Familie auf der Straße (Symbolbild)

15.6.2018 | Von:
Britta-Marie Schenk

Eine Geschichte der Obdachlosigkeit im 19. und 20. Jahrhundert

Viele Familien richteten sich jedoch entgegen der behördlichen Intention in beiden Durchgangsbleiben auf Dauer ein, schließlich stellten sie eine Verbesserung gegenüber dem Asyl dar, und die Nutzungsgebühr war deutlich geringer als in einer Mietwohnung. Aber nicht nur in diesem Punkt funktionierte das erzieherische System nicht, denn die Kommunen klagten über häufig ausbleibende Mietzahlungen und Vandalismus in den Obdachlosenwohnungen.[22] Neben solcherlei Handlungen, die das System auf den Prüfstein stellten, gab es auch offenen und teilweise erfolgreichen Widerstand gegen Exmittierungen, indem die meist arbeitslosen Nachbarn Treppenhäuser zustellten.[23]

Insgesamt verschärfte sich Obdachlosigkeit in der Weimarer Republik aufgrund der wirtschaftlichen Krisen und der Wohnungsmarktlage wieder – auch die durchaus fürsorgeaktive Demokratie fand kein Mittel, die Lage der Betroffenen zu lindern. Zum Ende der Republik fehlte sowohl das Geld als auch das Personal.

Obdachlosigkeit im Nationalsozialismus

"Asozialität" und damit auch Obdachlosigkeit zu bekämpfen, stellte eines der Wahlversprechen der NSDAP dar. Um dieses Ziel zu erreichen, verfolgte und inhaftierte das NS-Regime die meisten obdachlosen Menschen und bot einigen wenigen kinderreichen obdachlosen Familien neue Wohnungen an. Infolgedessen leerten sich die Asyle; die Zahl der Obdachlosen sank stark.[24]

Nicht ausschlaggebend für die Verringerung der Obdachlosenzahlen war die Wohnungspolitik der Nationalsozialisten, da die neugebauten Wohnungen den Bedarf nicht deckten und für die meisten Wohnungssuchenden zu teuer waren.[25] In den Kriegsjahren verhinderte Materialmangel weitere Bauvorhaben; auch die durch die alliierten Luftangriffe zerstörten Wohnungen konnten die Nazis nicht kompensieren. Dementsprechend blieb Wohnungsmangel eines der größten sozialen Probleme des "Dritten Reichs".[26]

Obdachlose wurden im Nationalsozialismus zu "Minderwertigen" und vor allem zu "Asozialen"; Bezeichnungen, die bereits im Fürsorgediskurs der Weimarer Republik verwendet wurden, sich aber erst in der NS-Zeit als zentrale Klassifikationen in der Fürsorge- und Verfolgungspraxis durchsetzten.[27] Unter "asozial" summierte sich eine Reihe negativ belegter Zuschreibungen, die im Gegensatz zum positiv konnotierten "Volksgenossen" standen, wie Arbeitsscheu, Betteln und von der Norm abweichendes Sozialverhalten.[28]

Gestützt auf diese Kategorisierung und in Kooperation mit den bisherigen Fürsorgeverantwortlichen nahm das NS-Regime 1933 "Bettlerrazzien" vor, bei der Tausende von obdachlosen Menschen verhaftet wurden. Die Festgenommenen wurden in Pflegeheime verbracht, wo sie eine Zwangssterilisierung erwartete, sowie in Arbeitshäuser, Gefängnisse und Konzentrationslager gesperrt.[29] Schon bevor die massenhafte Verfolgung und KZ-Inhaftierung ab 1937/38 einsetzte, internierten regionale Akteure aus Straf- und Wohlfahrtspflege, Verwaltung und karitativen Verbänden in Eigeninitiative viele sogenannte Asoziale.[30] 1937/38 initiierte Heinrich Himmler die Aktion "Arbeitsscheu Reich", eine Massenverhaftungswelle unter anderem von Obdachlosen, womit eine neue Stufe der Radikalisierung der sozialrassistischen und kriminalpräventiven Verfolgung obdachloser und als sozial abweichend klassifizierter Menschen erreicht wurde. Zwischen 63000 und 82000 als "asozial" etikettierte Menschen wurden in Konzentrationslagern inhaftiert.[31]

Obdachlose Familien, die als "arisch" und "erbgesund" galten, erhielten teilweise Unterstützung durch den pronatalistischen NS-Staat.[32] So begründete die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt in Barackensiedlungen Kindergärten, und die Lokalbehörden vermittelten ihnen Wohnungen.[33] Insgesamt überwogen in der NS-Zeit die exkludierenden Maßnahmen gegen Obdachlose jedoch. Solcherlei Praktiken übten auch Obdachlose aus, beispielsweise denunzierten bisweilen nicht-jüdische Obdachlose jüdische Obdachlose.[34] Der Umgang mit Obdachlosen im NS-Staat beruhte nicht allein auf von zentraler Stelle angeordneten Verfolgungsmaßnahmen, er trat zumindest bis zur Radikalisierungsphase ab 1937/38 eher als Impulsgeber in Erscheinung. Regionale und lokale Akteure der mittleren und unteren Verwaltungsebenen sowie die Bevölkerung beteiligten sich ebenso an der Verfolgung und Inhaftierung Obdachloser in Konzentrationslagern.

Obdachlosigkeit in der DDR und der Bundesrepublik

Die wenigen Obdachlosen, die das Konzentrationslager überlebt hatten, wurden von den Alliierten 1945 befreit, während in der NS-Zeit entmündigte Obdachlose in Pflegeheimen und Anstalten bleiben mussten.[35] Im Arbeitshaus Internierte wurden 1949 freigelassen.[36] Zwar drohten obdachlosen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg keine tödlichen Konsequenzen mehr, die tradierte Differenzierung in "selbstverschuldete" und "unverschuldete" Obdachlosigkeit blieb aber bis Ende der 1960er Jahre in der Bundesrepublik und in der DDR bestehen. Während in der DDR die alte Bezeichnung "asozial" reaktiviert wurde, griffen Fürsorgeverantwortliche in der Bundesrepublik auf den Begriff "nichtsesshaft" zurück.[37] Als obdachlos galt jedoch in den ersten Nachkriegsjahren eine andere, nahezu omnipräsente Personengruppe: ausgebombte und sich auf der Flucht befindende Menschen ohne Unterkunft. Ihnen dienten Bunker, Barackenlager, Lauben und sogenannte Nissenhütten aus Wellblech als Notunterkünfte.

Der allgemeinen Wohnungsnot trug auch die DDR-Regierung zunächst Rechnung, indem sie Obdachlosenunterkünfte in ehemaligen Altenheimen einrichtete, schon bald aber zur alten Differenzierung zwischen "asozialen" und "sozialen" Obdachlosen zurückkehrte.[38] Zwar gab es später durch die staatliche Wohnungszuteilung und die herrschende Arbeitspflicht weniger Obdachlose als in Westdeutschland, dennoch existierte Obdachlosigkeit in der DDR. Ihr wurde indes äußerst repressiv begegnet; unterstellte Arbeitsscheu lieferte den Grund für Straferziehung oder Haft. Die Klassifikation als "asozial", die nicht nur Obdachlose umfasste, bündelte aus Sicht der DDR-Regierung unerwünschte Verhaltensweisen.

Fußnoten

22.
Vgl. Führer (Anm. 14), S. 53–54.
23.
Vgl. Simon Lengemann, "Erst das Essen, dann die Miete!" Protest und Selbsthilfe in Berliner Arbeitervierteln während der Großen Depression 1931 bis 1933, in: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 3/2015, S. 46–62, hier S. 49.
24.
Vgl. Wolfgang Ayaß, Vom "Pik-As" ins "Kola-Fu". Die Verfolgung der Bettler und Obdachlosen durch die Hamburger Sozialverwaltung, in: Projektgruppe (Hrsg.), Verachtet – verfolgt – vernichtet. Zu den "vergessenen" Opfern des NS-Regimes, Hamburg 1988, S. 152–171, hier S. 158.
25.
Vgl. Christoph Bernhardt, Wohnungspolitik und Bauwirtschaft in Berlin (1930–1950), in: Michael Wildt/Christoph Kreuzmüller (Hrsg.), Berlin 1933–1945, München 2013, S. 177–192, hier S. 179.
26.
Vgl. Karl Christian Führer, Meister der Ankündigung. Nationalsozialistische Wohnungsbaupolitik, in: Forschungsstelle für Zeitgeschichte (Hrsg.), Hamburg im "Dritten Reich", Göttingen 2005, S. 432–444, hier S. 433.
27.
Vgl. Ayaß (Anm. 16), S. 93.
28.
Klar definiert wurde "asozial" in der NS-Zeit nicht. Vgl. Wolfgang Ayaß, "Asoziale" im Nationalsozialismus, Stuttgart 1995, S. 12.
29.
Vgl. Ayaß (Anm. 24), S. 168.
30.
Vgl. Hörath (Anm. 13), S. 323.
31.
Vgl. ebd., S. 11.
32.
Vgl. Florian Wimmer, Die völkische Ordnung von Armut. Kommunale Sozialpolitik im nationalsozialistischen München, Göttingen 2014, S. 341.
33.
Vgl. Städtisches Fürsorgeamt an den Verwaltungsdirektor der städtischen Krankenanstalt vom 1.10.1935, Stadtarchiv Kiel/47181.
34.
So denunzierten nicht-jüdische Obdachlose eine jüdische Obdachlose in einer Unterkunft in Eckernförde und forderten erfolgreich ihre Entfernung. Vgl. Der Bürgermeister der Ortspolizeibehörde Eckernförde an den Deutschen Gemeindetag vom 30.11.1938, Stadtarchiv Kiel/38217.
35.
Vgl. John (Anm. 3), S. 322.
36.
1949 schafften die Amerikaner in ihrer Besatzungszone die Arbeitshäuser ab. Vgl. Wolfgang Ayaß, Die "korrektionelle Nachhaft". Zur Geschichte der strafrechtlichen Arbeitshausunterbringung in Deutschland, in: Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte 15/1993, S. 84–201, hier S. 199.
37.
Vgl. Ayaß (Anm. 16), S. 95–96.
38.
Vgl. Sven Korzilius, "Asoziale" und "Parasiten" im Recht der SBZ/DDR, Köln u.a. 2005, S. 181.
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