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26.9.2011 | Von:
Karl-Dieter Hoffmann

Calderons gescheiterter Feldzug gegen die Drogenkartelle

Aufstieg der mexikanischen Kartelle

Es gehört nicht viel Mut dazu, die These zu formulieren, dass sich die mexikanische Drogenproblematik völlig anders darstellen würde, fände das Land auf der anderen Seite seiner Nordgrenze nicht den weltweit größten und lukrativsten Markt für illegale Suchtstoffe vor. Der Aufstieg Mexikos zum wichtigsten Lieferanten des US-Drogenmarktes ist dabei nur eine von mehreren Facetten eines weltweit singulären Nachbarschaftsverhältnisses, dessen Charakteristika in erster Linie vom krassen Wohlstands- und Machtgefälle zwischen den beiden Staaten geprägt werden.

Als Ende der 1970er Jahre der rasche Aufstieg des kolumbianischen Kokains zum beliebtesten und umsatzstärksten illegalen Suchtstoff auf dem US-Drogenmarkt begann, partizipierten alsbald auch mexikanische Schmugglerbanden an diesem Geschäft, viele Jahre lang jedoch nur in geringem Maße. Das änderte sich, als die USA etwa zehn Jahre später ihre Überwachungsaktivitäten im Bereich der von den kolumbianischen Drogenkartellen bevorzugten Transportrouten durch die Karibik intensivierten. Vor allem die Existenz einer kriminellen Infrastruktur machte die 3.200 Kilometer lange mexikanische Nordgrenze zu einer idealen Alternative für den klandestinen Drogentransfer in die USA. Fungierten die mexikanischen Schmugglerbanden in der ersten Zeit als eine Art Juniorpartner der kolumbianischen Kokainlieferanten, änderte sich diese Konstellation nach der Zerschlagung der Kartelle von Medellín und Cali in den Jahren 1993 bis 1995. Dies löste eine Neuordnung des kolumbianischen Kokaingeschäfts in Gestalt einer Vielzahl kleiner und mittlerer Drogensyndikate aus, während dadurch auf mexikanischer Seite ein gegenläufiger Trend begünstigt wurde. Dort bildeten sich binnen weniger Jahre in dem Maße große Drogenhandelsorganisationen heraus, wie der Anteil des mexikanischen Transithandels an der Gesamtmenge des auf den US-Markt gelangenden Kokains anstieg.

Spätestens seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre diktieren die mexikanischen Kartelle die Geschäftsbedingungen im interamerikanischen Kokainhandel. Heute liefern mexikanische Banden rund 90 Prozent des in den USA konsumierten Kokains sowie einen Großteil des dort nachgefragten Heroins und Marihuanas, letztere aus heimischer Produktion. Mittlerweile werden in Mexiko auch in großem Maßstab synthetische Rauschmittel (vor allem Methamphetamin) für den US-Markt produziert.

Die Entwicklung der Drogenbanden zu schlagkräftigen bewaffneten Akteuren, deren kriminelles Treiben der Staat nicht zu unterbinden vermag, geht auf ein Bündel von Ursachen zurück, unter denen die riesigen Einnahmen aus dem Transithandel mit Kokain zweifellos den gewichtigsten Einzelfaktor darstellen. Die Grenze zwischen Mexiko und den USA bildet jene Schnittstelle in der langen Handelskette zwischen der Rohstoffproduktion (Koka) und dem Endverbraucher, an der die größte absolute Wertsteigerung der illegalen Ware erfolgt. Die Differenz zwischen dem Großhandelspreis in Kolumbien und den USA beträgt je nach Marktlage zwischen 15.000 und 20.000 US-Dollar pro Kilogramm. Der weit überwiegende Teil dieser Verdienstspanne fließt in die Taschen der mexikanischen Schmugglerbanden.

Die erste Generation großer Drogenhandelsorganisationen bestand im Wesentlichen aus vier kriminellen Formationen, die jeweils bestimmte Abschnitte entlang der Grenze zu den USA kontrollierten. Dies waren die Kartelle von Tijuana und Ciudad Juárez (zwei bedeutende Grenzstädte), das nach dem nordwestlichen Gliedstaat benannte Sinaloa-Kartell sowie das im Nordosten des Landes verankerte cártel del golfo. Dass es sich bei den großen Drogenhandelsorganisationen nicht um homogene, firmenähnliche Gebilde handelt, zeigt sich am deutlichsten beim Sinaloa-Kartell. Dieses wird häufig auch als federacion bezeichnet, was schon darauf hindeutet, dass es aus einem Verbund mehrerer krimineller Organisationen besteht, wobei sich das Gemeinschaftsprofil primär aus dem Abwehrverhalten gegenüber den Konkurrenzorganisationen ergibt. Die mythisch verklärte Führungsfigur an der Spitze der Föderation ist Joaquín "El Chapo" ("der Kleine") Guzmán, dem 2001 eine spektakuläre Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis gelang und der seit Jahren als meistgesuchter Verbrecher des Landes gilt.


Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

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