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22.5.2002 | Von:
Dietrich Mühlberg

Schwierigkeiten kultureller Assimilation

Freuden und Mühen der Ostdeutschen beim Eingewöhnen in neue Standards des Alltagslebens

II. Nachklingende typologische Unvereinbarkeit?

Kommt "ostdeutsches Verhalten" öffentlich zur Sprache, geht es fast immer um Abweichungen (von "westdeutschem Verhalten") grundsätzlicher Art: in den Ansprüchen an die Arbeit, in Vorstellungen von der Frauenrolle, von Gerechtigkeit und Freiheit, von Religion und Krieg. Es ist schwer zu sagen, ob die gesteigerte Empfindlichkeit für solche mentalen Ost-West-Unterschiede als Indiz für die inzwischen erreichte Nähe zu deuten ist oder ob sich darin das nur schwer zu unterdrückende Unbehagen äußert, das vom verschieden gestrickten, untergründigen Kulturgewebe des anderen erregt wird. Immer noch brechen bei den Ostdeutschen unvermutet Anpassungskonflikte auf, häufig durch Nichtigkeiten ausgelöst. Das gilt sowohl für kollektive Stimmungslagen wie für den Alltag der Einzelnen. Die weitgehende Beliebigkeit der Anlässe könnte darauf hindeuten, dass sich die subjektive Verfassung immer noch an dem ungewohnt organisierten Gesellschaftstypus reibt und abarbeitet. Die erstaunliche Zähigkeit, mit der Ostdeutsche in ganz verschiedenen Situationen immer wieder "falsch" handeln, scheint eine solche nachklingende typologische Unvereinbarkeit zu bestätigen. [40] Es ist meist nicht die Unkenntnis der "Regeln", hier wirken offenbar systemische Eigenheiten früherer ostdeutscher Lebensweisen nach. Denn jenseits aller Konflikte und Interessengegensätze hatten sich in der untergegangenen Gesellschaft Plan- und Zuteilungswirtschaft, Arbeitspflicht, soziale Gleichheit, Gemeinschaftspflicht, Gebrauchswertorientierung, universelle staatliche Zuständigkeit usw. wechselseitig bedingt und gestützt. Sie hatten eine in sich stimmige Systemganzheit gebildet, auf die hin sich eine subjektive Logik des Alltagslebens ausbildete.

Den neuen Lebensbedingungen entspricht eine andere, gleichfalls stringente Verhaltenslogik. Denn auch hier gehören auf der objektiven Seite Konkurrenzökonomie, Privateigentum, Markt, Parteiendemokratie, Vertragsrecht, plurale Öffentlichkeit usw. zusammen, bedingen einander, stützen sich wechselseitig und erzeugen durch ihre widersprüchliche "Harmonie" auf der subjektiven Seite Verhaltensstrategien, die aufeinander verweisen, die ein "Bedeutungsgewebe" bilden. Offenbar erscheint dieses Netz kultureller Übereinstimmung "den Ostdeutschen" - nach Generation, sozialer Lage und kulturellem Milieu recht verschieden empfunden - noch nicht richtig geknüpft zu sein. Solche Unzufriedenheit könnte signalisieren, dass der enorme Anpassungsdruck, der mit der Komplettlösung des Systemtransfers verbunden war, ihre Initiativen nicht nur auf die Adaption an das Vorgegebene begrenzte, sondern inzwischen in eine kulturell produktive Situation mündet, die über das Reproduktive hinausgehen könnte. Internetverweise des Autors: www.zzf-pdm.de www.polwiss.fu-berlin.de www.berlinerdebatte.de www.zonentalk.de

Fußnoten

40.
Vgl. dazu die kleine Studie von Margit Weihrich, Alltägliche Lebensführung im ostdeutschen Transformationsprozess, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 12/99, S. 15-26.