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11.6.2002 | Von:
Gisela Jakob

Freiwilligendienste in der Bürgergesellschaft

Aktuelle Diskussion und politischer Handlungsbedarf

IV. Freiwilligendienste als Ressource der Bürgergesellschaft

1. Politischer Handlungsbedarf



Mit dem neuen Gesetz bleiben wichtige Fragen offen, und es besteht nach wie vor politischer Handlungsbedarf. Dies gilt insbesondere für die Freiwilligendienste im europäischen und außereuropäischen Ausland, deren Ausweitung durch die volle Einbeziehung in die Sozialversicherung äußerst begrenzt sein dürfte. Wenn der Gesetzgeber an diesen Regelungen festhalten will und gleichzeitig eine Ausweitung der Auslandsdienste politisch gewollt wird, muss über alternative Finanzierungsmöglichkeiten nachgedacht werden.

Klärungsbedarf bleibt nach wie vor bei der Frage des besonderen Status der Freiwilligen. Insbesondere bei deutschen Freiwilligen im Ausland, aber auch für ausländische Freiwillige, die in Deutschland leben und einen Dienst im Ausland absolvieren wollen sowie für ausländische Freiwillige, die in Deutschland einen Freiwilligendienst übernehmen, führt die ungeklärte Statusfrage immer wieder zu Problemen. Zur Klärung dieser Fragen könnte ein Freiwilligengesetz beitragen, das die Freiwilligkeit betont und die verschiedenen Freiwilligendienste in einem gesetzlichen Rahmen zusammenführt. Dies sollte unter Berücksichtigung der internationalen Situation sowie auch unter Beachtung der Regelungen und Praxis in Deutschland erfolgen. Handlungsbedarf besteht auch auf europäischer Ebene bei der Angleichung der unterschiedlichen länderspezifischen Regelungen für Freiwilligendienste. Dabei wird vorgeschlagen, eine Richtlinie zur Freizügigkeit von Freiwilligen entsprechend der Regelung für Studierende zu schaffen. [26]

Aus der Perspektive einer aktiven Bürgergesellschaft ergibt sich auch bei der Ausweitung der Handlungsfelder ein politischer Handlungsbedarf. So sieht der Gesetzentwurf zwar eine Ausweitung der Handlungsfelder auf gemeinwohlorientierte Einrichtungen anerkannter Träger in der Wohlfahrts- und Gesundheitspflege sowie in der Kinder- und Jugendhilfe und im Kulturbereich vor. Handlungsfelder mit einem stärkeren gesellschaftlich-politischen Anspruch wie politische Initiativen und Organisationen im lokalen Raum, aber auch Freiwilligenagenturen, Bürgerbüros und ähnliche Infrastruktureinrichtungen zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements bleiben dabei allerdings ausgespart. Damit werden die Potenziale von Freiwilligendiensten als "Lernorte" für eine stärkere Partizipation und Mitgestaltung der Bürgerinnen und Bürger nicht ausgeschöpft.

Handlungsbedarf besteht angesichts der beschriebenen finanziellen Probleme insbesondere für kleine Träger auch im Hinblick auf Regelungen für neue Finanzierungsmodelle. Die neuen gesetzlichen Regelungen zur Flexibilisierung der Dauer der Freiwilligendienste sowie auch die vielfältigen Initiativen für eine Ausweitung der Handlungsfelder können dazu beitragen, das Interesse an Freiwilligendiensten zu wecken und neue Gruppen von Jugendlichen anzusprechen. Hier stellt sich die Frage der Finanzierung neuer Handlungsfelder und Einsatzstellen. Eine staatliche Lösung bestünde darin, dass der Staat hierbei neue finanzielle Verpflichtungen eingeht und die Träger zum Beispiel durch Zuschüsse zu den Sozialversicherungsbeiträgen unterstützt. Eine zivilgesellschaftliche Lösung wäre dass Stiftungsmodell, was im Kontext des "Manifestes für Freiwilligendienste" vorgeschlagen wird und eine gemeinsame Finanzierung aus öffentlichen Geldern und privaten Mitteln aus Spenden und Stiftungen vorsieht. [27] Dabei sollen die bisher für den Zivildienst bereitgestellten Bundesmittel bei einer Einschränkung oder Abschaffung des Zivildienstes in eine "Stiftung für Freiwilligendienste" überführt werden. Dieses Stiftungskapital soll durch private Mittel aufgestockt und für eine umfassende Förderung von Freiwilligendiensten junger Menschen eingesetzt werden.

2. Grenzen einer Kompensation des Zivildienstes



Der Zivildienst hat sich im Verlauf der Jahre de facto zu einem Teil des Sozialsystems entwickelt. Mehr als zehn Prozent der Wochenarbeitsleistung des gesamten Personals in der Freien Wohlfahrtspflege werden mittlerweile von Zivildienstleistenden erbracht. [28] Ungeachtet des Gebotes zur Arbeitsmarktneutralität stellen Zivildienstleistende eine Arbeitskraftressource dar, die für die Erbringung sozialer Dienstleistungen zu einer wichtigen Größe geworden ist. Für die Träger sozialer und wohlfahrtsverbandlicher Einrichtungen, aber auch für politische Akteure stellt sich demnach die Frage, wie Veränderungen beim Zivildienst infolge von Umstrukturierungen oder gar einer Aufhebung der Wehrpflicht kompensiert werden können. Dabei wird u. a. auch auf die Möglichkeit einer Ausweitung der Freiwilligendienste als Kompensation für den Wegfall von Zivildienstplätzen verwiesen. [29]

Verknüpft man die Kompensation des Zivildienstes durch Freiwilligendienste mit der Möglichkeit, damit auch die dabei freiwerdenden finanziellen Mittel in den Ausbau der Freiwilligendienste zu transferieren, so wirkt diese Idee durchaus attraktiv. Allerdings dürfte sich dieser Vorschlag angesichts haushaltsrechtlicher Regelungen, knapper finanzieller Mittel im Bundesetat sowie vor dem Hintergrund der Interessen anderer politischer Akteure nicht einfach verwirklichen lassen. Des weiteren ist auf die Grenzen einer Kompensation des Zivildienstes zu verweisen, die sich aus der begrenzten Nachfrage nach Freiwilligendiensten, aus den unterschiedlichen Strukturen beider "Dienste" sowie aus betriebswirtschaftlichen Gründen ergeben. Selbst bei einer Ausweitung der Handlungsfelder und einer attraktiveren Gestaltung der Freiwilligendienste ist nicht davon auszugehen, dass die 124 000 Zivildienstleistenden im Jahr 2000 durch die entsprechende Zahl von Freiwilligen ersetzt werden könnten. [30] So ist es keineswegs selbstverständlich, dass junge Männer, die bisher einen Zivildienst absolviert haben, beim Wegfall dieses Pflichtdienstes in Zukunft einen Freiwilligendienst übernehmen. Dies mag für eine kleine Gruppe eine Zukunftsperspektive sein, die mit einer attraktiven Gestaltung der Rahmenbedingungen von Freiwilligendiensten gewonnen werden könnte. Selbst wenn es gelänge, die Zahl von derzeit etwa 15 000 Freiwilligen in den Freiwilligendiensten zu verdoppeln oder gar zu verdreifachen, könnte dies die große Zahl der Zivildienstleistenden und die von ihnen erbrachten Leistungen bei weitem nicht ersetzen.

Bei Überlegungen, Zivildienstleistende durch Freiwillige zu ersetzen, müssen auch die unterschiedlichen Arbeitsplatzanforderungen und Aufgaben bedacht werden, die in den unterschiedlichen Strukturen der Dienste begründet sind. Der Charakter des Zivildienstes als Pflichtdienst hat zur Folge, dass die Zivildienstleistenden zu allen Aufgaben, die in der Einsatzstelle anfallen, herangezogen werden können und ihnen vor diesem Hintergrund zahlreiche Aufgaben übertragen werden, die wenig attraktiv sind. Dies wird bei den Freiwilligen im Rahmen eines gesetzlich geregelten Freiwilligendienstes nicht so einfach möglich sein. Aufgrund der Freiwilligkeit der Tätigkeit müssen sich die Träger und Einsatzstellen auch immer um eine attraktive Gestaltung der Arbeitsbedingungen bemühen, um Freiwillige zu gewinnen und zu halten.

Angesichts dieser Grenzen kann nicht davon ausgegangen werden, dass Freiwilligendienste in absehbarer Zeit den Wegfall des Zivildienstes umfassend kompensieren können. Dies entbindet allerdings nicht von Überlegungen und Initiativen, wie man die Freiwilligendienste so gestalten könnte, dass sie bei weiteren Veränderungen oder gar einer Aufhebung der Wehrpflicht auch für junge Männer eine interessante Möglichkeit eines gesellschaftlichen Engagements eröffnen. Neue Handlungsfelder, gute Arbeitsbedingungen, die individuelle Bildungsprozesse ermöglichen, sowie eine Ausweitung der Auslandsdienste mit der Eröffnung interkultureller Lernerfahrungen sind dafür wichtige Rahmenbedingungen.

3. Freiwilligendienste in der Bürgergesellschaft



Der Begriff der Bürgergesellschaft beschreibt ein Gemeinwesen, in dem sich die Bürgerinnen und Bürger auf der Basis gesicherter Bürgerrechte und im Rahmen einer demokratischen Gesellschaft selbst organisieren und das Gemeinwesen mitgestalten. Freiwillige Zusammenschlüsse, in denen die Bürgerinnen und Bürger ihre Teilhabe- und Mitgestaltungsmöglichkeiten wahrnehmen, sind Ausdruck einer lebendigen Bürgergesellschaft. In der wissenschaftlichen und politischen Debatte werden unterschiedliche Konzepte einer Bürgergesellschaft diskutiert. [31] Diesen verschiedenen Entwürfen ist die Aufwertung des Bürgerstatus gemeinsam, mit dem die Einzelnen als mit Rechten und Pflichten ausgestattete Mitglieder eines politischen Gemeinwesens gesehen werden. [32] Eine aktive Bürgergesellschaft ist darauf angewiesen, dass die Bürger soziale Verantwortung übernehmen und freiwillig Beiträge zum Gemeinwohl erbringen. Dabei geht es nicht lediglich um symbolische Formen der Teilhabe, sondern mit der Übernahme sozialer Verantwortung ist auch das Recht auf Mitgestaltung im Gemeinwesen und Mitentscheidung bei politischen und gesellschaftlichen Themen verbunden. Dies setzt gesellschaftliche Institutionen und Organisationen voraus, die sich für die Belange der Bürgerinnen und Bürger öffnen, Beteiligung ermöglichen und förderliche Rahmenbedingungen für das Engagement schaffen.

Freiwilligendienste stellen eine wichtige Ressource der Bürgergesellschaft dar, indem sie Jugendlichen und jungen Erwachsenen Erfahrungsräume und "Lernorte" für gesellschaftliche Partizipation und bürgerschaftliches Engagement eröffnen. Die jungen Freiwilligen entwickeln Sensibilitäten für die Probleme von Menschen, denen es in dieser Gesellschaft weniger gut geht, und machen Erfahrungen mit fremden Kulturen in anderen Ländern. In den Handlungsfeldern in Krankenhäusern, Altenheimen, Behinderteneinrichtungen oder auch in der Jugendarbeit erhalten sie Einblicke in die Lebenswelten von Menschen, die in besonderer Weise Benachteiligungen und Stigmatisierungen ausgesetzt und von gesellschaftlicher Marginalisierung bedroht sind. Im Freiwilligen Ökologischen Jahr werden die Freiwilligen mit Problemen der Umwelt, der Dorf- und Stadtentwicklung und mit ökologischen Fragen konfrontiert. Mit ihrem Freiwilligendienst übernehmen die Freiwilligen soziale Verantwortung für Belange des Gemeinwesens. Sie unterstützen andere Menschen in ihrer Lebensführung, geben Hilfestellung bei der Bewältigung von Problemen und engagieren sich für die Umwelt. Insofern erfüllen die Freiwilligendienste eine wichtige Funktion für die Sozialisation Jugendlicher und junger Erwachsener in ein gemeinwohlorientiertes bürgerschaftliches Engagement.

Die Besonderheit der Freiwilligendienste als Bildungsjahr und Orientierungsphase für junge Erwachsene einerseits sowie als Übernahme sozialer Verantwortung und Einführung in gemeinwohlorientiertes Handeln andererseits, die in der bisherigen Debatte eher unterbelichtet ist, gilt es zu stärken. Als Ressource der Bürgergesellschaft, in der Gemeinsinn und Engagement nicht mehr selbstläufig hervorgebracht werden, kommt Institutionen wie den Freiwilligendiensten, aber auch Schulen und Einrichtungen der Jugendarbeit eine wichtige Rolle für die Einführung in ein gemeinwohlorientiertes Handeln zu. Da ein Engagement nicht mehr einfach abrufbar ist und sich infolge gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse und eines Strukturwandels in Veränderung befindet, [33] bedarf es einer gezielten Förderung und der Bereitstellung ermöglichender Strukturen und Rahmenbedingungen. Freiwilligendiensten kommt dabei die Aufgabe zu, Jugendlichen und jungen Erwachsenen Zugänge zu einem Engagement und Perspektiven für gesellschaftliche Partizipation zu eröffnen. Dies kann nur gelingen, wenn Freiwilligendienste "gleichzeitig als Chance für jeden einzelnen wie für das System eines Gemeinwesens" konzipiert werden. [34] Es geht also keineswegs um eine Funktionalisierung der Freiwilligen, sondern die Freiwilligendienste müssen für die Teilmehmerinnen und Teilnehmer konkrete gesellschaftliche Beteiligungsmöglichkeiten eröffnen und Optionen für die individuelle Biografiegstaltung bereitstellen. Das Leitbild der Bürgergesellschaft mit ihrem Kerngedanken einer freiwilligen Selbstverpflichtung der Bürger zu einem sozialen und politischen Engagement erteilt Vorschläge für einen Pflichtdienst, wie sie in der öffentlichen Diskussion unter verschiedenen Vorzeichen immer wieder auftauchen, eine klare Absage. Bürgerschaftliches Engagement lässt sich nicht durch staatliche Gewalt verordnen, sondern ist in einer demokratischen Gesellschaft an das Kriterium der Freiwilligkeit gebunden.

Eine Reformierung der Freiwilligendienste sollte sich an ihrer Bedeutung für die Bürgergesellschaft ausrichten. Dabei geht es sowohl um Veränderungen bei der Gestaltung von Arbeitsabläufen in den jeweiligen Handlungsfeldern, um neue Beteiligungsstrukturen für die Freiwilligen, die ihnen Mitsprache- und Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen als auch um die Erprobung zusätzlicher Formen der Begleitung der Freiwilligen durch ehrenamtliche Mentoren, die eine Öffnung der Freiwilligendienste in die Gesellschaft schaffen können. Aus der Perspektive einer Stärkung der Bürgergesellschaft ist des weiteren eine Ausweitung der Handlungsfelder und eine Anerkennung weiterer Trägerorganisationen erforderlich. "Lernorte" für ein bürgerschaftliches Engagement wären dann auch Initiativen im Bereich der Stadtteilarbeit, Netzwerke bürgerschaftlichen Engagements wie Freiwilligenagenturen und Bürgerbüros sowie auch Organisationen im politischen Bereich wie Parteien, Bürgerinitiativen, Eine-Welt-Gruppen und Agenda-21-Initiativen.  

Internetverweise der Autorin  

Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden:
www.friedensdienst.de

Arbeitskreis Lernen und Helfen in Übersee:
www.entwicklungsdienst.de

Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements":
www.bundestag.de/buergerengagement

Europäischer Freiwilligendienst:
www.ijab.de/euro

Freiwilliges Soziales Jahr u. a.:
www.bmfsfj.de/Anlage15549/Adressen.pdf

Robert Bosch Stiftung:
www.bosch-stiftung.de

Fußnoten

26.
Vgl. Klaus Sieveking, Statement bei der Anhörung der Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" zum Thema "Zukunft der Freiwilligendienste am 12. Februar 2001, in: (www.bundestag.debuergerengagement).
27.
Vgl. Ulrich Bopp, Warum eine Stiftung für Freiwilligendienste auf Bundesebene?, in: B. Guggenberger (Anm. 1).
28.
Vgl. Beate Finis-Siegler, Konversion des Zivildienstes. Sozialpolitische Betrachtungen zum Thema "Konversion", in: B. Guggenberger (Anm. 1).
29.
Vgl. zum Beispiel Arbeitsgrupppe Zukunft des Zivildienstes, Empfehlungen für die Ausgestaltung des Zivildienstes, Manuskript, o. O. 2000.
30.
Vgl. K. Beher/R. Liebig (Anm. 4), S. 193.
31.
Vgl. zum Überblick den Band von Bert van den Brink/Willem van Reijen (Hrsg.), Bürgergesellschaft, Recht und Demokratie, Frankfurt a.M. 1995.
32.
Vgl. Adalbert Evers, Soziales Engagement. Zwischen Selbstverwirklichung und Bürgerpflicht, in: TRANSIT, (2000) 15, S. 186 ff.; Rolf G. Heinze/Thomas Olk, Bürger"engagement in Deutschland - Zum Stand der wissenschaftlichen und politischen Diskussion, in: dies. (Hrsg.), Bürgerengagement in Deutschland, Opladen 2001; Herfried Münkler, Bürgerschaftliches Engagement in der Zivilgesellschaft, in: Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements", Deutscher Bundestag (Hrsg.), Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft, Opladen 2002.
33.
Vgl. Karin Beher/Reinhard Liebig/Thomas Rauschenbach, Strukturwandel des Ehrenamtes, Weinheim - München 1999.
34.
Wilhelm Mader, Freiwillige soziale Dienste als Erfahrungsfelder einer zivilen Gesellschaft, in: B. Guggenberger (Anm. 1), S. 214.