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Empirische Befunde zum bürgerschaftlichen Engagement

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Empirische Befunde zum bürgerschaftlichen Engagement

Anne Hacket Gerd Mutz

/ 23 Minuten zu lesen

In den letzten Jahren konzentrierte sich die Debatte um die "Krise des Ehrenamtes" auf den Struktur- und Motivationswandel des Engagements. Bislang fehlte dazu eine breite Datenbasis.

Einleitung

Bürgerschaftliches Engagement ist in den letzten Jahren zu einem öffentlichen Thema geworden. Weil den großen Wohlfahrtsverbänden die Ehrenamtlichen fehlten, wurde eine "Krise des Ehrenamtes" befürchtet. Es schien, als seien immer weniger Menschen bereit, sich auf ein Ehrenamt einzulassen. In den folgenden wissenschaftlichen Debatten ging es zunächst darum, die Zahl der Engagierten und die Engagementbereitschaft in der Bevölkerung im Vergleich mit anderen Ländern zu ermitteln. Das Ergebnis war niederschmetternd: Deutschland fand sich in internationalen Vergleichen auf den letzten Rängen (z. B. Eurovol-Studie ) wieder. Um dieses überraschende Ergebnis zu erklären, wurden eine Reihe quantitativer und qualitativer Studien gestartet. Deutschland sah sich als ein Land mit der höchsten Zahl an Vereinen, einem ausgeprägten Verbandswesen und prinzipiell sehr hilfs- und engagementbereiten Menschen. In einer Vielzahl von Veröffentlichungen wurde ein "Wandel des Ehrenamtes" vermutet, und die Diagnose gestellt, dass gesamtgesellschaftliche Individualisierungstendenzen die treibende Kraft sein könnten: Die "Krise des Ehrenamtes" wurde mit abnehmender Hilfs- und Verantwortungsbereitschaft assoziiert und in ein Bild von Individualisierung eingefügt, das mit den Begriffen: Ich-Gesellschaft und Egotrip korrespondierte.

In den wissenschaftlichen Diskussionen kristallisierten sich zwei Themenbereiche heraus, die den Blickwinkel vom pessimistischen Beklagen abnehmender Mitmenschlichkeit hin zu Veränderungen und neuen Entwicklungen im Bereich des Ehrenamtes lenkten: Es wurden erstens ein Strukturwandel des Ehrenamtes und zweitens ein Motivwandel deutlich, der mit dem gesellschaftlichen Wertewandel einher geht. Beides hängt mit Individualisierungsprozessen zusammen, aber in einer anderen Weise, als dies in den öffentlichen Klagen zum Ausdruck gekommen ist. In sehr viel differenzierter Weise handelt es sich um Pluralisierungs- und Entgrenzungstendenzen, die wir in übrigen Tätigkeitsbereichen der Gesellschaft auch feststellen können. Am Horizont erscheint keine wie auch immer formierte Erlebnisgesellschaft, sondern es zeigt sich eine sich weiter entwickelnde Vielfalt in den Strukturen und Motiven; Menschen verweigern sich nicht der Verantwortung und dem Engagement, sie suchen nach anderen Formen und Möglichkeiten. Diese differenzierte Sicht machte den Weg frei für unvoreingenommene Forschungen.

Gleichzeitig gab es Hinweise darauf, dass die Höhe der Ehrenamtsquote durchaus nicht eindeutig ist. Auch in der Großen Anfrage an die Bundesregierung 1996 wurde darauf hingewiesen, dass eine solide und breite Datenbasis zur Konkretisierung weiterer Fragen fehlt. Diese Lücke sollte der so genannte Freiwilligensurvey schließen, der 1998 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegeben wurde. "Untersuchungsziel ist ein Gesamtblick zu freiwilligem Engagement in Deutschland, unter Einbeziehung verschiedener Formen wie ehrenamtlicher Tätigkeit, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement in Initiativen und Projektgruppen und Selbsthilfe. Dabei sollen Umfang, Art, Strukturbedingungen und Motivation freiwilligen Engagements dargestellt werden" . Mit dem Datenmaterial aus fast 15 000 telefonischen Interviews liegt die bisher umfassendste Untersuchung freiwilliger Tätigkeiten vor - dem entsprechend hoch waren die Erwartungen, die in diese Studie gesetzt wurden. Die Ergebnisse waren insbesondere im Hinblick auf die Höhe der errechneten Freiwilligenquote überraschend. Dies löste eine rege Diskussionen über die Qualität der Studie, die Gültigkeit der Daten und deren Interpretationen und Konsequenzen aus.

I. Ist es sinnvoll, das bürgerschaftliche Engagement zu quantifizieren?

Nach den Berechnungen des Freiwilligensurveys sind 34 Prozent der über 14-jährigen Bevölkerung in irgendeinem Bereich und in irgendeiner Form freiwillig tätig; dies entspricht knapp 22 Millionen BürgerInnen. Diese enorm hohe Zahl stieß in der Fachwelt auf Skepsis, weil frühere empirische Studien aus den Jahren 1991 bis 1997 eine hohe Spannbreite der Engagemenquoten ausgewiesen hatten. Es gibt folglich Erklärungsbedarf.

Ein wesentlicher Grund liegt in der Frageformulierung, mit der die freiwilligen Tätigkeiten oder das Engagement gemessen werden. Bei Fragen nach dem "Ehrenamt" oder nach "ehrenamtlichen Tätigkeiten" (z. B. Zeitbudgeterhebung 1991 ) fühlen sich etwa Befragte, die Tätigkeiten in Selbsthilfegruppen oder Nachbarschaftshilfe ausüben, weniger angesprochen als solche, die in Vereinen oder Verbänden einem "traditionellen" Ehrenamt nachgehen. Derartige selbstorganisierte Aktivitäten bleiben dann unberücksichtigt. Im Freiwilligensurvey wird demgegenüber ein wesentlich breiteres Konzept der freiwilligen Tätigkeiten benutzt, das weit mehr umfasst als das Konzept des Ehrenamtes oder des bürgerschaftlichen Engagements.

Diese wertneutrale Herangehensweise ist von Vorteil, denn die anderen Begriffe sind normativ "aufgeladen": etwa mit Vorstellungen von Hilfsbereitschaft oder politischer Aktivität. So merkt auch Bernhard von Rosenbladt an, dass das gemessene Engagement des Freiwilligensurveys nicht mit politisch-sozialem Engagement gleichzusetzen ist. Die im Freiwilligensurveys einhergehenden Tätigkeiten stellen häufig einen "Teil der Gemeinschaftsaktivität im persönlichen Lebensumfeld" dar, sind in diesem Sinne gemeinwohlorientiert, jedoch nicht in einem darüber hinausgehenden politischen Sinne. Diese methodische Vorgehensweise eröffnet zudem den Blick auf das gesamte Spektrum und die Vielfalt von freiwilligen Tätigkeiten, auch wenn bei einigen Tätigkeiten unklar bleibt, ob man diese noch als Engagement werten kann. Vor diesem Hintergrund mag eine Engagementquote der Zeitbudgeterhebung von 17 Prozent ehrenamtlicher Tätigkeiten nicht unbedingt im Widerspruch stehen zu der Quote von 34 Prozent des Freiwilligensurveys. Aber die Verwendung dieser weiten Fassung bedeutet eben auch, dass es äußerst unpräzise ist, von 34 Prozent Engagierten oder Ehrenamtlichen zu sprechen; die Quote sagt auch nichts darüber aus, wie viele Menschen in Deutschland bürgerschaftlich aktiv sind. Zu beachten ist jedoch, dass dies nicht der Studie, in der sehr "sauber" argumentiert wird, sondern den Interpretationen anzulasten ist.

Wichtig ist ein anderer methodischer Einwand. Bernhard von Rosenbladt selbst bemerkt, dass es nicht auszuschließen ist, "dass persönliche und soziale Merkmale, die freiwilliges Engagement begünstigen (Offenheit, Interesse, Kooperationsbereitschaft, Gemeinwohlorientierung) sich in gleicher Weise auch positiv auf die Teilnahmebereitschaft an einer repräsentativen Befragung auswirken. Im Effekt würde dies dazu führen, dass der inaktive Teil der Bevölkerung in den Umfragen unterrepräsentiert und der aktive Teil überrepräsentiert würde. Eine daraus resultierende Überschätzung der Engagementquote der Bevölkerung halten wir für wahrscheinlich." Zu dieser "Überschätzung" kommt ein Weiteres: Die Ergebnisse wurden zwar nach Bundesländern, Gemeindegrößen, Geschlecht und Altersgruppen gewichtet, nicht jedoch nach Bildung und sozialer Schichtung. Da wir aber aus anderen Erhebungen sehr genau wissen, dass mit dem Bildungsstand und sozialen Status auch die Bereitschaft zu freiwilligem Engagement steigt, wirkt sich dieser Umstand ein weiteres Mal auf die berechnete Quote aus. Es wäre eigentlich "state of the art" gewesen, diesen in die gleiche Richtung wirkenden Verzerrung herauszurechnen. Auch sind ausländische Mitbürger in der Stichprobe unterrepräsentiert, da im Rahmen einer telefonischen Befragung nur die deutschsprachige Bevölkerung untersucht werden kann. Eine Einbeziehung der nicht-deutschsprachigen Bevölkerung würde abermals die Engagementquote reduzieren. Aufgrund dieser methodischen Einwände gäbe es Gründe, von einer Engagementquote auszugehen, die um mindestens sechs bis acht Prozent zu kürzen wäre.

Die genannten Punkte zeigen, wie sensibel die Engagementquote von dem jeweiligen methodischen Vorgehen abhängt und dass Präzisierungen wünschenswert wären. Zumindest sollte die Diskussion um die Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements nicht auf die quantitative Dimension verkürzt werden. Zwar ist es nicht unwesentlich, ob ein Drittel oder ein Viertel der Bevölkerung freiwillig tätig ist; interessanter ist aber, inwieweit es sich um gesellige Alltagsgestaltung oder tatsächlich um bürgerschaftliches Engagement handelt. Festzuhalten bleibt, dass ein großer Teil der Bevölkerung engagiert an der Gestaltung der Lebensumwelt mitwirkt. Ob es jedoch einen steigenden oder sinkenden Trend zum Engagement oder gar zum Ehrenamt gibt, kann auch der Freiwilligensurvey nicht beantworten. Zu unterschiedlich sind die Konzeptionen und Messungen der vorangegangenen Studien, um Vergleiche vorzunehmen und eine solche Frage ernsthaft beantworten zu wollen. Nur eine regelmäßige Wiederholung des Freiwilligensurveys mit jeweils identischem Messkonzept könnte darüber Aufschluss geben. Des weiteren wären Strukturveränderungen innerhalb des Engagements von Interesse. Werden - wie behauptet - neue Engagementformen (die eher selbstbestimmt und projektförmig sind) weiterhin zunehmen, und werden traditionelle Formen des Ehrenamtes im Rahmen von Wohlfahrtsverbänden und Vereinen an Bedeutung verlieren?

II. Gibt es einen Strukturwandel des Ehrenamtes?

In ähnlicher Weise, wie sich die Organisation gesellschaftlicher Arbeit wandelt, verändert sich parallel die Organisation anderer gesellschaftlicher Tätigkeiten, also auch des bürgerschaftlichen Engagements: Wir können ebenfalls von einer Pluralisierung der Engagementformen sprechen. Auch wenn der Freiwilligensurvey keine eindeutigen Trends innerhalb des Feldes des Engagements erkennen lässt, so zeigen die Ergebnisse doch deutlich, dass neben dem klassischen Ehrenamt weitere Formen des Engagements entstanden sind, und dass sich Menschen nicht nur in Verbänden und Vereinen engagieren, sondern nach eigenen Organisationsformen suchen. Es haben sich informelle Strukturen des Engagements entwickelt, die ein hohes Maß an Beweglichkeit und Gestaltungsmöglichkeiten bieten. Engagement umfasst heute mehr als das vertraute traditionelle Ehrenamt, nämlich auch Tätigkeiten in der Selbsthilfe, der Nachbarschaftshilfe sowie Bürgerinitiativen und Projekten aller Art; es sind freiwillige und auf das Gemeinwesen bezogene Aktivitäten, denen kein Erwerbszweck zu Grunde liegt und die zu einem großen Teil gemeinschaftlich und in der Öffentlichkeit stattfinden.

Mit den zunehmenden sporadischen, selbstorganisierten Engagementformen verändert sich die zeitliche Verbindlichkeit des Engagements. Zwar ist eine leichte Zunahme der absoluten Zahl regelmäßigen Engagements zu konstatieren, aber deren Anteil sinkt angesichts eines deutlich gestiegenen zeitlich befristeten Engagements. "Es gibt eine wesentlich geringer gewordene Bereitschaft, sich in dauerhafter und kontinuierlicher Form zu engagieren, insbesondere dann, wenn es sich bei den Engagements um Aktivitäten handelt, die ein Eintreten für übergeordnete, der Allgemeinheit dienende Ziele bedeuten. In Umkehrung dazu gibt es aber eine deutlich gestiegene Bereitschaft in quantitativer und qualitativer Form für ein Bürgerengagement in neuen, primär informellen Strukturen, möglichst ohne Rechtsform mit egoistischen, interessenpartikularistischen Komponenten, bei denen sich die Mitglieder vielfach in ad-hoc-Zusammenschlüssen nur für eine bestimmte Zeit und räumlich begrenzt zusammenfinden."

In diese Richtung weisen auch empirische Ergebnisse zu ehrenamtlichen Tätigkeiten, die mit dem SOEP berechnet wurden: "Waren 1985 gut ein Drittel aller ehrenamtlich Tätigen nur sporadisch engagiert, betrug dieser Anteil 1999 fast die Hälfte." Diese Daten zeigen im Längsschnitt, dass ein großer Teil nicht länger als ein oder zwei Jahre ehrenamtlich tätig ist, und dass vor allen Dingen eine "erhebliche Umwälzung" der Engagierten stattfindet. Je nach biographischer Passung kombinieren Menschen Erwerbs- oder Familienarbeit mit Tätigkeiten des bürgerschaftlichen Engagements in je unterschiedlicher Weise. Somit entsteht eine Dynamisierung des Engagements, weil es vielfältige Ein- und Aus- sowie Wiedereintritte gibt. Um diese Prozesse innerhalb des Engagements differenzierter und präziser zu skizzieren, wäre - ähnlich wie in Forschungsfeldern der Arbeitslosigkeit oder Armut - eine "dynamische Engagementforschung" notwendig. Bislang stehen hierfür nur die Daten des SOEP zur Verfügung. Allerdings wird in diesem Datensatz das Engagement nur in eingeschränkter Form abgefragt (es geht um "ehrenamtliche Tätigkeit"), so dass die konkrete Art der Tätigkeit und der organisatorische Rahmen (selbstorganisiert, im Verband oder Verein) unberücksichtigt bleibt.

Dieser Strukturwandel scheint den veränderten Bedürfnislagen der Menschen und zugleich den Anforderungen einer individualisierten Gesellschaft zu entsprechen. Damit verändert sich auch die Organisationsstruktur: Die großen Wohlfahrtsverbände verlieren relativ an Bedeutung, die Zahl von nicht-staatlichen (NGOs) und nicht-profitorientierten Organisationen (NPOs) steigt. Diese Entwicklung ist (zumindest in Deutschland) auf die Neuen Sozialen Bewegungen der siebziger Jahre zurückzuführen, die nun unter dem Begriff des bürgerschaftlichen Engagements subsumiert werden. Kennzeichnen des Strukturwandels sind auch die Freiwilligenagenturen, die auf den "Zeitgeist" des individualisierten Engagements reagieren. Die Pluralisierung der Engagementformen bewirkt Entgrenzungsprozesse; die bislang relativ "starren" Grenzen zur Erwerbsarbeit lösen sich auf: Einerseits finden Prozesse der Professionalisierung und Verberuflichung im Engagement statt, andererseits dringen neue Engagementformen, wie etwa das "Corporate Volunteering", in die Erwerbsarbeit ein. Die Sozialwirtschaft des Dritten Sektors beruht beispielsweise geradezu auf der Entgrenzung von Tätigkeiten und Engagement, denn in diesem Bereich ist das Ineinandergreifen von Erwerbsarbeit, Engagement und Eigenarbeit gleichsam zum Programm erhoben.

III. Gibt es einen Motivationswandel?

Verbunden mit dem skizzierten Strukturwandel im Sinne einer Individualisierung, Pluralisierung und Entgrenzung des Engagements wird in der wissenschaftlichen und politischen Diskussion von einem Motivwandel gesprochen. Bereits 1987 hieß es: "An die Stelle der bedingungslosen Hingabe an die soziale Aufgabe unter Verzicht auf die Befriedigung eigener Bedürfnisse und Interessen tritt heute der Wunsch nach einem freiwillig gewählten Engagement, das sich zeitlich den eigenen sonstigen Bedürfnissen und Interessen anpassen lässt und die eigenen Kräfte und Möglichkeiten qualitativ nicht übersteigt." Diese relativ zurückhaltende Einschätzung wird später revidiert: In den neunziger Jahren ist die Rede von der karitativen Pflichterfüllung, die durch eine reziproke Beziehung des Gebens und Nehmens und zunehmende hedonistische Motive verdrängt worden sei. Motive von christlicher Pflichterfüllung (bei sozialen Aufgaben) bzw. gewohnheitsmäßige und regelmäßige Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen (bei Vereins- und Verbandstätigkeiten) seien in der heutigen Gesellschaft nicht mehr vorrangig. Dabei werden Motive wie "Spaß haben", die zu den Top-Antworten jüngerer Befragungen zählen, mit Egoismus, Unzuverlässigkeit und mangelnder Hingabe assoziiert. Diese Thesen behaupten einen direkten Zusammenhang zwischen einem übergreifenden gesellschaftlichen Wertewandel im Allgemeinen (der durchaus empirische Plausibilität hat) und einem Motivwandel des Engagements im Besonderen (der empirisch nicht eindeutig nachweisbar ist). Die genannten Strukturveränderungen und der Motivwandel werden schließlich für die "Krise des traditionellen Ehrenamtes" verantwortlich gemacht.

Auch der Freiwilligensurvey hat sich zum Ziel gesetzt, die Motivationen für freiwillige Tätigkeiten zu untersuchen. Auf den ersten Blick unterstreicht der Freiwilligensurvey die herausragende Bedeutung der Erwartung: Die Tätigkeit soll Spaß machen. Dies steht - was die Wichtigkeit betrifft - mit der Erwartung, dass "man mit sympathischen Menschen zusammenkommt", an der Spitze. Es geht einher mit dem altruistischen Anliegen, etwas für das Gemeinwohl zu tun und anderen Menschen zu helfen. Allerdings wurden im Freiwilligensurvey keine Motive, sondern Erwartungen an die freiwillige Tätigkeit abgefragt. Es ist aber sehr zu bezweifeln, dass diese gleichzusetzen sind mit handlungsleitenden Motiven zur Aufnahme eines Engagements. Erwartungen bilden sich in der Regel erst dann, wenn das Interesse bereits geweckt ist und Motive bereits entstanden sind. Motive sind gleichsam tiefer liegende Sinnstrukturen des Antriebs, und aufgesetzt darauf bilden sich explizierbare Erwartungen.

Hinzu kommt, dass sich die Metapher "Spaß haben" in der gesellschaftlichen Bewertung verändert hat. Der Begriff "Spaß" ist in hohem Maße kontextabhängig und wird deshalb mit verschiedenen Bedeutungen belegt sowie moralisch unterschiedlich bewertet. Spaß ist nicht einfach gleichzusetzen mit hedonistischer Unverbindlichkeit und der Erwartung von schnelllebigem Vergnügen. Es ist wesentlich plausibler, Spaß als Oberbegriff für Zufriedenheit und innere Erfüllung bei der Bewältigung einer Aufgabe zu verstehen. "Spaß haben" in diesem Sinne würde dann geradezu eine motivationale Basis darstellen, auf der als sinnvoll erachtete Tätigkeiten ausgeübt werden. Der individuell wahrgenommene Spaß kann dann aus dem Erleben resultieren, einen Beitrag zum Wohlergehen von Einzelnen oder zur Veränderung der Gesellschaft zu leisten, die eigene Wirkmächtigkeit zu erleben und dafür auch Anerkennung zu erhalten oder sich als Teil einer Gemeinschaft zu erleben. Dem Bürgerengagement haftet noch häufig die Forderung nach Selbstlosigkeit und Aufopferung an, weshalb es gemeinhin als unmoralisch gilt, dabei Spaß zu empfinden. Leider wird in keiner Untersuchung genauer nachgegangen, welchen Sinn Menschen mit "Spaß" verbinden, so dass offen bleiben muss, was die sehr allgemeine Formulierung für die Befragten bedeutet und welche gesellschaftliche Relevanz sie schließlich hat. Auch in diesem Zusammenhang ist es sinnvoller, mit der Entgrenzungsthese zu argumentieren, denn es ist nicht mehr bestimmten, abgegrenzten Lebens- und Tätigkeitsbereichen vorbehalten, Spaß zu empfinden.

Im Freiwilligensurvey wurde auch nicht untersucht, wie sich verschiedene Erwartungen miteinander verknüpfen, denn gemeinschafts- und selbstbezogene Motive (sowie auch das Zusammentreffen anderer) schließen einander nicht aus. Hohe Selbstenfaltungswerte gehen nicht einher mit einem Trend zur "Spass-Gesellschaft" oder einer Gesellschaft der "Ichlinge". Selbstentfaltung und Bürgerengagement schließen sich keineswegs aus, sie können sich auch wechselseitig verstärken. Freude beim Engagement kann zu einem längerfristigen Engagement beitragen.

Die Untersuchung von Motiven muss anhand quantitativer Untersuchungen immer verkürzt bleiben. Denn Motive sind selten bewusst verfügbar, und sie können deshalb nicht durch eine einfache Schematisierung abgefragt werden (schon gar nicht telefonisch). Motive, die in den Antwortkategorien nicht genannt werden, bleiben unberücksichtigt, und es werden kategorial nur Aussagen erfasst, die schnell erinnerbar sind. Dies ist jedoch gerade in diesem Bereich problematisch, da es hier nicht um Fakten, sondern um komplexe innere Einstellungen geht. Hildegard Müller-Kohlenberg macht darauf aufmerksam, dass bei einem solchen methodischen Vorgehen die Vorstellung von der eigenen Motivation unangetastet bleibt und man daher nur das im Bewußtsein festsitzende Selbstbild als Antwort erhält. Qualitative Studien vermögen es eher, im Laufe eines Interviews komplexe Sachverhalte differenziert zu erfassen und diese als implizite Muster zu rekonstruieren. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass Motive nicht als gleichbleibende Bedeutungen zu verstehen sind; Motive verändern sich durch das Erleben, weshalb sie in hohem Maße mit Lebenssituationen und -phasen variieren. Das "Zusammenspiel zwischen Motivationen von Ehrenamtlichen und dem aus dem Ehrenamt gewonnenen Nutzen (ist) nicht statisch zu betrachten, es (unterliegt) vielmehr einer Dynamik." Für den Bereich des Engagements bedeutet dies, dass Motive, die am Anfang des Engagements den Anstoß gegeben haben, sich während der freiwilligen Tätigkeiten verändern und durch andere oder zusätzliche Motive ergänzt werden können - die Dynamik der Motive bestimmt letzten Endes die Form und Kontinuität des Engagements.

Motive lassen sich auch deshalb nicht in eindimensionalen Kategorien erfassen, weil sie nie singulär, sondern immer plural aufscheinen, weshalb es sinnvoller ist, von Motivbündeln zu sprechen. Es gibt folglich nicht ein handlungsleitendes Motiv - etwa "Spaß haben" -, sondern das Zusammenwirken mehrerer Motive, etwa "Spaß daran haben, anderen Menschen zu helfen". Fasst man die zentralen Erwartungen und Motive bürgerschaftlichen Engagements aus bestehenden Studien zusammen, dann lassen sich diese zu folgenden übergreifenden Aspekten bündeln:

- altruistische (Pflichterfüllung und Gemeinwohlorientierung);

- gemeinschaftsbezogene (Kommunikation und soziale Integration);

- gestaltungsorientierte (aktive Partizipation und Mitbestimmung);

- problemorientierte (Bewältigung eigener Probleme und Veränderung gesellschaftlicher Missstände) und

- entwicklungsbezogene Gründe (personal growth, Selbstverwirklichung).

Es ist - wie bei den Engagementformen und den institutionellen Ausprägungen - folglich eher von einer Pluralisierung von Motiven bzw. Motivbündeln auszugehen, wobei auch in dieser Hinsicht Individualisierungstendenzen zu beobachten sind: Bürgerengagement wird heute von den Aktiven überwiegend als eine Entscheidung dargestellt, die mit Verweis auf das soziale Umfeld, die Lebenslage oder biographische Situation begründet werden kann. Die genannten methodischen Einschränkungen quantitativer Studien haben einen Einfluss auf die Einschätzung des behaupteten Motivwandels, auch wenn er vor dem Hintergrund der Wertwandelforschung und aus individualisierungstheoretischer Perspektive sinnvoll erscheint. Äußerst problematisch ist jedoch, dass - wie eingangs skizziert - die meisten Studien mit der Vermutung eines vorliegenden Wandels an die Interpretation ihrer Daten herangehen. Dies ist zumeist erstaunlich und kaum nachvollziehbar, denn es gibt keine älteren Studien, die Aufschluss darüber geben, welche Rolle Selbstentfaltungswerte wie "Spaß haben" früher gehabt haben - und damit keinen empirischen Beleg. Es mag sein, dass sich die Motive der Engagierten verändert haben; sicher ist, dass sich die Perspektiven der Forscher gewandelt haben, denn in den fünfziger oder sechziger Jahren kam kaum jemand auf die Idee, nach dem Spaß beim Ehrenamt zu fragen.

Diese Zusammenhänge lassen sich unseres Erachtens präziser fassen, wenn wir die Pluralisierung von Motiven in den Kontext der Wertwandelforschung stellen und mit dem Begriffspaar "intrinsisch-extrinsisch" operieren. Aus dieser Sicht wird deutlich, dass zum einen Erwerbspersonen mit einer überwiegend intrinsischen Arbeitshaltung diese auch für Tätigkeitsfelder des bürgerschaftlichen Engagements formulieren; zum anderen scheint die gesamtgesellschaftlich stärkere Bedeutung intrinsischer Arbeitsmotive ebenfalls zu stärkeren intrinsischen Engagementmotiven zu führen. Intrinsisch motivierte Personen betonen sinnhafte Motive und suchen generell nach selbstbestimmten Handlungsmöglichkeiten.

Eine Entgrenzung der Sinndimensionen liegt dann vor, wenn die Individuen sich von den industriell vorgegebenen Grenzen, die weitestgehend der Codierung Arbeitszeit - Freizeit folgen, distanzieren und persönliche Sinnbeziehungen zwischen Erwerbsarbeit und Engagement formulieren. Diese können nach unseren eigenen empirischen Fallstudien durchaus unterschiedlich sein; in dem hier vorliegenden Diskussionszusammenhang ist von Bedeutung, dass die Mehrzahl der intrinsisch motivierten Personen versucht, typische Sinndimensionen des Bürgerengagements (etwa: Sinnerfüllung und Selbstbestimmung) in ein ähnliches, substitutives oder komplementäres Verhältnis zur Erwerbsarbeit zu stellen oder eine ausgewogene Haltung anzustreben. Unabhängig davon wird sowohl von extrinsisch als auch intrinsisch motivierten Personen eine "scharfe" Grenze zwischen Erwerbsarbeit und Engagement formuliert, die vor allen Dingen auf die Lebensnotwendigkeit der Erwerbsarbeit abhebt. Engagement kann von den Individuen durchaus als sinnvolle und selbstbestimmte Arbeit verstanden werden, keinesfalls aber als Erwerbsarbeit - insofern rückt Engagement in die Nähe zur Arbeit, es hat aber keine Ökonomisierung stattgefunden: Nahezu alle Befragten lehnen bspw. eine reguläre Entlohnung ab. Das Bürgerengagement, so scheint es, sperrt sich trotz (oder wegen?) der Entgrenzungsprozesse gegen eine eindimensionale Vereinnahmung durch erwerbsgesellschaftliche Zwänge.

IV. Wir brauchen eine regelmäßige Engagementberichterstattung

Wir haben die beiden herausragenden Diskurse zum Bürgerengagement - zur Struktur und zu den Motiven - mit den empirischen Daten des Freiwilligensurveys abgeglichen, um einerseits diese Diskussionen zu präzisieren und andererseits zu überprüfen, welchen Nutzen wir aus diesem Datensatz ziehen können. Ein wesentlicher Vorteil des Freiwilligensurveys liegt unserer Meinung nach in der Verwendung eines breiten Konzepts, was den Blick auf Pluralisierungsprozesse im Bereich des Engagements lenkt. Damit ist es jedoch nicht mehr möglich, eine enge Bestimmung der konkreten Tätigkeitsfelder vorzunehmen und zu entscheiden, in welchen Fällen bürgerschaftliches Engagement im engeren Sinne vorliegt und wie viele Personen in dieser Form aktiv sind. Diese umfassende Erhebung eignet sich erst dann für eine differenzierte Engagementforschung, wenn Einzelauswertungen für bestimmte Bereiche vorliegen und wenn es nicht bei dieser einmaligen Erfassung bleibt. Durch Einzelauswertungen wäre es dann beispielsweise möglich, das Verhältnis zwischen Erwerbsarbeit und Engagement näher zu bestimmen, wie wir es hier ansatzweise versucht haben. Durch regelmäßige Wiederholungen des Surveys würden wir endlich mehr über den Strukturwandel erfahren, der bislang immer nur behauptet wird. Und wenn wir schließlich durch einen Längsschnitt erfahren würden, wann welche Personen aus welchen Gründen ein Engagement beginnen - und wieder beenden, dann wüssten wir mehr über die Dynamik. Es gibt sehr gute Gründe zu vermuten, dass die Gruppe der Engagierten keine feste Größe ist, sondern dass es neben einem stabilen Kern sehr viel Bewegung in diesem Bereich gibt. Dies würde bedeuten, dass sich wahrscheinlich viel mehr Personen irgendwann einmal engagieren, dann aber wieder aufhören. Eine dynamische Engagementforschung könnte dieses transitorische Engagement besser erfassen.

Der Datensatz des Freiwilligensurveys ist im Hinblick auf den Diskurs zum Motivationswandel wenig ergiebig, da nur Erwartungen erfasst wurden. Differenziertere und präzisere Ergebnisse sind ohnehin nur von qualitativen Studien zu erwarten - sie könnten den Survey in diesem wichtigen Punkt ergänzen. Dabei wäre die Verknüpfung von Motiven im Rahmen einer dynamischen Betrachtung ein interessanter und wichtiger Aspekt. Wenn wir mehr darüber wissen, welches der Anlass ist und aus welchen Motiven heraus Menschen ein Engagement beginnen, warum sie es fortsetzen und aufgrund welcher Umstände und sich verändernder Motive sie wieder aufhören, können wir eher Handlungskonsequenzen für die Politik benennen. Eine Folge dieser dynamischen und kombinierten Betrachtungsweise könnte beispielsweise sein, dass sich unser Fokus nicht nur auf den Kern der Engagierten richtet und auf das Bemühen, deren Aktivitäten aufrecht zu erhalten; wir könnten aufgrund derartiger Studien den Sinn des vorübergehenden Engagements erkennen, und die politische Unterstützung würde darin bestehen, diesem Personenkreis die Wiederaufnahme eines (möglicherweise anderen) Engagements zu erleichtern.

Eine weitere Forschungslinie muss sich auf das Spannungsverhältnis zwischen Bürgerengagement, Erwerbsarbeit und Familienarbeit sowie andere Interessen, wie etwa Eigenarbeit, beziehen. Bürgerengagement steht schon aus Sicht der Zeitökonomie immer in Konkurrenz mit anderen Tätigkeiten, und es handelt sich dabei häufig nicht um eine Entscheidung des Einzelnen, sondern der Lebensgemeinschaft bzw. des Haushalts: Im Rahmen von Lebenspartnerschaften wird immer wieder entschieden, wer welche Tätigkeit in welchem Zeitrahmen übernimmt. Prozesse der Entgrenzung und Pluralisierung in der Erwerbsarbeit und im Engagement verlangen eine aktive Tätigkeitsgestaltung. Aus dieser Einsicht resultiert die Anforderung an empirische Studien, nicht nur Einzelpersonen, sondern Lebensgemeinschaften in den Blick zu nehmen und danach zu fragen, unter welchen Bedingungen Entscheidungen im Hinblick auf Bürgerengagement vorgenommen werden.

Eines sei abschließend angemerkt: Auch wenn sich parallele Entwicklungen im Bereich der Erwerbsarbeit und des bürgerschaftlichen Engagements erkennen lassen (Pluralisierung), und die Grenzen zwischen diesen Bereichen diffuser werden (Entgrenzung), so ist es wichtig zu betonen, dass Engagement kein Ersatz für Erwerbsarbeit - etwa in Phasen der Arbeitslosigkeit - sein kann. Bürgerengagement ist in seinem Eigensinn, in der eigenen Logik und der Einzigartigkeit zu begreifen. Bürgerengagement ist keine "andere" Form der Beschäftigung, auch wenn es häufig als Arbeit bezeichnet wird; es "reibt" und "misst" sich zwar an den Sinndimensionen der Erwerbsarbeit, es bleibt aber Engagement - das eben Arbeit macht.  

Internetverweise der AutorInnen  

Die Enquete-Kommission "Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements":
www.bundestag.de/gremien/enqkom.html

Arbeitskreis "Bürgergesellschaft und Aktivierender Staat":
www.fes.de/buergergesellschaft

Bürgerschaftliches Engagement und Freiwilligensurvey:
www.freiwillige2001.de

Zusätzlich finden sich unter der Rubrik "Akteure & Partner" eine Vielzahl von Arbeitsgruppen, die spezielle Themenfelder des bürgerschaftlichen Engagements behandeln.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Katharina Gaskin/Justin Smith/Irmtraud Paulwitz, Ein neues bürgerschaftliches Europa. Eine Untersuchung zur Verbreitung und Rolle von Volunteering in zehn europäischen Staaten, hrsg. von der Robert von Bosch Stiftung, Freiburg 1996.

  2. Vgl. Karin Beher/Reinhard Liebig/Thomas Rauschenbach, Struktur"wan"del des Ehrenamtes. Gemeinwohlorientierung im Modernisierungsprozess, Weinheim-München 2000.

  3. Vgl. Irene Kühnlein, Gibt es einen Motivationswandel des Bürgerengagements? Interner Bericht der Münchner Projektgruppe für Sozialforschung (MPS) an den Sonderforschungsbereich 536 "Reflexive Modernisierung" der DFG, München 2001; Fritz Böhle, Struktur- und Motivationswandel Bürgerschaftlichen Engagements bei Erwerbstätigen und Arbeitslosen unter besonderer Berücksichtigung der Gender-Perspektive. Gutachten für die Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" des Deutschen Bundestages, KDrs. Nr. 14/146, Teil A, Berlin 2001

  4. Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hrsg.), Bedeutung ehrenamtlicher Tätigkeit für unsere Gesellschaft. Antwort auf die Große Anfrage der Fraktionen der CDU/CSU und der F.D.P., Bonn 1996; Kritik von Karin Beher/Reinhard Liebig/Thomas "Rauschenbach, Das Ehrenamt in empirischen Studien. Ein sekundäranalytischer Vergleich, BMFSFJ (Hrsg.), Bd. 163, Stuttgart 1998.

  5. Dem Projektverbund gehörten vier Institute an: Infratest Burke Sozialforschung, München; Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung (FÖV) bei der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer; Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung (IES) sowie dem Institut für Sozialwissenschaftliche Analysen und Beratung (ISAB).

  6. Bernhard v. Rosenbladt, Der Freiwilligensurvey 1999: Konzeption der Untersuchung, in: BMFSFJ (Hrsg.), Berlin 2000; Freiwilliges Engagement in Deutschland. Ergebnisse der Repräsentativerhebung 1999 zu Ehrenamt, Freiwilli"genarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Bd. 1: "Freiwilliges Engagement in Deutschland: Gesamtbericht (Schriftenreihe des BMFSFJ 194.1), Stuttgart u. a. 1999, S. 212.

  7. Die Veröffentlichung der Ergebnisse im "Internationalen Jahr der Freiwilligen (IJF)" verlieh der Diskussion sicher zusätzliche Aufmerksamkeit. Auch die Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" des Deutschen Bundestages befasst sich mit dieser Studie. Die Verfasser haben gemeinsam mit dem BMFSFJ im Dezember 2001 einen Workshop durchgeführt und sich mit kritischen Einwänden der Fachöffentlichkeit auseinandergesetzt. Eine Tagungsdokumentation wird in Kürze fertig gestellt.

  8. Vgl. Bernhard v. Rosenbladt, Zur Messung des ehrenamtlichen Engagements in Deutschland - Konfusion oder Konsensbildung?, in: Ernst Kistler/Heinz-Herbert Noll/Eckard" Priller (Hrsg.), Perspektiven gesellschaftlichen Zusammenhalts. Empirische Befunde, Praxiserfahrungen, Meßkonzepte, Berlin 1999, S. 399 ff., sowie Markus Hilpert/Ulrike Hotopp/Ernst Kistler, Schattenwirtschaft, Informelle Ökonomie und Dritter Sektor als Teile eines größeren Ganzen - Zusammfassung des Workshops und Ansatzpunkte für eine Europäische Forschungsstrategie, in: Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.), Informelle Ökonomie, Schattenwirtschaft und Zivilgesellschaft als Herausforderung für die Europäische Sozialforschung, Bonn 2000, S. 69 ff.

  9. In der Zeitbudgeterhebung wurde Ehrenamtliche Tätigkeiten wie folgt definiert: "Unter Ehrenamt werden Aufgaben und Funktionen im Rahmen von Organisationen - wie Vereinen, Kirchen - und öffentlichen Ämtern verstanden. Hierzu gehören unter anderem organisatorische und administrative Tätigkeiten von Vorständen und freiwilligen Helfern sowie Stadtverordnetentätigkeiten und andere freiwillig wahrgenommene öffentliche Funktionen. Zu sozialen Hilfeleistungen gehört die direkte Betreuung und Pflege von Personen im Rahmen von Institutionen wie den Kirchen und Wohlfahrtseinrichtungen, also unter anderem die praktische Unterstützung älterer Menschen im Rahmen von Wohlfahrtsverbänden. Nicht zum Ehrenamt bzw. zur sozialen Hilfe beispielsweise die reine Teilnahme an Veranstaltungen oder der Besuch einer Selbsthilfegruppe" (Norbert Schwarz, "Ehrenamtliche Tätigkeiten und soziale Hilfeleistungen, in: BMFSFJ (Hrsg.), Zeit im Blickfeld, Bonn 1996.

  10. Ein weiterer Grund für eine höhere Engagementquote als in anderen Studien ist im Verzicht auf semantische Reize zu sehen, der den Befragten die Einschätzung eigener Tätigkeiten als freiwillige Tätigkeiten überlässt und sie nicht in ein besetztes Kategorienschema wie Ehrenamt oder bürgerschaftliches Engagement zwingt. Dem entsprechend ist es auch nicht verwunderlich, dass bei einigen genannten Tätigkeiten der Befragten eine Ungewissheit verbleibt, ob diese Tätigkeiten noch als freiwilliges Engagement zu werten sind. Der verwendete Einleitungstext im Interview lautet im Freiwilligensurvey "Uns intressiert nun, ob Sie in den Bereichen, in denen Sie aktiv sind, auch ehrenamtliche Tätigkeiten ausüben oder in Vereinen, Inititativen, Projekten oder Selbsthilfegruppen engagiert sind. Es geht um freiwillig übernommene Aufgaben und Arbeiten, die man unbezahlt oder gegen geringe Aufwandsentschädigung ausübt." Folgende Frageformulierung wurde verwendet: "Sie sagten, Sie sind im Bereich XY aktiv. Haben Sie derzeit in diesem Bereich auch Aufgaben oder Arbeiten übernommen, die Sie freiwillig oder ehrenamtlich ausüben?"

  11. Vgl. Bernhard v. Rosenbladt (Anm. 6), S. 47.

  12. Ders. (Anm. 6), S. 55 f.

  13. Vgl. Karin Beher u. a. (Anm. 2); Dieter Dathe/Ernst Kistler, Struktur und Motivationswandel Bürgerschaftlichen Engagements bei Erwerbstätigen und Arbeitslosen unter besonderer Berücksichtigung der Gender-Perspektive. Gutachten für die Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" des Deutschen Bundestages, KDrs. Nr. 14/146, Teil A, Berlin 2001; Rolf G. Heinze/Heiner Keupp, Gesellschaftliche Bedeutung von Tätigkeiten außerhalb der Erwerbsarbeit, in: Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen (Hrsg.), Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in Deutschland, Bonn 1998, S. 107-241.

  14. Ein Trend über den Strukturwandel des Engagements kann - ähnlich wie beim Umfang des Engagements - erst durch eine regelmäßige Wiederholung des Freiwilligensurveys beobachtet werden.

  15. Vgl. Gerd Mutz, Pluralisierung und Entgrenzung in der Erwerbsarbeit, im Bürgerengagement und in der Eigenarbeit, in: Arbeit, (2002) 1 (i.ÄE.).

  16. H. Jung, Wertewandel im freiwilligen Bürger"engage"ment, in: Akademie für politische Bildung/Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesunheit: Ehrenamt - Krise oder Formwandel?, Tutzing 1994, S. 21-64, hier S. 55.

  17. D. Dathe/E. Kistler (Anm. 13), S. 42 (SOEP = Sozio-oeko"nomisches Panel).

  18. Vgl. Gisels Jakob, Zwischen Dienst und Selbstbezug, Opladen 1998; Thomas Olk, Förderung und Unterstützung freiwilliger sozialer Tätigkeiten - eine neue Aufgabe für den Sozialstaat, in: Rolf G. Heinze/Claus Offe (Hrsg.), Formen der Eigenarbeit, Opladen 1990, S. 244-265.

  19. Vgl. K. Beher/R. Liebig/T. Rauschenbach (Anm. 2); Rolf-G. Heinze/Heiner Keupp, Gesellschaftliche Bedeutung von Tätigkeiten außerhalb der Erwerbsarbeit (Gutachten im Auftrag der Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen), in: Erwerbstätigkeit und Arbeits"losig"keit in Deutschland. Entwicklung, Ursachen und Maßnahmen. Anlagenband 3. Zukunft der Arbeit sowie Entkopplung von Erwerbsarbeit und sozialer Sicherung, Bonn 1998, S. 107-241; Thomas Olk, Das soziale Ehrenamt, in: Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau, 10 (1998) 14, S. 84-101.

  20. Th. Olk (Anm. 19), S. 90.

  21. Vgl. Helmut Klages, Engagement und Engagementspotential in Deutschland. Erkenntnisse der empirischen Forschung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 28/98, S. 29-44, sowie ders./Th. Gensicke, Bürgerschaftliches Engagement im Ost-West-Vergleich, in: dies., Wertewandel und bürgerschaftliches Engagement an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Speyerer Forschungsberichte 193, Speyer 1999, S. 53-72.

  22. Auch wenn die Datenlage keine validen Aussagen über tatsächliche Motivänderungen zulässt (Vgl. I. Kühnlein Anm. 3), so sind die unterschiedlichen Befunde immer als Wandel des "traditionalen" zum "modernen" Ehrenamt gedeutet worden, der durch die Zunahme von Eigeninteressen und Erwartungen an persönliche Zufriedenheit gekennzeichnet sei; sinnvoller wäre es gewesen, diese unzureichenden Daten zunächst nur individualisierungstheoretisch zu interpretieren.

  23. Vgl. H. Klages/Th. Gensicke (Anm. 21).

  24. Vgl. B.v. Rosenbladt (Anm. 6), S. 112.

  25. Vgl. I. Kühnlein (Anm. 3).

  26. Heiner Keupp/Wolfgang Kraus/Florian Strauss, Civic Matters: Motive, Hemmnisse und Fördermöglichkeiten bürgerschaftlichen Engagements, in: Ulrich Beck (Hrsg.), Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Frankfurt/M. 2000, S. 217-268.

  27. Vgl. Mark Snyder/A. M. Omoto, Who helps and why? The psychology of AIDS volunteerism, in: S. Spacapan/S. Oskamp (Hrsg.), Helping and being helped: Naturalistic studies, Newbury Park-Casage 1992, S. 213-239.

  28. Vgl. Hildegard Müller-Kohlenberg, ". . .hilfreich und gut!" - Die Kompetenz der Laien im psychosozialen Bereich, in: Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e.V. (Hrsg.), Laienkompetenz. Schriftenreihe des Diözesan-Caritas"ver"band für das Erzbistum Köln e.V., Heft 57, Köln 2000, S. 32.

  29. Mark Snyder/E. Gil Clary/Arthur A. Stukas, Ehrenamtlichkeit: ein funktionaler Ansatz, in: Journal für Psychologie, (2001) 3, S. 15-35, hier S. 31.

  30. Vgl. Robert Wuthnow, Acts of Compassion, Princeton, N.J. 1991; ders., Handeln aus Mitleid, in: Ulrich Beck (Hrsg.), Kinder der Freiheit, Frankfurt/M. 1997, S. 34-38.

  31. Vgl. I. Kühnlein (Anm. 3), S. 35.

  32. Vgl. Irene Kühnlein/Gerd Mutz, Individualisierung und bürgerschaftliches Engagement in der Tätigkeitsgesellschaft, in: E. Kistler/H.-H. Noll/E. Priller (Hrsg.), Perspektiven gesellschaftlichen Zusammenhalts, Berlin 1999, S. 291-306.

  33. Vgl. Gerd Mutz/Irene Kühnlein, Bürgerengagement und zivile Arbeitsgesellschaft - Perspektiven für West- und Ostdeutschland, in: Gisela Jakob/Thomas Olk/Holger Backhaus-Maul/Olf Ebert (Hrsg.), Bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland, Opladen 2002 (i.ÄE.); sowie Anne Hacket/Cedric Janowicz/Irene Kühnlein/Gerd Mutz, Erwerbsarbeit, bürgerschaftliches Engagement und Eigenarbeit: Pluralisierung - Entgrenzung - Gestaltung. Interner Bericht der Münchner Projektgruppe für Sozialforschung (MPS) an den Sonderforschungsbereich 536 "Reflexive Modernisierung" der DFG, München 2001.

  34. Vgl. Heiner Meulemann, Der Wert Leistung in Deutschland 1956-1996, in: Wolfgang Glatzer/Ilona Ostner, (Hrsg.), Deutschland im Wandel, Opladen 1998, S. 115-130.

  35. Vgl. z. B. Christine Klenner/Susanne Pfahl, (Keine) Zeit für"s Ehrenamt? Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und ehrenamtlicher Tätigkeit, in: WSI-Mitteilungen, 54 (2001) 3, S. 179-187 und unsere eigenen Studien: A. Hacket/C. Janowicz/I. Kühnlein/G. Mutz (Anm. 33).

Dipl.-Soz., geb. 1973; wissenschaftliche Mitarbeiterin im Münchener Institut für Sozialforschung (MISS).

Anschrift: MISS, Dachauer Straße 189/III, 80637 München.
E-Mail: Anne.hacket@sozialforschung.org

Veröffentlichungen u. a.: (zus. mit Josef Preißler/Wolfgang Ludwig-Mayerhofen) am unteren Ende der Bildungsgesellschaft, in: Eva Barlösius/Wolfgang Ludwig-Mayerhofen (Hrsg.), Die Armut der Gesellschaft, Opladen 2001.

PD, Dr. rer.pol., geb. 1952; Leiter des Münchner Istitut für Sozialforschung (MISS).

Anschrift: MISS, Dachauer Straße 189/III, 80637 München.
E-Mail: GerdMutz@socialsciencel.de

Veröffentlichungen u. a.: Zahlreiche Veröffentlichungen zur interkulturellen Arbeitssoziologie.