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2.7.2002 | Von:
Joana Breidenbach
Ina Zukrigl

Widersprüche der kulturellen Globalisierung: Strategien und Praktiken

VI. Transmigration

Neben Kreolisierung und Kulturalisierung hat noch eine weitere kulturelle Dynamik im letzten Jahrzehnt maßgeblich an Bedeutung gewonnen, die Transnationalisierung. [10] Früher pflegten die meisten Migranten nur symbolisch die Zugehörigkeit zu ihrem Herkunftsland. Ob Hugenotten in Preußen oder Schwaben in den USA, die Einwanderer gliederten sich in ihre neue Heimat ein, lernten deren Sprache und Tischmanieren. Heute jedoch halten immer mehr Migranten wichtige Beziehungen zu ihren Herkunftsorten aufrecht. Sie sind zweifach - an ihrem alten und neuen Wohnsitz - verankert und pflegen aktiv verwandtschaftliche, wirtschaftliche, religiöse oder politische Bande über nationale Grenzen hinweg. Diese transnationale Orientierung ist durch moderne Kommunikations- und Transporttechnologien ermöglicht und vereinfacht worden. Aber sie resultiert ebenso aus der wirtschaftlichen und politischen Unsicherheit, die viele Migranten im Zuge der ökonomischen Umstrukturierung und des weit verbreiteten Rassismus empfinden. Wie sollten sie in einer solchen Situation auf ein Land allein setzen? Aus der Perspektive von Migranten kann Transnationalisierung zu einer instabilen "Weder-hier-noch-da"-Lebenssituation führen, in der sie den schnell wechselnden globalen Wirtschaftstrends schutzlos ausgeliefert sind. Beziehungen zu mehreren Staaten zu unterhalten ermöglicht den Migranten aber auch, zwischen den Vor- und Nachteilen einzelner nationaler Regime abzuwägen, als vorteilhaft empfundene Regeln zu befolgen und andere zu umgehen.

Viele Entsenderstaaten fördern die doppelte Verankerung ihrer Bürger im Ausland, stellen diese doch politische Verbündete im Ausland dar und tragen mit ihren Überweisungen in ihr Herkunftsland (einer Schätzung zufolge weltweit jährlich über 60 Milliarden US-$) und Investitionen zum Teil massiv zum nationalen Wohlstand bei. Staaten wie Israel oder die Dominikanische Republik versuchen durch doppelte Staatsbürgerschaften und die Bewilligung parlamentarischer Interessenvertreter für ihre im Ausland lebenden Bürger diese in die heimatliche Wirtschaft und Politik einzubinden. Mexikos neuer Präsident Vicente Fox versäumte es nicht, bei seinem Wahlkampf einen Abstecher in die USA zu unternehmen, um sich auch dort die Gunst seiner Landsleute zu sichern. Die Entwicklung hin zum so genannten "deterritorialisierten Nationalstaat" erfährt durch elektronische Medien ein neues Momentum. Die südafrikanische Regierung veröffentlichte bereits 1993 ihren ersten Verfassungsentwurf im Netz, um exilierten ANC-Mitgliedern per E-Mail ein Mitspracherecht einzuräumen. In anderen Ländern wird derzeit erwogen, Auslandsbürgern die elektronische Stimmabgabe bei nationalen Wahlen anzubieten.

Transnationale Gemeinschaften finden sich unter Marokkanern und Senegalesen in Italien, Polen, Türken und Kurden in Deutschland, Südasiaten in Großbritannien und Auslandschinesen weltweit. Die Intensivierung der Beziehungen zwischen Herkunftsland und Diaspora manifestiert sich auch im so genannten "Langstrecken-Nationalismus" [11] (Benedikt Anderson). So spielen in ursprünglich lokalen Konflikten in Sri Lanka, im Kosovo, in Algerien, Mexiko oder auf den Philippinen immer mehr im Ausland lebende Bürger dieser Staaten eine wichtige Rolle. Schätzungen zufolge stammten 80 Prozent der Gelder, die 1990 im kroatischen Wahlkampf zur Verfügung standen, von kroatischen Auslandsangehörigen, und nach der Verhaftung Abdullah Öcalans fanden innerhalb von 24 Stunden in 25 Städten auf der ganzen Welt verteilt prokurdische Demonstrationen statt.

Von den Medien als Trend weitgehend noch unentdeckt, stellt Transmigration Nationalstaaten vor neuartige Herausforderungen. Wie werden Loyalitäten jenseits von Steuerabgaben gesichert oder sogar aktiviert? Für welche Seite entscheiden sich die mobilen Bürger, wenn Konflikte dies erfordern? Gibt es Korrelationen zwischen der Integrationsbereitschaft der Transmigranten und dem Grad ihrer Mobilität?

Für einige Migrantengruppen stellt wiederum die weltweit verstreute transnationale ethnische Gemeinschaft einen dritten Orientierungspunkt dar. So sind die im letzten Jahrzehnt aus der Volksrepublik China ausgewanderten Migranten durch ein dichtes Netz aus Printmedien, Satelliten-TV, Websites, Auslandschinesen-Organisationen und persönliche Beziehungen miteinander verbunden. Die in diesem Geflecht zwischen Herkunftsland, Wohnort und transnationaler Gemeinschaft entstehenden Lebens- und Identitätsformen sind noch weitgehend unerforscht.

Globalisierung ist aus kultureller Perspektive ein weitaus differenzierterer Prozess als gemeinhin angenommen. Daraus ergibt sich jedoch noch lange keine Chancengleichheit für die global agierenden Menschen, Waren und Ideen. Die mächtigsten Staaten, lautstarke Verfechter einer grenzenlosen, neoliberalistischen Weltordnung, sind gleichzeitig ausgeprägte Protektionisten, sobald es um die eigenen Interessen geht. Damit die oft erstaunliche kulturelle Vielfalt der Welt erhalten bleibt und sich neue Wege bahnen kann, müssen aber nicht nur Machtverhältnisse verändert, sondern auch eindimensionale Klischees aus dem Weg geräumt werden - insbesondere jene Stereotype, die zur Erhaltung dieser Vormacht herangezogen werden.

Fußnoten

10.
Vgl. Linda Basch/Nina Glick Schiller/Christina Szanton Blanc, Nations Unbound: Transnational Projects, Postcolonial Predicaments and Deterritorialized Nation States, Pennsylvania, 1994; Ny'ri PÄl, Expatriating is patriotic? The discourse on ,new migrants` in the People‘s Republic of China and identity construction among recent migrants from the PRC, in : Journal of Ethnic and Migration studies, 27 (2001) 4, S. 635-653.
11.
Benedict Anderson, Exodus, in: Critical Inquiry, 20 (1994) 2 , S. 314-327.