Die Installation "House of Cards" der deutsch-israelischen Künstlergruppe "OGE Creative Group"

31.8.2018 | Von:
Tobias Bunde
Ali Wyne

Weltordnung vor dem Zerfall?

Zwei Perspektiven


Verklärte Weltordnung

Ali Wyne

Lange vor der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten 2016 sorgten sich viele bereits um die liberale Weltordnung. Die Rezession von 2008/09 hatte das Vertrauen in die Kompetenz der USA als gesamtwirtschaftliche Führungskraft und in ihren "Gesundheitszustand" als demokratisches Gemeinwesen untergraben, und es galt als geradezu selbstverständlich, dass ein staatszentriertes, auf die Verhinderung eines Dritten Weltkrieges ausgerichtetes internationales Institutionengefüge immer weniger geeignet war, kollektives Handeln angesichts überstaatlicher Probleme zu kanalisieren und dabei auch nichtstaatliche Akteure einzubeziehen. Im Wesentlichen konzentrierte sich die Diskussion jedoch auf die Verschiebungen in den globalen Kräfteverhältnissen – wie neue Machtzentren stärker eingebunden werden könnten; wie sich die Attraktivität westlicher Werte und Institutionen aufrechterhalten ließe; wie man Rahmenbedingungen schaffen könnte, die stärker auf flexible Bündnisse zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren bauen, um drängende Tagesfragen anzugehen; und dergleichen mehr.

Kaum ein Beobachter ging davon aus, dass die größte Zerreißprobe der Weltordnung von ihrem Hauptarchitekten, den Vereinigten Staaten, verursacht werden könnte – schließlich stoßen in Washington wenige Mahnungen auf eine so breite Zustimmung wie die, dass die liberale Weltordnung aufrechterhalten werden muss. Je einleuchtender eine These scheint, desto weniger Zeit wird investiert, um für sie zu werben und auf Kritik zu reagieren – und diese gab es auch in den USA schon vor Trumps Amtsantritt.

So wurde und wird etwa häufig kritisiert, der Begriff "liberale Weltordnung" sei nicht klar definiert. Blickt man auf seine einzelnen Bestandteile, so dämmert tatsächlich rasch: Diese Ordnung hat nicht ausschließlich aufklärerisch gewirkt im Sinne einer globalen Entfaltung von Demokratie beziehungsweise von fairen, weltweit geltenden Spielregeln. Oft genug verbargen sich zynische, eigennützige Überlegungen hinter dem Handeln der Führungsmächte. Auch einheitlich und allumfassend war die "Welt"-Ordnung nie. Zwar hat sie globale Auswirkungen, doch ist ihre Struktur insofern begrenzt, als sie für die Durchsetzung der Interessen westlicher Mächte konzipiert wurde, allen voran der USA. So ist sie letzten Endes eher als die US-geführte Nachkriegsordnung zu verstehen. Und schließlich war die "Ordnung" nicht immer stabil und berechenbar. Zwar ließ das Gleichgewicht des Schreckens während des Kalten Krieges diesen Eindruck entstehen, tatsächlich aber prägten Gewalt, Dekolonisationsbewegungen und ideologischer Wettstreit die Welt in diesen 45 Jahren.

Ein häufiger Einwand ist auch, dass sich das Engagement der USA in der Welt vom wirtschaftlichen Wohlstand einer wachsenden Gruppe von Amerikanern abgekoppelt habe. In der Tat geht die Schere zwischen Arm und Reich in den USA immer weiter auseinander: Während 1970 noch 68 Prozent des Einkommens auf die ärmeren 90 Prozent der Bevölkerung entfielen, ist dieser Anteil bis 2012 auf 49 Prozent zurückgegangen.[21] "Während der Zeit, in der die Sowjetunion als Schreckgespenst fungierte, stellten US-Wähler den Entscheidungsträgern einen Blankoscheck für die nationale Sicherheit aus, der durch das Wachstum in der Nachkriegszeit finanziert wurde. Doch diese Phase ist zu Ende, und heute hat keine diplomatische Lösung oder strategische Initiative Aussicht auf Erfolg, wenn ihr Kernziel sich nicht an den Folgen ausrichtet, die sie für gewöhnliche Amerikaner haben wird." Befürworter der Nachkriegsordnung können nicht mehr "das verbreitete und berechtigte Gefühl ignorieren, dass sich der Internationalismus für gewöhnliche Amerikaner nicht auszahlt".[22]

Ein weiterer Kritikpunkt lautet, der vielleicht sichtbarste Ausdruck US-amerikanischen Engagements im Ausland, nämlich der Einsatz militärischer Gewalt im Zeichen der liberalen Weltordnung, habe im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte dürftige Ergebnisse geliefert. Tatsächlich währt der Krieg in Afghanistan nun bald 17 Jahre, ohne dass ein Ende in Sicht wäre; die Taliban haben so viel Territorium unter ihrer Kontrolle wie seit 2001 nicht mehr. Derweil jährte sich der Krieg im Irak 2018 zum 15. Mal, aus dem der sogenannte Islamische Staat (IS) hervorgegangen ist, der im gesamten Mittleren Osten und zunehmend auch außerhalb der Region Chaos verursacht. Etwa sieben Jahre nach dem von den USA geförderten Sturz Muammar al-Gaddafis ist Libyen zu einer Brutstätte sowohl für den IS als auch für al-Qaida geworden. Daher überrascht es nicht, dass jüngere Amerikaner "den Einsatz militärischer Gewalt, Verteidigungsausgaben sowie andere Formen von militantem Internationalismus signifikant weniger befürworten".[23]

Im Lichte allein dieser ausgewählten Kritikpunkte zu behaupten, Donald Trumps Politik verursache die Erosion der Nachkriegsordnung, hieße sowohl den Grad ihrer früheren Einheit überzubewerten als auch die Faktoren zu unterschätzen, die sie bereits vor seinem Amtsantritt schwächten.

Washingtons Entscheidung

Allerdings ist zugleich nicht zu unterschätzen, inwiefern Trumps Handeln die Schwächung der Nachkriegsordnung beschleunigt, sei es durch den Rückzug aus zentralen multilateralen Vereinbarungen wie der Transpazifischen Partnerschaft, dem Pariser Klimaabkommen oder dem Atomabkommen mit Iran, sei es durch Belegung traditioneller Verbündeter mit Strafzöllen, sei es durch Nachlassen im US-amerikanischen Engagement für die NATO, die EU und im weiteren Sinne für das transatlantische Projekt.

Zwar wirft Trump wichtige Fragen mit Blick auf die Rolle der USA in der Nachkriegsordnung auf. Doch statt einer umsichtigen Neukalibrierung bewirkt seine Außenpolitik offenkundig eher ihre beschleunigte Erosion – "Wut und Verblendung können in einer halben Stunde mehr niederreißen, als Klugheit, Überlegung und weise Voraussicht in hundert Jahren aufzubauen imstande sind", mahnte schon der Philosoph Edmund Burke. Sorglosigkeit angesichts der derzeitigen Lage ist also ebenso unangebracht wie eine Verklärung der liberalen Weltordnung.

Daher gilt es, "eine Außenpolitik der Zukunft auszuarbeiten, die eine Verbesserung dessen darstellt, was Herrn Trumps Wahl vorausging, sowie Amerikas Interessen nicht einer abstrakten ‚Ordnung‘ zu opfern".[24] Denn nicht zuletzt angesichts der besorgniserregenden finanzpolitischen Aussichten werden die Vereinigten Staaten das derzeit herrschende globale Gleichgewicht nicht ewig bewahren können. Sie werden strenger unterscheiden müssen zwischen "Herzstück" und "Peripherie" der Weltordnung,[25] denn wenn in jedes Einsatzgebiet investiert werden und jede Krise mit dem gleichen Nachdruck angegangen werden soll, ist eine strategische Außenpolitik unmöglich. Sie werden aufstrebenden Mächten den Raum für ernsthaftere Anpassungen gewähren und dabei entscheiden müssen, ob sie ihrem zentralen Einfluss innerhalb der gegenwärtigen Ordnung oder aber der konsequenten Modernisierung eben dieser Ordnung größere Priorität einräumen, und gleichzeitig sicherstellen, dass das US-Engagement in der Welt wieder den materiellen Wohlstand eines Großteils der Amerikaner befördert.

Fußnoten

21.
Vgl. Steven Brill, Tailspin, New York 2018.
22.
Harry Krejsa, Heartland Security, 1.2.2018, http://www.cnas.org/publications/reports/heartland-security«.
23.
Trevor Thrall et al., The Clash of Generations?, Juni 2018, http://www.thechicagocouncil.org/sites/default/files/report_clash-of-generations_180625.pdf«.
24.
Thomas Meaney/Stephen Wertheim, When the Leader of the Free World Is an Ugly American, 9.3.2018, http://www.nytimes.com/2018/03/09/opinion/sunday/donald-trump-foreign-policy.html«.
25.
Gideon Rose, What Obama Gets Right, 5.7.2015, http://www.foreignaffairs.com/articles/2017-07-05/what-obama-gets-right«.
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