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Globale Identitäten aus Sicht eines Historikers

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Globale Identitäten aus Sicht eines Historikers Drei Szenarios für die Zukunft

Peter Burke

/ 16 Minuten zu lesen

Gibt es eine globale Identität oder wird sie in der nahen Zukunft entstehen? Auf diese Fragen versucht der Beitrag eine treffende Antwort zu finden.

Einleitung

Übersetzung des englischsprachigen Textes: Dagmar Schittly, Bonn. Meinen herzlichsten Dank an die Teilnehmer des Kolloquiums "Globalisierung und Identitäten in globalisierten Gesellschaften" in der Villa La Collina in Cadenabbia am Comer See für ihre konstruktiven Anmerkungen zu meinem Originalvortrag, der hier in einer überarbeiteten und ausführlicheren Form vorliegt.

Die Leserinnen und Leser mögen sich fragen, was ein Kulturhistoriker wohl zu einer Debatte über "Globalisierung und Identitäten", also über unsere Gegenwart und unsere Zukunft beitragen kann. Die kurze Antwort auf diese schwierige Frage lautet, dass es wichtig ist, Gegenwart und Zukunft als Teil der Vergangenheit zu verstehen. Aus dem Blickwinkel langfristiger Veränderungen sowie Tendenzen lassen sich jüngste Ereignisse und unvollendete Veränderungen - die institutionelle "Kernschmelze" zum Beispiel - über Jahrhunderte hinweg strukturieren. Auf alle Fälle haben die beiden Themen Globalität und Identität unter den Historikern im Laufe der letzten Generation mehr und mehr Interesse hervorgerufen.

Erstens hat der derzeitige Trend zur Globalisierung über Jahrzehnte hinweg das allgemeine Interesse an Weltgeschichte wachsen lassen, insbesondere die Beschäftigung mit dem Globalisierungsprozess selbst. Niemand wird bestreiten, dass sich dieser Prozess in den letzten Jahrzehnten mit einem erstaunlichen Tempo beschleunigt hat, aber dennoch sollte hinzugefügt werden, dass der Trend zu engeren Kontakten zwischen Kulturen in unterschiedlichen Teilen der Welt bereits seit Jahrtausenden anhält. In der Tat sind diese kulturellen Begegnungen das zentrale Thema eines der besten Werke zur Weltgeschichte, das derzeit in englischer Sprache erhältlich ist, nämlich William H. McNeills "The Rise of the West" (Der Aufstieg des Westens).

Zweitens hat - in der Welt der Historiker - die letzte Generation ein wachsendes Interesse an der Geschichte kollektiver Identitäten, ihres Aufbaus und Wiederaufbaus erlebt. Zum Beleg für diese These könnte auf ein ganzes Regal voller Bücher aus den achtziger und neunziger Jahren verwiesen werden, die den modischen postmodernen Begriff "Erfindung" im Titel tragen. Darunter befinden sich Untersuchungen zur Erfindung Afrikas, Argentiniens, Athens, Äthiopiens, Frankreichs, Indiens, Irlands, Israels, Japans, Paraguays, Schottlands, Spaniens und nicht zuletzt die Erfindung Europas.

Diesen beiden Traditionen folgend soll in diesem Beitrag der Versuch unternommen werden, die Frage zu beantworten, ob es eine globale Identität gibt oder ob diese in der nahen Zukunft entstehen wird, ob sie gefördert werden könnte oder sollte und wenn ja, mit welchen Mitteln.

II. Identität und Mentalität

Der Ansatz stützt sich auf zwei Thesen, die ich um der Kürze willen als axiomatisch ansehen werde. Die erste These lautet, dass Individuen mehrere kollektive Identitäten haben - und in der Tat schon lange hatten. Es gibt religiöse Identitäten, Geschlechteridentitäten, berufliche Identitäten und solche, die man als regionale oder "räumliche" Identitäten bezeichnen könnte. Diese regionalen oder räumlichen Identitäten können als ein System aus ineinander gesetzten Kästen angesehen werden, wie im Fall des Schuljungen in James Joyces "Portrait of the Artist as a Young Man", der sich als Bürger Dublins, Irlands, Europas, der Welt und des Universum versteht. Diese Identitäten sind miteinander vereinbar, sie ergänzen sich sogar, aber sie stehen auch im Wettbewerb. Die jeweilige Bedeutung der Identität der Stadt oder des Dorfes, der Region, der Nation und größeren Einheiten, wie Europa oder der Welt, verändert sich im Laufe der Zeit beträchtlich. Das kosmopolitische Ideal reicht bis zum Römischen Reich zurück, als die Stoiker von "Kosmopolis" sprachen und schrieben, doch ist es unwahrscheinlich, dass diese Art der Identität von vielen Menschen in der Antike geteilt wurde.

Meine zweite These ist der besondere Fall dessen, was Soziologen manchmal das "kulturelle Zurückbleiben" nennen. Oder, wie der französische Historiker Fernand Braudel zu sagen pflegte, unterschiedliche Arten der Veränderungen finden mit unterschiedlicher Geschwindigkeit statt. Die Technologie entwickelt sich heute so schnell, dass den meisten von uns schwindelig wird. Die Institutionen bleiben dahinter zurück, trotz der Notwendigkeit, sich an die sich verändernde Welt anzupassen. Noch langsamer vollzieht sich der Wandel in den Einstellungen der Menschen. Das gilt insbesondere für diejenigen grundlegenden Einstellungen, die ich - erneut französischen Historikern folgend - als "Mentalitäten" bezeichnen möchte. Solche Veränderungen gehen angesichts des Einflusses der ersten zwei oder drei Lebensjahre auf die zukünftige Entwicklung jedes Einzelnen notwendigerweise langsam vonstatten.

Von diesem Standort aus soll nun die Geschichte kollektiver Identitäten näher betrachtet werden. Es ist klar, dass im 19. Jahrhundert sehr viel schneller Nationen geschaffen wurden als nationale Identitäten. Daher die gefeierte Bemerkung von Cavour, dass nun, nachdem Italien gemacht wurde, es notwendig sei, Italiener zu machen; daher auch der Versuch der französischen Dritten Republik, "Bauern" in "Franzosen" zu verwandeln, wie der amerikanische Historiker Eugen Weber es bezeichnet, um regionale durch nationale Identitäten als primäre, wenn nicht ausschließliche Loyalitäten zu ersetzen. Diese Aufgabe der Schaffung nationaler Identitäten wurde mit verschiedenen Mitteln geleistet, in erster Linie jedoch durch Schulen mit obligatorischer Universalerziehung in der nationalen Sprache - sogar das Sprechen von Bretonisch auf dem Schulhof wurde bestraft. Eine wichtige Rolle spielte das Unterrichten nationaler Geschichte bei der Stärkung der nationalen Identitäten. Der Literaturunterricht hatte einen ähnlichen Effekt: Die Leser waren in der Lage, wie Benedict Anderson anmerkte, sich mit einer "imaginären Gemeinschaft" zu identifizieren, die größer war als ihr Viertel, ihr Ort oder ihre Region. Insbesondere der Roman musste bei der Schaffung der nationalen Identität eine Aufgabe übernehmen, wie Anderson und auch Franco Moretti vorgebracht haben. Jane Austen wurde Teil des Englischen, Marcel Proust des Französischen und so weiter.

Betonung verdient der Geschlechteraspekt dieses Prozesses. Als den meisten Frauen noch Bildung verwehrt wurde, waren sie zugleich von vielfältigen Identitäten nahezu ausgeschlossen. Doch ab Mitte des 18. Jahrhunderts lässt sich das Aufkommen der weiblichen Leserschaft in vielen europäischen Staaten erkennen. Wenn Benedict Anderson und Franco Moretti Recht haben, so lässt sich annehmen, dass viele Frauen ihre nationale Identität im Laufe des 19. Jahrhunderts erworben haben. Im Fall der Männer spielte die Armee in einem Zeitalter der allgemeinen Wehrpflicht eine wichtige erzieherische Rolle. Der Film "Padre Padrone" zeigt anschaulich, wie ein ungebildeter sardischer Schäfer während seines nationalen Wehrdienstes in Pisa zu einem Italiener wird, indem er übliches Italienisch sprechen und schreiben lernt.

Vor einiger Zeit, etwa in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, sind wir Zeugen der Versuche geworden, mit Hilfe der Geschichte eine europäische Identität zu schaffen, die jedoch erneut hinter den Institutionen des Gemeinsamen Marktes, der Europäischen Gemeinschaft und der Europäischen Union zurückbleibt. Neue Geschichtsschreibungen zu Europa wurden veröffentlicht, die diesen Zweck der Identitätsstiftung im Sinn haben. Sowohl Charlemagne als auch der Eroberer Charles V. wurden - zumindest gelegentlich - als gute Europäer präsentiert, obwohl dieses Konzept für beide Monarchen wohl ziemlich schwer zu verstehen gewesen wäre.

Diese Versuche zur Schaffung einer europäischen Identität mögen nicht völlig ohne Rückhalt gewesen sein - auf jeden Fall waren sie nicht wirklich erfolgreich. Die Sprache wird in dieser Zeit sogar noch mehr zum Problem als in Zeiten nationaler Identitäten. Es bedarf keiner Erinnerung daran, dass die britische insulare Identität noch immer stark ist. Auch wenn die Kluft zwischen der Europäischen Union und dem Kontinent Europa schmaler wird, so ist sie doch nicht verschwunden. Und noch bevor das Problem der Schaffung einer europäischen Identität gelöst wurde, wird es von Ereignissen, oder genauer von einem Trend überholt, dem Trend zur Globalisierung.

Was nun? In welchem Ausmaß und wodurch nehmen wir Menschen eine globale Identität an? Und wer von uns? Die Älteren oder die Jungen? Frauen oder Männer? Eliten oder gewöhnliche Leute? Europäer, Asiaten, Amerikaner? Mitglieder kleiner Nationen oder Mitglieder großer Nationen? Werden wir sie annehmen, wenn wir sie brauchen oder erst eine oder zwei Generationen später? Das sind komplexe Fragen, deren Beantwortung viel Raum einnehmen würde. Daher werde ich nun die Futurologen nachahmen und kurz drei mögliche Szenarios für die Zukunft diskutieren, drei Visionen für das 21. Jahrhundert.

III. Globalisierung, Gegen- Globalisierung und Durchmischung

1. Globalisierung - globale Identitäten

Das erste Szenario findet statt vor dem Hintergrund der Globalisierung im Sinne einer Zeit-Raum-Verdichtung, der zunehmenden Bedeutung des multinationalen und immer intensiveren kulturellen Austauschs, der zu einer wachsenden kulturellen Homogenisierung führt. Hinsichtlich des Problems von Identität ließe sich voraussagen, dass ebenso wie das Lesen von Romanen das nationale Bewusstsein förderte, auch das auf allen Kontinenten empfangbare Satellitenfernsehen die Bildung einer imaginären globalen Gemeinschaft, einer virtuellen Gemeinschaft anregt. Diese globale Identität wird durch andere Mittel gestärkt, beispielsweise durch bewusste Erziehungsprogramme für eine Staatsbürgerschaft in der globalen Gemeinschaft. Ebenso wie durch den Unterricht von französischer oder europäischer Geschichte in den Schulen die Herausbildung etwa französischer oder europäischer Identitäten angeregt wurde, so könnte heute der Weltgeschichte Vorrang eingeräumt werden, wie es die Schweden vor Jahrzehnten getan haben.

Die Vision, dass jeder im Jahr 2050 Coca-Cola trinkt, Hamburger isst, Englisch spricht - natürlich wie ein Ausländer - und das gleiche Fernsehprogramm zur gleichen Zeit sieht, ist eine plumpe Karikatur. In den wichtigsten anderen Weltsprachen wie Chinesisch, Arabisch und Spanisch, ganz abgesehen von Französisch, Deutsch und Russisch steckt noch ziemlich viel Leben. Genauso verhält es sich bei den wichtigsten Weltreligionen.

Trotzdem gibt es - wenn man an die Trends denkt, die eher in Bewegung sind als abgeschlossen - Anzeichen für die Herausbildung einer globalen, quasiglobalen oder zunehmend globalen Kultur, insbesondere im Westen, aber ebenfalls in Japan und zunehmend auch in China. Roman und Film - beide äußerst wichtig für das Thema Identität - sind zwei Beispiele. Im Fall des Romans enthüllt ein kürzlich erschienenes Interview mit dem tschechischen Schriftsteller Milan Kundera - welches ich, in dieser globalen Zeit, in einer Übersetzung in einer brasilianischen Zeitung gelesen habe - sicherlich einen weitreichenderen Trend. Vor 1968 lebte Kundera in Prag und schrieb in tschechischer Sprache, vorrangig für ein tschechisches Publikum. Jetzt lebt er in Paris, schreibt in französischer Sprache und, wie er in dem Interview erklärt, in erster Linie für ein weltweites Publikum.

Im Fall des Films zielt Hollywood auf einen globalen Markt, und auch in Europa sind Koproduktionen über nationale Grenzen hinweg immer üblicher geworden. Der italienische Regisseur Michelangelo Antonioni zum Beispiel, der sich seinen Ruf mit Filmen erwarb, die in italienischer Sprache in Italien und mit italienischen Schauspielern gedreht wurden, wandte sich der Arbeit mit internationaler Besetzung und internationaler Finanzierung zu, um Filme wie "Blow-Up" (1967) und "Zabriskie Point" in Englisch zu drehen.

Auf bedeutsame Weise, die, soweit mir bekannt ist, noch nicht im Detail oder in der Tiefe untersucht wurde, verändert das Bevorzugen eines globalen an Stelle eines lokalen Publikums in jeder Hinsicht die Arbeit selbst. Kunderas Romane änderten sich natürlich nach 1968. Sie wurden weniger sozial und dafür metaphysischer, mit weniger lokalen Bezügen und mehr Ausführungen zum Zustand des Menschen. Eine Untersuchung des Werdegangs von Filmemachern wie Michelangelo Antonioni oder dem ungarischen Regisseur István Szábo könnte diesen Aspekt ebenfalls erhellen. Sie erwarben sich ihren Ruf mit Filmen in ihrer nationalen Sprache und durch den Einsatz nationaler Schauspieler, aber wandten sich schließlich der Arbeit mit einer internationalen Besetzung zu, mit internationaler Finanzierung und mit einem internationalen Publikum vor Augen.

Ähnliches trifft auf andere Arten von Arbeit zu, darunter die Beschäftigung mit Geschichte. Als ich mich nach und nach an den Gedanken gewöhnt hatte, dass meine Bücher in verschiedene Sprachen übersetzt würden, versuchte ich, Anspielungen zu vermeiden, die außerhalb Großbritanniens oder gar außerhalb Europas nicht leicht zu verstehen wären. Ich habe begonnen, in den Begrifflichkeiten einer potenziellen globalen Leserschaft zu denken und mich gefragt, ob eine bestimmte Aussage oder ein bestimmter Verweis zum Beispiel für chinesische oder japanische Leser deutlich wären. In diesem Prozess scheine ich mich selbst mehr als ein Weltbürger neu zu definieren - und ich bin mir sicher, dass ich damit nicht alleine bin. Veränderungen dieser Art mögen ihren Preis haben - ich denke daran, dass "The Joke" aus seiner tschechischen Phase Kunderas bester Roman ist, angereichert, sogar für ausländische Leser, mit lokalen Bezügen, selbst wenn viele Ausländer den Sinn einiger Bemerkungen nicht verstanden haben. Trotzdem sind diese Veränderungen unvermeidlich, und sie haben Folgen für unser Identitätsgefühl.

Das umrissene Szenario mag nicht völlig überzeugend sein, doch dann bleibt die Frage: Was sind die Alternativen?

2. Das Phänomen der Gegen-Globalisierung - lokale Identitäten

Das zweite Szenario ist das Gegenteil des ersten. Es sagt den langfristigen Sieg der Widerstandskräfte gegen die "Invasion" globaler Formen der Kultur voraus. Der Einfachheit halber nenne ich dies "Gegen-Globalisierung".

In diesem Szenario übernehmen die kollektiven Phänomene des Aufstands der Regionen eine wichtige Rolle, die bereits Robert Lafont und andere in den sechziger Jahren als die "regionalistische Revolution" bezeichnet haben. Aus dieser Sicht ist es gleichgültig, ob eine mögliche Bewegung - baskisch, bretonisch, katalanisch oder kroatisch - die Sprache der Region oder der Nation verwendet - oder tatsächlich der Religion wie in Bosnien oder Nordirland. Das Entscheidende ist hier die Betonung der lokalen Kultur und lokalen Identität, gleich ob in Gestalt des Wiederbelebens aussterbender Sprachen oder des Einwerfens der Scheiben bei McDonalds.

Als Kontrapunkt zu Kundera steht die Aussage des englischen Romanschriftstellers Julian Barnes, die ebenfalls aus einem Zeitungsinterview stammt. Barnes, der Frankreich gut kennt, beklagte kürzlich, dass der Kanal tiefer sei als je zuvor, die Gegensätze zwischen den beiden Kulturen tief greifend. Auch wenn man nicht mit ihm übereinstimmt, ist dies doch ein Zeichen, das untersucht werden muss.

Dieses Phänomen ist eher Bestandteil einer Reaktion auf die Globalisierung als eine autonome Bewegung, aber wir können es uns nicht leisten, es zu ignorieren. Es verdeutlicht eine weit verbreitete Angst vor der Schwächung traditioneller Identitäten zu einem Zeitpunkt, da sich neue Identitäten noch nicht vollständig herausgebildet haben. Sigmund Freud hatte dafür einen treffenden Ausdruck: der "Narzissmus der geringeren Unterschiede". Der Anthropologe Anton Blok fügte in Übereinstimmung mit Freud hinzu, dass die Gefahr des Verlusts traditioneller Identitäten den Narzissmus auslöst, häufig begleitet von Gewalt gegen das Andere. Es besteht eine intensivere Sorge um Reinheit als gewöhnlich, die sich in einer extremen Form in Erscheinungen der ethnischen Säuberung äußern kann oder aber in einer milderen Form, wie bei der Kampagne der französischen Regierung gegen "Franglais".

Dem ersten Szenario zufolge ist dieser Regionalismus, egal wie zerstörerisch er sein mag, nichts anderes als eine Form des allerletzten Widerstands gegen das Unvermeidbare. Dem zweiten Szenario zufolge ist er jedoch ein bedeutender, langfristiger Trend. Ein Trend vom Sterben der Sprache zur Wiederbelebung der Sprache, von größeren Staaten zu kleineren Staaten und sogar von einer Betonung des Universalwissens zu einem Unterstreichen des "lokalen Wissens", was führende Anthropologen, wie zum Beispiel Clifford Geertz und Jim Scott, diskutieren. Erziehung kann dazu benutzt werden und wird es in der Tat, um diese Gegenbewegung zu unterstützen. Beispiele sind das Unterrichten regionaler Geschichte, obligatorischer Irischunterricht und vieles mehr.

Unter den Widerstandskräften gegen die globale Kultur ist etwas noch wichtiger, das als "Unverwüstlichkeit" traditioneller lokaler Mentalitäten bezeichnet werden könnte. Die Macht des kulturellen Missverstehens darf nicht unterschätzt werden. Selbst wenn Menschen in allen Teilen der Welt identische Bilder auf ihren Fernsehbildschirmen sehen würden, so würden sie doch das Gesehene unterschiedlich interpretieren. Empirische Studien zur Rezeption der Seifenoper "Dallas" in verschiedenen Ländern, von Israel bis zu den Fidschi-Inseln, machen diesen Aspekt deutlich.

Das zweite Szenario entsteht aus der Kritik am ersten und macht auf wichtige Phänomene aufmerksam, die keinen oder im besten Fall einen untergeordneten Platz im ersten Szenario haben. Doch als ein Bild unserer Zukunft überzeugt es dennoch nicht. Es muss ein "dritter Weg" für das Verständnis unserer Zukunft gefunden werden.

3. Durchmischung oder das Verschwinden des Nationalstaates

Ein mögliches drittes Szenario würde den Schwerpunkt auf die Koexistenz legen. Ausgangsbasis wären die beiden diskutierten Trends Globalisierung und Gegen-Globalisierung. Übrigens sollte erwähnt werden, dass es manchmal schwierig ist, ein bestimmtes Phänomen einzuordnen; so zum Beispiel das Wiederaufleben des Islams, der eine Erscheinung des Widerstands gegen die Globalisierung - westlicher oder amerikanischer Ausprägung - zu repräsentieren scheint. Doch gleichzeitig ist die Ausbreitung des Wahhabi, der "puritanischen" oder "fundamentalistischen" Form des Islam, in der muslimischen Welt sicherlich eine Form der Globalisierung selbst.

Man könnte sich vorstellen, dass die beiden Trends Globalisierung und Gegen-Globalisierung sich gegenseitig aufheben und daher alles bleibt, wie es war. Ich glaube das nicht. Was wir erleben, ist in gewisser Weise der Aufstieg beider Ränder auf Kosten der Mitte, d. h. des Globalen und Lokalen auf Kosten der Nation, also das Dahinschwinden des (National-)Staates - von Karl Marx vorausgesagt - aus Gründen, die er nicht vorhersehen konnte.

Angenommen, es gäbe eine lange Phase der Koexistenz zwischen dem Globalen und Lokalen: Was würde das für Kultur und Identität bedeuten? Um die Frage beantworten zu können, ist es wichtig, die Bedeutung von "Koexistenz" zu klären. Bei der Verwendung des Begriffs denke ich nicht so sehr an die Metapher des Kalten Krieges als vielmehr an Spanien im späten Mittelalter, eine Zeit, in der Menschen dreier Religionen - jüdisch, christlich, muslimisch - oder dreier Kulturen in unmittelbarer Nähe beieinander lebten. Das Ergebnis dieser Nähe war ein erhebliches Ausmaß an Konflikten, ein bestimmter Grad an Toleranz (mehr als im 16. oder 17. Jahrhundert) und ausgeprägter kultureller Austausch. In meiner Vorstellung von Koexistenz, vom Zusammenleben gibt es sowohl einen Platz für Konflikt und Konkurrenz als auch für Harmonie. Die Versuche der kulturellen Isolierung, symbolisiert durch die Ghettos christlicher Städte, haben einen Platz, einen größeren aber hat die kulturelle Wechselwirkung. Auch bewusste Versuche des "Synkretismus" gehören dazu, ein Begriff, der von den klassischen Gelehrten stammt und damit an die Koexistenz der Kulturen im späten Römischen Reich erinnert.

Einen weiteren Faktor gilt es bei dieser Diskussion um die Koexistenz lokaler und globaler Kulturen zu berücksichtigen: Über die bereits erwähnte multiple Identität sollte an dieser Stelle ein wenig mehr gesagt werden. Sicherlich ist es kein Widerspruch, wenn eine Einzelperson eine lokale, eine nationale und eine globale Identität hat. Immerhin sprechen viele Menschen in der Welt mehr als eine Sprache. Einige sind mehr oder weniger ebenso "bikulturell" wie "bilingual".

Nehmen wir zum Beispiel Japan: Die Japaner haben eine lange Tradition des Lernens von anderen Kulturen, vor allem von China und dem Westen, und ebenso des Verwandelns des Gelernten in etwas Ureigenes. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts existiert eine Tradition, die "doppeltes Leben" genannt wird - traditionell und westlich zugleich. Heute essen viele Japaner zwei Arten von Nahrungsmitteln, tragen zwei Arten von Kleidern (einen westlichen Anzug im Büro und zu Hause einen Kimono) und leben in zwei Arten von Wohnungen (der westliche Raum in einem japanisch ausgestatteten Apartment wird schrittweise abgelöst von einem japanischen Raum in einem westlich eingerichteten Apartment). Vielleicht werden wir alle wie die Japaner sein und "Englisch als Fremdsprache" plus unseren eigenen regionalen Dialekt sprechen sowie an der Weltkultur teilhaben, aber eine lokale Kultur behalten.

Der Akzent sollte bezüglich des doppelten Lebens nicht auf einer kulturellen Trennung oder auf Apartheid liegen. Die Bedeutung steigt kurzfristig, und die Menschen werden zwischen Kulturen und Identitäten wechseln, so wie sie es heute zwischen Sprachen oder Sprachebenen tun. Sie werden das wählen, was sie in ihrer jeweiligen Situation für angemessen halten.

Allerdings ist es langfristig unmöglich, das aufrechtzuerhalten, was als die "Isolierung" von Kulturen bezeichnet werden könnte, mit dem Ziel, ihre Insellage zu verteidigen. Daher lässt sich mit Sicherheit voraussagen, dass sich zumindest einige der Trennlinien zwischen den Sphären des "doppelten Lebens" verwischen werden. Was - aus Sicht der Puristen - als "Verunreinigung" bezeichnet werden könnte, wird sicher eintreten - so wie es im Fall Japans geschehen ist. Ebenso wie nationale Grenzen sind die Ghettomauern nicht undurchlässig für die kulturelle Invasion oder Unterwanderung. Das Ergebnis von Koexistenz, ob beabsichtigt oder nicht, ist eine Art Durchmischung.

Diese Art der Durchmischung geschieht an vielen Orten bereits seit langer Zeit. Die Geschichte Brasiliens, wie von Gilberto Freyre beschrieben und gepriesen, verdeutlicht diesen Prozess mit besonderer Deutlichkeit. Im dritten Szenario wäre sie sogar noch bedeutsamer als zuvor. Neben immer mehr Einwanderung und Mischehen ließen sich immer mehr gekoppelte Identitäten wie afroamerikanisch oder italobrasilianisch erkennen, ebenso wie mehr "hybride Kulturen" von der Art, wie sie der Soziologe Nestor Canclini für Mexiko beschrieb.

Was als Nächstes passieren wird, ist am schwersten vorherzusehen, trotz einiger faszinierender Diskussionen unter Anthropologen, darunter der von Ulf Hannerz entfachten, über den Prozess der kulturellen Pidginisierung oder Kreolisierung - Metaphern, die aus der Linguistik entliehen wurden, um die gegensätzlichen Prozesse der Simplifizierung und Komplexifizierung zu beschreiben. Pidginisierung beschreibt die Bildung einer Art Lingua Franca, d. h. einige kulturelle Bezugspunkte, die in vielen Teilen der Welt verständlich sind. Kreolisierung beschreibt die Art, wie eine einfache Lingua Franca sich in eine komplexe Sprache verwandelt, mit eigener Grammatik und eigenem Wortschatz.

Zugegebenerweise sind diese Aussichten sehr verlockend. Doch eines habe ich bei der Futurologie gelernt: wie wichtig es ist, zwischen dem zu unterscheiden, was sich jemand wünscht, und dem, was jemand erwartet.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Es handelt sich dabei u. a. um Studien von Anton Blok, The Narcissism of Minor Differences, in: European Journal of Social Theory, (1998) 1, S. 33-56; Nestor Canclini, Culturas hibridas: estregias para entrar y salir de la modernidad, Buenos Aires 1995²; William Chapmann, Inventing Japan, New York 1991; Ralph Crane, Inventing India: a History of India in English-Language Fiction, Basingstoke 1992; Gerard Delanty, Inventing Europe, London 1995; Alain Dieckhoff, L‘invention d‘une nation: Israël et la modernité politique, Paris 1993; Inman Fox, La invenciên de España, Madrid 1997; Ulf Hannertz, Cultural Complexity, New York 1992; B. K. Holcomb/S. Ibsaa, The Invention of Ethiopia, Trenton 1990; Declan Kiberd, Inventing Ireland, Harvard 1996; Hervé Le Bras/Emmanuel Todd, L‘invention de la France, Paris 1981; Nicole Loraux, L‘invention d‘Athènes, Paris 1981; William H. McNeill, The Rise of the West, 1963; Franco Moretti, Atlas or the European Novel, 1800-1900, englische Übersetzung London 1998; V. Y. Mudimbe, The Invention of Africa, 1988; Murray G. H. Pittock, The Invention of Scotland, London 1991; James C. Scott, Seeing Like a State: How Certain Schemes to Improve the Human Condition Have Failed, New Haven 1998; Nicolas Shumway, The Invention of Argentina, Berkeley 1991.

Dr. phil.; geb. 1937; seit 1988 Professor für Kulturgeschichte an der Universität Cambridge; seit 1994 Fellow an der Britischen Akademie.

Anschrift: Emmanuel College, Cambridge CB2 3AP, Great Britain.

Veröffentlichungen u.a.: The European Renaissance: Centres and Peripheries, 1988; A Social History of Knowledge from Gutenberg to Diderot, 2000.