30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Die Installation "House of Cards" der deutsch-israelischen Künstlergruppe "OGE Creative Group"

31.8.2018 | Von:
Siegfried Schieder

Wo sind sie geblieben?

Zur heutigen Relevanz der Theorien der internationalen Beziehungen


Von der Theorienkonkurrenz zum -pluralismus

Spätestens seit den 1990er Jahren befindet sich die IB-Theorienlandschaft in einem Prozess der Ausdifferenzierung. Dafür gibt es mehrere Gründe:[17] Erstens ist das rasche Wachstum an theoretischen Entwürfen das Ergebnis kumulativer Theoriebildung und einer Professionalisierung innerhalb einer Disziplin, die auf eine fast hundertjährige Geschichte zurückblicken kann. Zweitens ist Theorienpluralismus auch das Ergebnis einer inzwischen kaum mehr überschaubaren Adaption von Erkenntnissen aus benachbarten (sozial)wissenschaftlichen Disziplinen, die von der Ökonomie über die Psychologie bis hin zur Quantenphysik reicht. Drittens hat der theoretische Pluralismus auch theorieimmanente Gründe. So hat 1979 die Veröffentlichung der "Theory of International Politics" durch Kenneth Waltz, mit der er den Neorealismus begründete, zur Entwicklung einer Vielzahl alternativer Theorien geführt. Als sozialwissenschaftliche Disziplin steht die IB-Theoriebildung schließlich viertens immer auch in einem Wechselverhältnis mit ihrem realhistorischen und gesellschaftspolitischen Kontext.

Die Komplexität der Theoriebildung wurde lange Zeit nicht gut sichtbar, da die Disziplin lediglich als Abfolge sogenannter großer Debatten dargestellt wurde. In dieser "Geschichte" beginnt die Entwicklung der Disziplin in den 1930er und 1940er Jahren zunächst als Auseinandersetzung zwischen der realistischen Schule, die davon ausgeht, dass Menschen von Angst und Gemeinwesen von Unsicherheit getrieben werden und daher nach Macht streben, und der idealistischen Schule, die aufgrund der Vernunftbegabung des Menschen an die Möglichkeit von Frieden glaubt, über die Frage, ob und inwieweit es Fortschritte in den Beziehungen zwischen den Staaten geben könne. Dieser Auseinandersetzung folgte die in den 1950er und 1960er Jahren einsetzende zweite große Debatte zwischen TraditionalistInnen und SzientistInnen, die weitestgehend die fachspezifische Version des damals allgemeinen sozialwissenschaftlichen Methodenstreits um den Vorrang von geisteswissenschaftlichem "Verstehen" oder naturwissenschaftlich orientiertem "Erklären" war.[18]

Die "großen Debatten" ermöglichten lange eine recht übersichtliche Theorienklassifikation, die jedoch spätestens mit der Identifikation einer "dritten Debatte" seit den 1980er Jahren fragwürdig wurde. Allein der Umstand, dass der Begriff der "dritten Debatte" für zwei unterschiedliche theoretische Auseinandersetzungen verwendet wird – zum einen als "interparadigmatische Debatte" zwischen RealistInnen, PluralistInnen und StrukturalistInnen seit den 1970er Jahren, in der es vor allem um die Rolle von Staaten und nichtstaatlichen Akteuren und um das Wechselverhältnis von internationaler Politik und Ökonomie ging, zum anderen als Debatte zwischen PositivistInnen und PostpositivistInnen seit Mitte der 1980er Jahre, die eine intensive Auseinandersetzung mit den wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Disziplin mit sich brachte, im Zuge derer zahlreiche bisherige Annahmen über die Beschaffenheit der internationalen Beziehungen wie etwa die Anarchie des internationalen Systems infrage gestellt wurden[19] – zeigt die Problematik der "orthodoxen" Geschichtsschreibung. Im Unterschied zu den beiden vorangegangenen Kontroversen, die inhaltlich (Realismus/Idealismus) und methodisch (Traditionalismus/Szientismus) ausgefochten wurden, drehte sich die "dritte Debatte" vor allem um grundsätzliche Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen von Erkenntnissen und Intersubjektivität in den IB. Mit der noch in den 1970er und frühen 1980er Jahren geführten interparadigmatischen Debatte hat die fragmentierte Theorie- und Diskurslandschaft seit den späten 1990er Jahren folglich kaum mehr etwas gemein. Zudem hat das steigende Interesse an nichtwestlichen Theoriebeständen[20] die Zerklüftung der Debattenlandschaft weiter verstärkt.

Ob man die "orthodoxe" Geschichtsschreibung als Debattenabfolge teilt oder nicht: Sie macht die tatsächliche Bandbreite an theoretischen Kontroversen mit unterschiedlichsten wissenschaftstheoretischen Positionen sichtbar. Während die einen die Abfolge von Theoriedebatten als vorparadigmatisch kritisieren, heben andere den identitätsstiftenden Charakter "großer Debatten" hervor. So würden KritikerInnen fälschlicherweise davon ausgehen, dass große Debatten mit einem Mangel an theoretischer Kohärenz innerhalb einer Disziplin einhergehen. Vielmehr sei das Gegenteil der Fall. Zudem seien Debatten Teil der sozialen und intellektuellen Struktur einer akademischen Disziplin, wodurch Macht und Privilegien zugewiesen würden. Kurzum, die "dritte Debatte" ist – anders als die beiden vorangegangenen – eine Debatte "not to be won, but a pluralism to live with".[21]

Fußnoten

17.
Vgl. Siegfried Schieder/Manuela Spindler, Theories of International Relations, London–New York 2014.
18.
Vgl. Martin Hollis/Steve Smith, Explaining and Understanding International Relations, Oxford 2004.
19.
Vgl. Yosef Lapid, The Third Debate, in: International Studies Quarterly 3/1989, S. 235–254.
20.
Vgl. Nele Noesselt, Die Grenzen nicht-westlicher Theorien der Internationalen Beziehungen, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 4/2014, S. 79–107.
21.
Ole Waever, The Rise and Fall of the Inter-Paradigm-Debate, in: Steve Smith et al. (Hrsg.), International Theory, Cambridge 1996, S. 149–185, hier S. 155.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Siegfried Schieder für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.