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Eine Überwachungskamera spiegelt sich am 07.06.2017 in Berlin in einer Glasscheibe.

4.8.2017 | Von:
Armin Pfahl-Traughber

Autonome und Gewalt.
Das Gefahrenpotenzial im Linksextremismus

Organisation und Zusammensetzung der Szene

Diese Einstellung hat auch Konsequenzen für das eigene Organisationsverständnis, heißt es doch in dem Thesenpapier: "Es gilt, dem System überall punktuell Gegenmacht entgegenzusetzen. Diese Gegenmacht darf sich allerdings nie totalisieren oder vereinheitlichen, darf nie als die Gegenmacht institutionalisiert werden, sonst wäre die Tendenz für einen neuen Staat im Keim bereits wieder angelegt. (…) Das Ziel – keine Macht für niemand – muss auch in unseren Formen des Kampfes und der Organisation von Gegenmacht erkennbar sein."[8] Dies bedeutet eine klare Absage an feste Organisationsstrukturen, die mit Vereinnahmung, Hierarchie und Fremdbestimmung in Verbindung gebracht werden. Die angestrebte herrschaftslose Gesellschaft soll sich bereits in der eigenen Subkultur abzeichnen.

Gleichwohl existieren Formen des Zusammenhalts in der Szene, die Alt-Autonome in einer Publikation zur Geschichte ihrer Bewegung wie folgt beschreiben: "Dabei gibt es nie ‚die‘ typische autonome Gruppe. Stattdessen bilden sich die unterschiedlichsten Konstellationen: Aus Freundeskreisen werden mehr oder weniger kurzlebige Banden oder bei Bedarf aktivierbare Aktionsgruppen; aus Demo-Bekanntschaften ergeben sich spontan handlungsfähige und wieder zerfallende Chaoten-Combos; aus politischen Plena entwickeln sich dauerhafte Gruppen, die auch zur Tat schreiten, in wechselnden und sich auch überschneidenden Zusammensetzungen agieren Gruppen manchmal nur ein einziges Mal, manchmal über Jahre, einige verfestigen sich, andere bleiben lose, manche wandeln sich in Theoriezirkel oder Selbsthilfegruppen."[9] Auch diese unterschiedlichen Erscheinungs- und Organisationsformen der Autonomen machen die Komplexität und Vielfalt, aber auch den Aktionismus und die Unverbindlichkeit dieser Subkultur aus.

Letzteres führt intern immer wieder zu Kritik von Gruppen, die um der politischen Kontinuität und Wirkung willen für eine stärkere Koordinierung und Organisierung der Aktivitäten eintreten. Häufig gab es Bemühungen, über ein gemeinsames Thema zu einer besseren Zusammenarbeit zu kommen. Ein Beispiel dafür war die "Antifaschistische Aktion/Bundesweite Organisation" in den 1990er Jahren, die aber letztendlich auch scheiterte. In der Folge damit einhergehender Einsichten entstanden Gruppen, die als "Postautonome" bezeichnet werden und mittlerweile auch andere Einzelpersonen und Gruppierungen einschließen, etwa die "Interventionistische Linke" oder "… ums Ganze! – kommunistisches Bündnis".[10] Gerade für die Koordinierung und Steuerung innerhalb der Autonomen-Szene kommt ihnen Relevanz zu.

Da die Autonomen nicht als Mitglieder einer Organisation angehören, lassen sich nur schwer gesicherte Angaben über die quantitative Entwicklung der Szene formulieren. Dafür kann man sich nur auf die Erkenntnisse der Sicherheitsbehörden stützen, die die Autonomen als gewaltgeneigte, organisationskritische und undogmatische Form des Linksextremismus beobachten. Nach deren Angaben stieg die Zahl der Autonomen im Laufe der 1990er Jahre kontinuierlich: Zählten die Sicherheitsbehörden 1990 noch 2300 Personen, waren es 1996 bereits 6000 und 2001 7000 Personen. 2002 kam es zu einem Rückgang auf 5500 Personen. Seit der zweiten Hälfte der 2000er Jahre verzeichnen die Sicherheitsbehörden wieder ein leichtes Ansteigen, 2016 zählten sie 6800 Personen.[11] Für diese Entwicklung lassen sich nur schwerlich Gründe nennen. Mitunter scheinen längerfristig vorbereitete Demonstrationen gegen Großereignisse wie die gegen das G20-Treffen für ansonsten zurückhaltende Sympathisanten eine mobilisierende Wirkung zu entfalten. Forschungsergebnisse zu dieser Frage liegen aber nicht vor.

Da die Autonomen sich auch gegenüber Journalistinnen und Wissenschaftlern häufig abschotten, besteht kein gesichertes Wissen über ihr Sozialprofil. Auch hier muss man sich auf Einschätzungen der Sicherheitsbehörden stützen. In einer älteren Publikation heißt es: "Angehörige der autonomen Szene sind überwiegend zwischen 18 und 28 Jahre alt", wobei für die Gegenwart davon ausgegangen werden kann, dass der Einstieg in die Szene in einem noch früheren Alter beginnt. "Sie sind Schüler, Studenten, Auszubildende oder haben eine gescheiterte Ausbildung hinter sich; viele Autonome sind arbeitslos, jobben gelegentlich oder beziehen ‚Staatsknete‘ (Sozialhilfe). Die Verweildauer innerhalb der Szene beträgt oftmals nur wenige Jahre."[12] Letzteres macht deutlich, dass ein weitaus größerer Teil als die gezählten Personen die Autonomen-Szene im Rahmen ihrer politischen Sozialisation "durchlaufen" haben. Ergänzend muss noch hervorgehoben werden, dass es auch "Alt-Autonome" mit großem Einfluss in der Szene gibt.

Fußnoten

8.
Ebd., S. 11.
9.
Grauwacke (Anm. 5), S. 143.
10.
Vgl. Udo Baron, Vom Autonomen zum Postautonomen – Wohin steuert die autonome Bewegung?, in: Armin Pfahl-Traughber (Hrsg.), Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2015/2016, Brühl 2016, S. 59–79. Ansonsten mangelt es an detaillierten Analysen zu den gemeinten Entwicklungsprozessen.
11.
Vgl. Bundesministerium des Innern (BMI) (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 1990ff., Bonn bzw. Berlin 1991ff. Die Zahlen müssen angesichts der genannten methodischen Probleme der Abgrenzung als Schätzungen angesehen werden.
12.
Bundesamt für Verfassungsschutz (Hrsg.), Militante Autonome. Charakteristika, Strukturen, Aktionsfelder, Köln 1997, S. 6.
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