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11.6.2002 | Von:
Gisela Jakob

Freiwilligendienste in der Bürgergesellschaft

Aktuelle Diskussion und politischer Handlungsbedarf

Im Kontext der Debatten um die Bürgergesellschaft und angesichts von Veränderungen beim Zivildienst erfahren die Freiwilligendienste derzeit eine gesellschaftliche Aufwertung. Als "Lernorte" stellen sie bürgerschaftliches Engagement dar.

I. Die Entdeckung der Freiwilligendienste

[1]

Freiwilligendienste, in denen sich Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 27 Jahren im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres, eines Freiwilligen Ökologischen Jahres oder auch im Kontext der internationalen Friedensdienste engagieren, erfahren derzeit eine ungeahnte Aufmerksamkeit. Das öffentliche und fachpolitische Interesse findet seinen Ausdruck in zahlreichen Tagungen und Veröffentlichungen. [2]

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  • Das von der Robert Bosch Stiftung initiierte "Manifest für Freiwilligendienste in Deutschland und Europa" hat die Diskussion um eine Ausweitung der Freiwilligendienste auf neue Handlungsfelder und um veränderte fachliche Konzepte bei der Durchführung angeregt. [3] Auf europäischer Ebene wurde mit dem Programm für einen Europäischen Freiwilligendienst der Grundstein für einen Ausbau von Freiwilligendiensten in Europa gelegt. [4] Im Zusammenhang mit anstehenden Veränderungen beim Zivildienst wird von Seiten der Verbände und der Politik über Möglichkeiten nachgedacht, Freiwilligendienste für die Kompensation des Wegfalls von Zivildienstressourcen zu nutzen. [5] Um den veränderten Anforderungen und Erwartungen an Freiwilligendienste nachzukommen, ist ein so genanntes FSJ-Förderungsänderungsgesetz vorgelegt worden, das auf eine Novellierung der bestehenden Regelungen für ein Freiwilliges Soziales und Freiwilliges Ökologisches Jahr zielt. [6]

    Diese starke Aufmerksamkeit für Freiwilligendienste speist sich insbesondere aus zwei Quellen: In den Debatten um eine Stärkung der Bürgergesellschaft werden auch die Freiwilligendienste in ihrer Bedeutung als Lernorte für bürgerschaftliches Engagement neu entdeckt. Die Ergebnisse des Freiwilligensurveys zeigen die Bedeutung einer frühen Sozialisation in gemeinwohlorientiertes Handeln. [7] Ein Engagement im Jugendalter ermöglicht Lernerfahrungen und setzt Bildungsprozesse in Gang, die zum Ausgangspunkt für ein späteres Engagement im Erwachsenenalter werden. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis erfahren auch die Freiwilligendienste als Sozialisationsinstanzen für bürgerschaftliches Engagement und als Gelegenheitsstrukturen für Partizipation und Mitgestaltung eine Aufwertung.

    Die Neuentdeckung der Freiwilligendienste in den öffentlichen Debatten ist - als zweiter Kontext - stark von den anstehenden Veränderungen bei der Wehrpflicht und deren Auswirkungen auf den Zivildienst geprägt. Die Vorschläge für einen Ausbau der Freiwilligendienste sind dabei von einer Gemengelage unterschiedlicher Interessen bestimmt, die von Erwartungen einer Kompensation des Wegfalls von Zivildienststellen durch mehr Freiwilligendienste bis hin zu Überlegungen reichen, die freigesetzten Gelder, die sich durch die Veränderungen beim Zivildienst ergeben, für einen umfassenden Ausbau der Freiwilligendienste zu nutzen, um damit mehr Jugendlichen einen Zugang zu ermöglichen. Nicht zuletzt spielt bei den aktuellen Debatten auch das Argument einer Ressourcensicherung hinein, wenn es um die Rolle des Bundesamtes für Zivildienst bei einem Ausbau der Freiwilligendienste geht. [8]

    Fußnoten

    1.
    Der vorliegende Beitrag gibt nicht die Meinung der Enquete-Kommission "Zukunft der Bürgerschaftlichen Engagements" wieder.
    2.
    Vgl. Bernd Guggenberger (Hrsg.), Jugend erneuert Gemeinschaft. Freiwilligendienste in Deutschland und Europa, Baden-Baden 2000; Klaus Sieveking (Hrsg.), Europäischer Freiwilligendienst für Jugendliche. Statusfragen und rechtspolitische Probleme, Neuwied - Kriftel 2000.
    3.
    Vgl. Kommission Jugendgemeinschaftsdienste in Deutsch"land und Europa, Jugend erneuert Gemeinschaft. Manifest für Freiwilligendienste in Deutschland und Europa, Stuttgart 1998.
    4.
    Vgl. Ulrich Beckers/Klaus Sieveking, Europäischer Freiwilligendienst für junge Menschen (EFD) - Eine Einführung zur gegenwärtigen Debatte, in: K. Sieveking (Hrsg.) (Anm. 1).
    5.
    Vgl. Karin Beher/Reinhard Liebig, Transferpotenziale von Tätigkeiten jenseits der Lohnarbeit, in: WSI-Mitteilungen, 54 (2001) 3, S. 188.
    6.
    Vgl. Bundestagsdrucksache 14/7485 vom 14. 11. 2001 (FSJ'= Freiwilliges Soziales Jahr; FÖJ = Freiwilliges Ökologisches Jahr).
    7.
    Die Hälfte aller Engagierten waren bereits als Jugendliche, im Alter von unter 20 Jahren, bürgerschaftlich engagiert (vgl. Sybille Picot, Jugend und freiwilliges Engagement, in: Bernhard von Rosenbladt, Freiwilliges Engagement in Deutschland - Freiwilligensurvey 1999 - Band 1: Gesamtbericht, Stuttgart 2000).
    8.
    Vgl. Harry Kalinowsky, Aktuelle Probleme des Zivildienstes aus der Sicht der Beschäftigten des Bundesamtes, in: Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag (Hrsg.), Zivildienst, Berlin 2000.