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2.7.2002 | Von:
Joana Breidenbach
Ina Zukrigl

Widersprüche der kulturellen Globalisierung: Strategien und Praktiken

V. Kulturalisierung

Doch die skizzierte Kulturmelange ist nur eine der dominanten zeitgenössischen Dynamiken. Gleichzeitig erleben wir eine Kulturalisierung, die zum Teil der Kreolisierung diametral entgegenwirkt. Das Konzept "Kultur" ist in den letzten Jahrzehnten zu einem wichtigen Bezugsrahmen für Gruppen weltweit geworden. Indigene Völker, ethnische Minderheiten, aber auch transnationale Zusammenschlüsse wie die der Schwarzen, Homosexuellen oder Native Americans berufen sich auf ihre kulturellen Besonderheiten, um Anerkennung zu erlangen, Rechte im nationalen Raum durchzusetzen und Förderungen zu erhalten. Viele dieser Bewegungen haben erkannt, dass ihre Anliegen nur auf der globalen Ebene Gehör finden und mit Hilfe globaler Strukturen durchgesetzt werden können. Um von Menschen außerhalb der eigenen Gruppe gehört und verstanden zu werden, artikulieren sie ihre kulturellen Besonderheiten auf eine standardisierte Art und Weise. Jede "Kultur" beruft sich auf weltweit gültige Kategorien (eigene Sprache, Lebensstile, Weltbilder oder Rituale), entlang derer sie sich von anderen unterscheidet. Nur durch ein gemeinsames Vokabular und interkulturell verständliche Kategorien können transnationale Allianzen aufgebaut werden, brasilianische Indios mit den Penan auf Borneo korrespondieren oder Deutsche sich an Unterschriftenaktionen gegen den Uranabbau im Gebiet der australischen Aborigines beteiligen.

Die Instrumentalisierung von Kultur geht mit einem neuen Bewusstsein für die eigenen Besonderheiten einher (während vorher die eigene Lebensweise unreflektiert als Norm betrachtet oder im Verhältnis zur Mehrheitskultur als minderwertig angesehen wurde). Viele Gemeinschaften, von den indischen Dalit bis zu den japanischen Ainu, nutzen das neue kulturelle Selbstbewusstsein, um ihr kulturelles Überleben zu sichern, Würde und Anerkennung zu erlangen.

Die Betonung kultureller Eigenheiten birgt aber auch die Gefahr der Verabsolutierung kultureller Unterschiede und eines von Hass und Rassismus geprägten Ethnozentrismus. In Ethnographien über die Ursachen ethnischer oder ethnisch-religiöser Gewalt in Burundi, Nordirland und Jugoslawien wird deutlich, dass körperliche Gewalt zwischen ehemals friedlich koexistierenden Bevölkerungsgruppen eng mit einer existenziellen Unsicherheit bezüglich der eigenen Identität verbunden ist. Diese kognitive Unsicherheit (Wer bin ich? Wer ist der andere?) nimmt im globalen Zeitalter zu und kann, politisch instrumentalisiert, in mörderischen Ethnozentrismus umschlagen.

Essenzialisierte Kulturvorstellungen werden oft instrumentalisiert, um die eigene Kultur und bestehende Herrschaftsverhältnisse zu legitimieren. Die amerikanische Ethnologin Laura Nader stellte bei vergleichenden Studien in Westeuropa, den USA und Ländern des Mittleren Ostens fest, dass Frauen im Kampf um gesellschaftliche Gleichstellung häufig mit kulturellen Argumenten gegeneinander ausgespielt werden. Islamische Frauen gelten in der westlichen Öffentlichkeit als unterdrückt; sie müssen sich polygamen Familienstrukturen unterordnen und äußere Zeichen der Keuschheit, zum Beispiel den Schleier, tragen. Diese Vorstellungen wurden durch die Situation afghanischer Frauen seit 1996 nochmals bekräftigt und sind seit den kriegerischen Auseinandersetzungen im Herbst 2001 ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gelangt. Die islamischen Medien wiederum verbreiten ebenso stereotype Bilder westlicher Frauen als Sexualobjekte, Vergewaltigungsopfer und ins Altersheim abgeschobene ältere Frauen. Die kulturell bedingte, vermeintlich weit problematischere Situation von Frauen im jeweils anderen Kulturkreis wird im öffentlichen Diskurs gerne zur Relativierung der in beiden Regionen bestehenden gesellschaftlichen Missstände herangezogen. Im Westen ebenso wie in islamischen Ländern sollen Frauen mit der Botschaft beruhigt werden: "Verglichen mit den Frauen in anderen Gesellschaften habt ihr es doch gut." [9]

Geht das Kreolisierungsszenario von einer Vermischung verschiedenster kultureller Elemente aus, so reaktiviert der Prozess der Kulturalisierung die Vorstellung von kultureller Vielfalt als Mosaik. Dieses Kulturverständnis teilen die Vertreter eines rechten Ethnopluralismus, der von einer Unvereinbarkeit verschiedener Kulturen ausgeht, mit den Multikulturalisten. Letztere operieren zwar mit einem erweiterten Nationsbegriff (bei dem nicht nur die Abstammung zählt), gehen aber auch von klar umrissenen Unterschieden zwischen Kulturen aus, die Minderheiten dazu berechtigen, eigene Medien, Schulen etc. einzufordern, um gleichberechtigt neben der Mehrheitskultur leben zu können. In diesem Kulturverständnis stellt jeder kulturelle Wandel unweigerlich einen Verlust an Identität dar. Kultur ist jedoch nichts, was man verlieren oder gewinnen kann, sondern vielmehr ein Prozess, durch den Menschen der Welt, in der sie leben, einen Sinn geben.

Die meisten Gesellschaften bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Mosaik und Kreolisierung. Viele Gemeinschaften, die ein essenzialisiertes und statisches Bild ihrer Gemeinschaft propagieren und ihre Kultur von der Globalisierung bedroht sehen, bedienen sich einer eklektischen Mischung aus Eigenem und Fremdem. Der Hisbollah-eigene Fernsehsender Der Leuchtturm zeigt im Libanon als Teil des Kinderprogramms Donald Duck und die Schlümpfe. Im Anschluss werden Photos gefallener Märtyrer mit der Bitte um Spenden ausgestrahlt. Und viele Sprecher "authentischer" indigener Kulturen leben de facto ein höchst modernes Leben und bewegen sich zwischen UN-Versammlungen, Universitätssälen und der eigenen Gemeinschaft hin und her, um für ihre Ideen und politischen Anliegen Gehör zu finden.

Ob man sich mit einer bestimmten kulturellen Gruppe identifiziert oder nicht, ist immer auch situationsabhängig. Zu Weihnachten pflegen Trinidader bewusst ihre eigenen nationalen Festtraditionen, während beim Karneval die internationalen Verflechtungen betont werden. Und im oben erwähnten multiethnischen Southall nimmt das ethnische und religiöse Zugehörigkeitsgefühl nach rassistischen Übergriffen zu und überlagert andere, sonst wichtige Identifikationsbezüge wie schwarz, feministisch oder britisch-asiatisch.

Fußnoten

9.
Vgl. Laura Nader, Orientalism, Occidentalism and the Control of Women, in: Cultural Dynamics, 2 (1989) 3, S. 323-335.