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2.7.2002 | Von:
Joana Breidenbach
Ina Zukrigl

Widersprüche der kulturellen Globalisierung: Strategien und Praktiken

II. Wie gehen Menschen mit Fremdeinflüssen um?

Das Homogenisierungsszenario geht davon aus, dass die weltweite Verbreitung westlicher Strukturen und der Konsum importierter Güter bereits vereinheitlichend wirken. Im Bild der Kulturschmelze lassen sich Menschen weltweit von Fremdeinflüssen überrollen und übernehmen unreflektiert die Moralvorstellungen und Essgewohnheiten amerikanischer Serienhelden. Doch Menschen und Staaten gehen mit Fremdeinflüssen auf vielfältige Weise um: Sie wehren sie oft ab oder verwandeln sie.

Welche kulturellen Einflüsse sich weltweit verbreiten, hing bis vor kurzem maßgeblich von den internationalen Beziehungen und Handelsabkommen der verschiedenen Staaten ab. Burma verbietet seinen Bürgern die Benutzung des Internets, und der französische Staat versucht seine Sprache vor Anglizismen zu bewahren. In letzter Zeit fordern aber auch so unterschiedliche alternative soziale Bewegungen wie die militante amerikanische Rechte, islamische Fundamentalisten, Umweltaktivisten oder Organisationen indigener Völker (Urbevölkerung) die Logik der grenzensprengenden wirtschaftlichen Globalisierung mit zum Teil sehr medienwirksamen Aktionen heraus.

Widerstand gegen Fremdeinflüsse nimmt häufig auch subtile Formen an. Nehmen wir beispielsweise die Gerüchte und urbanen Legenden, die von Organraub handeln. Mitte der achtziger Jahre tauchte zum ersten Mal in den Slums von Guatemala und Brasilien das Gerücht auf, ein Lieferwagen würde durch die Slums fahren und im Auftrag reicher Amerikaner und Japaner herumlungernde Kinder auflesen und sie etwas später ohne Herz, Lunge, Leber, Nieren und Augen wieder am Straßenrand abladen. Die Geschichte verbreitete sich in der Region wie ein Buschfeuer und kam, vielfach angereichert, in den neunziger Jahren auch in Nordamerika und Europa an, wo sie unter anderem in E-Mail-Kettenbriefen zirkulierte. Entstanden war die Legende inmitten der Militärregime und Bürgerkriege in Mittel- und Südamerika, in denen Entführungen, Verstümmelungen und ungeklärte Todesfälle zum Alltag gehörten. Sie ist aber ebenso eine Antwort auf die global verbreitete Transplantationsmedizin, die das Verhältnis von Menschen zu ihren Körpern fundamental verändert. In den Gerüchten drückt sich die Angst von Menschen aus, die staatlicher Willkür machtlos ausgesetzt sind und sich in ihrer körperlichen Integrität bedroht sehen. [2] Menschen begegnen Neuem aber nicht nur mit Widerstand, sie integrieren es in ihr eigenes Weltbild. Wir alle sind tagtäglich mit der Aneignung fremder Waren und Ideen beschäftigt. Gesellschaften benutzen Fremdes, um - wie der Ethnologe Marshall Sahlins schreibt - "mehr wie sie selbst zu werden" [3] .

Im Zuge der Globalisierung der Medienstrukturen werden Medien und Kommunikationstechnologien weltweit verbreitet. Überall beherrschen Sendeformate wie Nachrichten oder Seifenopern die nationalen Fernsehlandschaften. Ein großer Teil davon ist importiert. So fesselte Anfang der neunziger Jahre die australische Seifenoper Neighbours die asiatischen und afrikanischen Jugendlichen des Süd-Londoner Stadtteils Southall. Die Kinder der Einwanderer aus dem Punjab und Ostafrika verfolgten mit Begeisterung das Leben der Bewohner der fiktiven Ramsey Street. In Alltagsgesprächen wurde immer wieder auf die Serie angespielt, und für Außenstehende war es oft schwer festzustellen, ob die Jugendlichen gerade über ihre realen Freunde und Verwandten redeten oder über TV-Charaktere.

Doch was genau faszinierte die Jugendlichen? Die australischen Lebensverhältnisse per se wurden nicht als erstrebenswert angesehen. Ebenso wenig identifizierten sich die jungen Asiaten britischer Herkunft direkt mit den Protagonisten der Serie. Was das Leben in Ramsey Street mit ihrem eigenen Leben in Southall verband, waren vielmehr die dichten sozialen und familiären Netze in beiden Gemeinschaften, durch die insbesondere die Mädchen in ihrem Freiraum stark eingeschränkt wurden. Klatsch und Tratsch waren in beiden Welten an der Tagesordnung. In Southall waren es insbesondere Mütter und ältere Tanten, die den Klatsch anheizten und das Verhalten der Jugendlichen auf Schritt und Tritt verfolgten und kommentierten. Diese rigide Kontrolle wurde von vielen Einwandererkindern in London, die auf der Suche nach ihrer Identität als britische Asiaten waren und die traditionellen Lebensmuster ihrer Eltern nicht unhinterfragt übernehmen wollten, als beengend und bedrohlich erlebt.

In Neighbours sahen die Jugendlichen, wie ihre fiktiven australischen Altersgenossen mit Klatsch, elterlicher Autorität und Generationskonflikten umgingen. In ihrem Freundeskreis konnten die jungen "asiatischen Briten" Probleme wie Gewalt in der Familie oder romantische Beziehungen nicht direkt ansprechen, ohne gegen izzat, die Familienehre, zu verstoßen. In den Diskussionen über das Verhalten der australischen Protagonisten kamen diese tabuisierten Themen jedoch indirekt zur Sprache, und die Jugendlichen waren in der Lage, ihre eigenen Standpunkte zu artikulieren. Sie waren sich sehr wohl bewusst, so die Medienwissenschaftlerin Marie Gillespie, dass ihr kultureller Hintergrund andere Lösungen als die in der Seifenoper dargebotenen erforderte - sie wollten ihre Herkunft als Muslime, Sikhs oder Hindus nicht verleugnen, sondern diese mit ihrem britischen Wohnort in Einklang bringen. [4]

Globale Kommunikationstechnologien haben oft unvorhersehbare Konsequenzen. Das Internet beispielsweise verstärkt einer populären Auffassung zufolge die weltweite Tendenz zur Individualisierung und Vereinzelung. Doch seit 1995 auf Trinidad die ersten Netzanschlüsse gelegt wurden, hat das Familienleben einen unerwarteten Aufschwung erhalten. Die meisten trinidadischen Familien sind transnational, d. h., Mitglieder der Kernfamilie leben zu Studien- oder Arbeitszwecken im Ausland, so z. B. in den Vereinigten Staaten, in Kanada, in Venezuela, aber auch in Großbritannien, Dänemark oder Botswana. Vor Ankunft des Internets, so schreiben Daniel Miller und Don Slater in ihrer Fallstudie The Internet. An Ethnographic Approach [5] , war die trinidadische Familie als zentrale Institution des sozialen Lebens akut bedroht. Die Kommunikation zwischen Trinidad und Übersee verlief schleppend. Wir schreiben nicht gerne Briefe, sagen Trinidader von sich, und da Telefonieren teuer ist, griff man nur zu besonderen Anlässen zum Hörer.

Mit dem Internet kam das neue Medium E-Mail: kostengünstig, schnell und vergnüglich. Plötzlich konnten Familienbeziehungen gelebt werden, welche die geographische Distanz eigentlich verhinderte. Trinidader nutzen sie für den alltäglichen Plausch und stellen so die Intimität her, die sie von einem normalen Familienleben erwarten. George lebt schon seit vielen Jahren in London. Wenn er sich Samstagnachmittag wie jede Woche in den Chatroom "De Trini Lime" einloggt, dann sitzen in Trinidad schon eine Reihe von Familienmitgliedern, seine Eltern, Tanten und Cousins, gemeinsam vorm Bildschirm. Drei Stunden lang chatten sie, berichten, wer wen getroffen hat, wie es Freunden und Verwandten in der letzen Woche ergangen ist. Mit seinen Cousins in Kanada trifft sich George ebenfalls wöchentlich eine Stunde online. Auch viele im Ausland arbeitenden Trinidader, die ihre Kinder in der Heimat zurückgelassen haben, nutzen das Netz, um den Kontakt zu ihren Sprösslingen zu intensivieren und Schuldgefühle zu dämpfen.

Und ebenso wie im realen Leben ruft auch der medial vermittelte enge Familienkontakt gemischte Emotionen hervor: Einerseits fühlt man sich sicher und geborgen, andererseits eingeengt und kontrolliert. Wie Ann-Marie, die in London studiert. Jeden Tag erhält sie E-Mails von ihrer Mutter aus Port-of-Spain. Die Mutter verfolgt den Wetterbericht und schreibt: Diese Woche wird bei euch die Sonne ein wenig scheinen. Zieh dich trotzdem warm an. Iss was Anständiges. Und vergiss deine Vitamintabletten nicht!

Fußnoten

2.
Vgl. Nancy Scheper-Hughes, The Global Traffic in Human Organs, in: American Anthropology , 41 (2000) 2, S. 191-224.
3.
Marshall Sahlins, Cosmologies of Capitalism: the Trans-Pacific Sector of the World System, in: Proceedings of the British Academy , 74 (1989), S. 1-51.
4.
Vgl. Marie Gillespie, Television, Ethnicity and Cultural Change, London 1995.
5.
Daniel Miller/Don Slater, The Internet. An Ethnographic Approach, Oxford 2000.