Die Installation "House of Cards" der deutsch-israelischen Künstlergruppe "OGE Creative Group"

31.8.2018 | Von:
Tobias Bunde
Ali Wyne

Weltordnung vor dem Zerfall?

Zwei Perspektiven


Drohkulisse "neuer Kalter Krieg"

Steuert die Welt also zurück in die Zwischenkriegszeit, als revisionistische Bestrebungen Länder wie Japan und Deutschland militärisch und ideologisch prägten? Dieser Schluss wäre verfrüht. Denn "im Gegensatz zu den 1930er Jahren gibt es immerhin noch eine Weltordnung zu verteidigen".[26] Zudem haben die vergangenen 70 Jahre eine Reihe an multilateralen Institutionen und Wertschöpfungsketten hervorgebracht, die das Schicksal von Ländern weit enger miteinander verknüpfen als je zuvor.

Ist die Welt angesichts des sich verschärfenden Wettstreits zwischen den Großmächten also eher in einen neuen Kalten Krieg eingetreten? Auch dieser Schluss ist unzutreffend. Denn zwischen der Zeit der Blockkonfrontation zwischen USA und Sowjetunion und der gegenwärtigen Weltpolitik bestehen erhebliche Unterschiede.

Erstens hatten die USA in dieser Zeit mit der Sowjetunion einen einzigen übergeordneten Kontrahenten. Heute haben es die Vereinigten Staaten in China mit einem Respekt einflößenden langfristigen Konkurrenten zu tun, in Russland mit einem geschickten, kurzfristigen Spielverderber, zudem mit einer sich weiter entwickelnden terroristischen Bedrohung und einem zunehmend bedrohlichen Nordkorea. Dennoch eignet sich, anders als die Blockkonfrontation, keine dieser Herausforderungen dazu, für ein gemeinsames nationales Ziel zu mobilisieren.

Zweitens stuften die USA die Sowjetunion als Gegner ein und betrieben eine Eindämmungspolitik, die acht präsidiale Amtszeiten prägte. Heute ist unklar, wo die USA China auf dem Kontinuum zwischen Verbündetem und Gegner verorten und welche Politik sie gegenüber ihrem mutmaßlichen Nachfolger als Supermacht einschlagen sollen.

Drittens beherrschten während des Ost-West-Konflikts die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion jeweils einen Block ideologisch in Linie gebrachter Länder. Gegenwärtig gibt es wenn überhaupt wenige solcher Blöcke. Stattdessen taktieren kleinere Länder zunehmend, um vom Wettstreit der Großmächte zu profitieren.

Viertens stellte der Kalte Krieg einen Wettstreit zwischen zwei klar definierten Ideologien dar. Obschon der Liberalismus heute einiges von seinem Glanz verloren hat, zeichnet sich kein eindeutiges konkurrenzfähiges Modell ab.

Fünftens bestimmten der ideologische Konflikt und Rüstungswettläufe Merkmale der Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion. Heute gründen sich die Beziehungen zwischen den USA und China weit stärker auf wirtschaftlichen Wettbewerb und technologische Innovation.

Sechstens lieferte die Rivalität zwischen den USA und der Sowjetunion ein Prisma, durch das sich fast ein halbes Jahrhundert lang das Weltgeschehen betrachten ließ. Ein vergleichbares Gefüge gibt es heute nicht, wie angesichts der fortschreitenden Erosion der Nachkriegsordnung immer offensichtlicher wird.

Siebtens war der Kalte Krieg seiner scheinbaren Stabilität zum Trotz eine außerordentlich brutale Phase der Menschheitsgeschichte: Mehrere zehn Millionen Menschen starben im Zuge von kriegsbezogener Gewalt.[27] Anders als die aktuell zunehmende Un-Ordnung vermuten lässt, ist die Welt heute weit weniger gewalttätig.

Gerade der letzte Punkt ist einer der zentralen Gründe, die jegliche Nostalgie mit Blick auf die Zeit des Kalten Krieges unangebracht erscheinen lassen: "Die Zahl bewaffnet ausgetragener politischer Konflikte hat bis 2014 über Jahrzehnte hinweg abgenommen, bei zwischenstaatlichen Kriegen seit Ende der 1960er Jahre, bei innerstaatlichen Konflikten seit Mitte der 1990er Jahre."[28] Dafür gibt es von wachsender "Kriegsaversion" bis zu grenzüberschreitenden wirtschaftlichen Verflechtungen eine Reihe von Erklärungsansätzen. Doch sind diese Tendenzen möglicherweise weniger ein Selbstläufer als eine glückliche Ausnahme. Wie die Historikerin Margaret MacMillan mahnt, ist menschliche Torheit eine dauerhafte Erscheinung. Daher sei es unangebracht, zu unterstellen, "die friedlichen Regionen der Welt seien besonders tugendhaft oder stünden für einen klaren Trend, dass die Menschheit vom Krieg abrücke. Wir bekämpfen einander schon seit sehr langer Zeit – soweit bekannt schon von dem Moment an, als wir begannen uns zu organisieren und als Ackerbau Treibende sesshaft zu werden."[29]

In der Tat deutet vieles darauf hin, dass auf der Welt immer zerstörerischere Waffen hergestellt werden und auch in Zukunft in ihre Entwicklung investiert wird. So ist zwar die Anzahl der Nuklearsprengköpfe weltweit seit 1986 um 80 Prozent zurückgegangen. Aber "der überwältigende Teil dieser Reduzierung fand in den 1990er Jahren statt. Zudem (…) sind die heutigen Arsenale weitaus leistungsfähiger. Das Tempo der Abrüstung hat sich signifikant verlangsamt. Statt atomare Abrüstung zu planen, haben die über Nuklearwaffen verfügenden Staaten vor, auf unbestimmte Zeit große Nuklearwaffenarsenale beizubehalten."[30] Derweil gerät auch das "Gleichgewicht des Schreckens", das die nuklearen Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion fast ein halbes Jahrhundert lang geprägt hat, unter Druck. "Neu entstehende militärische Möglichkeiten – Cyber, Weltraum, Raketenabwehr, Langstreckenwaffensysteme und (alles durchdringende) autonome Systeme – verstärken die mit strategischer Stabilität verbundenen Ungewissheiten und führen möglicherweise dazu, dass sich die Rüstungsspirale wieder dreht."[31]

Fußnoten

26.
Edward Luke, Donald Trump and the 1930s Playbook: Liberal Democracy Comes Unstuck, 22.6.2018, http://www.ft.com/content/75319cee-761d-11e8-b326-75a27d27ea5f«.
27.
Vgl. Joshua S. Goldstein, Think Again: War, 15.8.2011, https://foreignpolicy.com/2011/08/15/think-again-war«.
28.
Thomas S. Szayn et al., What Are the Trends in Armed Conflicts, and What Do They Mean for U.S. Defense Policy?, RAND Corporation 2017, S. 3.
29.
Margaret MacMillan, It Would Be Stupid to Think We Have Moved on from War, 24.6.2018, http://www.theguardian.com/commentisfree/2018/jun/24/stupid-to-think-we-have-moved-on-from-war-look-around-reith-lectures«.
30.
Hans M. Kristensen/Robert S. Norris, Status of World Nuclear Forces, Juni 2018, https://fas.org/issues/nuclear-weapons/status-world-nuclear-forces«.
31.
James Milles/Richard Fontaine, A New Era in US-Russian Strategic Stability, Center for a New American Security 2017, S. 36.
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