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31.8.2018 | Von:
Siegfried Schieder

Wo sind sie geblieben?

Zur heutigen Relevanz der Theorien der internationalen Beziehungen


Notwendigkeit und Nützlichkeit von Theorien

Eine weit verbreitete Meinung ist, dass Theorien irrelevant für die praktische Politik seien – ganz im Sinne des Gemeinspruchs, wonach etwas zwar in der Theorie richtig sein könne, aber nichts für die Praxis tauge.[10] Theorieorientiertes Denken wird oft als Ablenkung von den realweltlichen Problemen, manchmal sogar als Mangel an Verantwortungsbewusstsein für die Probleme der internationalen Politik empfunden. Nicht wenige in der IB-Zunft fordern einen stärkeren Praxisbezug.[11]

Diese Forderungen sind nicht falsch, sie verkennen aber die Pointe der Praxisrelevanz von Theorie. Um es erneut mit einem Gemeinspruch zu sagen: Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie! So empfahl Immanuel Kant nicht etwa Theorieabstinenz als Remedur für praxisuntaugliche Theorie, sondern mehr und bessere Theorie.[12] Dem liegt nicht nur die Annahme zugrunde, dass uns reale Phänomene nur über theoretische Begriffe zugänglich sind, sondern dass empirische Aussagen immer schon auf theoretischem Vorwissen basieren. Sowohl unsere Alltagswahrnehmungen als auch unser Handeln beruhen auf einem einzigen Geflecht von Hypothesen, ohne die wir unsere Gedanken nicht sinnvoll artikulieren und Handlungen begründen können.[13] Folglich sind Beschreibungen, Erklärungen oder Prognosen stets durch theoretische Vorentscheidungen geprägt, und um diese zu treffen oder infrage zu stellen, erweisen sich Theorien als "praktisch".

Insofern sind Theorien in jedem Lebensbereich hilfreich. Ihre Notwendigkeit und Nützlichkeit nehmen jedoch in dem Maße zu, in dem der zu analysierende Gegenstand komplexer wird. Die IB befassen sich "mit dem denkbar größten und kompliziertesten Sozialsystem",[14] weshalb sie stärker von Theorie abhängig sind als andere Sozialwissenschaften. Dennoch wird den IB heute ihre Theorievielfalt vorgehalten. Das steht in einem starken Kontrast zu der Kritik, die noch in den 1960er Jahren an die Zunft gerichtet wurde, sie spekuliere lediglich über die internationale Gesellschaft. Sowohl ein Zuviel als auch ein Zuwenig an Theorie ist unbefriedigend. Vielmehr kommt es darauf an, was Theorien leisten sollen.

Auf einer basalen Ebene können Theorien ganz allgemein als generalisierende Aussagen verstanden werden.[15] Jeder von uns verwendet derartige "Theorien" ständig im alltäglichen Sprachgebrauch, etwa wenn wir davon sprechen, dass Regierungen primär eigene Interessen verfolgen: Aus der Beobachtung, dass einige Regierungen außenpolitische Entscheidungen zu ihren eigenen Gunsten treffen, schließen wir, dass alle Regierungen eigennützig handeln. Wissenschaftliches Denken funktioniert im Prinzip ähnlich, freilich mit dem Unterschied, dass hier Theorien gezielt verwendet und hinterfragte Annahmen explizit gemacht werden. Theorien machen erstens ontologische Aussagen über die "Realität". In den IB sind das für RealistInnen die nach Sicherheit und Macht strebenden souveränen Staaten in einer anarchischen Umwelt, für feministische TheoretikerInnen sind es die Geschlechterverhältnisse und für MarxistInnen der durch den ökonomischen Determinismus angetriebene Kampf zwischen sozialen Klassen. Zweitens machen Theorien Aussagen über die Methode der Erkenntnisgewinnung und das dahinter liegende Wissenschaftsverständnis. Drittens tragen Theorien dazu bei, die Anwendung unseres Wissens in der Praxis zu ermöglichen und damit zu begründen, was "sein soll".

Geht man also von einem pragmatistischen Theorieverständnis aus, enthalten Beobachtungen "unvermeidlich bereits Theorien, die die Aufmerksamkeit auf bestimmte Phänomene lenken und die Art, wie wir Phänomene wahrnehmen, mitbestimmen".[16] Insofern gibt es keine "theorielose" Beschäftigung mit internationaler Politik. Wenn nun aber die politische Praxis zumindest implizit immer von Grundannahmen über die internationale Politik ausgeht, was unterscheidet dann die wissenschaftliche Beschäftigung mit außenpolitischen Fragen von der Praxis? Die Theoriebezogenheit sicherlich nicht. Wenn außenpolitisches Handeln immer schon theoriegeleitet ist, dann ist nicht so sehr die Frage zentral, ob Theorien notwendig und nützlich sind, sondern nur noch, welche.

Fußnoten

10.
Vgl. zu diesem Diktum auch Immanuel Kant, Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis, in: Wilhelm Weischedel (Hrsg.), Immanuel Kant: Werke in 12 Bänden, Bd. 11, Frankfurt/M. 1977, S. 127–172.
11.
Vgl. etwa Maximilian Terhalle, IB-Professionalität als Praxisferne? Ein Plädoyer für Wandel, in: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 1/2016, S. 121–138.
12.
Vgl. Kant (Anm. 10), S. 127.
13.
Vgl. Hans Joas/Wolfgang Knöbl, Sozialtheorie. Zwanzig einführende Vorlesungen, Frankfurt/M. 2004, S. 18.
14.
Lake (Anm. 8), S. 467.
15.
Vgl. Joas/Knöbl (Anm. 14).
16.
Ebd, S. 24.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Siegfried Schieder für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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