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2.7.2002 | Von:
Mark Terkessidis

Der lange Abschied von der Fremdheit

Kulturelle Globalisierung und Migration

I. Vervielfältigte und leitende Kultur

Ob eher progressiv oder eher konservativ - wer in Deutschland zum Thema Einwanderung und Globalisierung spricht, der hält gewöhnlich das "Zusammenleben der Kulturen" für die Crux des Themas. In den letzten Jahren gab es zwei exemplarische Vorschläge zur Frage der Einwanderungsgesellschaft - zum einen das Plädoyer für "Multikultur" und zum anderen die Forderung nach "Leitkultur". In beiden Fällen blieben die traditionellen Kulturvorstellungen implizit grundlegend, wobei sich allerdings Brüche zeigten. Vordergründig bedienten sich die Befürworter des Multikulturalismus einer Rhetorik, welche die Abhängigkeit von Fremdheit anerkannte. So schrieben Daniel Cohn-Bendit und Thomas Schmid in ihrem Klassiker "Heimat Babylon" von 1992: "Man definiert sich selbst und gewinnt Kontur, indem man sich von anderen abgrenzt." [2] Allerdings hielten sie diese Abgrenzung zum einen für "fast anthropologisch", und zum anderen erwies sich das ansonsten verwendete Vokabular eindeutig als herderianisch: Da waren Kulturen in der Lage "miteinander in Kontakt" zu kommen; da konnten Menschen "in zwei Kulturen aufwachsen" und andere wiederum "zwischen zwei Kulturen lavieren". [3]

Während bei den Vertretern des Multikulturalismus der herkömmliche Kulturbegriff hinter den zaghaften Kontextualisierungen nahezu unbemerkt wieder auftauchte, verhielt es sich bei den Exponenten von "Leitkultur" im Jahre 2000 genau umgekehrt. Um sich entschieden gegen die Idee der "multikulturellen Gesellschaft" abzusetzen, wurde etwa in der "Arbeitsgrundlage" der CDU-Zuwanderungs-Kommission ganz konventionell festgehalten: "Die Gemeinsamkeit unseres kulturellen und geschichtlichen Erbes und unser gemeinsamer Wille zur Freiheit und Einheit sind Ausdruck nationaler Identität." Wenige Sätze später jedoch konnten die Verfasser nicht mehr verhehlen, dass sich diese "nationale Identität" offenbar längst im Fluss befindet und zum Objekt einer gezielten Rekonstruktion werden muss - die "christlich geprägten Wertgrundlagen" nämlich, so das Papier, gilt es "zu bewahren, zu stärken und weiterzuentwickeln". [4] Als das Konzept schließlich in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, waren sich die meisten der Kommentatoren in der Presse einig, dass es kein Zurück zur "Leitkultur" mehr gebe - die Bundesrepublik sei längst hoffnungslos kulturell differenziert. Weder "türkische Halbstarke mit Rapper-Gebaren" ("FAZ") noch "das Tragen oder Nicht-Tragen von Kopftüchern" ("Die Zeit") erschien den Autoren dabei noch ungewöhnlich oder gar gefährlich. Einheimische Kulturwissenschaftler und Soziologen hatten solche "Vermischung" angesichts der globalisierten Einwanderungsgesellschaft bereits früher entdeckt. Elisabeth Bronfen und Benjamin Marius etwa betonten, dass es angesichts einer neuen globalen Mobilität "weniger um Ausschluss des nicht Dazugehörigen", sondern um die "Produktivität interner Differenzen" gehe. [5] Als Modell für die nationale Gemeinschaft der Zukunft erschien ihnen nun nicht mehr das "Multi-Kulti-Gartenfest", "auf dem Folklore dargeboten wird und in der das politische Subjekt durch den Anderen seine Korrektheit genießen kann", sondern eine "Club-Nacht, in der nationale und (sub-)kulturelle Differenzen als einige unter vielen anderen möglichen produktiv eingesetzt werden können". [6]

In dieser neuen Form der Vergemeinschaftung, in der sich Realität und Utopie offenbar bereits vermischen, avancierte der Fremde bzw. der Migrant zum Modell des neuen Kulturtyps der Postmoderne. "Das Nomadentum des Arbeitsmigranten", betonte der Literaturwissenschaftler Paul Michael Lützeler, "ist ein Merkmal postmoderner Verfassung und Identität überhaupt geworden." [7] Allerdings wurde dieser Fremde von den Forschern kaum einmal etwa als illegaler Einwanderer gedacht, der für wenig Geld auf dem Bau schuftet, sondern gewöhnlich als "postkolonialer" Schriftsteller oder Intellektueller - ein glitzernder Wanderer und bereichernder Kulturvermittler zwischen Peripherie und Zentrum eben. So schwärmte etwa die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim in ihrem Beitrag zu dem Band Perspektiven der Weltgesellschaft von diesen Schriftstellern als "neuen Ureinwohnern des Weltdorfes" oder bezeichnete sie gar unverhohlen als "neue Rasse der postkolonialen Seelen" [8] .

Während die "progressiven" Intellektuellen in der "Hybridität" offenbar einen Ersatz für den herkömmlichen Multikulturalismus gefunden hatten, wenden sich derweil andere dagegen. "Vor allem", polemisiert der Philosoph Jochen Schütze, "bahnt sich unter der Bezeichnung Globalismus die Epoche an, in der die Dimension des Fremden endgültig ausstirbt." Er glaubt, dass der "existenzielle Abstand" zwischen Eigenem und Fremdem gewahrt bleiben muss und scheut sich nicht, in dieser neuen Abwesenheit des Fremden eine "Voraussetzung des Totalitarismus" zu erkennen. [9] Ähnlich argumentiert Frank Böckelmann - ehemals Berufsrevolutionär und heute Kommunikationsforscher: "Zu Kulturkampf und Rassenhass kommt es nur zwischen einander Nahegerückten." [10] Gegen die "Entgrenzungsspekulanten" versteht er sein Buch "Die Gelben, die Schwarzen und die Weißen" als "Lob der Fremdheit".

Obzwar der Herder'sche Kulturbegriff also immer noch den Hintergrund der Diskussion um Globalisierung in Deutschland bildet, sind sich dennoch alle Beteiligten bis hin zu den Vertretern der Union einig, dass die kulturelle Differenzierung der Gesellschaft indessen eine Tatsache ist. In den Auseinandersetzungen geht es lediglich um die Bewertung: Handelt es sich um einen Zustand, der durchweg bejaht wird und sogar Qualitäten einer Gesellschaftsutopie aufweist, oder gehört dieser Zustand korrigiert - je nachdem durch Wiederherstellung von "nationaler Identität" oder gar von Fremdheit allgemein? In diesem Sinne besteht die Anforderung an die Politik offenbar nur noch darin, wie sie diese Differenz organisiert. Tatsächlich zeigt sich bereits an dieser Diskussion, dass der Bezug auf Fremdheit strategisch ist: Die Beteiligten verwenden das vorgebliche Fremde schlicht als einen Spiegel, in dem die eigenen Vorstellungen von der Gesellschaft reflektiert werden. Dabei bleibt die Diskussion erstaunlich abstrakt. Nur in den seltensten Fällen werden konkrete Phänomene genauer unter die Lupe genommen.

Hierzulande scheinen selbst kulturpolitische Interventionen hauptsächlich von abstrakten Modellen inspiriert zu sein. Ein Beispiel dafür ist die Ausstellung "Heimat Kunst", die im Jahr 2000 im Berliner Haus der Kulturen der Welt unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten stattfand. Dort wurden von einem durchweg einheimischen Kuratorenteam 43 "fremde" Künstler betreut, wobei es gleichgültig war, ob es sich um Personen mit Migrationshintergrund handelte oder um ausländische Künstler, die sich vorübergehend in der Bundesrepublik aufhielten. In einer Broschüre formulierte der Leiter Johannes Odenthal eines der wichtigsten Anliegen der Ausstellung: "Wie kann sich Deutschland künstlerisch in den nächsten Jahrzehnten international darstellen?" Offenbar diente die im gleichen Aufsatz geforderte "Sichtbarkeit von Migranten-Kultur", womit wohl die Exponierung von Fremdheit gemeint war, in erster Linie dem strategischen Ziel einer Repräsentation Deutschlands in der Kunst. Unter mangelnder Sichtbarkeit leidet das Fremde derweil sicherlich nicht - allein: Um was für eine Art von Sichtbarkeit handelt es sich genau?

Fußnoten

2.
Daniel Cohn-Bendit/Thomas Schmid, Heimat Babylon, Hamburg 1992, S. 322.
3.
Vgl. ebd., S. 31, 45 und 311.
4.
Vgl. "Arbeitsgrundlage für die Zuwanderungs-Kommission der CDU Deutschlands"; Berlin, den 6. 12. 2000.
5.
Vgl. Elisabeth Bronfen/Benjamin Marius, Hybride Kulturen. Einleitung zur angloamerikanischen Multikulturalismusdebatte, in: E. Bronfen/B. Marius/T. Steffen (Hrsg.), Hybride Kulturen, Tübingen 1997, S. 3.
6.
Vgl. ebd., S. 12.
7.
Paul M. Lützeler, Nomadentum und Arbeitslosigkeit - Identität in der Postmoderne, in: Karl Heinz Bohrer/Kurt Scheel (Hrsg.), Postmoderne - Eine Bilanz, Berlin 1998 (Sonderheft Merkur), S. 913.
8.
Elisabeth Beck-Gernsheim, Schwarze Juden und griechische Deutsche - Ethnische Zuordnung im Zeitalter der Globalisierung, in: Ulrich Beck (Hrsg.), Perspektiven der Weltgesellschaft, Frankfurt/M. 1998, S. 163 ff.
9.
Jochen K. Schütze, Vom Fremden, Wien 2000, S. 93 f.
10.
Frank Böckelmann, Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen, Frankfurt/M. 1998, S. 442.