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2.7.2002 | Von:
Joana Breidenbach
Ina Zukrigl

Widersprüche der kulturellen Globalisierung: Strategien und Praktiken

I. Die ethnologische Linse

Erst aus der Zusammenschau der kulturellen Dimensionen und makroökonomischer und strukturpolitischer Perspektiven können wir zu einem differenzierten Bild der zeitgenössischen Globalität gelangen. Objektiv messbare Daten zur Gesundheitsversorgung, Arbeitslosigkeit und Religionszugehörigkeit müssen zu der jeweiligen kulturellen Bewertung von Lebensstil, Fortschritt und Gleichberechtigung in Bezug gesetzt werden.

Ethnologie und Anthropologie - die Wissenschaften vom Menschen - beschäftigten sich auf vielfältigste Weise mit dem Teil des Menschen und seiner Lebenswelt, der kulturell erlernt und nicht biologisch festgelegt ist. Ethnologie sollte detaillierte empirische Studien mit größeren philosophischen und politischen Fragestellungen verbinden. Ein wesentliches Ziel sollte es dabei sein, fremde Verhaltensweisen und Weltbilder aus sich selbst heraus anzusehen und anderen zugänglich zu machen. Ethnologie ist um eine ganzheitliche Sicht und Beschreibung der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Phänomene bemüht, die von anderen Disziplinen meist getrennt untersucht werden. Das Zusammenspiel und die gegenseitige Durchdringung verschiedener Sphären wie Rechtspraktiken, Weltbilder und soziale Strukturen stehen im Vordergrund des Interesses.

Mittelpunkt der ethnographischen Methode ist eine längere, meist zwischen 12 bis 18 Monate dauernde Feldforschung. In der teilnehmenden Beobachtung können menschliche Realitäten, Strategien und Praktiken ganzheitlich erfasst und verbale Aussagen in ihrem Kontext untersucht werden. Denn oft widerspricht das, was Menschen sagen, ihren Handlungen.

Der ganzheitliche Anspruch der Ethnologie ist im Zeitalter der weltumspannenden Vernetzung immer schwerer einzulösen und stellt die Disziplin vor neue theoretische und methodologische Aufgaben. [1] Immer seltener sind Kultur, Gesellschaft und Ort deckungsgleich. In einer Welt, in der die Kontakte zwischen räumlich weit voneinander entfernten Gesellschaften exponentiell zunehmen, lässt sich das traditionelle Forschungsgebiet der Ethnologie (außereuropäische, vormoderne Gesellschaften) nicht mehr isolieren. Zeitgenössische ethnologische Forschung hat die künstliche Trennung zwischen Wir (im Westen) und den Anderen (der Rest der Welt) überwunden und untersucht das moderne Leben überall: afrikanische Managementtechniken, die Lebensentwürfe junger Deutschtürken, chinesischen Europa-Tourismus oder die Bedeutung des Internets in Trinidad.

Wir wollen mit unserer Ethnologie der Globalisierung weniger ein Zukunftsszenario entwerfen - Wie sieht eine vollkommen globalisierte Welt aus? Wird es Frauen in der nächsten Dekade besser gehen als heute? -, sondern vielmehr kulturelle Dynamiken und Entwicklungstendenzen in den verschiedensten Lebensbereichen aufzeigen. Die oft im luftleeren Raum der Theorie entworfenen Gewissheiten über die kulturellen Folgen von Migration oder Massenmedien lassen sich durch empirische Fallbeispiele aus verschiedenen Weltregionen veranschaulichen, widerlegen oder differenzieren. Kultur entpuppt sich dabei nie als statisches Gebilde, sondern ist immer situativ, kontextgebunden.

Fußnoten

1.
Vgl. George Marcus, Ethnography In/Of the World System: the Emergence of Multi-Sited Ethnography, in: Annual Review of Anthropology, 24 (1995), S. 95-117.