschaftsentwicklung so oder so aus. Solche Aussagen sind eine Art Wirtschaftsklimaindex. Sie spiegeln eher die Stimmungen von Unternehmen wider (und weniger die von Verbrauchern). Der Erkenntnisstand, den die Wirtschaftswissenschaft von der Motivation der Konsumenten hat, ist durchaus vergleichbar mit demjenigen, den die Finanzwissenschaft vom Börsengeschehen hat. Beide wissen viel zu wenig von den individuellen Verhaltensweisen. Antworten auf die Frage, wer wann wie in welchen Situationen oder Krisen reagiert, sind aber fundamental für die Abgabe von verlässlichen Prognosen.

Trendforschung versus Zukunftsforschung

Anfang der 1980er Jahre entdeckte der US-amerikanische Politikwissenschaftler John Naisbitt eine "Marktnische", die helfen sollte, sich nicht in der "beängstigenden Welt der Masseninformationen" zu verlieren. Sein Such- und Findungssystem brachte er auf den Punkt: "Megatrends" sollten die Wirtschaft auf Bestzeiten einstimmen: "Mein Gott, in welch einer phantastischen Zeit wir doch leben!" Naisbitt generalisierte gnadenlos und konzentrierte sich in seinen Trendanalysen auf das, was die Wirtschaft hören wollte, nach dem Erfolgsprinzip: "Das Geschäft ersetzt die Politik als Weltstimmungsbarometer."[10]

Dies trifft in gleicher Weise für die Trendforschung in Deutschland zu: Für Trendforscher fängt der Mensch beim Konsumenten an, soziale Konflikte und Probleme werden weitgehend ausgeblendet. Trendforscher geben zu, "keine Ahnung von den Trends von morgen"[11] zu haben, sie sind primär an Gegenwartsentwicklungen interessiert und nicht an der Welt in zwanzig Jahren. Und: Trendforscher arbeiten vorwiegend journalistisch, nicht wissenschaftlich. Ihr Instrumentarium heißt Recherche durch Zeitunglesen. Sie analysieren die Gegenwart und fragen dann: Wie sieht der nächste (Mega-)Trend aus?

Die wissenschaftliche Zukunftsforschung hingegen versteht sich wesentlich als Sozial- und Verhaltensforschung. Im Unterschied zur bloßen Konjunktur- und Wirtschaftsforschung sind ihre Prognosen mikrofundierter: Sie analysieren das Verbraucherverhalten, liefern Daten zur Verhaltenspsychologie und Verhaltensökonomie. Zukunftsforschung kann Erdbeben oder Vulkanausbrüche nicht vorhersagen, aber Erkenntnisse liefern, wie Verbraucher auf kritische Ereignisse reagieren (zum Beispiel auf Naturkatastrophen oder terroristische Anschläge). Doch ist auch klar: Die Zukunft schließt immer auch "Zukünfte" ein. Spätestens seit der Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011 ist klar geworden, dass auch ein "Restrisiko" Realität werden kann: Über Sicherheitsannahmen, -vorkehrungen und -anforderungen muss neu nachgedacht und entschieden werden. Nicht jede Katastrophe ist vorhersehbar, wohl aber vorstellbar. Zukunftsforschung als Risikoforschung heißt: das Undenkbare denken, mit dem Unberechenbaren rechnen und das Unwahrscheinliche für wahrscheinlich halten.

Im Rahmen meiner eigenen Zukunftsforschung spielten Bilder und Szenarien eine Rolle, die teilweise so "wild" waren (in der Zukunftsforschung spricht man von wild cards, die unwahrscheinlich, aber dennoch realistisch sind), dass sie seinerzeit kaum auszumalen waren: so etwa 2002 über die drohende Zahlungsunfähigkeit einzelner Länder, 2004 über den möglichen Zusammenbruch der Finanzmärkte oder 2006 über neue Bürgerbewegungen als All-Parteien-Koalitionen und außerparlamentarische Allianzen. Noch nicht ganz Wirklichkeit geworden ist bisher das Szenario von 1999 über das Internet als elektronisches Schlachtfeld, das den Cyberspace außer Kontrolle geraten lassen kann.[12] Doch die Affären um NSA und BND sowie vermehrte Hackerangriffe auf Staaten und Institutionen deuten inzwischen in diese Richtung.

Wie geht es weiter, was kann die Zukunftswissenschaft wirklich leisten? Die Schlüsselfragen einer auch psychologisch orientierten Zukunftsforschung als Prognoseforschung lauten: Wie haben die Menschen bisher in ähnlichen Situationen reagiert? Sind Regelmäßigkeiten oder Widersprüche in ihren Verhaltensweisen feststellbar? Lassen sich daraus psychologisch begründbare Grundsätze über das menschliche Verhalten ableiten? Erst aus der Beobachtung von Lebensgewohnheiten lassen sich – über sogenannte Zeitreihen als Repräsentativbefragungen im Zeitvergleich – langfristige Entwicklungen ("Zukunftstrends") ableiten. Zukunftstrends beschreiben Tendenzen, die für die gesellschaftliche Entwicklung der nächsten ein bis zwei Jahrzehnte richtungsweisend sind und so gesehen auch als "Megatrends" bezeichnet werden könnten.

Im 21. Jahrhundert müssen wir mit dem Zukunftsparadox leben: Je mehr und je präzisere Prognosen wir abgeben können (etwa über Wahlergebnisse oder das Wetter), desto mehr stellt sich bei uns ein Gefühl von Ungenauigkeit und Unsicherheit ein. So entsteht der "Zukunftsgewissheitsschwund".[13] Weil die Menge der Ereignisse pro Zeiteinheit mit der Menge des verfügbaren Wissens wächst, entsteht der subjektive Eindruck, dass die Zukunft immer weniger vorhersehbar sei. Dabei gibt es in der Sozialwissenschaft durchaus voraussagbare Elemente, die verlässliche Aussagen und Prognosen zulassen.[14] Dazu gehören Alltagsrituale, wonach die meisten Menschen zu bestimmten Zeiten immer wieder das Gleiche tun, was Voraussagen mit großer Wahrscheinlichkeit ermöglicht. Auch die Kenntnis statistischer Regelmäßigkeiten spielt bei Prognosen eine wichtige Rolle. So lassen sich durchaus rational begründete Voraussagen machen und werteorientierte Fragen stellen: Welche Gesellschaft wollen wir in Zukunft haben? Was hält die Gesellschaft dann zusammen? Wie wollen wir wirklich leben? Dies alles ist unter Berücksichtigung globaler Probleme wie Bevölkerungsexplosion, Nord-Süd-Gefälle und Ausbeutung der natürlichen Ressourcen zu erörtern.

Eine wissenschaftsbasierte Zukunftsforschung ermittelt erstens auf der Grundlage von Zeitvergleichen ("Zeitreihen") statistisch nachweisbare Entwicklungstendenzen der Gesellschaft und geht den Ursachen und möglichen Folgewirkungen (Chancen, Risiken) für die Zukunft nach. Und sie versteht sich zweitens als wissenschaftliche Orientierungs- und Entscheidungshilfe für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, was das Antizipieren von Zukunftsalternativen ("Futuriblen", "Futures", "Zukünfte") notwendigerweise einschließt. Aus möglichen und wünschbaren Zukünften lassen sich Handlungsoptionen ableiten und Strategien aufzeigen. Und schließlich lässt sich fragen: Wenn wir in Zukunft so leben wollen – welche Wege müssen wir dann heute gehen? Eine nachhaltige wissenschaftliche Zukunftsforschung ist Wegweiserin und Weichenstellerin zugleich.

Fußnoten

8.
Vgl. Robert M. Solow, Ökonomen sind auch nur Klempner, in: Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 27.11.2008, S. 27.
9.
Bundestagsdrucksache 11/8472, S. 38
10.
John Naisbitt, Megatrends. 10 Perspektiven, die unser Leben verändern werden, Bayreuth 1984, S. 353, S. 101. Siehe auch das Interview mit John Naisbitt in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
11.
Matthias Horx, Future Fitness, Frankfurt/M. 2003, S. 9.
12.
Vgl. Horst W. Opaschowski, Wie leben wir nach dem Jahr 2000?, Hamburg 1987; ders., Generation @, Hamburg 1999; ders., Deutschland 2030. Wie wir in Zukunft leben, Gütersloh 20132.
13.
Hermann Lübbe, Der Lebenssinn der Industriegesellschaft, Berlin–Heidelberg–New York 1990, S. 68.
14.
Vgl. Alasdair MacIntyre, Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart, Frankfurt/M. 19972, S. 141.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Horst W. Opaschowski für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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