Blick auf die Stadt Spremberg mit Kreuzkirche und Kraftwerk, Niederlausitz, Brandenburg.

31.1.2020 | Von:
Anna Kurpiel

Verwaistes Erbe. Die Lausitz und die sorbische Kultur in Polen

Kulturen sind grenzübergreifende Gebilde, sie bestehen über Staatsgrenzen hinweg.[1] Von Hand zu Hand oder auch Mund zu Mund weitergegeben, bewahren sie sich ihre besonderen Merkmale unter verschiedenen Regierungen und ungeachtet politischer und administrativer Einheiten. Ähnlich verhält es sich mit Regionen innerhalb eines Staates, die häufig von Verwaltungsgrenzen durchschnitten werden. Eine Folge ist, dass die voneinander getrennten Teile sich unterschiedlich entwickeln, es ergibt sich daraus aber auch die Möglichkeit eines grenzüberschreitenden Dialogs, einer grenzübergreifenden Kooperation.

Eine solche von Grenzen durchzogene Region ist die Lausitz (polnisch: Łużyce).[2] Sie unterteilt sich in zwei Gebiete, die Ober- und die Niederlausitz (polnisch: Górne/Dolne Łużyce), in denen eine westslawische Minderheit lebt, die Sorben beziehungsweise die Wenden.[3] Sie bedienen sich zweier unterschiedlicher Dialekte der sorbischen Sprache, des Obersorbischen und des Niedersorbischen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dem Staatsgebiet Polens (damals der Volksrepublik Polen) ein Teil der Region zugeordnet. In diesem gab es jedoch bald keine ursprünglichen Einwohner mehr, die das kulturelle Erbe der Region hätten pflegen und Elemente der Lausitzer Kultur an zukünftige Generationen weitergeben können.

In diesem Beitrag befasse ich mich vor allem aus heutiger polnischer Perspektive mit der Lausitz und ihrer Kultur. Ich zeige die Entwicklung des sorabistischen Diskurses in Polen auf und stelle Überlegungen zum gegenwärtigen Wissensstand bezüglich dieser Region an. Das Wissen über die Lausitz könnte in vielen unterschiedlichen Formen wirksam eingesetzt werden – im Branding, bei aktivierenden und identitätsstiftenden Maßnahmen oder auch als Element einer deutsch-polnischen grenzübergreifenden Kooperation.

Grenzregion

Die Lausitz wird häufig als "Grenzregion" bezeichnet, mit den Lausitzer Sorben als nationale Minderheit. Die Festschreibung der "Grenznähe" besitzt viele Dimensionen, die leicht zur Banalisierung des Begriffs führen können. Wie die Anthropologin Agnieszka Pasieka bemerkt, ist "der Terminus der ‚Grenznähe‘ (…) zu einem der Begriffe geworden, die – wenn sie in den verschiedensten Kontexten ge- oder vielmehr missbraucht werden – ihren analytischen Wert verlieren, ja mitunter sogar sinnentleert erscheinen".[4] Um dem vorzubeugen, führt sie weiter aus, sei es "vonnöten, grenznahe Regionen als in einer konkreten Zeit und einem konkreten Raum angesiedelte Orte" zu begreifen, denn "nur ein solcher Standpunkt gestattet es, den gesellschaftspolitischen Kontext, den Einfluss der Politik und die Reaktion der Bewohner dieser Regionen darauf zu beachten, und sich auch der Frage der Ungleichheit, der Diskriminierung und der Marginalisierung zu widmen".[5]

Was bedeutet der Begriff der Grenznähe für die Sorben? Ein Aspekt hierbei ist sicherlich der ethnische. Die Sorben galten jahrhundertelang als die westlichste "Bastion des Slawentums"; in diesem Kontext werden sie häufig als "eine slawische Insel im deutschen Meer"[6] bezeichnet. Viele Autoren betonen die Stärke und Widerstandskraft der sorbischen Minderheit, die trotz aller widrigen Umstände und jahrelanger Versuche der Zwangsgermanisierung fortbestand und sich ihre Traditionen, darunter auch die Sprache, bewahrt hat.

Wie die Sorabistin Nicole Dołowy-Rybińska bemerkt, fehlen dieser Enklave in der heutigen Welt feste Grenzen: "Die Sorben sind keine einsame Insel mehr. Auf den ersten Blick unterscheidet sie nichts von ihren Nachbarn; sie tragen die gleiche Kleidung, sehen die gleichen Fernsehprogramme, hören die gleiche Musik, arbeiten in den gleichen Institutionen. Manchmal könnte man meinen, sie führten ein Doppelleben – in einem bestimmten Lebensbereich sind sie Sorben, in anderen Situationen werden sie zu Deutschen."[7] Diese Tendenz ergibt sich vor allem aus dem Wandel unserer heutigen Welt, aus den Prozessen der Globalisierung und aus der größeren sozialen Mobilität, sowohl im vertikalen als auch im räumlichen Sinne. Pasieka diagnostiziert in grenznahen Regionen vielfältig abgestufte soziale Beziehungen, die bisweilen eine Vielzahl von Einzel- und Gruppenidentitäten entstehen ließen; diese grenzüberschreitenden oder grenznahen Beziehungen bezeichnet sie treffend als "hierarchischen Pluralismus".[8] Der Begriff der "multikulturellen Grenzregion" sei eine Tautologie und werde allzu häufig missbräuchlich verwendet. Ihre eigenen Studien zeigten, dass "die Vielfalt", die es in grenznahen Regionen gebe, stattdessen "mit dem tief verinnerlichten Bewusstsein einhergeht, welche der Gruppen die dominierende und normsetzende ist".[9] Im Fall der deutsch-sorbischen Beziehungen gebe es keinen Zweifel, dass die Sorben jahrelang die abhängige Minderheit gewesen seien.

Ein weiterer Aspekt, der bei grenznahen Regionen eine Rolle spielt, ist der administrative, das heißt vor allem die Staatszugehörigkeit.[10] Das Gebiet der Lausitz gehörte und gehört seit dem Zweiten Weltkrieg zu mehreren Staaten: DDR, Bundesrepublik Deutschland und Polen (bis 1989 Volksrepublik Polen). Die Teilung der Lausitz durch eine Staatsgrenze hatte schwerwiegende und unumkehrbare Konsequenzen für die Entwicklung der Region und vor allem für die dort lebende Bevölkerung. Den Sorben, die sich auf der polnischen Seite der Grenze wiederfanden, widerfuhr das gleiche Schicksal wie der deutschen Bevölkerung: Sie wurden gezwungen, ihre domowina, ihre Heimat, zu verlassen und nach Deutschland überzusiedeln.[11] An ihrer Stelle wurden Polen aus dem ganzen Land angesiedelt, unter anderem aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten, den sogenannten Kresy, die heute zur Ukraine und Weißrussland gehören. Um die Vorgabe zu erfüllen, die neuen polnischen Westgebiete mit dem Rest des Landes zu verschmelzen, wurden deren neue Bewohner – Anhänger der verschiedensten Kulturen und Bräuche – einer strengen kulturellen Homogenisierung unterzogen. Der nach dem Krieg geltende politische Mythos sprach nämlich nicht von einer Angliederung, sondern von der Rückkehr des "Piastenlandes", der "Wiedergewonnenen Gebiete" nach Jahren der Unfreiheit. Die Siedler aus Ost- und Zentralpolen sollten als "Repatrianten" gelten, die in die westlichen Gebiete als ihre angestammte Heimat zurückkehrten. Aus diesem Grund wurde die Vorkriegsgeschichte der Westgebiete und ihrer damaligen Bewohner in Polen jahrelang verheimlicht und geleugnet.

In der DDR wiederum genossen die Sorben zwar den Status "einer musterhaften, geförderten und staatlich unterstützten Minderheit",[12] sie zahlten aber dafür den Preis einer Folklorisierung ihrer Kultur, die wie in einem Freilichtmuseum ausgestellt und in Opposition zum modernen (ost)deutschen Lebensstil gesetzt wurde.

Heute verbindet beide Seiten der Grenze eine relativ schwierige wirtschaftliche Situation, die die massenhafte Abwanderung der Bevölkerung zur Folge hat – aus Polen Richtung Deutschland, und innerhalb Deutschlands in westlicher gelegene Bundesländer. Im deutschen Teil der Lausitz leiden die Gemeinschaft und die zwischenmenschlichen Verbindungen darunter, die Region entvölkert sich, und es entsteht eine Kluft zwischen den Generationen, was die Weitergabe der sorbischen Traditionen und Bräuche erschwert. Im polnischen Teil herrscht aufgrund der unsicheren Wirtschaftslage ein mangelndes Interesse am kulturellen Erbe der Region; viele Menschen im arbeitsfähigen Alter und auch aus der intellektuellen Elite wandern ab, eine Überalterung der Gesellschaft ist die Folge.

Die polnische Lausitz

In Polen wurde die von der neuen Grenze durchschnittene Lausitz in den ersten Nachkriegsjahrzehnten kaum thematisiert. Das hatte vor allem politische Gründe, wie der Literaturwissenschaftler Wojciech Browarny bemerkt. In der Volksrepublik habe man den Namen "Łużyce" als Bezeichnung für das Gebiet "zwischen Kwisa und Nysa Łużycka" tunlichst vermieden, um den – trotz allem – verbrüderten Nachbarn nicht zu kränken oder des Irredentismus[13] bezichtigt zu werden.[14] Eben daher rührt die Verbreitung anderer Bezeichnungen für dieses Gebiet mit seiner komplexen Identität und Geschichte, das heute den – umstrittenen – Namen Województwo lubuskie (Woiwodschaft Lebus) trägt und dadurch eine fälschliche Gleichsetzung mit der Ziemia Lubuska, dem Lebuser Land, erfährt.

Erst Mitte der 1970er Jahre erwachte das Interesse an der Lausitz. Zu verdanken ist dies dem Regionalkundler und aktiven Mitglied der Polnischen Gesellschaft für Touristik und Landeskunde Krzysztof R. Mazurski, der vorschlug, das Gebiet "Łużyce Wschodnie" ("Ostlausitz") zu nennen. Seinen Standpunkt illustrierte er mit folgenden Worten: "Denn man muss es sich klar und deutlich sagen: Auch wenn es hier keine Łużyczanie [Lausitzer (mit demselben Begriff werden im Polnischen die Sorben bezeichnet; Anm. d. Übers.)] mehr gibt, so gibt es doch die Łużyce [Lausitz], ebenso wie es Kujawy, Masowsze oder Wielkopolska gibt – auch ohne Kujawianie oder Masowszanie."[15]

Mazurskis Wirken und der von ihm geprägte Begriff "Łużyce Wschodnie" ließen im Gebiet zwischen Nysa Łużycka und Kwisa eine aktive regional- und landeskundliche Bewegung entstehen – deren Aktivitäten sich natürlich auf den Rahmen des Möglichen beschränkten, stand doch die damalige polnische Regierung jeglichen regionalen Bewegungen ablehnend gegenüber. Die Historikerin Małgorzata Ruchniewicz bemerkt, dass "während der ganzen Zeit der Volksrepublik Polen keine besonders förderliche Atmosphäre für die Entwicklung des Regionalismus herrschte", während zugleich "ein geschichtliches Tabu verhinderte, dass die Geschichte – sowohl der Aspekt der deutschen Vergangenheit als auch die Vergangenheit der polnischen Bevölkerung – zur Gänze erfasst und durchdrungen wurde. Regionale Themen wurden im Schulunterricht stiefmütterlich behandelt".[16] Das hat sich bis heute nicht geändert, zumindest was die formale Bildung betrifft.

Das größte Interesse an der Region "Ostlausitz" zeigte in den 1980er und 1990er Jahren ein landeskundliches Zentrum in Wrocław. Die dortigen Landeskundler gaben der neu gebildeten Bezeichnung einen Inhalt, indem sie wissenschaftliche oder populärwissenschaftliche Artikel zu dem Thema veröffentlichten. Doch auch im grenznahen Raum erlebten die regionalistische Bewegung und der Fremdenverkehr einen Aufschwung, was sich größtenteils auf die günstigere politische Situation zurückführen ließ: Die Überquerung der polnisch-deutschen Grenze war erleichtert worden, es genügte der Personalausweis. Von 1984 bis 1989 erschien die Zeitschrift "Lubskie Zeszyty Historyczne" ("Lubskoer Historische Hefte") herausgegeben von dem bekannten Regionalkundler Mieczysław Wojecki. 1984 gründete sich in Działoszyn eine Gruppe namens "Łużyczanie", im selben Jahr fand in Lubsko die erste sorabistische Sitzung statt. Polnische Sorabisten und Regionalkundler traten in Kontakt mit der Domowina, dem Bund der Lausitzer Sorben in Deutschland.

Wissenschaftlicher und institutioneller Diskurs

Seit die Lausitz in den 1970er Jahren als Thema wiederentdeckt wurde, hat sich in Polen im regionalkundlichen und wissenschaftlichen Bereich viel getan. Insbesondere das Institut für West- und Südslawistik der Universität Warschau ist hier zu nennen, an dem seit 1990 die Zeitschrift "Zeszyty Łużyckie" ("Lausitzer Hefte") erscheint, in der Wissenschaftler aus Polen und anderen Ländern in slawischen Sprachen, auch auf Ober- und Niedersorbisch, Artikel zur Sprachwissenschaft, zur Geschichts- und Kulturwissenschaft oder aus dem Bereich Soziologie veröffentlichen.[17] Des Weiteren umfasst die Zeitschrift ein "Literarisches Forum", in dem literarische Werke in sorbischer Sprache sowie Übersetzungen ins Sorbische vorgestellt werden, sowie eine "Chronik" der wichtigsten Ereignisse rund um die Lausitz, die Lausitzer Regionalkunde und die Sorabistik.

Ein weiteres sehr aktives sorabistisches Zentrum befindet sich in Opole, wo 2004 die polnisch-sorbische Gesellschaft Pro Lusatia gegründet wurde. Sie ist nicht nur verlegerisch tätig – ihre wichtigste Publikation ist das regionalkundliche Jahrbuch "Pro Lusatia. Opolskie Studia Łużycoznawcze",[18] das auch regelmäßig die "Dni Łużyckie", die "Lausitzer Tage", sowie andere kulturelle oder wissenschaftliche Veranstaltungen organisiert. Als oberste Ziele hat sich Pro Lusatia gesetzt, "1. Wissen über die Geschichte, Kultur und Gegenwart der sorbischen und der polnischen Nation zu verbreiten, 2. die öffentliche Meinung im Sinne eines polnisch-sorbischen gegenseitigen Interesses und einer Annäherung zwischen Polen und Sorben mitzugestalten, 3. darauf hinzuwirken, dass nationale Minderheiten respektiert und ihre Rechte geachtet werden, insbesondere das Recht auf die Kultivierung der Muttersprache und ein eigenes Schulwesen".[19]

Bei der Erforschung der Lausitz und der Verbreitung von Wissen über die Region spielen auch Museen auf beiden Seiten der Grenze eine bedeutende Rolle. Auf polnischer Seite gibt es seit 2007 das Muzeum Łużyckie in Zgorzelec, das auf eine Initiative des polnischen Vereins Euroopera zurückgeht, Bildungsveranstaltungen anbietet und Öffentlichkeitsarbeit betreibt, indem es Ausflüge, Vorträge und Picknicks für Zielgruppen aller Altersstufen organisiert.

Das Thema Lausitz in all seinen Facetten – sei es die Ober-, die Nieder- oder auch das künstliche Konstrukt der polnischen "Ostlausitz" – wird, so lässt sich festhalten, heute von polnischen Experten an verschiedenen Wissenschaftszentren recht umfassend erforscht und bearbeitet.

Diskurse in der breiteren Bevölkerung

Am Fall Lausitz zeigt sich allerdings ein spezifisches Ungleichgewicht – eine zahlenmäßige Diskrepanz zwischen der kleinen Gruppe derjenigen, die sich für den Gegenstand interessieren und aktiv werden, und dem Rest der Gesellschaft, der der Möglichkeit zu Beteiligung und Wissenserweiterung passiv gegenübersteht. Die polnisch-sorbischen Kontakte und das Wissen der Menschen in Polen über die Lausitz stellen sich nicht viel anders dar als die polnisch-deutschen grenzübergreifenden Kontakte. Eine Forschungsgruppe an der Universität Zielona Góra hat aufgezeigt, dass diese Kontakte seltener sind, als es angesichts der Nähe zur Grenze und deren Öffnung bei Polens EU-Beitritt 2004 anzunehmen wäre. Dieser Mangel an Interesse wird vor allem bei kulturellen Aktivitäten sichtbar, jedoch auch beim Handel – was eine Folge der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Region im Allgemeinen sein könnte.[20] Auch die Soziologen Dorota Szaban und Krzysztof Lisowski weisen in einem Beitrag mit dem vielsagenden Titel "Open Borders – Closed Minds" auf das mangelnde gegenseitige Interesse zwischen jungen Menschen in den polnischen und den deutschen grenznahen Regionen hin.[21]

Ein häufig genannter Grund für das beiderseitige Desinteresse ist die hohe Sprachbarriere zwischen beiden Nationen, die an den anderen polnischen Grenzen (zur Slowakei, Tschechien, Belarus oder der Ukraine) nicht so ausgeprägt ist. Diese Barriere bräuchte aber die polnisch-sorbischen Kontakte nicht zu beeinträchtigen, gehören doch das Polnische wie auch das Sorbische zu den westslawischen Sprachen. In diesem Fall scheint die Ursache eher darin zu liegen, dass die Menschen in Polen nach wie vor nur wenig über die benachbarte sorbische Minderheit wissen und die Sorben mit Deutschen gleichsetzen – wie es auch bei den Zwangsaussiedlungen nach dem Zweiten Weltkrieg geschah.

Meine eigenen Studien, insbesondere das Projekt "Zespoły ludowe – laboratorium etnograficzne" ("Folkloregruppen – ein ethnographisches Laboratorium"),[22] bestätigen diese Beobachtung. Von den 24 befragten Laienfolkloregruppen aus ländlichen Gegenden in der Woiwodschaft Lebus (Landkreis Żagan, Żary, Słubice, Międzylesie, Zielona Góra, Gorzów) nahmen ganze drei, meist in negativ abgrenzender Weise, Bezug auf die Lausitz und deren Geschichte. In allen drei Fällen stand dies im Kontext der Identitätssuche, denn schließlich ist die eigene Identität verknüpft mit der Identität der Region und der Art, wie diese sich ausdrückt – zumeist durch die Volkstracht oder andere als traditionell wahrgenommene Elemente. In ihrem Schaffen aber verwendete keine der Gruppen lausitzbezogene oder sorbische Elemente. Diese Entscheidung wurde vor allem mit der Andersartigkeit der Sorben begründet:

"Wir sind hier für die Lausitz. Aber als wir nach einer Volkstracht gesucht haben oder so etwas, da sind die Sorben dann doch weiter entfernt – das ist nicht so typisch bei uns in Przewóz. Die sorbische Tracht konnten wir nicht nehmen. Die stand uns nicht zu. Wir haben extra nachgefragt. Wir sind gar nicht mit den Sorben verbunden, also können wir ihre Volkstracht auch nicht nehmen, denn wir haben nichts mit ihnen zu tun. Wir sind die Fremden hier. Wir sind diejenigen, die hergezogen sind." [23]

Interessanterweise treten solche Bedenken in Niederschlesien nicht auf, wo die traditionelle, wie in der Vorkriegszeit gestaltete niederschlesische Tracht sich nicht nur größter Beliebtheit erfreut, sondern den so gekleideten Folkloregruppen sogar ein gewisses Renommee verleiht.

Auch wenn also die Lausitz und die Sorben in Polen oberflächlich bekannt sind, etwa durch Ausflüge und Tagesfahrten über die deutsche Grenze, wird doch eine mangelnde Bereitschaft ersichtlich, sich näher mit dem Thema zu befassen. Im folgenden Zitat setzt ein Mitglied der Folkloregruppe Jarzębina aus Sieniawa Żarska die Sorben mit den Deutschen gleich und bezeichnet die sorbische Volkstracht als "hässlich":

"Hier gab es früher vor allem die sorbische Volkstracht. Die sorbische. Denn hier sind die Deutschen. Und die wollten uns immer zeigen, dass hier die sorbische Tracht typisch ist. So dunkle Farben, hässlich! Ich finde die wirklich überhaupt nicht schön! Hier laufen immer noch viele deutsche Frauen herum, wenn ich manchmal nach Deutschland fahre, hier in den Spreewald, mein Mann und ich fahren oft nach Lübbenau zum Kanufahren (…), das sollten Sie mal ausprobieren! (…) Und da haben die sich noch ihre alten Traditionen bewahrt. Ich habe es gesehen, wir waren schon ein paar Mal dort." [24]

Die Mitglieder der Folkloregruppen gaben des Weiteren an, dass die Architektur in ihrer Gegend – auf der polnischen Seite der Grenze – "keine sorbischen Elemente" enthalte. Dass die sorbische Minderheit auch hier eine Vergangenheit besitzt, ist ihnen gleichgültig; sie beziehen sich lieber auf die mittelpolnischen Traditionen, vor allem aus der Region Krakau.[25]

Den Arbeiten von Sorabisten lässt sich entnehmen, dass die Situation sich auf deutscher Seite ähnlich darstellt: Es herrscht eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Engagement einiger Sorben oder auch Deutscher und der Gesamtheit der Sorben und der sorbischen Behörden vor Ort, denen nicht selten die wirtschaftliche Lage wichtiger ist als der Erhalt ihrer Identität. Die niedersorbische Sprache ist im Aussterben begriffen,[26] die grenznahe Region entvölkert sich,[27] dennoch sind viele wichtige Initiativen zur Erhaltung und Pflege der sorbischen Kultur unterfinanziert – wie beispielsweise das Sprachlernprogramm "Witaj". "Auf Interesse stoßen die Sorben, ihre Sprache, ihre Kultur vor allem bei den deutschen Intellektuellen. Manche haben die sorbische Sprache aus eigener Initiative so fließend erlernt, dass selbst die Sorben erstaunt sind – so ist es etwa bei Professor Eduard Werner, der beide sorbischen Sprachen ausgezeichnet beherrscht. Er leitet das Institut für Sorabistik der Universität Leipzig, den einzigen Ort weltweit, an dem man Niedersorbische oder Obersorbische Philologie studieren kann."[28]

Und so liegt die Zukunft der sorbischen Kultur vor allem in den Händen einiger weniger Enthusiasten und Wissenschaftler, die nicht aus der Gruppe der Sorben selbst, ja nicht einmal aus der grenznahen Region stammen – das beste Beispiel hierfür ist wohl die Gründung einer Sorabistik in Warschau.

Potenzial für Identitätsbildung und grenzübergreifende Kooperation

Mazurkiewiczs Feststellung, dass auf der polnischen Seite der Grenze die Lausitz als Gebiet existiere, auch wenn es dort keine Volksgruppe der Łużyczanie mehr gebe und demzufolge keine Kraft, die eine regionale Identität schaffen könnte, weist auch auf eine Leerstelle, eine Lücke hin, die den Charakter der Region deutlich beeinflusst. Das Fehlen der sorbischen Bevölkerung hat eine hohe Bedeutung für die Entwicklung der Region, für ihre – zurzeit – schwer greifbare Identität. Unterbrochen wurde vor allem die Kontinuität in der Übermittlung von Kultur, Sprache und Brauchtum der Sorben. Anstelle der Sorben siedelte sich eine Bevölkerung aus vielen verschiedenen Orten Polens an, der es nicht gelungen ist, eine in sich geschlossene, "neue" Tradition zu schaffen. Im Kontext jener Leere, jener Abwesenheit ließe sich das sorbische kulturelle Erbe in Polen als "verwaist" bezeichnen, nach einem Begriff, den der britische Archäologe Jon Price geprägt hat: orphan heritage. Von einem "verwaisten Erbe" spricht man, wenn dieses Erbe sich in räumlicher Entfernung von den wahren Erben befindet. Die neuen Erben können es zerstören oder plündern – oder aber es wertschätzen und in den Entstehungsprozess eines neuen lokalen Erbes einbinden.[29] Das materielle Erbe der Sorben im polnischen Gebiet der Lausitz wurde jahrelang marginalisiert und vernachlässigt, vor allem die Häuser überließ man dem Verfall. Sorbische Ortsnamen wurden – so wie alle Ortsbezeichnungen in den sogenannten Wiedergewonnenen Gebieten – in polnische umgewandelt. Wie die niedersorbische Aktivistin Maria Elikowska-Winkler treffend feststellt, hat dieses Vorgehen dazu geführt, "dass ein für Wissenschaftler überaus wertvolles Denkmal und Zeugnis der geschichtlichen Wurzeln verlorenging und dass der ethnische und kulturelle Charakter der Region verblasste".[30] Die verwischte Identität der Region war infolgedessen unleserlich auch für die lokale Bevölkerung – und vor allem für die neu zugezogenen Siedler.

Die Lausitz und der Lausitz-Bezug werden manchmal im Sinne eines Brandings zu Werbezwecken genutzt – etwa im Fall von Żary, das sich als die "Hauptstadt der polnischen Lausitz" bezeichnet. Auf der Internetseite der Stadt liest man: "Żary ist die größte Stadt im polnischen Teil der Lausitz, der sich von Bogatynia bis Gubin erstreckt, und verdient daher den Namen ‚Hauptstadt der polnischen Lausitz‘."[31] Dieser Slogan ist allerdings einigermaßen bedeutungsleer, folgen ihm doch keinerlei weiteren Bestrebungen, die Erinnerung an die ehemaligen Bewohner wieder aufleben zu lassen oder der grenznahen Region eine neue Identität zu geben. Auf der Website von Żary ist weder eine regionale Charakteristik zu finden, noch weisen bestimmte Ereignisse oder Objekte auf eine eigene Identität der "polnischen Lausitz" hin.

Auch einige NGOs beziehen sich auf die Region Lausitz – in diesen Fällen geht der Werbecharakter allerdings mit tatsächlichen Überlegungen zur Identität und zur Geschichte der Region einher. Ein Beispiel dafür ist die Lokalna Grupa Działania – Grupa Łużycka ("Lokale Aktionsgruppe – Lausitzer Gruppe") aus Lubsko, die unter anderem eine Landkarte des polnischen Teils der Lausitz herausgegeben hat, auf der wichtige historische Orte und Ereignisse beschrieben sowie bedeutende Persönlichkeiten genannt sind. Die Karte umfasst den regionalen Wirkungskreis der Gruppe, die Gemeinden Brody, Gubin, Jasień, Lipinki Łużyckie, Lubsko, Łęknica, Trzebiel und Tuplice.[32]

Derartige Aktionen fördern sicherlich den Bekanntheitsgrad der Gegend, darüber hinaus haben sie aber eine nicht zu unterschätzende identitätsstiftende Bedeutung für die Region, die ihre ursprünglichen Bewohner verloren hat. Das Potenzial wird auch in der grenzübergreifenden Kooperation nicht zur Gänze ausgeschöpft. Natürlich arbeiten die wichtigen sorabistischen Zentren sowie deutsche und polnische Museen zusammen – das aber ist in der heutigen Zeit ohnehin eine Selbstverständlichkeit, besonders in Polens West- und Nordgebieten. Das Thema Lausitz wird jedoch nicht breiter erkundet, beispielsweise im Rahmen einer Regionalbildung, dabei würde dies für Kinder und Jugendliche auf beiden Seiten der deutsch-polnischen Grenze die Chance erhöhen, einander kennenzulernen und besser zu verstehen. Auch werden die Lausitz und die Sorben innerhalb des formalen Bildungssystems beider Länder allenfalls als Randerscheinung behandelt.[33] In breiterem Maße nach außen getragen wird das Wissen über diese Region somit einzig von den Aktivisten aus NGOs, denn mit wissenschaftlichen Publikationen zum Thema lässt sich nur ein kleiner Empfängerkreis erreichen.

Trotz des lebhaften sorabistischen Diskurses in Polen und Deutschland und der Aktivitäten der Sorben vor Ort gibt es also noch einiges zu tun. Das Thema Lausitz und Sorben birgt das Potenzial, den allgemeinen deutsch-polnischen Dialog zu fördern und zu stärken. Dank der grenzübergreifenden Lage der Region und der slawischen Abstammung der Sorben eröffnet sich ein Diskussionsfeld zum Thema dieses kulturellen Erbes, der Wege seiner Übermittlung und Strategien zu seinem Schutz. Fände das Wissen über die Lausitz und ihre sorbischen Bewohner Eingang in den Bildungskanon, so würde es sich auch in anderen Landesteilen verbreiten, während mit einer gezielten finanziellen Unterstützung für die Tätigkeit der NGOs eine regionale Aktivierung auf der Grundlage dieses – zwar manchmal schwierigen, aber dennoch gemeinsamen – deutsch-polnisch-sorbischen Erbes möglich wäre.

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes, Berlin.

Fußnoten

1.
Vgl. etwa Arjun Appadurai, Modernity at Large: Cultural Dimensions of Globalization: Cultural Dimensions in Globalization, Minneapolis 1996; Zofia Sokolewicz, Jedność w różnorodności. Europa zintegrowana wobec Europy regionów, in: Anna Weronika Brzezińska/Jacek Schmidt (Hrsg.), Regiony i regionalizmy w Europie, Wrocław 2014, S. 15–34.
2.
Die Sorben bezeichnen sich auf Obersorbisch als Łužiscy Serbja, auf Niedersorbisch als Łužyske Serby. Ober- und Niederlausitz heißen auf Obersorbisch Hornja Łužica und Delnja Łužica, auf Niedersorbisch Górna Łužyca und Dolna Łužyca (Anm. d. Übers.).
3.
Siehe auch den Beitrag von Fabian Jacobs und Měto Nowak in diesem Beitrag (Anm. d. Red.).
4.
Agnieszka Pasieka, Jak uratować pogranicze? O teoretycznych modach i metodologicznych pułapkach, in: Wielogłos Pismo Wydziału Polonistyki UJ 2/2016, S. 125–144, hier S. 126.
5.
Ebd., S. 141.
6.
Nicole Dołowy-Rybińska, Łużyczanie, Niemcy, obywatele świata? – przenikanie się języków i kultur na Łużycach XXI wieku, in: Zeszyty Łużyckie 44/2010, S. 38–53, hier S. 40.
7.
Ebd.
8.
Pasieka (Anm. 4), S. 137.
9.
Ebd., S. 138.
10.
Die verwaltungstechnische Teilung setzt sich innerhalb der Staaten fort: In Deutschland fällt das Gebiet der Lausitz unter die Verwaltung zweier Bundesländer – (Sachsen und Brandenburg), in Polen verteilt es sich auf zwei Woiwodschaften – (Niederschlesien und Lebus).
11.
Vgl. Krzysztof Mazurski, Łużyczanie po II wojnie światowej we Wrocławiu i w Polsce, in: Jerzy Tomasz Nowiński (Hrsg.), Łużyce – bogactwo kultur pogranicza: materiały z Ogólnopolskiego Sejmiku Krajoznawczego, Żary 2000, S. 25–29.
12.
Nicole Dołowy-Rybińska, Języki i kultury mniejszościowe w Europie: Bretończycy, Łużyczanie, Kaszubi, Warszawa 2011, S. 221.
13.
Als "Irredentismus" wird der Anspruch und das Ziel bezeichnet, die eigene Ethnie in einem Staatsgebiet zusammenzuführen (Anm. d. Red.).
14.
Wojciech Browarny, Historie odzyskane: literackie dziedzictwo Wrocławia i Dolnego Śląska, Wrocław 2019, S. 270f.
15.
Ebd., S. 267.
16.
Małgorzata Ruchniewicz, Budowa kłodzkiej tożsamości regionalnej jako zadanie czasopisma "Ziemia Kłodzka" w latach 90. XX w., in: Joanna Nowosielska-Sobel (Hrsg.), Dolnoślązacy? Kształtowanie tożsamości mieszkańców Dolnego Śląska po II wojnie światowej, Wrocław 2007, S. 61–71, hier S. 63.
17.
Siehe http://slawistyka.uw.edu.pl/pl/badania/zeszyty-luzyckie«.
18.
Vgl. Bożena Itoya, "Pro Lusatia" – nowa nadzieja polskiej sorabistyki, in: Zeszyty Łużyckie 43/2009, S. 251–259.
19.
Siehe https://prolusatia.pl«.
20.
Vgl. Beata Trzop, So Close and Yet So Far … Lubuskie Inhabitants on the Relations with Their German Neighbours, in: Elżbieta Opiłowska/Jochen Roose (Hrsg.), Microcosm of European Integration. The German-Polish Border Regions in Transformation, Baden-Baden 2015, S. 151–166.
21.
Dorota Szaban/Krzysztof Lisowski, Open Borders – Closed Minds. Lubusz Youth on Their Relations with Germans, in: Opiłowska/Roose (Anm. 20), S. 167–178.
22.
Siehe http://fundacjawazka.org/projekty/9,–Zespoly-ludowe-laboratorium-etnograficzne.html«.
23.
Interview mit der Folkloregruppe Margaretki, Przewóz 2015.
24.
Interview mit der Folkloregruppe Jarzębina, Sieniawa Żarska 2015.
25.
Interview mit der Folkloregruppe Gościeszanki, Gościeszkowice 2015.
26.
Vgl. Tadeusz Lewaszkiewicz, Dolnołużycki i górnołużycki – języki zagrożone czy wymierające?, in: Pro Lusatia 14/2015, S. 37–53.
27.
Vgl. Dołowy-Rybińska (Anm. 12).
28.
Łukasz Adamski/Mikołaj Maśluk, Ostatni Łużyczanie walczą o przetrwanie, in: Gazeta Wyborcza, 6.6.2005, abrufbar unter http://www.prolusatia.pl/ksiaznica/prasa-o-luzycach/128-ostatni-uyczanie-walcz-o-przetrwanie.html«.
29.
Jon Price, Orphan Heritage: Issues in Managing the Heritage of the Great War in Northern France and Belgium, in: Journal of Conflict Archaeology 1/2005, S. 181–196.
30.
Maria Elikowska-Winkler, Język i kultura serbołużycka na wschodzie Dolnych Łużyc, in: Zeszyty Łużyckie 44/2010, S. 58.
31.
Siehe http://www.zary.pl/pl/87/stolica_polskich_luzyc«.
32.
Die Karte zum Herunterladen unter http://www.grupaluzycka.pl/files/2018/10/24/Mapa_LOW.pdf«.
33.
Außer natürlich in den größeren sorbischen Zentren in Deutschland, wie in Cottbus/Chóśebuz und Bautzen/Budyšin, wo es sorbische Gymnasien gibt.
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