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Eine Überwachungskamera spiegelt sich am 07.06.2017 in Berlin in einer Glasscheibe.

4.8.2017 | Von:
Armin Pfahl-Traughber

Autonome und Gewalt.
Das Gefahrenpotenzial im Linksextremismus

Zum Stellenwert von Militanz und Gewalt

Als ein konstitutives Merkmal der Szene gilt die Militanz – sowohl als rigorose Gegnerschaft gegen etwas als auch als eindeutige Gewaltforderung. Für die Autonomen folgt aus der Ablehnung die Gewalthandlung: "Militanz ist in unseren Augen notwendiger Bestandteil linksradikaler Politik, sowohl im allgemeinen Sinn der konsequenten, kämpferischen Haltung an sich, als auch im engeren Sinn von politischer Gewalt."[13] In dieser Logik ist die Gewaltanwendung der Autonomen ein Akt der Selbstermächtigung gegen das Gewaltmonopol des Staates, das aufgrund der grundsätzlich feindlichen und unversöhnlichen Einstellung gegenüber der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung nicht akzeptiert wird.

Daraus ergeben sich auch Einsichten für die Einschätzung der Gewaltorientierung und Protestneigung der Subkultur. Durchaus bestehende Missstände und kritikwürdige Zustände dienen den Autonomen als Anlass zu Aktivitäten von der Demonstration bis zur Sachbeschädigung. Es geht ihnen dabei aber eben nicht in erster Linie um eine Lösung der Probleme – zumindest nicht im Sinne eines Ausgleichs unterschiedlicher Interessen unter dem fortwährenden Bestand eines demokratischen Verfassungsstaates. Vielmehr sollen sie primär Ausdruck der erwähnten Grundauffassung der "Militanz" sein.

In der ursprünglichen Fassung des erwähnten Thesenpapiers heißt es: "keinen dialog mit der macht! Wenn die macht an uns herantritt, um mit uns zu reden, lässt sich ihr interesse dabei letztendlich auf die stabilisierung ihrer herrschaft reduzieren, wir stellen nur forderungen, die die macht nicht erfüllen kann oder die ganz ‚irrational‘ sind, diese forderungen haben lediglich propagandistischen charakter (…)."[14] Diese Textfassung bekundet in aller Deutlichkeit die instrumentelle Einstellung der Autonomen gegenüber angeblich oder tatsächlich bestehenden Problemen, aber auch ihre gewollte Abgrenzung und selbstgewählte Isolation von der außer-subkulturellen Welt. Sie scheinen ängstlich darauf bedacht, eventuelle Einwirkungen von außen zu unterbinden und bauen durch das stereotype Freund-Feind-Denken, das Negieren jeglicher Kommunikation mit der diffus bezeichneten "Macht" und nicht erfüllbare Forderungen bewusst unüberwindbare Barrieren auf. Die Kontinuität einer Frontstellung gegen den Staat ist den Autonomen wichtiger als die tatsächliche Verbesserung von Missständen in der Gesellschaft.

Aus dieser Grundeinstellung folgt Gewalt als allgemein akzeptierter Handlungsstil, steht sie doch für den moralischen und rechtlichen Bruch mit dem abgelehnten "Schweinesystem". Ihr kommt innerhalb der Subkultur neben einer politischen auch eine psychologische Relevanz zu. Politisch dient Gewalt als Mittel zu einem Zweck, soll damit doch Ablehnung und Protest gegen eine gesellschaftliche und politische Gegebenheit artikuliert werden. Bei einschlägigen Aufrufen und Bekennerschreiben findet sich zwar häufig eine Begründung dafür, warum bestimmte Entwicklungen und Zustände als Ausdruck von Ausbeutung oder Unterdrückung abgelehnt werden. Meist fehlt aber eine ebenso intensive Begründung dafür, warum angeblich nur mit Gewalt dagegen vorgegangen werden konnte.

Hier greift die psychische Dimension der Legitimation einschlägiger Handlungen im Diskurs der Autonomen: Es herrscht eine Begeisterung für Gewalt an sich. Folgender Vergleich aus einem Statement macht diesen Aspekt deutlich: "Der erste Molli [Molotow-Cocktail]. Es ist wie mit dem ersten Kuss."[15] Diese postulierte Gemeinsamkeit der beiden so unterschiedlichen Handlungen bezieht sich nicht nur auf den emotionalen Moment, sondern auch auf den persönlichen Reifungsprozess. Ein weiteres Zitat veranschaulicht die psychische Dimension einer expressiven Gewalt noch stärker: "Wenn Steine oder Mollis flogen, dann war das häufig auch eine Befreiung – von den Zwängen des Alltags, der Unterdrückung und Entfremdung. Das dumpfe Trommeln des auf die Wannen prasselnden Steinhagels, das kollektive Plündern von Supermärkten war für uns der Gesang von Freiheit und Abenteuer. Und es machte einfach Spaß, den Bullen eins in die Fresse zu hauen."[16] Mit diesen Worten wird der Erfahrung von Macht und Stärke gehuldigt, die in der Gewaltanwendung zum Ausdruck kommt. Sie erscheint gar als Handlungsform zur Erlangung emotionaler und individueller Befriedigung.

Auch die Bildsprache der Autonomen steht für diese Faszination: Auf Fotos und Plakaten ist häufig eine einzelne Person zu sehen, die sich vor brennenden Autos oder Barrikaden in maskierter Form als lonesome cowboy oder Straßenkämpfer präsentiert. Diese Art der Ästhetisierung und Heroisierung von Gewaltanwendung ist ideologisch nicht allein links orientiert, sondern lässt sich ebenso in anderen politischen wie unpolitischen Kontexten ausmachen, etwa im Rechtsextremismus oder zum Teil auch in der Fußballfankultur. Gewaltanwendung entfaltet hier neben einer identitätsstiftenden auch eine Integrationsfunktion: Sie steht nicht nur für ein Lebensgefühl, sondern auch für den Zusammenhalt und – in Kombination beider Faktoren – für ein konstitutives Prinzip der Subkultur. Gewalt ist ein "normaler" Handlungsstil.

Entsprechend werden auch Auffassungen von und Forderungen nach Gewaltfreiheit rigoros abgelehnt: "Doch wer auf die Option der Militanz verzichtet, beraubt sich selbst der notwendigen Mittel gegen ein System der Herrschaft, dem allein mit den besseren Argumenten nicht beizukommen ist."[17] Somit kann in der Gewaltbereitschaft und Gewalttätigkeit ein grundlegendes Merkmal der Autonomen gesehen werden. Gleichwohl sollte sich der Blick auf die Szene nicht allein auf diese Handlungsform beschränken, muss die Einstellung zur Gewalt doch als Konsequenz eines besonderen subkulturellen Selbstverständnisses gelten.

Idealtypisch können bei der Gewaltanwendung der Autonomen zwei Formen unterschieden werden. So kommt es bei Demonstrationen häufig zu Krawallen, die meist relativ spontan erscheinen, obwohl sie szeneintern vorbereitet sind. Dabei greifen Autonome nicht nur Einrichtungen, Fahrzeuge und Gebäude mit Feuerwerkskörpern, Flaschen und Steinen, sondern auch gezielt Menschen wie Polizeibeamte und Rechtsextremisten an. Zuvor versammeln sie sich in einem "schwarzen Block", also einem gesonderten Teil eines Demonstrationszuges, der häufig als Ausgangspunkt für eine gewalttätige Eskalation auszumachen ist. Eine solche Entwicklung wird innerhalb der Szene häufig als Erfolgskriterium angesehen. Insbesondere bei Demonstrationen gegen Rechtsextremisten bemühen sich Autonome um eine Forcierung des Konflikts mit Angehörigen dieses Lagers und der Polizei. Die grundsätzliche Bereitschaft zur Gewaltanwendung ist auch an entsprechenden Vorbereitungshandlungen ablesbar. So müssen Pflastersteine, die später als Wurfgeschosse dienen, zunächst mithilfe von mitgebrachten Geräten aus der Straße geschlagen werden.

Darüber hinaus lassen sich klandestine Aktionen ausmachen, bei denen geplant und gezielt Brand- und Sprengstoffanschläge etwa gegen Autohäuser, Dienstfahrzeuge, Elektrizitätswerke oder Jobcenter verübt werden. In den jeweiligen Taterklärungen, die sich häufig in gedruckter Form auf einschlägigen Internetseiten oder in dem Szeneorgan "Interim" wiederfinden, versuchen die Täter, derartige Gewalttaten als "notwendig" zu rechtfertigen. Hierbei geht es ihnen jeweils um die Vermittelbarkeit der Taten in das eigene politische Umfeld hinein. Dafür ist auch wichtig, dass bei den Aktionen möglichst keine Menschen geschädigt werden. Als Ausnahme gelten hier ebenfalls Polizeibeamte, die als Repräsentanten des verhassten Systems angesehen werden.

Fußnoten

13.
Grauwacke (Anm. 5), S. 380.
14.
Anarchie als Minimalforderung, in: Radikal 98/1981, S. 4f., hier S. 4 (Schreibweise im Original).
15.
Grauwacke (Anm. 5), S. 54.
16.
Ebd., S. 148.
17.
Ebd., S. 381.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Armin Pfahl-Traughber für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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