Familie auf der Straße (Symbolbild)

15.6.2018 | Von:
Claudia Steckelberg

Wohnungslosigkeit als heterogenes Phänomen. Soziale Arbeit und ihre Adressat_innen

Geschlecht als soziale Kategorie: Ungleichheiten und Zumutungen

Trotz aller emanzipatorischen Fortschritte seit den 1970er Jahren bildet sich die soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern nach wie vor ab in der Entlohnung auf dem Arbeitsmarkt, der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und dem unterschiedlichen Zugang zu einflussreichen Positionen in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Weil Frauen durch ihre nach wie vor stärkere Zuständigkeit für Kinder und Haushalt vielfach nicht oder nur in Teilzeit erwerbstätig sind, fehlt ihnen häufig die eigenständige materielle Absicherung. Diese geschlechtshierarchische Ungleichheit führt unter anderem auch dazu, dass Frauen in privaten wie öffentlichen Bereichen von Männern abhängig sind, eine Abhängigkeit, die wiederum sexistische Übergriffe und häusliche Gewalt begünstigt. Häusliche Gewalt, verbunden mit der wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Partner, ist bei Frauen, die aus dem gemeinsamen Haushalt flüchten müssen, daher auch eine Ursache für Wohnungslosigkeit.

Wenn umgangssprachlich von wohnungslosen Menschen mit Begriffen wie "Penner", "Clochard" oder "Berber" die Rede ist, ist eine weibliche Form nicht vorgesehen: Im öffentlichen Diskurs gibt es keine wohnungslosen Frauen. Während Wohnungslosigkeit für beide Geschlechter mit dem Stigma des Scheiterns verknüpft ist, haben Frauen in der öffentlichen Wahrnehmung zudem die für sie vorgesehene private Sphäre verlassen und in ihrer Zuständigkeit für Familie und Kinder versagt. Bei Frauen wird vielfach von verdeckter Wohnungslosigkeit gesprochen,[6] weil sie versuchen, im öffentlichen Raum nicht aufzufallen und es möglichst vermeiden, draußen zu übernachten, auch wenn dies bedeutet, sich in die Abhängigkeit des jeweiligen Wohnungsinhabers und seiner Interessen zu begeben. Dieses Verdecken der Notlage erschwert den Zugang zum Hilfesystem. Zudem fühlen sich Frauen, die männlicher Gewalt ausgesetzt waren, in Tagesaufenthaltsstätten und Beratungsstellen, die vorwiegend männlich dominiert sind, nicht sicher. Dies ist ein Grund, weshalb Hilfsangebote für wohnungslose Frauen auch als Schutzräume konzipiert werden.

Geschlecht als soziale Kategorie mit ihren normativen Vorgaben stellt zudem eine Zumutung und Bewältigungsaufgabe für alle Menschen dar. Der Zwang, im kulturellen System der Zweigeschlechtlichkeit eindeutig als "richtiger" Mann oder als "richtige" Frau leben zu müssen, ist verknüpft mit einer Vielzahl von unerfüllbaren Ansprüchen und Widersprüchen, bei denen bislang wenig erforscht wurde, welche Auswirkungen sie für Männer haben.[7] Während beispielsweise Gewalt gegen Frauen in der Wohnungslosenhilfe thematisiert wird, wird Gewalt, die Männer vorwiegend durch Männer im öffentlichen Raum erfahren, kaum wahrgenommen.[8] Dabei wäre es wichtig, soziale Räume zu schaffen, in denen Gewalterfahrungen wohnungsloser Männer artikuliert werden können, ohne dass sie Gefahr laufen, als "Opfer" etikettiert zu werden oder als "unmännlich" zu gelten.

Heteronormativität und sozialer Ausschluss

In Deutschland wird Wohnungslosigkeit nur sehr marginal im Zusammenhang mit homophober und transphober Ausgrenzung betrachtet. Während im englischsprachigen Raum zahlreiche Forschungen wie auch spezifische Hilfsangebote für LSBTQ, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind, zu finden sind,[9] fehlt beides im deutschsprachigen Raum weitgehend. Dabei legen Forschungsergebnisse aus Großbritannien, Kanada und den USA nahe, dass auch hierzulande von einer besonderen Vulnerabilität von Menschen ausgegangen werden kann, die den heteronormativen Vorgaben einer heterosexuellen Orientierung oder einer eindeutigen Zuordnung in der binären Geschlechterordnung nicht entsprechen.[10] In einer Studie des Albert Kennedy Trust in Großbritannien nannten wohnungslose LSBTQ homophobe Diskriminierung und Gewalt als eines der fünf Probleme, die sie am meisten belasten.[11]

In konflikthaften Familiensituationen, die zum Ausschluss junger Menschen aus der familiären Wohnung führen können, wirkt das Coming-Out als lesbisch, schwul oder trans* konfliktverschärfend.[12] Homo- und transphobe Gewalterfahrungen auf der Straße sowie Diskriminierungen im Hilfesystem und auf dem Wohnungsmarkt wirken in der ohnehin schon prekären Lebenslage Wohnungslosigkeit zusätzlich destabilisierend. Soziale Arbeit ist gefordert, Strategien zu entwickeln, "that consider the unique and diverse needs of queer and trans youth",[13] um der Diskriminierung und Entwertung von LSBTQ entgegenzuwirken und sichere (Wohn-)Räume zu schaffen.

Fußnoten

6.
Vgl. Werena Rosenke, Frauen, in: Thomas Specht et al. (Hrsg.), Handbuch der Hilfen in Wohnungsnotfällen. Entwicklung lokaler Hilfesysteme und lebenslagenbezogener Hilfeansätze, Berlin–Düsseldorf 2018, S. 301–323.
7.
Vgl. Steckelberg (Anm. 4).
8.
Vgl. Forschungsverbund Gewalt gegen Männer, Abschlussbericht der Pilotstudie, Berlin 2004.
9.
Vgl. Alex Abramovich/Jama Shelton (Hrsg.), Where Am I Going to Go? Intersectional Approoaches To Ending LGBTQ2S Youth Homelessness in Canada & The U.S., Toronto 2017.
10.
Das legen auch Studien aus Deutschland nahe, die sich mit der Lebenssituation von LSBTQ Jugendlichen und Erwachsenen in verschiedenen Lebensbereichen, wenn auch nicht in der Wohnungslosigkeit, beschäftigen. Vgl. z.B. Claudia Krell/Kerstin Oldemeier, Coming out – und dann … ?, München 2015; Jannik Franzen/Arn Sauer, Benachteiligung von Trans*Personen, insbesondere im Erwerbsleben, Berlin 2010.
11.
Vgl. The Albert Kennedy Trust, LGBT Youth Homelessness: A UK National Scoping Of Cause, Prevalence, Response, And Outcome, London 2015.
12.
Vgl. Coco Wheeler/Christa Price/Ian Ellasante, Pathways Into and Out of Homelessness for LGBTQ2S Youth, in: Abramovich/Shelton (Anm. 9), S. 49–61.
13.
Alex Abramovich/Jama Shelton, Conclusion: The Way Forward, in: ebd., S. 335–345.
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