Familie auf der Straße (Symbolbild)

15.6.2018 | Von:
Claudia Steckelberg

Wohnungslosigkeit als heterogenes Phänomen. Soziale Arbeit und ihre Adressat_innen

Alter und Lebensphasen

Wohnungslosigkeit kann jede_n treffen, unabhängig vom Alter. Kinder und Jugendliche sind in der Regel dann von Wohnungslosigkeit betroffen, wenn ihre Eltern die Wohnung verlieren. Es gibt aber auch junge Menschen im Alter ab zwölf Jahren, die wohnungslos werden, weil sie ihr Elternhaus verlassen (müssen) oder weil sie den Regeln und Anforderungen der stationären Jugendhilfe nicht entsprechen (können). Auch Menschen im Senior_innenalter können in Wohnungsnot geraten, vor allem dann, wenn die Rente nicht mehr ausreicht, um steigende Mieten zu bezahlen, oder wenn Mietwohnungen in Eigentumswohnungen verwandelt werden.

Jugendliche auf der Straße
Das Alter eines Menschen wird mit bestimmten Lebensphasen in Verbindung gebracht, an die spezifische gesellschaftliche Erwartungen und gesetzliche Bestimmungen geknüpft sind. Minderjährige Jugendliche, die jenseits pädagogischer Obhut auf der Straße leben und selbstständig für ihren Schlafplatz, Kleidung und Ernährung sorgen, die nicht mehr die Schule besuchen oder eine Ausbildung abgebrochen haben, erfüllen diese Erwartungen und Bestimmungen auf mehrfache Weise nicht. Junge Wohnungslose leben selten dauerhaft im öffentlichen Raum, vielmehr ist ein Pendeln zwischen Einrichtungen der Jugendhilfe, dem Mitwohnen bei Freund_innen, dem Leben auf der Straße und (sofern sie willkommen sind) Phasen des Aufenthalts in der Herkunftsfamilie typisch.[14] Wohnungslose junge Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass sie für ihr Überleben weitgehend auf sich gestellt sind, auf der Straße wie auch in ihren Herkunftsfamilien, die vielfach von Gewalt und Vernachlässigung geprägt sind. Die Jugendhilfe ist der Bereich der Sozialen Arbeit, der Hilfen für junge Menschen anbietet und sie in ihrer Entwicklung unterstützt, ganz gleich in welcher Lebenslage sie sich befinden. In der Bandbreite von niederschwelligen und akzeptierenden Hilfen wie Übernachtungsstellen, Straßensozialarbeit und Tagesaufenthaltsstätten, die ohne Bedingungen eine Stabilisierung des Lebens auf der Straße und die Gefahrenminderung zum Ziel haben, bis hin zu stationären Einrichtungen mit einem engen Regelwerk und dichter Betreuung stehen Angebote der Jugendhilfe zur Verfügung. Zentral ist es dabei, die Skepsis, die junge Wohnungslose Erwachsenen aufgrund ihrer Erfahrungen entgegenbringen, zu respektieren und beim Beziehungsaufbau zu achten. Ebenso sollten ihr Wunsch nach Selbstbestimmung und ihre auf der Straße angeeigneten Kompetenzen wertgeschätzt und nicht als ein für Jugendliche unangemessenes und damit abweichendes Verhalten gekennzeichnet werden. In einer bislang einzigartigen Langzeitstudie wurde herausgearbeitet, dass die Wohnungslosigkeit für mehr als 80 Prozent der jungen Menschen keine Endstation ist, sondern eine Lebensphase, aus der sie wieder herausfinden.[15] Umso wichtiger ist es, dass es Hilfen gibt, die sich an ihrer Lebenslage und ihren Bedürfnissen orientieren und nicht auf die Erfüllung von äußeren normativen Erwartungen ausgerichtet sind.

Krisen im Erwachsenenleben
Auch andere Lebensphasen sind mit gesellschaftlichen und sozialen Erwartungen verknüpft. Als Indizien für ein gelingendes Erwachsenenleben werden vor allem die Familiengründung und Teilhabe an Erwerbsarbeit angesehen, in geschlechtsspezifisch unterschiedlicher Ausprägung. Dieses Gelingen ist jedoch nicht unwesentlich abhängig von strukturellen Bedingungen wie dem Arbeitsmarkt und familien-, sozial- und wohnungspolitischen Entscheidungen. Dabei ist zu fragen, ob krisenhafte Entwicklungen und Phasen im Lebensverlauf, von denen alle Menschen in unterschiedlichen Lebensbereichen betroffen sein können, durch wohlfahrtsstaatliche Maßnahmen aufgefangen werden, sodass eine Verstetigung und Erweiterung der Krise verhindert werden kann. Ob eine chronische Erkrankung, der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Trennung in Familie und Partnerschaft auch die Gefahr des Wohnungsverlusts nach sich ziehen, hängt neben den individuellen biografischen Voraussetzungen davon ab, ob die finanzielle Grundsicherung inklusive der Mietübernahme auch weiterhin gesichert ist und ob ausreichend bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung steht. "Niemand leidet unter Obdachlosigkeit, wenn es kein gesellschaftliches Versagen gibt, ein Scheitern an der Aufgabe, Wohnungen und Unterkünfte so zu organisieren, dass sie jedem Menschen zugänglich sind."[16] Deshalb ist es Aufgabe Sozialer Arbeit und ihrer Verbände, sich nicht nur der Hilfe in Einzelfällen zu widmen, sondern auch auf die Missstände in der Wohnungs- und Sozialpolitik hinzuweisen.

Altern und Gesundheit
Für wohnungslose Menschen ist es von existenzieller Bedeutung, dass ihr Körper "funktioniert". Was für Menschen mit Wohnung ein unbedeutender akuter grippaler Infekt ist, der durch Bettruhe auskuriert wird, kann zu einem bedrohlichen Hindernis für das Überleben werden, wenn man kein Bett zur Verfügung hat. Das Leben auf der Straße beruht auf Mobilität. Die unterschiedlichen Versorgungsstellen, die zumeist im städtischen Raum verteilt sind, müssen zu eng festgelegten Zeiten aufgesucht werden, um Zugang zu Ernährung und Hygiene zu haben, und Schlafplätze müssen täglich organisiert werden. Dabei muss man in der Lage sein, den gesamten eigenen Besitz mit sich zu tragen. Der Aufenthalt im Freien bei jeglichen Witterungsbedingungen setzt eine körperliche Robustheit voraus, um nicht chronisch zu erkranken.

Im Alter nehmen Mobilität, körperliche Kraft und gesundheitliche Robustheit ab. Was für alle Menschen im Alter zu einem Problem der Versorgung und der Bewältigung des Alltags werden kann, stellt sich für wohnungslose ältere Menschen in der Regel dramatischer dar. Wer lange Zeit auf der Straße gelebt hat, ist zumeist "körperlich vorgealtert",[17] leidet häufiger an chronischen Erkrankungen und wird schneller pflegebedürftig. Von älteren wohnungslosen Menschen wird deshalb zumeist bereits ab einem Alter von 50 Jahren gesprochen.[18] Als problematisch ist es einzuschätzen, dass weder die medizinische noch die pflegerische Regelversorgung auf die gesundheitlichen Probleme und die spezifischen Bedarfe älterer wohnungsloser Menschen eingestellt sind.

Auch das Risiko, in Wohnungsnot zu geraten, steigt mit dem Eintritt ins Rentenalter, die für eine zunehmende Zahl von Menschen (und dabei insbesondere von Frauen) den Eintritt in die Armut bedeutet. Wenn beispielsweise nach dem Tod der Partner_in die Mietlast alleine getragen werden muss oder Mieterhöhungen in die Verschuldung führen, droht der Verlust der Wohnung in einem Alter, in dem die Wohnungssuche deutlich erschwert ist.

Fußnoten

14.
Vgl. Claudia Steckelberg, Zwischen Ausschluss und Anerkennung. Lebenswelten wohnungsloser Mädchen und junger Frauen, Wiesbaden 2010.
15.
Vgl. Martina Bodenmüller/Georg Piepel, Streetwork und Überlebenshilfen. Entwicklungsprozesse von Jugendlichen aus Straßenszenen, Weinheim 2003, S. 208f.
16.
Judith Butler, Anmerkungen zur einer performativen Theorie der Versammlung, Berlin 2016, S. 33.
17.
Benjamin Gifhorn, Ältere wohnungslose Menschen, in: Specht et al. (Anm. 6), S. 371–382, hier S. 371.
18.
Vgl. ebd.
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