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11.6.2002 | Von:
Gisela Jakob

Freiwilligendienste in der Bürgergesellschaft

Aktuelle Diskussion und politischer Handlungsbedarf

II. Zwischen Tradition und Erneuerung

1. Das Spektrum der Freiwilligendienste



Wenn von Freiwilligendiensten die Rede ist, dann sind damit verschiedene "Dienste" gemeint, die sich in ihren rechtlichen Grundlagen, in ihren Finanzierungsmodi und in ihren Organisationsformen unterscheiden. Der etablierteste und wohl auch bekannteste Freiwilligendienst ist das Freiwillige Soziale Jahr mit bundesweit knapp 11 400 Freiwilligen im Jahr 2000/2001, 10 327 Frauen und 1 032 Männer. [9] Mit dem Gesetz zur Förderung eines Freiwilligen Sozialen Jahres wurde 1964 der gesetzliche Rahmen für pflegerische, erzieherische und hauswirtschaftliche Hilfstätigkeiten von jungen Erwachsenen im Alter zwischen 16 und 27 Jahren geschaffen. Träger des FSJ sind bislang die Wohlfahrtsverbände, die Kirchen und Gebietskörperschaften, die auch zugleich Anstellungsträger der Freiwilligen sind und diese in Einsatzstellen weitervermitteln. Diese organisieren auch die pädagogische Begleitung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Form von Seminaren, die mindestens 25 Seminartage während des zwölf Monate dauernden Freiwilligendienstes umfassen muss. Die Freiwilligen sind in dieser Zeit sozialversicherungspflichtig beschäftigt; Kindergeldansprüche bleiben erhalten. Für ihre Tätigkeit erhalten sie ein Taschengeld sowie unentgeltliche Unterkunft und Verpflegung.

Seit Ende der fünfziger Jahre gibt es auch die allgemeinen freiwilligen sozialen Dienste im Ausland, die vor allem von den in der "Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden" und im "Arbeitskreis Lernen und Helfen in Übersee" zusammengeschlossenen Trägern organisiert werden und im Bereich der Friedens- und Versöhnungsarbeit aktiv sind. Diese Dienste unterliegen bisher nicht den gesetzlichen Grundlagen für ein Freiwilliges Soziales und Freiwilliges Ökologisches Jahr und finanzieren sich weitgehend aus Spenden, Eigenleistungen der Träger, kirchlichen Zuwendungen und aus Unterstützergruppen der Freiwilligen. Aufgrund ihrer Programmatik und ihrer Organisationsstruktur sprechen sie zwar nur eine kleine Gruppe von Jugendlichen an. Mit ihrer friedenspolitischen und -pädagogischen Arbeit haben allerdings Trägerorganisationen wie die "Aktion Sühnezeichen" insbesondere in den siebziger und achtziger Jahren wichtige Impulse gegeben. [10]

Seit Beginn der neunziger Jahre lässt sich eine Tendenz zur Ausweitung der Freiwilligendienste beobachten. 1993 wurde mit der Einrichtung des Freiwilligen Ökologischen Jahres die gesetzliche Grundlage für Freiwilligendienste im Umweltbereich geschaffen. [11] Arbeitsmarktpolitische Überlegungen waren ausschlaggebend für die Einrichtung des Modellprogramms Freiwilliges Soziales Trainingsjahr (FST). Das soziale Trainingsjahr zielt auf die Vermittlung von sozialen und beruflichen Schlüsselqualifikationen bei sozial benachteiligten Jugendlichen, um ihnen einen Einstieg in Ausbildung oder Beruf zu erleichtern.

Auch mit dem Freiwilligen Jahr in der Denkmalpflege [12] und mit neuen - vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderten - Modellprojekten wie dem Freiwilligen Sozialen Jahr im Kulturellen Bereich [13] und dem von Deutschen Sportbund getragenen Freiwilligen Sozialen Jahr im Sport [14] geht es um eine Ausweitung der Handlungsfelder und die Erwartung, damit auch Jugendliche anzusprechen, die einem Freiwilligendienst bisher fern standen.

Mit dem Europäischen Freiwilligendienst (EFD) erhält die Bildungs- und Lernorientierung der Freiwilligendienste eine explizit europäische Ausrichtung. [15] Der EFD ist Teil der von der Europäischen Kommission in der Agenda 2000 beschriebenen Politik der Wissensförderung und des Ausbaus eines europäischen Bildungsraumes und soll zur Herausbildung eines europäischen Bewusstseins beitragen. Er unterliegt nicht den gesetzlichen Regelungen von FSJ und FÖJ und unterscheidet sich von seiner Anlage her von den anderen Freiwilligendiensten. Mit Projekten im sozialen, kulturellen und ökologischen Bereich sowie in der Kinder-, Jugend-, Frauen- und Seniorenarbeit sind die Einsatzfelder und Trägerstrukturen vielfältiger. Eine Besonderheit ist das Prinzip der Wechselseitigkeit bei der Aufnahme und der Entsendung von Freiwilligen. Aufnahme- und Entsendeorganisation sollen kooperieren, so dass nicht nur bei den jungen Freiwilligen, sondern auch auf der Ebene der Trägerorganisationen Kontakte entstehen und ein Austausch möglich wird.

Tabelle: Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den verschiedenen Freiwilligendiensten 2000/2001:

[16] FSJ 11 359
FÖJ 1 640
Auslandsdienste 658
EFD 1 057
FST 895

Angeregt durch das Manifest "Jugend erneuert Gemeinschaft" [17] hat die Robert Bosch Stiftung mehrere Freiwilligendienst-Programme aufgelegt. Dies umfasst "Freiwilligendienste im Austausch zwischen Deutschland und Mittel- und Osteuropa", "Freiwilligendienste in Projekten bürgerschaftlicher Initiative" in Ostdeutschland sowie das Pilotprogramm "Innovative Freiwilligendienste in Deutschland" das darauf zielt, neue Formen von Freiwilligendiensten zu erproben. Die Initiativen der Robert Bosch Stiftung sind darauf gerichtet, das Potenzial an interessierten Jugendlichen für Freiwilligendienste mit neuen Angeboten auszuschöpfen. Dazu werden neue Handlungsfelder entwickelt und alternative Formen der Begleitung durch ehrenamtliche Mentoren erprobt. Die Finanzierung der Projekte erfolgt aus Stiftungsfonds, kombiniert mit eigenen und weiteren Drittmitteln, z. B. des Europäischen Freiwilligendienstes.

2. Jugend- und bildungspolitische Bedeutung



Im Verlauf ihrer Geschichte haben sich die Freiwilligendienste immer stärker in Richtung auf ein jugend- und bildungspolitisches Instrument verändert, dem mit der pädagogischen Begleitung Rechnung getragen wird. In einer biografischen Phase, die von jugendspezifischen Anforderungen des Übergangs von der Jugendphase in den Erwachsenenstatus bestimmt ist, bieten die Freiwilligendienste Orientierung und Begleitung. Die Ablösung vom Elternhaus, die Erfahrung einer eigenständigen Lebensführung und Anforderungen zur Selbstfindung beeinflussen die Entscheidungen für einen Freiwilligendienst. [18] Die Freiwilligendienste ermöglichen den Erwerb neuen Wissens, eröffnen Zugänge zum Kennenlernen fremder Lebenswelten und für die Erschließung neuer Sinnhorizonte. Hinzu kommt ihre große Bedeutung für die berufliche Orientierung und die Klärung des Berufsziels.

Voraussetzung für diese umfassenden Bildungserfahrungen ist die spezifische Konstruktion der Freiwilligendienste von Moratorium und Lernort einerseits sowie Tätigkeit mit konkreten Anforderungen und Verantwortlichkeiten andererseits. Im Unterschied zum Leben der Jugendlichen in ihren Herkunftsfamilien und in den Schulen stellt der Freiwilligendienst Anforderungen, die "Ernstcharakter" tragen. Die Freiwilligen übernehmen verantwortungsvolle Aufgaben, die für das Leben anderer folgenreich sein können, machen Erfahrungen mit einem gemeinwohlorientierten Handeln und engagieren sich für die Lösung gesellschaftlicher Probleme. Die besondere Mischung aus Moratorium und Anforderungen macht den Erfolg der Freiwilligendienste und ihre hohe Akzeptanz bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus. Anknüpfend an die Diskussion um bürgerschaftliches Engagement kann man hier auch von einem gelungenen Passungsverhältnis [19] sprechen. Das Angebot der Freiwilligendienste passt offensichtlich zu den Anforderungen, vor denen die Freiwilligen in ihrer individuellen Situation und in der für sie besonderen Lebensphase stehen.

In den vergangenen Jahrzehnten waren es vor allem Frauen und dabei vor allem diejenigen, die über eine gute schulische Ausbildung verfügten, die Freiwilligendienste leisteten. Im FSJ liegt der Frauenanteil bei über 90, bei den anderen Freiwilligendiensten bei über 80 Prozent. [20] Betrachtet man die Wahrnehmung der Freiwilligendienste in einer historischen Perspektive, so werden dabei Zusammenhänge zur Ausbildungs- und Arbeitsmarktsituation sichtbar. Insbesondere in Phasen, in denen die Ausbildungssituation prekär war, stiegen die Zahlen bei den Freiwilligendiensten. [21] Allerdings hat die Attraktivität der Freiwilligendienste auch noch andere Gründe, die - so meine These - mit der gestiegenen Bildungsbeteiligung der Frauen zusammenhängen. Im Zuge der Bildungsreform profitierten insbesondere Mädchen und junge Frauen - und dabei erstmals auch Frauen aus bildungsfernen Milieus - von den neuen Möglichkeiten zur Partizipation an Bildungsprozessen. Für die damit eröffneten neuen beruflichen Optionen gab es aber in den siebziger und achtziger Jahren kaum Vorbilder und Lebensentwürfe, an denen sich die jungen Frauen hätten orientieren können. Die Freiwilligendienste und insbesondere das Freiwillige Soziale Jahr gewannen insbesondere für diese Gruppe junger Frauen Bedeutung zur Klärung der beruflichen Ziele und zur Entwicklung von Lebensentwürfen. So war mit der Entstehung des Freiwilligen Sozialen Jahres und seiner Ausrichtung auf helfende und pflegende Tätigkeiten zwar eine Orientierung an den traditionellen Geschlechterrollen verbunden. [22] Im Zusammenhang mit veränderten gesellschaftlichen und (bildungs-)politischen Rahmenbedingungen konnte eine spezifische Gruppe junger Frauen dieses Instrument allerdings auch dafür nutzen, um sich neue berufliche und biografische Optionen zu eröffnen.

Fußnoten

9.
Vgl. Bundestagstagsdrucksache 14/6415 vom 22. 6. 2001, S. 71.
10.
Vgl. Maren Stell, Kontinuität und Aufbruch. Zur Politik und Soziologie der Jugendgemeinschaftsdienste seit den fünfziger Jahren, in: B. Guggenberger (Hrsg.) (Anm. 1).
11.
Vgl. Thomas Arnold/ Werner Wüstendörfer, Abschlußbericht zum Freiwilligen Ökologischen Jahr, Stuttgart u. a. 1996; Helmuth Sagawe, Ökologisch orientierte Jugend, eine "postökologische" Bewegung?, in: neue praxis, 26 (1996) 4, S. 313. Das FÖJ unterliegt den selben gesetzlichen Grundlagen wie auch das FSJ. Lediglich die Anerkennung von Trägern ist anders organisiert und liegt in der Kompetenz der Bundesländer.
12.
Vgl. Deutsche Stiftung Denkmalschutz, o. J.
13.
Vgl. Hildegard Bockhorst, Warum eine Erweiterung des Freiwilligen Sozialen Jahres im Kulturellen Bereich?, in: Forum Jugendhilfe, (2001) 1, S. 52 - 53.
14.
Vgl. www.dsj.de.
15.
Einen Überblick über die europäische Diskussion zu Freiwilligendiensten gibt der Band von K. Sieveking (Anm. 1).
16.
Die folgenden Zahlen basieren auf der Zusammenstellung in der Bundestagsdrucksache 14/6415 vom 22. 6. 2001. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nur die Freiwilligen erfasst sind, deren Einsatz durch Mittel aus dem Bundeskinder- und -jugendplan unterstützt wurde. Dies bedeutet zum Beispiel für die Auslandsdienste, dass hier die Zahlen höher liegen dürften, da nur ein Teil der Träger öffentliche Zuschüsse erhält.
17.
Vgl. Kommission "Jugendgemeinschaftsdienste..." (Anm. 2).
18.
Vgl. Andrea Rahrbach/Werner Wüstendörfer/Thomas Arnold, Untersuchung zum Freiwilligen Sozialen Jahr, Stuttgart u. a. 1998.
19.
Vgl. Gisela Jakob, Zwischen Dienst und Selbstbezug. Eine biographieanalytische Untersuchung ehrenamtlichen Engagements, Opladen 1993, S. 269 ff.
20.
Vgl. A. Rahrbach/W. Wüstendörfer/Th. Arnold (Anm. 17).
21.
Vgl. Christa Schmidt-Strauch/Claudia Becker/Traude Sturmfels, 25 Jahre Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) - Kein Grund zum Jubeln, in: Theorie und Praxis der sozialen Arbeit, 42 (1991) 1, S. 30.
22.
Vgl. Hanna Beate Schöpp-Schilling, Persönliches Plädoyer eines Mitglieds der Kommission, in: B. Guggenberger (Anm. 1).