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Blick auf die Stadt Spremberg mit Kreuzkirche und Kraftwerk, Niederlausitz, Brandenburg.

31.1.2020 | Von:
Fabian Jacobs
Měto Nowak

Mehrwerte schaffen. Wie der Strukturwandel in der Lausitz von der sorbisch-deutschen Mehrsprachigkeit profitieren kann

Die Lausitz befindet sich vor allem seit dem 19. Jahrhundert immer wieder in wirtschaftlichen Strukturwandelprozessen. Sei es die Modernisierung der Landwirtschaft, der Aufbau der Kohle-, Textil- und Glasindustrie, die Entwicklung des Tourismus insbesondere seit der Erschließung des Spreewalds durch die Eisenbahn von Berlin aus Ende der 1860er Jahre, der massive Ausbau der Industrie in der DDR, die Deindustrialisierung nach 1990 oder der Ausbau der Kreativwirtschaft und des Dienstleistungssektors – wirtschaftlicher Strukturwandel ist weder ein singuläres noch ein überraschendes Ereignis.

Auch die ethnische und sprachliche Struktur der Lausitz befindet sich in einem dauerhaften Wandlungsprozess. Im Rahmen der Völkerwanderung ließen sich slawische Stämme in der zu der Zeit weitgehend siedlungsleeren Region nieder, machten sie urbar und gaben ihr den Namen Łužyca, der auf Sumpfland verweist. Durch die mittelalterliche Ostkolonisation nahm der deutsche Bevölkerungsanteil stetig zu.[1] Begleitet durch Germanisierungsprozesse von Kirche, Staat, Schule und Gesellschaft führte dies vor allem ab dem 19. Jahrhundert in weiten Teilen der Ober- und Niederlausitz zur Ablösung des Sorbischen[2] als Umgangssprache durch das Deutsche. Verstärkt wurde dies durch Industrialisierungs- und gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, aber auch durch weiteren deutschen Bevölkerungszuzug ab der Mitte des 20. Jahrhunderts. Daher gibt es – abgesehen von wenigen Gemeinden in der Oberlausitz – heute keine mehrheitlich sorbischen Kommunen und nur noch wenige erstsprachlich-sorbische Milieus. Die Mehrheit der Sorbinnen und Sorben spricht kein Sorbisch. Sorbisch-deutsche Mehrsprachigkeitskompetenz ist, wenn überhaupt in der Region, eher auf sorbischer denn auf deutscher Seite anzutreffen.[3]

Dennoch ist die historisch gewachsene Mehrsprachigkeit ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen aktuell im Fokus stehenden, vom Ausstieg aus der Kohleverstromung betroffenen Strukturwandelregionen Deutschlands. Für die Region Lausitz existieren keine einheitlich definierten, verbindlichen Grenzen administrativer, natur- und kulturräumlicher oder historischer Art. Sie ist im Inneren äußerst heterogen. Es gibt vorwiegend landwirtschaftlich und dörflich geprägte Räume ebenso wie altindustrialisierte und industrialisierte, eher kleinstädtische Gebiete und schließlich in der Mitte die Großstadt Cottbus/Chóśebuz mit mehr als 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Historisch gehörte die Lausitz nie zu einem einheitlichen administrativen Gebilde. Bis heute ist sie auf verschiedene Staaten aufgeteilt. Einst waren das Brandenburg/Preußen und Sachsen, aber auch Böhmen und Polen. Heute sind es Deutschland, Polen und (je nach Definition) auch Tschechien. Die Grenzverläufe innerhalb der Lausitz variierten dabei immerzu. Somit durchliefen die verschiedenen Teile der Lausitz auch stets unterschiedliche politische, wirtschaftliche, soziale oder kulturelle Entwicklungen. Historisch gesehen, sind die über Jahrhunderte andauernde slawische Prägung der Region sowie die deutsch-slawische Beziehungsgeschichte das einzige verbindende Element der gesamten Lausitz. Wie die daraus resultierende Mehrsprachigkeit im Sinne regionaler Identität und räumlicher Selbstdefinition im aktuellen Strukturwandelprozess fruchtbringend genutzt werden kann, wird im Folgenden ausgelotet.

Sorbisches Siedlungsgebiet

Als territorialer Ausgangspunkt für diese Überlegungen dient das aktuelle sorbische Siedlungsgebiet. Es ist nicht zu verwechseln mit dem einstigen slawischen Siedlungsgebiet oder dem Gebiet, in dem generell heute Sorbinnen und Sorben leben. Es handelt sich um einen Rechtsbegriff, mit dem die Länder Brandenburg und Sachsen den territorialen Anwendungsbereich von einigen Minderheitenrechten definieren. Dieser umfasst Gemeinden und Gemeindeteile, in denen beispielsweise ein Mindestmaß an öffentlicher Zweisprachigkeit und an sorbischen Bildungsangeboten vorzuhalten sind. Damit verfügen diese Kommunen über eine Infrastruktur, um Sorbisches sichtbar zu machen, Mehrsprachigkeit zu fördern und aufrechtzuerhalten.

Sorbisches SiedlungsgebietSorbisches Siedlungsgebiet (© NordNordWest [CC BY-SA 3.0 DE https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en ])

Die Definition und Begrifflichkeit ist in den beiden Bundesländern nicht identisch. Insbesondere in Brandenburg ist die Zugehörigkeit von Kommunen zum Siedlungsgebiet seit nunmehr 25 Jahren Diskussionsstoff. Der durch Artikel 25 der Landesverfassung von 1992 vorgegebene Terminus "angestammtes Siedlungsgebiet" weist zum einen eine historische und "nicht deutsche" Konnotation auf, die zahlreiche Abwehrreaktionen bei mit dem Sorbischen nicht (mehr) verbundenen Einwohnerinnen und Einwohnern entsprechender Gemeinden hervorruft. Maßgeblich für die Zugehörigkeit waren von 1994 bis 2014 laut Sorben/Wenden-Gesetz ein enges Lagekriterium in bestimmten Ämtern sowie der Nachweis von Sprache und Kultur.[4] Die prekäre Sprachsituation und Fehleinschätzungen in den 1990er Jahren bezüglich vorhandener sorbischer Selbstidentifikation bei der Umschreibung des Lagekriteriums gepaart mit einer kommunalen, vor allem von Befürchtungen finanzieller Folgelasten durch die öffentliche Zweisprachigkeit genährten Tendenz, sich als nicht zugehörig zu erklären, führten dazu, dass aus sorbischer Sicht das juristisch festgestellte Siedlungsgebiet nicht dem tatsächlich wahrgenommenen entsprach.[5] Nach einer Novellierung 2014 sah das nunmehrige Sorben/Wenden-Gesetz ein gelockertes Lagekriterium und den Nachweis von lediglich Sprache oder Kultur sowie eine zweijährige Möglichkeit der Neufeststellung der Zugehörigkeit von Gemeinden oder Gemeindeteilen durch das Land vor.[6] Dieser Prozess ist weitgehend abgeschlossen. Einige Gerichtsprozesse, in denen sich Gemeinden gegen die Zuordnung zum angestammten Siedlungsgebiet der Sorben/Wenden wehren, sind jedoch noch anhängig. In Sachsen lief ein ähnlicher Feststellungsprozess im Vorfeld der Erarbeitung des Sächsischen Sorbengesetzes (SächsSorbG), das 1999 verabschiedet wurde. Es enthält eine abschließende Liste der Gemeinden und Gemeindeteile des sorbischen Siedlungsgebietes.

Auffällig ist, dass sowohl im Alltagsverständnis als auch in der sorabistischen Literatur[7] und der Medienberichterstattung Funktion und Definitionskriterien des "angestammten Siedlungsgebietes" bis heute kaum reflektiert werden. Häufig werden Sprach- und Siedlungsgebiet, historische und aktuelle Gebietsbeschreibungen gleichgesetzt und wenig hinterfragt, auf welcher Datengrundlage und mit welchen "Sorben"-Definitionen die entsprechenden Gebiete beschrieben wurden und werden. In der aktuellen Rechtsordnung wird das Sorbisch-Sein nicht an die Sprachbeherrschung gebunden. Jeder und jedem steht die (nicht nachprüfbare) Selbstidentifikation mit dem Sorbischen frei.[8] Das auch daraus resultierende Fehlen von Statistiken zu den die nationalen Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland kollidiert mit einer oft verbreiteten Erwartungshaltung vermeintlich klarer (gegebenenfalls quantitativer) Sprachgebietsabgrenzungen.[9]

Die Summe der Kommunen des sorbischen Siedlungsgebiets bildet den territorialen Rahmen für die Maßnahmen des Minderheitenschutzes, um Bildungs- sowie eine kulturelle Infrastruktur vorzuhalten. Alltägliche sorbische Sprachanwendungen und Mediennutzungen, die vielfältigen Aktivitäten im Umgang mit dem sorbischen kulturellen Erbe sowie die Tätigkeiten sorbischer Institutionen und Vereine finden darin eingebettet vorwiegend auf kommunaler Ebene statt, wo sorbische Sprache und Kultur durch kommunalpolitisch und zivilgesellschaftlich engagierte Bewohnerinnen und Bewohner verhandelt, gelebt und weiterentwickelt werden.

Sorbische Bildungsinfrastruktur

Seit den 1950er Jahren wurde eine sorbische Bildungsinfrastruktur aufgebaut, die das formelle Erlernen der beiden Schriftsprachen Niedersorbisch und Obersorbisch ermöglicht. In derzeit 42 Kindertagesstätten, 40 Grundschulen, neun Oberschulen, vier Gymnasien – und hier insbesondere den beiden sorbischen Gymnasien in Cottbus/Chóśebuz und Bautzen/Budyšin – wird derzeit jeweils eine der sorbischen Sprachen als Begegnungs-, Fremd-, Zweit- und in Sachsen auch als Muttersprache vermittelt. Es handelt sich bei allen Schulen um staatliche Regelschulen mit sorbischen Bildungsangeboten. Für die Kindertagesstätten wurde das immersive "Witaj"-Konzept[10] entwickelt und ab 1998 umgesetzt, an das sich in Brandenburger Schulen der bilinguale Witaj-Unterricht beziehungsweise in Sachsen das Modell "2plus" anschließen. Mit diesem über Jahrzehnte aufgebauten bilingualen Bildungssystem verfügt die Lausitz über ein Knowhow, das oft übersehen wird, wenn andernorts punktuell bilinguale Angebote erprobt oder aufgebaut werden. Die überwiegend fakultativen Angebote stehen allen offen, nicht nur Kindern und Jugendlichen aus sorbischen Familien. Somit ist das historisch gewachsene mehrsprachige Potenzial der Region partizipativ angelegt und für alle zugänglich. Das ist eine wesentliche Voraussetzung für eine positive Wertschätzung der sorbisch-deutschen Mehrsprachigkeit in der Lausitz.

Derzeit nur im Land Brandenburg gibt es zudem eine etablierte Infrastruktur in der Erwachsenenbildung. Die Schule für niedersorbische Sprache und Kultur bietet nicht nur Sprachkurse in unterschiedlichen Formaten und für verschiedene Zielgruppen an. Sie vermittelt auch historisches Wissen sowie künstlerische und handwerkliche Techniken und bietet damit eine wichtige Plattform für den Erhalt von Sprache und Kultur einerseits und den gesellschaftlichen Austausch in der Niederlausitz andererseits. In der Oberlausitz gibt es Sprachkurse, die beispielsweise durch das Witaj-Sprachzentrum oder in Zusammenarbeit mit Volkshochschulen organisiert werden.

Die universitäre Lehre als eigenständiges Fach Sorabistik und zur Lehrkräfteausbildung für den Sorbischunterricht ist derzeit länderübergreifend an der Universität Leipzig angesiedelt.[11] Fachspezifische sorabistische Lehre ist vereinzelt an diversen nationalen und internationalen Universitäten und Fachhochschulen anzutreffen. Sie weist jedoch keine Kontinuität auf und ist abhängig vom Wissen und Interesse der jeweiligen Dozentinnen und Dozenten. Das Einwirken auf Diskurse und gesellschaftliche Prozesse in der Lausitz ist in allen Fällen begrenzt.

Sorbische kulturelle Infrastruktur

Im Zuge der DDR-Minderheitenpolitik wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein Netzwerk kultureller Einrichtungen aufgebaut, um einen institutionell geförderten Rahmen für die kulturellen Aktivitäten und die Rezeption sorbischer Sprache und Kultur zu schaffen. Nach der politischen Wende von 1989 blieb die Struktur grundsätzlich erhalten, wurde teilweise transformiert und erweitert. Gestützt auf eine Protokollnotiz zum Einigungsvertrag wurde 1991 die Stiftung für das sorbische Volk gegründet, um in gemeinsamer Finanzierung durch den Bund, den Freistaat Sachsen und das Land Brandenburg die materielle Grundlage für die Weiterentwicklung der kulturellen Infrastruktur zu schaffen.[12] Zu den geförderten Institutionen der Stiftung gehören das Sorbische National-Ensemble als professionelles sorbisches Tanz- und Musiktheater mit den Sparten Orchester, Chor und Ballett und der Domowina-Verlag zur Publikation sorbischer Bücher, Zeitschriften und Zeitungen sowie deutschsprachiger Bücher über sorbische Themen. Des Weiteren zählen das Sorbische Institut als außeruniversitäre Forschungseinrichtung zur Erforschung der Sprache, Kultur und Geschichte der Sorben sowie die im Sorbischen Institut integrierte Sorbische Zentralbibliothek und das Sorbische Kulturarchiv dazu. Als einziges professionelles bikulturelles Theater Deutschlands wird das Deutsch-Sorbische Volkstheater gefördert, zudem als museale Einrichtungen zu sorbischer Kultur und Geschichte in der Niederlausitz das Wendische Museum in Cottbus/Chóśebuz und in der Oberlausitz das Sorbische Museum in Bautzen/Budyšin.

Auch die Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur und die Domowina – Bund Lausitzer Sorben e.V. mit ihrem Witaj-Sprachzentrum werden von der Stiftung für das sorbische Volk gefördert. Die Domowina wurde 1912 als Dachverband sorbischer Vereine und Vereinigungen gegründet. Insgesamt 7300 Mitglieder in zahlreichen Ortsgruppen, fünf Regionalverbänden und 13 überregional wirkenden Vereinen organisieren hier als wesentlicher Teil der sorbischen Zivilgesellschaft ihre kulturellen Aktivitäten. Als Interessenvertreterin und Sprecherin des sorbischen Volkes ist sie zudem die Schnittstelle zur Verhandlung vieler kultur- und bildungspolitischer sowie infrastruktureller Angelegenheiten.[13]

Sorbisch-deutsche Mehrsprachigkeit als Mehrwert

Das Mit-, Neben- und mitunter auch Gegeneinander der verschiedenen angestammten und migrantischen Sprachen, Kulturen und Identitäten hat über die Jahrhunderte soziokulturelle Traditionen und Innovationen in der Bewältigung multikultureller und mehrsprachiger Kontexte hervorgebracht. Das gilt auch für die Bildung und Aushandlung regionaler und lokaler Identitäten. Vor allem die gewachsene Lausitzer Mehrsprachigkeit, wie sie in der heutigen Bildungslandschaft und der kulturellen Infrastruktur lebendig ist, stellt dabei einen Mehrwert dar. Dieser Mehrwert zeigt sich nicht nur im Zusatz an kulturellem Wissen und interkulturellen Kompetenzen, sondern auch in materiellen Werten, die allerdings bisher nur in relativ geringem Umfang als solche erkannt, erschlossen und für die Region "in Wert gesetzt" werden. Die Herausforderung für die sorbische Gemeinschaft beziehungsweise die Minderheitenpolitik in der Lausitz wäre es daher in erster Linie, zu einer Entfaltung dieser sorbischen Mehrwerte ideeller wie materieller Art beizutragen. Erstrebenswert wäre es einerseits, damit die Überlebensfähigkeit sorbischer Sprache und Kultur im Siedlungsgebiet zu erhöhen, und andererseits – damit einhergehend – zu einer positiven regionalen Entwicklung der gesamten Lausitz beizutragen.

Dass gezielte Minderheitenpolitik in Zeiten struktureller Umbrüche einen wichtigen Beitrag für das Gemeinwohl leisten kann, zeigt sich am Beispiel des Strukturwandels in der Region Südtirol (Italien) der 1970er und 1980er Jahre. Im Zuge der Umsetzung des Zweiten Autonomiestatuts von 1972 wurde das Zusammenleben der drei dortigen Sprachgruppen der Italiener, Deutschen und Ladiner neu geregelt. Südtirol entwickelte sich infolge von der ärmsten Region Italiens zur wirtschaftlich stärksten Region.[14] Dabei wurde der Fokus auf die Stärkung des ländlichen Raumes nach der einfachen Formel gelegt: Bleiben die materiellen Lebensgrundlagen der Minderheitenangehörigen erhalten oder werden gar verbessert und das soziokulturelle wie natürliche Lebensumfeld intakt, sind das die besten Voraussetzungen für das Überleben einer Minderheitenkultur. Die neu entwickelten Grundsätze in der Raumplanung zielten auf eine endogene Dorfentwicklung – von innen heraus. Dies umfasste beispielsweise die Pflege und Nutzung bestehender Bausubstanzen anstatt der Ausweisung neuer Bauflächen, was zugleich dem Umweltschutz und dem Erhalt bestehender Kulturlandschaften diente. Zudem setzte man sowohl bei der öffentlichen und kulturellen Infrastruktur als auch bei der Ansiedlung von Industrie und Gewerbe konsequent auf flächendeckende Erschließung mittels einer sogenannten dezentralen Konzentration. Ziel war es, jedes Gehöft mit Straßen-, ÖPNV- und Medienanschlüssen auszustatten und gleichzeitig kurze Wege zu Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, Kulturangeboten und Gewerbezonen zu ermöglichen. Die Effekte dieser Entscheidung, die Region vom Einzelgehöft her zu denken und zu organisieren statt allein von urbanen Ballungszentren aus, haben nicht nur Angehörige von Minderheitenkulturen im ländlichen Raum zum Bleiben und Zurückkehren bewegt und lokale Strukturen gestärkt. Diese Minderheitenpolitik, über einen eigenen Regionalhaushalt organisiert und durch weitere Maßnahmen wie der Etablierung von drei Amtssprachen flankiert, hat wesentlich zum kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung sowie zur Prägung der Marke "Südtirol" beigetragen.

Auch wenn die minderheitenrechtlichen Rahmenbedingungen in Südtirol anders gestaltet sind als in der Lausitz, lässt sich die Logik hinter den erfolgreichen endogenen Entwicklungsprozessen in Südtirol in gewissem Sinne übertragen. So besitzen die Kommunen im sorbischen Siedlungsgebiet mit ihrer angestammten Mehrsprachigkeit ähnliche endogene Entwicklungspotenziale, die es im Zusammenwirken der Kommunen sowie regionalen und überregionalen gesellschaftlichen Institutionen zu erkennen und zu nutzen gilt. Entsprechende Maßnahmen für das Gemeinwohl, die zugleich dem Schutz der bedrohten sorbischen Sprachen gemäß der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen des Europarats von 1992 dienen, ließen sich beispielsweise durch die gezielte Nutzung der Handlungsspielräume der Kommunen entwickeln und umsetzen, wie sie 1985 in der Europäischen Charta der kommunalen Selbstverwaltung verankert wurden.

Regionale Entfaltung von Mehrwerten

Um den Mehrwert der Lausitzer sorbisch-deutschen Mehrsprachigkeit für die Region auszuschöpfen, muss der Zusatz an damit verbundenen kulturellen Wissensbeständen, interkulturellen Kompetenzen sowie materiellen Werten zunächst als solcher erkannt und erschlossen sein. Ein reiches regionales Wissen liegt etwa in den verschiedensten lokalen Ausdrucksformen des immateriellen Kulturerbes. Traditionelle Handwerkstechniken, regionale sorbische Dialekte, Lieder, Tänze oder Flurnamen gehören ebenso dazu wie der Brauch der Vogelhochzeit, das Zampern oder das Osterreiten. Letztere wurden zusammen mit vielen weiteren gesellschaftlichen Bräuchen und Festen der Sorben im Jahreslauf 2014 in das bundesweite Verzeichnis "Immaterielles Kulturerbe" aufgenommen. Regionales Wissen ist auch historisches Wissen zu den Lausitzer Ortschaften, die zum Großteil eine mehr oder weniger kontinuierliche sorbische Komponente in ihren Entwicklungsgeschichten besitzen. Zudem schärft die sorbisch-deutsche Mehrsprachigkeit das Bewusstsein für kulturelle Vielfalt. Sie bietet eine erweiterte Identifikationsmöglichkeit mit der Heimatregion sowie verschiedene Möglichkeiten, sich im Umgang mit kulturellem Anderssein zu üben.

Auch materielle Werte kommen durch die Lausitzer Mehrsprachigkeit zur Geltung. Im Bereich des materiellen Kulturerbes sind das etwa historische Bauformen, Kulturdenkmale, Trachten und andere Lebenszeugnisse sorbischer Kultur. Zudem profitieren Kommunen im sorbischen Siedlungsgebiet von den zusätzlichen finanziellen Mitteln des Bundes sowie Brandenburgs und Sachsens, die in das zweisprachige Bildungswesen und die minderheitenkulturellen Infrastrukturen fließen. Aus ökonomischer Sicht stellt sich das für die Kommunen als Gewinn heraus, da sie produktive Investitionen darstellen und regionale Wirtschaftskreisläufe ankurbeln und fördern.[15] So führt die rechtlich verbriefte Förderung der historisch gewachsenen Mehrsprachigkeit nicht nur zum Mehraufwand des Unterrichts in der Minderheitensprache, sondern auch zum Betreiben von Kindergärten und Schulen, die nicht nur als Bildungsstätten und gesellschaftliche Mittelpunkte in der Gemeinde, sondern ebenfalls als Wirtschaftsunternehmen mit zusätzlichen Arbeitsplätzen anzusehen sind. Um Gebäude zu errichten und zu erhalten, Lehrmaterialien bereitzustellen und sorbische unterrichtergänzende Projekte in der Region vorzunehmen oder den Schülertransport zu finanzieren, werden hier zum Beispiel Investitionen ökonomisch relevant.

Bevor dieser Zusatz an kulturellen Wissensbeständen, interkulturellen Kompetenzen sowie materiellen Werten von den lokalen Akteurinnen und Akteuren für endogene Entwicklungen genutzt werden kann, müssen Wissenslücken behoben und eventuelle Spannungen und Konflikte gelöst werden, die die Zusammenarbeit vor Ort gegebenenfalls blockieren. Konflikte können sich dabei nicht nur an Themen wie dem Ausstieg aus der Braunkohle oder der Rückkehr des Wolfes entzünden. Es sind auch interethnische Spannungen vorhanden, die etwa im Streit um die Zugehörigkeit zum sorbischen Siedlungsgebiet zum Ausdruck kommen, aber auch bis hin zu sorbenfeindlich motivierten Straftaten reichen. Dazu gehören zum Beispiel wiederkehrende fremdenfeindliche Übergriffe, rassistische Schmierereien sowie das Übermalen sorbischer Namen auf zweisprachigen Beschilderungen.[16]

Bildung und interkultureller Dialog sind hier die Stichworte im Kompetenzbereich von Bildungseinrichtungen in der Region, Schulen und auch sorbischen Institutionen wie dem Witaj-Sprachzentrum und der Schule für niedersorbische Sprache und Kultur. Die Vermittlung lokalen und spezifisch sorbischen Wissens wird bei Letzteren bereits auf die Bedürfnisse vor Ort angepasst. Mit kulturellem Wissen und interkulturellen Kompetenzen ausgestattet, bestehen für die lokalen Akteurinnen und Akteure die nötigen Voraussetzungen, um die sorbisch-deutsche Mehrsprachigkeit für die Region in Wert zu setzen. Strategien zur Sprach- und Kulturrevitalisierung sowie neu zu verhandelnde minderheitenpolitische Maßnahmen zur Sprach- und Kulturförderung tragen in diesem Sinne zum Gemeinwohl bei, stärken damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt und haben einen positiven ökonomischen Nebeneffekt. Materielle Wertschöpfungen aus dem kulturellen Erbe heraus finden sich etwa im Bereich des Kulturtourismus, der Kultur- und Kreativwirtschaft oder der ökologischen Landnutzung, die häufig auf lokales, historisches Wissen zu Pflanzen und Anbautechniken zurückgreift und mit der Schaffung regionaler Wertschöpfungsketten verknüpft ist.

Internationale Perspektiven

Wenn es im Zuge des Strukturwandelprozesses in der Lausitz gelingt, die Potenziale der sorbisch-deutschen Mehrsprachigkeit auszuschöpfen, ist mit einem positiven Image als internationalisierte Region zu rechnen, das auch im grenzüberschreitenden Kontext Mehrwerte zu erzeugen vermag. Durch den Austausch und die Weitergabe von Erfahrungswissen mit anderen slawisch-deutschen Regionen könnte ein wichtiger Beitrag im europäischen Sinne des interkulturellen Dialogs und einer Förderung eines Europas der Regionen geleistet werden. Die slawisch-deutschen Regionen finden sich in deutschsprachigen Staaten mit slawischen Minderheiten, slawischen Staaten mit deutschen Minderheiten und nicht zuletzt in zahlreichen Staaten mit deutschen und slawischen Minderheiten. Neben den slawisch-deutschen Kontakträumen gibt es die Minderheitenregionen in Europa, die mit der Lausitz durch eine gewisse periphere Lage und Grenznähe vergleichbar sind und in denen Minderheiten mit den gleichen gesellschaftlichen Herausforderungen aus Globalisierung und Digitalisierung konfrontiert sind. Sie alle könnten vom Austausch erfolgreich entwickelter Strategien zur Inwertsetzung ihrer mehrkulturellen Ressourcen profitieren.

Die Lausitz ist durch sorbische Aktivitäten bereits grenzüberschreitend verflochten. Es werden vielseitige Beziehungen sorbischer Akteurinnen und Akteure, Organisationen und Institutionen im deutsch-slawischen Kontaktraum gepflegt. Darüber hinaus ist die Lausitz etwa über die Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten fest eingebunden in ein Netz europäischer Minderheitenregionen. Überall haben angestammte, historisch im ländlichen Raum verwurzelte Minderheiten ähnliche Erfahrungen mit der Industrialisierung, Modernisierung und zunehmenden räumlichen Entflechtung der Lebensräume gesammelt. Sie entwickeln dabei unterschiedliche Strategien, um ihre Minderheitensprache und -kultur auch für die Zukunft lebendig und lebensfähig zu halten. Das umfasst auch die Entwicklung von Perspektiven gerade für jüngere Generationen, auch urbane, als modern konnotierte Lebensperspektiven zu entwickeln. Mit Cottbus/Chóśebuz verfügt die Lausitz über eine Großstadt und ermöglicht das Verbleiben im sorbischen regionalen Kontext, ohne dafür zwingend in benachbarte Großstadt- beziehungsweise Metropolregionen wie Berlin, Leipzig oder Dresden abwandern zu müssen. Die über die Vernetzungen gesammelten Erfahrungen können in der Lausitz ebenfalls eingesetzt werden: Durch die Positionierung als Modellregion europäischer Minderheitenpolitik im slawisch-deutschen Kontaktraum können Einheimische, Zurückkehrende und Neuzuziehende die Region Lausitz neu entdecken. International könnten die Lausitzer Erfahrungen und Prozesse ein attraktives Transfergut sein. Von konkretem Interesse für andere Minderheitenregionen und Länder sollte dabei die Gestaltung des slawisch-deutschen (sowohl sorbischen als auch polnischen und tschechischen) Miteinanders, das Ausprobieren verschiedener Wege der politischen, kulturellen und sozialen Partizipation von Minderheiten und schließlich die Umsetzung gefundener Lösungen sein.

Fazit

Die Lausitz als sorbisch-deutsch-polnisch-tschechische Region umfasst das sorbische Siedlungsgebiet in historischer und aktueller Ausprägung. Eine durch das Miteinander von Mehr- und Minderheiten geprägte Region ist nicht nur als touristisches Ziel attraktiv. Die sozialen, interkulturellen und mehrsprachlichen Kompetenzen sowie die politisch-gesellschaftlichen Ressourcen einer solchen Region können als weicher wirtschaftlicher Standortfaktor relevant sein. Darüber hinaus können sie aber auch Ansatzpunkt intensiven internationalen Wissens- und Praxistransfers für Minderheitenpolitik sein, wo sich die Lausitz als europäische, gegebenenfalls auch darüber hinaus reichende, innovative Region für die Bewältigung der gesellschaftlichen Herausforderungen eines Strukturwandels im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung profilieren kann.

Fußnoten

1.
Vgl. Karlheinz Blaschke/Peter Schurmann, Kolonisation, in: Franz Schön/Dietrich Scholze (Hrsg.), Sorbisches Kulturlexikon, Bautzen 2014, S. 198–202.
2.
Auch: des Wendischen. Besonders in der Niederlausitz hat sich die Selbstidentifikation als wendisch erhalten, weshalb in Brandenburg der Terminus "sorbisch/wendisch" verbreitet ist. Aus Gründen der Lesbarkeit wird in diesem Text "sorbisch" benutzt.
3.
Vgl. Roland Marti, Zweisprachigkeit, in: Schön/Scholze (Anm. 1), S. 548–550.
4.
Vgl. §3 Gesetz über die Ausgestaltung der Rechte der Sorben/Wenden im Land Brandenburg (Sorben/Wenden-Gesetz – SWG) i.d.F. von 1994.
5.
Vgl. Měto Nowak, Stillstand, Wandel und Gesetz. Zur Definition des sorbischen Siedlungsgebiets im brandenburgischen Sorben(Wenden)-Gesetz, in: Lětopis 2/2010, S. 4–14.
6.
Vgl. §§3 und 13c SWG i.d.F. von 2014.
7.
Vgl. z.B. Ludwig Elle, Siedlungsgebiet, in: Schön/Scholze (Anm. 1), S. 361–363.
8.
Vgl. §2 SWG und §1 SächsSorbG.
9.
Vgl. dazu Ludwig Elle, Wie viele Sorben gibt es – noch? Oder: Kann und soll man Minderheiten zählen?, in: Elka Tschernokoshewa/Ines Keller (Hrsg.), Dialogische Begegnungen. Minderheiten – Mehrheiten aus hybridologischer Sicht, Münster 2011, S. 209–223.
10.
Unter "immersiv" wird hier eine Methode des Spracherwerbs verstanden, bei der das Kind in die zu vermittelnde Sprache "eintaucht", indem diese von Pädagoginnen und Pädagogen konsequent angewendet wird.
11.
Vgl. Vereinbarung über eine länderübergreifende Zusammenarbeit bei der Aus- und Weiterbildung von Sorbisch- bzw. Sorbisch/Wendisch-Lehrkräften, Sorabistinnen und Sorabisten, in: Erster Bericht der Landesregierung zur Lage des sorbischen/wendischen Volkes im Land Brandenburg, Landtagsdrucksache 6/7705, S. 161f.
12.
Vgl. Martin Völkel/Dietrich Scholze, Stiftung für das sorbische Volk, in: Schön/Scholze (Anm. 1), S. 420f.
13.
Vgl. Annett Bresan, Domowina, in: Schön/Scholze (Anm. 1), S. 102–107.
14.
Vgl. Christoph Pan, Minderheitenschutz und Wirtschaft, in: ders./Beate Sibylle Pfeil/Paul Videsott (Hrsg.), Die Volksgruppen in Europa. Handbuch der europäischen Volksgruppen, Bd. 1, Wien 2016, S. 343–383.
15.
Vgl. ebd.
16.
Vgl. etwa Sophie Herwig, "Scheiß Sorben", brüllen sie, 3.2.2019, http://www.zeit.de/2019/06/rechtsextremismus-sachsen-sorben-slawische-minderheit-opfer-angriffe«.
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