Münzfernglas im Gebirge

24.7.2015 | Von:
Horst W. Opaschowski

Mode, Hype, Megatrend? Vom Nutzen wissenschaftlicher Zukunftsforschung - Essay

Zukunft der Zukunftsforschung

Das menschliche Wissen und die allgemeine Beschleunigung werden weiter zunehmen. Macht und Verantwortung, Wissen und Vorauswissen gehören daher zusammen. Infolgedessen können Wirtschaft und Politik auf die Erkenntnisse der Zukunftsforschung nicht verzichten. Mit der Globalisierung hat die Reichweite menschlicher Macht zugenommen; in gleichem Maße sollte die Reichweite menschlicher Voraussicht wachsen. Ein durchaus angebrachter Zukunftsoptimismus im Sinne des Philosophen Karl Popper ("Optimismus ist Pflicht") ist dabei allerdings nicht zu verwechseln mit blindem Fortschrittsglauben.

Zur systematischen Erforschung von Zukunftsfragen trugen insbesondere die Studien des Club of Rome bei, die einerseits frühzeitige Warnungen aussprachen ("Grenzen des Wachstums", 1972), andererseits auch wünschbare Zukünfte beschrieben ("Der Weg ins 21. Jahrhundert", 1983).[15] Als eine der Hauptursachen dafür, warum die wissenschaftliche Zukunftsforschung so lange ein weißer Fleck in der Forschungslandschaft blieb, muss wohl das "Fehlen konsensueller und identitätsstiftender Visionen" angesehen werden.[16] Die öffentliche Diskussion in Deutschland bewegt sich nicht selten zwischen Visionsängsten und Innovationsmüdigkeit. Gefragt sind mehr Gegenwartsanalysen und Problemstudien zu Frieden, Umwelt, Entwicklungsländern und anderem mehr. Erst wenn es gelingt, Aspekte der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit in das öffentliche Bewusstsein zu rücken, wird erkannt werden, dass Zukunftsforschung auch ein Frühwarnsystem sein kann und eine Alarmfunktion hat.

Wie nie zuvor in unserer schnelllebigen Zeit sind Orientierungs- und Handlungswissen gefordert, um Konflikt- oder Krisenmanagement erfolgreich meistern zu können. Zukunftsforschung zwingt zur Entwicklung von Eventualstrategien. Empfehlungen für das Handeln lassen sich aber nur formulieren, "wenn auch die Ziele des Handelns transparent gemacht werden".[17] Andernfalls agiert man wie die Protagonistin im Kinderbuch "Alice im Wunderland": "Würdest Du mir bitte sagen, wie ich von hier aus am besten weitergehe?", fragt darin Alice. "Das hängt sehr davon ab, wo Du hin willst", antwortet die Katze. Wissenschaftliche Zukunftsforschung will – negativ formuliert – verhindern, dass Menschen und Gesellschaften von Veränderungen überrumpelt werden und – positiv formuliert – helfen, dass Menschen und Gesellschaften selbst zum Motor von Veränderungen werden. Wer die Zukunft gestalten will, muss wissen oder zumindest ahnen, wohin die Reise geht oder gehen kann. Dabei ist es nicht wichtig, ob das Zukunftsszenario in allen Punkten genau gezeichnet wird: Die Richtung muss präzise und verlässlich sein.

Welt im Wandel: Mensch im Mittelpunkt

Nicht modische Zeitgeistströmungen wie wellness, homing oder cocooning sind Megatrends, sondern große, grundlegende Entwicklungen, die mindestens zehn bis zwanzig Jahre richtungs- und zukunftsweisend sind. Zurzeit werden Mega- beziehungsweise Zukunftstrends durch einen dreifachen Wandel ausgelöst ("Mega-Megatrends" sozusagen):

Globaler Wandel. Der Prozess der Globalisierung hat die Welt unvergleichlich wohlhabender gemacht, aber gleichzeitig viele weniger entwickelte Länder in noch größere Armut gestürzt. Es sind der Gegensatz von Wohlstand und Elend sowie die wachsende Ungleichheit in der Welt, die immer öfter globale Proteste auslösen.

Sozialer Wandel. Das Interesse der Bürger verlagert sich: Weg von staatlichen Institutionen – hin zu Bürgerinitiativen und Nichtregierungsorganisationen für Umweltschutz und Menschenrechte, Entwicklungsländer und soziale Anliegen, Selbsthilfegruppen und Nachbarschaftsnetzwerke. Diese informellen Netzwerke ermöglichen einerseits neue Formen der Solidarität, sind aber andererseits weniger stabil und nicht auf Dauer angelegt.

Demografischer Wandel. Langsam und leise breitet sich weltweit ein Prozess der Überalterung aus. Die Revolution auf leisen Sohlen bewirkt, dass sich etwa der Anteil der über 60-Jährigen in Bangladesch in den nächsten fünfzig Jahren fast versechsfacht. Immer mehr geburtenstarke Jahrgänge erreichen dann das Seniorenalter. Eine problematische Paradoxie zeichnet sich ab: Während die Industrieländer zuerst wohlhabend wurden und dann alterten, altern die Entwicklungsländer, bevor sie wohlhabend werden. Die tendenzielle Geriatrisierung der Welt kann in Zukunft zu globalen Verteilungskämpfen zwischen Jung und Alt, Arm und Reich führen.

Was bedeutet dies für das Zusammenleben und den Zusammenhalt der Menschen in naher Zukunft? Neben nachweisbaren Zukunftssorgen[18] wie Armut, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung sowie Zukunftshoffnungen wie Geld, Gesundheit und Geborgenheit zeichnen sich folgende Zukunftstrends ab:
  • Total digital – völlig normal: die folgenreiche Digitalisierung des Lebens;
  • Familie als Lebensversicherung: das Sozialkapital der Zukunft;
  • Leben ist die Lust zu schaffen: die junge Generation im Gleichgewicht zwischen Leistung und Lebensfreude;
  • Menschen wandern zum Wohlstand: Die Zukunft ist urban;
  • Frauen kommen mit Macht: Die Arbeitswelt wird weiblicher;
  • Re-Start mit 50: Die Wirtschaft braucht wieder ältere Arbeitnehmer;
  • Comeback mit 65: Zuverdienst statt Altersarmut;
  • Wahlverwandtschaften als soziale Konvois: Lebensbegleiter bis ins hohe Alter;
  • Gesundheitsorientierung als neue Religion: der Megamarkt der Zukunft;
  • Gut leben statt viel haben: Perspektivenwechsel in Zeiten globaler Krisen.
Das Wohlstandsdenken verändert sich. Die Menschen legen wieder mehr Wert auf nachhaltigen Wohlstand,[19] der nicht nur von Konjunkturzyklen und Börsenkursen abhängig ist. Bis 2030 ändern sich die Lebensprioritäten der Bevölkerung. Dann wird Sicherheit wichtiger als Freiheit, Gesundheit wichtiger als Geld, Fortschritt wichtiger als Wachstum, Arbeitsplatzgarantie wichtiger als Einkommenserhöhung, Nachbarschaftshilfe wichtiger als Sozialamtshilfe, Generationenbeziehung wichtiger als Partnerbeziehung und Beständigkeit wichtiger als Beliebigkeit. Zugleich verstärkt sich die Suche nach Sinn, Halt und Heimat. Die Menschen interessieren sich wieder mehr für eine bessere Gesellschaft und wollen auch mithelfen, eine bessere Gesellschaft zu schaffen.

Im Unterschied zu Analysten und Trendforschern, die sich mit Stimmungsbildern begnügen, zeichnet sich die wissenschaftliche Zukunftsforschung vor allem durch das Qualitätsmerkmal der Überprüfbarkeit aus. Ihre Ergebnisse basieren auf sozialwissenschaftlichen Methoden wie Interview- und Umfragetechniken, Delphi- und Expertenumfragen. Das können Aussagen über Technikfolgenabschätzungen, über Ressourcenverbrauch und Umweltbelastungen, Forschungen zur Zukunft von Arbeit, Medien und Konsum oder Hinweise auf Einstellungs- und Verhaltensänderungen sein, die richtungweisend für künftige Lebensstile sind.

Zukunftstrends müssen mindestens ein bis zwei Jahrzehnte stabil sein, was sie grundsätzlich von Moden und Zeitgeistströmungen unterscheidet, die heute in und morgen schon wieder out sein können. Zukunftstrends auf der Basis von Zeitreihen zeichnen sich durch die Stetigkeit ihrer Entwicklung aus, was futurologische Aussagen verlässlich macht. Zukunftswissenschaft heißt: Zukunft durch Wissenschaft (future science). Über kritische Gegenwartsanalysen hinaus macht sie – wie jede Wissenschaft – Zukunftspotenziale sichtbar und leistet Zukunftsorientierungen, ohne deswegen gleich in Prognosewahn oder modischen Skeptizismus zu verfallen.[20] So gesehen könnte jede Wissenschaft fast unbegrenzt innovativ und zukunftsorientiert sein – in ihren Ergebnissen, offenen Fragen und Lösungsansätzen. Eigentlich gibt es für die Wissenschaft nur eine Utopie: Das Bild einer Zukunft, in der es "allen besser und niemandem schlechter geht".[21] Realistisch aber ist eine Zukunftsperspektive, in der die Gewinner ein bisschen weniger und die Verlierer ein bisschen mehr bekommen.

Fußnoten

15.
Hinzu kamen unter anderem auch Zukunftsstudien des Autors: Vgl. Horst W. Opaschowski, Arbeit. Freizeit. Lebenssinn. Orientierungen für eine Zukunft, die längst begonnen hat, Opladen 1983; ders., Wie leben wir nach dem Jahr 2000?, Hamburg 1987.
16.
Karlheinz Steinmüller, Zukunftsforschung in Europa. Ein Abriss der Geschichte, in: ders./Rolf Kreibich/Christoph Zöpel (Hrsg.), Zukunftsforschung in Europa, Baden-Baden 2000, S. 37–67, hier: S. 51.
17.
Eckard Minx, Heute über die Chancen von morgen entscheiden oder: Vom Navigieren in unbekannten Gewässern, in: ebd., S. 115–122, hier: S. 121.
18.
Vgl. Horst W. Opaschowski/Irina Pilawa, So wollen wir leben!, Gütersloh 2014.
19.
Vgl. Ipsos/Horst W. Opaschowski, Nationaler WohlstandsIndex für Deutschland (NAWI-D), Hamburg 2015.
20.
Vgl. Norbert Jegelka, Einleitung, in: Jörn Rüsen/Hanna Leitgeb/ders. (Hrsg.), Zukunftsentwürfe, Frankfurt/M.–New York 2000, S. 204–207, hier: S. 205.
21.
Peter Marcuse, Für eine Repolitisierung des städtischen Lebens, in: ebd., S. 241–246, hier: S. 246.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Horst W. Opaschowski für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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