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26.9.2011 | Von:
Franz Smets

Schlaglichter aus einem Land ohne klare Richtung - Essay

Selbstbild und Fremdbild

Viele Mexikaner tun sich schwer mit einer realistischen Analyse ihrer Lage, gerne wird die Wahrheit geschönt. Vor dem Elend der Armen verschließen die meisten Reichen die Augen. Wie in anderen Ländern auch wollen sie nicht auf die Vorteile verzichten, die ihnen die Armut der anderen bietet. Sie haben billige Arbeitskräfte ohne eigene Rechte in ihren Unternehmen, Häusern und Gärten. Und statt Steuern zu zahlen, damit der Staat sie und ihr Eigentum schützen kann, engagieren sie lieber eigene Sicherheitskräfte und errichten hohe Mauern um ihre Häuser.

Noch weniger können viele Mexikaner Kritik ertragen. Wenn etwa ein Mexikaner einen Besucher fragt, wie er das Land wahrnimmt, dann erwartet er keine Kritik. Er möchte, dass auch der Ausländer die Lage schönredet. Gewiss, es gibt Kriminalität, den "Drogenkrieg" mit Tausenden von Toten, Rassismus gegen die indigene Bevölkerung, Missachtung der Menschenrechte. Aber bitte, so pflegen viele Mexikaner zu argumentieren, das alles gibt es doch anderswo auch. Und wo Selbstkritik, Kritik und schonungslose Analysen nicht erwünscht sind, da ändert sich auch nichts. Es ist, als würde einem Arzt untersagt, dem Kranken die Diagnose mitzuteilen. Und so kann er ihm auch keinen Behandlungsplan nahelegen.

Das gilt auch für das politische und gesellschaftliche System. Nach der fast 40-jährigen Diktatur von Porfirio Diaz gelangte die Revolutionär-Institutionelle Partei (Partido Revolucionario Institucional, PRI) zu Beginn der 1920er Jahre an die Macht. Sie herrschte gut sieben Jahrzehnte, institutionalisierte aber keineswegs die Revolution, sondern monopolisierte die Macht, ähnlich wie später die kommunistischen Parteien in Osteuropa. "Das Schlechteste des Kapitalismus und das Schlechteste des real existierenden Sozialismus" habe sich seinerzeit in Mexiko getroffen, schrieb darüber der mexikanische Autor Ricardo Cayuela.

Heute Mexiko ist ein sogenanntes Schwellenland, ein Land der "Dritten" auf dem Weg in die "Erste Welt" - Ankunft unbestimmt. Politisch ist es auf dem Weg in eine Demokratie, eine eher präsidiale oder eher parlamentarische Demokratie, auch das ist noch nicht sicher. Denn die politischen Kräfte sind sich nicht einig, ob sie lieber einen starken Präsidenten oder eine starkes Parlament wünschen. Der frühere Außenminister Jorge Castaneda aber spricht seinem Volk den für eine Demokratie notwendigen Charakter ab: "Wir wissen nicht zu streiten. Jede Kritik ist eine tödliche Beleidigung. Wir ziehen es vor, dass Entscheidungen von oben gefällt werden, damit wir uns danach in die Lage des Opfers begeben können."[2]

Viele Mexikaner beklagen, dass das Bild ihres Landes im Ausland zu negativ sei, allen voran der derzeitige Präsident Felipe Calderon. Und tatsächlich wird Mexiko zumeist mit Brutalität und Gewalt assoziiert, selbst wenn es dazu keinen Anlass gibt. Ein Beispiel unter vielen bietet die Tageszeitung "Die Welt", als sie im Mai 2011 im Internet einen Bericht über neu gefundene Maya-Stätten in Yucatán veröffentlichte und ihren Lesern "weiterführende Links" anbot: "Maya opferten Jungen, keine Jungfrauen", "Mayakalender - Weltuntergang am 21.12.2012" und "Als Montezuma seine künftige Braut häutete." Abgesehen davon, dass der Aztekenkönig Moctezuma eigentlich nichts mit den Mayas zu tun hat, zeigt dieses Beispiel, wie häufig schon das historische Erbe Mexikos als belastet dargestellt wird.

Fußnoten

2.
Jorge Castaneda, Manana o pasado. El misterio de los mexicanos, Mexico-Stadt 2011.

Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

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