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2.7.2002 | Von:
Joana Breidenbach
Ina Zukrigl

Widersprüche der kulturellen Globalisierung: Strategien und Praktiken

Im Zuge der Globalisierung wandeln sich Lebenswelten und Identitäten von Menschen. Die bekannten Klischees - beispielsweise "kulturelle Vielfalt verschwindet" erfassen nur Teilaspekte der komplexen Veränderungen.

Einleitung

Meinte man vor einem Jahrzehnt noch, Weltbilder, Wirtschafts- und politische Systeme konkreten Orten zuordnen zu können, so wird dies im Zeitalter der Globalisierung immer fragwürdiger. Globalisierung vollzieht sich in den unterschiedlichsten Bereichen und Dimensionen. Finanzen, Firmen, Ideen und Menschen sind so mobil wie nie zuvor. Aber während über die wirtschaftlichen und politischen Folgen der weltumspannenden Vernetzung differenziert und kontrovers in der Öffentlichkeit diskutiert wird, werden die Auswirkungen auf Gesellschaft und Alltagswelt eher vernachlässigt.

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  • Folgen wir den öffentlichen Meinungsmachern, dann läuft kulturelle Globalisierung auf eines von zwei Szenarien hinaus: Im weitverbreiteten Bild der globalen Kulturschmelze werden kulturell einst eigenständige Gesellschaften von weltweit verfügbaren Waren und Medien überschwemmt. In einer Welt, in der Menschen von Bratislawa bis Bangkok Big Macs essen, Jeans tragen, auf raubkopierten Windowsversionen arbeiten und MTV sehen, erscheint kulturelle Vielfalt akut bedroht. Und da die meisten der globalen Güter und Ideen westlichen Ursprungs sind, liegt es nahe, in der Globalisierung nur einen neuen Namen für Amerikanisierung oder "Westernisierung" zu sehen.


    Die zweite, nicht weniger apokalyptische Zukunftsvision sieht die Welt in kultureller Fragmentierung und interkulturellen Konflikten versinken. Als Antwort auf die Homogenisierung scheint den Menschen nur noch die Abschottung gegen Fremdeinflüsse und die Zuflucht zu einem übersteigerten ethnischen Bewusstsein übrig zu bleiben. Die These von Kultur als neuer Konfliktlinie - Samuel P. Huntingtons "Kampf der Kulturen" - scheint sich durch die wachsende Anzahl ethnischer und religiöser Konflikte in Sri Lanka, Indonesien oder auf dem Balkan zu bestätigen. Seit dem 11. September 2001 hat dieses Szenario auch für die reichen westlichen Industriestaaten bedrohlich an Aktualität gewonnen. Und so zirkuliert Huntingtons vereinfachtes Weltbild, obwohl von vielen Intellektuellen belächelt, wieder in neuen Auflagen durch die Öffentlichkeit.

    Aus der von uns eingenommenen ethnologischen Perspektive wird jedoch keines dieser beiden Szenarien und auch keine Kombination aus beiden (wie beispielweise von Benjamin Barber in seinem Werk "Coca Cola und Heiliger Krieg" vertreten) den neu entstehenden Lebenswelten gerecht. Zum einen erweisen sich die Grundannahmen, auf denen die Homogenisierungs- und Fragmentierungsprognosen basieren, als unhaltbar. Kultureller Wandel ist nicht unweigerlich ein Nullsummenspiel, sondern folgt einer wesentlich komplexeren Dynamik, als die oben genannten Autoren glaubhaft machen wollen. Aus kultureller Perspektive erweist sich Globalisierung als ein hochgradig dialektischer Prozess. Homogenisierung und Ausdifferenzierung, Konflikt und kulturelle Vermischung, Globalisierung und Lokalisierung stellen keine einander ausschließenden Entwicklungen dar, sondern bedingen sich gegenseitig. Bestimmte Konzepte und Strukturen des modernen Lebens werden mit der Globalisierung weltweit verbreitet. Zugleich nehmen kulturelle Besonderheiten durch die Relativierung von lokalen Lebensweisen vor dem Hintergrund globaler Strukturen schärfere Konturen an oder werden überhaupt erst geschaffen.

    Zum anderen werden Fragen nach der Bedeutung der aktuellen Entwicklungen für die Menschen nicht beantwortet. Warum lassen sich in bestimmten Konfliktsituationen ethnische Identitäten so leicht mobilisieren und instrumentalisieren? Warum erlernen Deutsche asiatische Kampfsportarten? Warum ist die australische Seifenoper Neighbours die Lieblingsserie junger asiatischer Briten? Was versteht die pakistanische Regierung unter Menschenrechten?

    I. Die ethnologische Linse

    Erst aus der Zusammenschau der kulturellen Dimensionen und makroökonomischer und strukturpolitischer Perspektiven können wir zu einem differenzierten Bild der zeitgenössischen Globalität gelangen. Objektiv messbare Daten zur Gesundheitsversorgung, Arbeitslosigkeit und Religionszugehörigkeit müssen zu der jeweiligen kulturellen Bewertung von Lebensstil, Fortschritt und Gleichberechtigung in Bezug gesetzt werden.

    Ethnologie und Anthropologie - die Wissenschaften vom Menschen - beschäftigten sich auf vielfältigste Weise mit dem Teil des Menschen und seiner Lebenswelt, der kulturell erlernt und nicht biologisch festgelegt ist. Ethnologie sollte detaillierte empirische Studien mit größeren philosophischen und politischen Fragestellungen verbinden. Ein wesentliches Ziel sollte es dabei sein, fremde Verhaltensweisen und Weltbilder aus sich selbst heraus anzusehen und anderen zugänglich zu machen. Ethnologie ist um eine ganzheitliche Sicht und Beschreibung der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Phänomene bemüht, die von anderen Disziplinen meist getrennt untersucht werden. Das Zusammenspiel und die gegenseitige Durchdringung verschiedener Sphären wie Rechtspraktiken, Weltbilder und soziale Strukturen stehen im Vordergrund des Interesses.

    Mittelpunkt der ethnographischen Methode ist eine längere, meist zwischen 12 bis 18 Monate dauernde Feldforschung. In der teilnehmenden Beobachtung können menschliche Realitäten, Strategien und Praktiken ganzheitlich erfasst und verbale Aussagen in ihrem Kontext untersucht werden. Denn oft widerspricht das, was Menschen sagen, ihren Handlungen.

    Der ganzheitliche Anspruch der Ethnologie ist im Zeitalter der weltumspannenden Vernetzung immer schwerer einzulösen und stellt die Disziplin vor neue theoretische und methodologische Aufgaben. [1] Immer seltener sind Kultur, Gesellschaft und Ort deckungsgleich. In einer Welt, in der die Kontakte zwischen räumlich weit voneinander entfernten Gesellschaften exponentiell zunehmen, lässt sich das traditionelle Forschungsgebiet der Ethnologie (außereuropäische, vormoderne Gesellschaften) nicht mehr isolieren. Zeitgenössische ethnologische Forschung hat die künstliche Trennung zwischen Wir (im Westen) und den Anderen (der Rest der Welt) überwunden und untersucht das moderne Leben überall: afrikanische Managementtechniken, die Lebensentwürfe junger Deutschtürken, chinesischen Europa-Tourismus oder die Bedeutung des Internets in Trinidad.

    Wir wollen mit unserer Ethnologie der Globalisierung weniger ein Zukunftsszenario entwerfen - Wie sieht eine vollkommen globalisierte Welt aus? Wird es Frauen in der nächsten Dekade besser gehen als heute? -, sondern vielmehr kulturelle Dynamiken und Entwicklungstendenzen in den verschiedensten Lebensbereichen aufzeigen. Die oft im luftleeren Raum der Theorie entworfenen Gewissheiten über die kulturellen Folgen von Migration oder Massenmedien lassen sich durch empirische Fallbeispiele aus verschiedenen Weltregionen veranschaulichen, widerlegen oder differenzieren. Kultur entpuppt sich dabei nie als statisches Gebilde, sondern ist immer situativ, kontextgebunden.

    II. Wie gehen Menschen mit Fremdeinflüssen um?

    Das Homogenisierungsszenario geht davon aus, dass die weltweite Verbreitung westlicher Strukturen und der Konsum importierter Güter bereits vereinheitlichend wirken. Im Bild der Kulturschmelze lassen sich Menschen weltweit von Fremdeinflüssen überrollen und übernehmen unreflektiert die Moralvorstellungen und Essgewohnheiten amerikanischer Serienhelden. Doch Menschen und Staaten gehen mit Fremdeinflüssen auf vielfältige Weise um: Sie wehren sie oft ab oder verwandeln sie.

    Welche kulturellen Einflüsse sich weltweit verbreiten, hing bis vor kurzem maßgeblich von den internationalen Beziehungen und Handelsabkommen der verschiedenen Staaten ab. Burma verbietet seinen Bürgern die Benutzung des Internets, und der französische Staat versucht seine Sprache vor Anglizismen zu bewahren. In letzter Zeit fordern aber auch so unterschiedliche alternative soziale Bewegungen wie die militante amerikanische Rechte, islamische Fundamentalisten, Umweltaktivisten oder Organisationen indigener Völker (Urbevölkerung) die Logik der grenzensprengenden wirtschaftlichen Globalisierung mit zum Teil sehr medienwirksamen Aktionen heraus.

    Widerstand gegen Fremdeinflüsse nimmt häufig auch subtile Formen an. Nehmen wir beispielsweise die Gerüchte und urbanen Legenden, die von Organraub handeln. Mitte der achtziger Jahre tauchte zum ersten Mal in den Slums von Guatemala und Brasilien das Gerücht auf, ein Lieferwagen würde durch die Slums fahren und im Auftrag reicher Amerikaner und Japaner herumlungernde Kinder auflesen und sie etwas später ohne Herz, Lunge, Leber, Nieren und Augen wieder am Straßenrand abladen. Die Geschichte verbreitete sich in der Region wie ein Buschfeuer und kam, vielfach angereichert, in den neunziger Jahren auch in Nordamerika und Europa an, wo sie unter anderem in E-Mail-Kettenbriefen zirkulierte. Entstanden war die Legende inmitten der Militärregime und Bürgerkriege in Mittel- und Südamerika, in denen Entführungen, Verstümmelungen und ungeklärte Todesfälle zum Alltag gehörten. Sie ist aber ebenso eine Antwort auf die global verbreitete Transplantationsmedizin, die das Verhältnis von Menschen zu ihren Körpern fundamental verändert. In den Gerüchten drückt sich die Angst von Menschen aus, die staatlicher Willkür machtlos ausgesetzt sind und sich in ihrer körperlichen Integrität bedroht sehen. [2] Menschen begegnen Neuem aber nicht nur mit Widerstand, sie integrieren es in ihr eigenes Weltbild. Wir alle sind tagtäglich mit der Aneignung fremder Waren und Ideen beschäftigt. Gesellschaften benutzen Fremdes, um - wie der Ethnologe Marshall Sahlins schreibt - "mehr wie sie selbst zu werden" [3] .

    Im Zuge der Globalisierung der Medienstrukturen werden Medien und Kommunikationstechnologien weltweit verbreitet. Überall beherrschen Sendeformate wie Nachrichten oder Seifenopern die nationalen Fernsehlandschaften. Ein großer Teil davon ist importiert. So fesselte Anfang der neunziger Jahre die australische Seifenoper Neighbours die asiatischen und afrikanischen Jugendlichen des Süd-Londoner Stadtteils Southall. Die Kinder der Einwanderer aus dem Punjab und Ostafrika verfolgten mit Begeisterung das Leben der Bewohner der fiktiven Ramsey Street. In Alltagsgesprächen wurde immer wieder auf die Serie angespielt, und für Außenstehende war es oft schwer festzustellen, ob die Jugendlichen gerade über ihre realen Freunde und Verwandten redeten oder über TV-Charaktere.

    Doch was genau faszinierte die Jugendlichen? Die australischen Lebensverhältnisse per se wurden nicht als erstrebenswert angesehen. Ebenso wenig identifizierten sich die jungen Asiaten britischer Herkunft direkt mit den Protagonisten der Serie. Was das Leben in Ramsey Street mit ihrem eigenen Leben in Southall verband, waren vielmehr die dichten sozialen und familiären Netze in beiden Gemeinschaften, durch die insbesondere die Mädchen in ihrem Freiraum stark eingeschränkt wurden. Klatsch und Tratsch waren in beiden Welten an der Tagesordnung. In Southall waren es insbesondere Mütter und ältere Tanten, die den Klatsch anheizten und das Verhalten der Jugendlichen auf Schritt und Tritt verfolgten und kommentierten. Diese rigide Kontrolle wurde von vielen Einwandererkindern in London, die auf der Suche nach ihrer Identität als britische Asiaten waren und die traditionellen Lebensmuster ihrer Eltern nicht unhinterfragt übernehmen wollten, als beengend und bedrohlich erlebt.

    In Neighbours sahen die Jugendlichen, wie ihre fiktiven australischen Altersgenossen mit Klatsch, elterlicher Autorität und Generationskonflikten umgingen. In ihrem Freundeskreis konnten die jungen "asiatischen Briten" Probleme wie Gewalt in der Familie oder romantische Beziehungen nicht direkt ansprechen, ohne gegen izzat, die Familienehre, zu verstoßen. In den Diskussionen über das Verhalten der australischen Protagonisten kamen diese tabuisierten Themen jedoch indirekt zur Sprache, und die Jugendlichen waren in der Lage, ihre eigenen Standpunkte zu artikulieren. Sie waren sich sehr wohl bewusst, so die Medienwissenschaftlerin Marie Gillespie, dass ihr kultureller Hintergrund andere Lösungen als die in der Seifenoper dargebotenen erforderte - sie wollten ihre Herkunft als Muslime, Sikhs oder Hindus nicht verleugnen, sondern diese mit ihrem britischen Wohnort in Einklang bringen. [4]

    Globale Kommunikationstechnologien haben oft unvorhersehbare Konsequenzen. Das Internet beispielsweise verstärkt einer populären Auffassung zufolge die weltweite Tendenz zur Individualisierung und Vereinzelung. Doch seit 1995 auf Trinidad die ersten Netzanschlüsse gelegt wurden, hat das Familienleben einen unerwarteten Aufschwung erhalten. Die meisten trinidadischen Familien sind transnational, d. h., Mitglieder der Kernfamilie leben zu Studien- oder Arbeitszwecken im Ausland, so z. B. in den Vereinigten Staaten, in Kanada, in Venezuela, aber auch in Großbritannien, Dänemark oder Botswana. Vor Ankunft des Internets, so schreiben Daniel Miller und Don Slater in ihrer Fallstudie The Internet. An Ethnographic Approach [5] , war die trinidadische Familie als zentrale Institution des sozialen Lebens akut bedroht. Die Kommunikation zwischen Trinidad und Übersee verlief schleppend. Wir schreiben nicht gerne Briefe, sagen Trinidader von sich, und da Telefonieren teuer ist, griff man nur zu besonderen Anlässen zum Hörer.

    Mit dem Internet kam das neue Medium E-Mail: kostengünstig, schnell und vergnüglich. Plötzlich konnten Familienbeziehungen gelebt werden, welche die geographische Distanz eigentlich verhinderte. Trinidader nutzen sie für den alltäglichen Plausch und stellen so die Intimität her, die sie von einem normalen Familienleben erwarten. George lebt schon seit vielen Jahren in London. Wenn er sich Samstagnachmittag wie jede Woche in den Chatroom "De Trini Lime" einloggt, dann sitzen in Trinidad schon eine Reihe von Familienmitgliedern, seine Eltern, Tanten und Cousins, gemeinsam vorm Bildschirm. Drei Stunden lang chatten sie, berichten, wer wen getroffen hat, wie es Freunden und Verwandten in der letzen Woche ergangen ist. Mit seinen Cousins in Kanada trifft sich George ebenfalls wöchentlich eine Stunde online. Auch viele im Ausland arbeitenden Trinidader, die ihre Kinder in der Heimat zurückgelassen haben, nutzen das Netz, um den Kontakt zu ihren Sprösslingen zu intensivieren und Schuldgefühle zu dämpfen.

    Und ebenso wie im realen Leben ruft auch der medial vermittelte enge Familienkontakt gemischte Emotionen hervor: Einerseits fühlt man sich sicher und geborgen, andererseits eingeengt und kontrolliert. Wie Ann-Marie, die in London studiert. Jeden Tag erhält sie E-Mails von ihrer Mutter aus Port-of-Spain. Die Mutter verfolgt den Wetterbericht und schreibt: Diese Woche wird bei euch die Sonne ein wenig scheinen. Zieh dich trotzdem warm an. Iss was Anständiges. Und vergiss deine Vitamintabletten nicht!

    III. Die Neue Vielfalt

    Im Zuge der exponentiellen Zunahme kultureller Austauschprozesse verschwinden zahlreiche indigene Lebensformen und Denkweisen. Fischfangtechniken und schamanistische Rituale der kanadischen Inuit - so bezeichnen sich die kanadischen Eskimos - geraten in Vergessenheit, und Sprachwissenschaftlern zufolge werden nur 10 Prozent der heute noch über 6 500 gesprochenen Sprachen das Ende des nächsten Jahrhunderts überleben. Der kulturelle Wandel macht aber auch vor der Weltsprache Englisch nicht Halt. Ihr droht das gleiche Schicksal wie einst der Verkehrsprache Latein, deren 50 Millionen Sprecher ab dem 2. Jahrhundert Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und Rumänisch nebst Dialekten wie Katalanisch oder Provenzalisch entwickelten. Ebenso entfernt sich das auf Fidschi, in Südafrika oder den Philippinen (jeweils unterschiedlich) gesprochene Englisch von seinen britischen Wurzeln.

    IV. Kreolisierung

    Im Globalisierungsprozess entstehen unendlich viele neue Kulturformen und Lebensweisen. Durch die weltweite Verfügbarkeit bestimmter Waren und Ideen verändern sich lokale Kulturen und gehen ungewohnte Kombinationen miteinander ein. Die Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden verwischen sich. Diese Kulturmelange lässt sich an Individuen beobachten, kennzeichnet zunehmend aber auch ganze Gesellschaften. Tiger Woods, der Shootingstar des internationalen Golfsports, bezeichnet sich selbst als "Cablinasian", um auf seine kaukasischen, schwarzen, indianischen und asiatischen Vorfahren hinzuweisen. Auch in Deutschland werden in wenigen Jahren 40 bis 50 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in den Großstädten aus Zuwandererfamilien kommen, und heute schon entstammt jedes neunte Neugeborene einer interkulturellen Partnerschaft. Die neu entstehenden Gemeinschaften, wie die der Latinos oder der Afro-Deutschen, verändern das Deutsche auf unspektakuläre, aber nachhaltige Weise.

    Ganze Industrien leben von den neuen Mischungen. Mit ihren Schilderungen kreolisierter [6] Lebenswelten gewinnen Michael Ondaatje oder Salman Rushdie renommierte Literaturpreise, und immer mehr Musiker bedienen sich der Stile und Rhythmen aus aller Welt. Die südafrikanische Kwaito-Musik, ein Amalgam aus Rap, Hip-Hop und afrikanischem Pop, wird als Ausdruck des Lebensgefühls der jungen Regenbogennation zelebriert, und Peter Gabriel oder das Kronos Quartett haben durch die afrikanische Einfärbung ihrer Musik Millionenbeträge eingespielt.

    Die neuen Kultur- und Identitätsformen lassen sich vor dem Horizont unseres herkömmlichen Kulturverständnisses nicht adäquat erfassen. Kulturelle Unterschiede zwischen Menschen werden gemeinhin aus ihren spezifischen historischen Ursprüngen abgeleitet. Kultur stellt eine klar abgegrenzte, relativ statische Einheit dar. Die Welt gleicht einem Mosaik, dessen Steinchen die Kulturen sind. Kultur und lokale Gemeinschaft sind in diesem Bild identisch.

    Aber wie aussagekräftig ist die kulturelle oder nationale Herkunft heute? Im Hennes&Mauritz [7] am Potsdamer Platz treffen russische Einwanderer auf deutsche oder türkische Jugendliche, Webdesignerinnen auf Buchhalter, Charlottenburger auf Menschen aus Marzahn. Sie alle tragen Canvashosen, kaufen CD-ROMs und mögen Falaffel. Marktforschungsunternehmen haben die flexibilisierten Identitäten schnell erkannt und ihre Konzepte angepasst. So erstellte die amerikanische Marktforschungsagentur Claritas eine hoch aufgelöste Landkarte der US-amerikanischen Gesellschaft, die nicht mehr auf Herkunft, sondern geschmacklichen Vorlieben und Lebens-stilen basiert. Nun sind US-Amerikaner nicht mehr "Hispanics" oder "Black Americans", sondern gehören zu den Lebenstilkategorien "Money&Brains" (wohlhabende, politisch-korrekte Professionals) oder "Rustic Elders" (wenig begüterte, ländliche Rentner). [8]

    V. Kulturalisierung

    Doch die skizzierte Kulturmelange ist nur eine der dominanten zeitgenössischen Dynamiken. Gleichzeitig erleben wir eine Kulturalisierung, die zum Teil der Kreolisierung diametral entgegenwirkt. Das Konzept "Kultur" ist in den letzten Jahrzehnten zu einem wichtigen Bezugsrahmen für Gruppen weltweit geworden. Indigene Völker, ethnische Minderheiten, aber auch transnationale Zusammenschlüsse wie die der Schwarzen, Homosexuellen oder Native Americans berufen sich auf ihre kulturellen Besonderheiten, um Anerkennung zu erlangen, Rechte im nationalen Raum durchzusetzen und Förderungen zu erhalten. Viele dieser Bewegungen haben erkannt, dass ihre Anliegen nur auf der globalen Ebene Gehör finden und mit Hilfe globaler Strukturen durchgesetzt werden können. Um von Menschen außerhalb der eigenen Gruppe gehört und verstanden zu werden, artikulieren sie ihre kulturellen Besonderheiten auf eine standardisierte Art und Weise. Jede "Kultur" beruft sich auf weltweit gültige Kategorien (eigene Sprache, Lebensstile, Weltbilder oder Rituale), entlang derer sie sich von anderen unterscheidet. Nur durch ein gemeinsames Vokabular und interkulturell verständliche Kategorien können transnationale Allianzen aufgebaut werden, brasilianische Indios mit den Penan auf Borneo korrespondieren oder Deutsche sich an Unterschriftenaktionen gegen den Uranabbau im Gebiet der australischen Aborigines beteiligen.

    Die Instrumentalisierung von Kultur geht mit einem neuen Bewusstsein für die eigenen Besonderheiten einher (während vorher die eigene Lebensweise unreflektiert als Norm betrachtet oder im Verhältnis zur Mehrheitskultur als minderwertig angesehen wurde). Viele Gemeinschaften, von den indischen Dalit bis zu den japanischen Ainu, nutzen das neue kulturelle Selbstbewusstsein, um ihr kulturelles Überleben zu sichern, Würde und Anerkennung zu erlangen.

    Die Betonung kultureller Eigenheiten birgt aber auch die Gefahr der Verabsolutierung kultureller Unterschiede und eines von Hass und Rassismus geprägten Ethnozentrismus. In Ethnographien über die Ursachen ethnischer oder ethnisch-religiöser Gewalt in Burundi, Nordirland und Jugoslawien wird deutlich, dass körperliche Gewalt zwischen ehemals friedlich koexistierenden Bevölkerungsgruppen eng mit einer existenziellen Unsicherheit bezüglich der eigenen Identität verbunden ist. Diese kognitive Unsicherheit (Wer bin ich? Wer ist der andere?) nimmt im globalen Zeitalter zu und kann, politisch instrumentalisiert, in mörderischen Ethnozentrismus umschlagen.

    Essenzialisierte Kulturvorstellungen werden oft instrumentalisiert, um die eigene Kultur und bestehende Herrschaftsverhältnisse zu legitimieren. Die amerikanische Ethnologin Laura Nader stellte bei vergleichenden Studien in Westeuropa, den USA und Ländern des Mittleren Ostens fest, dass Frauen im Kampf um gesellschaftliche Gleichstellung häufig mit kulturellen Argumenten gegeneinander ausgespielt werden. Islamische Frauen gelten in der westlichen Öffentlichkeit als unterdrückt; sie müssen sich polygamen Familienstrukturen unterordnen und äußere Zeichen der Keuschheit, zum Beispiel den Schleier, tragen. Diese Vorstellungen wurden durch die Situation afghanischer Frauen seit 1996 nochmals bekräftigt und sind seit den kriegerischen Auseinandersetzungen im Herbst 2001 ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gelangt. Die islamischen Medien wiederum verbreiten ebenso stereotype Bilder westlicher Frauen als Sexualobjekte, Vergewaltigungsopfer und ins Altersheim abgeschobene ältere Frauen. Die kulturell bedingte, vermeintlich weit problematischere Situation von Frauen im jeweils anderen Kulturkreis wird im öffentlichen Diskurs gerne zur Relativierung der in beiden Regionen bestehenden gesellschaftlichen Missstände herangezogen. Im Westen ebenso wie in islamischen Ländern sollen Frauen mit der Botschaft beruhigt werden: "Verglichen mit den Frauen in anderen Gesellschaften habt ihr es doch gut." [9]

    Geht das Kreolisierungsszenario von einer Vermischung verschiedenster kultureller Elemente aus, so reaktiviert der Prozess der Kulturalisierung die Vorstellung von kultureller Vielfalt als Mosaik. Dieses Kulturverständnis teilen die Vertreter eines rechten Ethnopluralismus, der von einer Unvereinbarkeit verschiedener Kulturen ausgeht, mit den Multikulturalisten. Letztere operieren zwar mit einem erweiterten Nationsbegriff (bei dem nicht nur die Abstammung zählt), gehen aber auch von klar umrissenen Unterschieden zwischen Kulturen aus, die Minderheiten dazu berechtigen, eigene Medien, Schulen etc. einzufordern, um gleichberechtigt neben der Mehrheitskultur leben zu können. In diesem Kulturverständnis stellt jeder kulturelle Wandel unweigerlich einen Verlust an Identität dar. Kultur ist jedoch nichts, was man verlieren oder gewinnen kann, sondern vielmehr ein Prozess, durch den Menschen der Welt, in der sie leben, einen Sinn geben.

    Die meisten Gesellschaften bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Mosaik und Kreolisierung. Viele Gemeinschaften, die ein essenzialisiertes und statisches Bild ihrer Gemeinschaft propagieren und ihre Kultur von der Globalisierung bedroht sehen, bedienen sich einer eklektischen Mischung aus Eigenem und Fremdem. Der Hisbollah-eigene Fernsehsender Der Leuchtturm zeigt im Libanon als Teil des Kinderprogramms Donald Duck und die Schlümpfe. Im Anschluss werden Photos gefallener Märtyrer mit der Bitte um Spenden ausgestrahlt. Und viele Sprecher "authentischer" indigener Kulturen leben de facto ein höchst modernes Leben und bewegen sich zwischen UN-Versammlungen, Universitätssälen und der eigenen Gemeinschaft hin und her, um für ihre Ideen und politischen Anliegen Gehör zu finden.

    Ob man sich mit einer bestimmten kulturellen Gruppe identifiziert oder nicht, ist immer auch situationsabhängig. Zu Weihnachten pflegen Trinidader bewusst ihre eigenen nationalen Festtraditionen, während beim Karneval die internationalen Verflechtungen betont werden. Und im oben erwähnten multiethnischen Southall nimmt das ethnische und religiöse Zugehörigkeitsgefühl nach rassistischen Übergriffen zu und überlagert andere, sonst wichtige Identifikationsbezüge wie schwarz, feministisch oder britisch-asiatisch.

    VI. Transmigration

    Neben Kreolisierung und Kulturalisierung hat noch eine weitere kulturelle Dynamik im letzten Jahrzehnt maßgeblich an Bedeutung gewonnen, die Transnationalisierung. [10] Früher pflegten die meisten Migranten nur symbolisch die Zugehörigkeit zu ihrem Herkunftsland. Ob Hugenotten in Preußen oder Schwaben in den USA, die Einwanderer gliederten sich in ihre neue Heimat ein, lernten deren Sprache und Tischmanieren. Heute jedoch halten immer mehr Migranten wichtige Beziehungen zu ihren Herkunftsorten aufrecht. Sie sind zweifach - an ihrem alten und neuen Wohnsitz - verankert und pflegen aktiv verwandtschaftliche, wirtschaftliche, religiöse oder politische Bande über nationale Grenzen hinweg. Diese transnationale Orientierung ist durch moderne Kommunikations- und Transporttechnologien ermöglicht und vereinfacht worden. Aber sie resultiert ebenso aus der wirtschaftlichen und politischen Unsicherheit, die viele Migranten im Zuge der ökonomischen Umstrukturierung und des weit verbreiteten Rassismus empfinden. Wie sollten sie in einer solchen Situation auf ein Land allein setzen? Aus der Perspektive von Migranten kann Transnationalisierung zu einer instabilen "Weder-hier-noch-da"-Lebenssituation führen, in der sie den schnell wechselnden globalen Wirtschaftstrends schutzlos ausgeliefert sind. Beziehungen zu mehreren Staaten zu unterhalten ermöglicht den Migranten aber auch, zwischen den Vor- und Nachteilen einzelner nationaler Regime abzuwägen, als vorteilhaft empfundene Regeln zu befolgen und andere zu umgehen.

    Viele Entsenderstaaten fördern die doppelte Verankerung ihrer Bürger im Ausland, stellen diese doch politische Verbündete im Ausland dar und tragen mit ihren Überweisungen in ihr Herkunftsland (einer Schätzung zufolge weltweit jährlich über 60 Milliarden US-$) und Investitionen zum Teil massiv zum nationalen Wohlstand bei. Staaten wie Israel oder die Dominikanische Republik versuchen durch doppelte Staatsbürgerschaften und die Bewilligung parlamentarischer Interessenvertreter für ihre im Ausland lebenden Bürger diese in die heimatliche Wirtschaft und Politik einzubinden. Mexikos neuer Präsident Vicente Fox versäumte es nicht, bei seinem Wahlkampf einen Abstecher in die USA zu unternehmen, um sich auch dort die Gunst seiner Landsleute zu sichern. Die Entwicklung hin zum so genannten "deterritorialisierten Nationalstaat" erfährt durch elektronische Medien ein neues Momentum. Die südafrikanische Regierung veröffentlichte bereits 1993 ihren ersten Verfassungsentwurf im Netz, um exilierten ANC-Mitgliedern per E-Mail ein Mitspracherecht einzuräumen. In anderen Ländern wird derzeit erwogen, Auslandsbürgern die elektronische Stimmabgabe bei nationalen Wahlen anzubieten.

    Transnationale Gemeinschaften finden sich unter Marokkanern und Senegalesen in Italien, Polen, Türken und Kurden in Deutschland, Südasiaten in Großbritannien und Auslandschinesen weltweit. Die Intensivierung der Beziehungen zwischen Herkunftsland und Diaspora manifestiert sich auch im so genannten "Langstrecken-Nationalismus" [11] (Benedikt Anderson). So spielen in ursprünglich lokalen Konflikten in Sri Lanka, im Kosovo, in Algerien, Mexiko oder auf den Philippinen immer mehr im Ausland lebende Bürger dieser Staaten eine wichtige Rolle. Schätzungen zufolge stammten 80 Prozent der Gelder, die 1990 im kroatischen Wahlkampf zur Verfügung standen, von kroatischen Auslandsangehörigen, und nach der Verhaftung Abdullah Öcalans fanden innerhalb von 24 Stunden in 25 Städten auf der ganzen Welt verteilt prokurdische Demonstrationen statt.

    Von den Medien als Trend weitgehend noch unentdeckt, stellt Transmigration Nationalstaaten vor neuartige Herausforderungen. Wie werden Loyalitäten jenseits von Steuerabgaben gesichert oder sogar aktiviert? Für welche Seite entscheiden sich die mobilen Bürger, wenn Konflikte dies erfordern? Gibt es Korrelationen zwischen der Integrationsbereitschaft der Transmigranten und dem Grad ihrer Mobilität?

    Für einige Migrantengruppen stellt wiederum die weltweit verstreute transnationale ethnische Gemeinschaft einen dritten Orientierungspunkt dar. So sind die im letzten Jahrzehnt aus der Volksrepublik China ausgewanderten Migranten durch ein dichtes Netz aus Printmedien, Satelliten-TV, Websites, Auslandschinesen-Organisationen und persönliche Beziehungen miteinander verbunden. Die in diesem Geflecht zwischen Herkunftsland, Wohnort und transnationaler Gemeinschaft entstehenden Lebens- und Identitätsformen sind noch weitgehend unerforscht.

    Globalisierung ist aus kultureller Perspektive ein weitaus differenzierterer Prozess als gemeinhin angenommen. Daraus ergibt sich jedoch noch lange keine Chancengleichheit für die global agierenden Menschen, Waren und Ideen. Die mächtigsten Staaten, lautstarke Verfechter einer grenzenlosen, neoliberalistischen Weltordnung, sind gleichzeitig ausgeprägte Protektionisten, sobald es um die eigenen Interessen geht. Damit die oft erstaunliche kulturelle Vielfalt der Welt erhalten bleibt und sich neue Wege bahnen kann, müssen aber nicht nur Machtverhältnisse verändert, sondern auch eindimensionale Klischees aus dem Weg geräumt werden - insbesondere jene Stereotype, die zur Erhaltung dieser Vormacht herangezogen werden.
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    Fußnoten

    1.
    Vgl. George Marcus, Ethnography In/Of the World System: the Emergence of Multi-Sited Ethnography, in: Annual Review of Anthropology, 24 (1995), S. 95-117.
    2.
    Vgl. Nancy Scheper-Hughes, The Global Traffic in Human Organs, in: American Anthropology , 41 (2000) 2, S. 191-224.
    3.
    Marshall Sahlins, Cosmologies of Capitalism: the Trans-Pacific Sector of the World System, in: Proceedings of the British Academy , 74 (1989), S. 1-51.
    4.
    Vgl. Marie Gillespie, Television, Ethnicity and Cultural Change, London 1995.
    5.
    Daniel Miller/Don Slater, The Internet. An Ethnographic Approach, Oxford 2000.
    6.
    Vgl. Ulf Hannerz, Cultural Complexity, New York 1992.
    7.
    Es handelt sich dabei um eine schwedische Kaufhauskette.
    8.
    Michael J. Weiss, The clustered World: how we live, what we buy, and what it all means about who we are, New York 2000.
    9.
    Vgl. Laura Nader, Orientalism, Occidentalism and the Control of Women, in: Cultural Dynamics, 2 (1989) 3, S. 323-335.
    10.
    Vgl. Linda Basch/Nina Glick Schiller/Christina Szanton Blanc, Nations Unbound: Transnational Projects, Postcolonial Predicaments and Deterritorialized Nation States, Pennsylvania, 1994; Ny'ri PÄl, Expatriating is patriotic? The discourse on ,new migrants` in the People‘s Republic of China and identity construction among recent migrants from the PRC, in : Journal of Ethnic and Migration studies, 27 (2001) 4, S. 635-653.
    11.
    Benedict Anderson, Exodus, in: Critical Inquiry, 20 (1994) 2 , S. 314-327.