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26.9.2011 | Von:
Karl-Dieter Hoffmann

Calderons gescheiterter Feldzug gegen die Drogenkartelle

Beschleunigung der Gewaltspirale

Den Auftakt des blutigen Konkurrenzkampfs zwischen den großen Drogenbanden bildete die Fehde zwischen dem Sinaloa-Kartell und dem für seine extreme Gewaltbereitschaft berüchtigten Arellano Félix-Clan in Tijuana in der ersten Hälfte der 1990er Jahre. Mit der Ermordung von sechs Mitgliedern des Sinaloa-Kartells und einem Bombenanschlag auf ein Haus von "El Chapo" begann Anfang 1992 eine Serie von gegenseitigen Attacken, zu deren Opfern der im Mai 1993 von Söldnern der Tijuana-Gang irrtümlich getötete Erzbischof von Guadalajara gehörte.[8] Die Regierung reagierte auf diese spektakuläre Tat mit einer Intensivierung der Fahndungsmaßnahmen, die unter anderem zur Ergreifung von "El Chapo" führten. Diese bewirkte zwar eine vorübergehende Deeskalation, schaltete das Sinaloa-Kartell aber keineswegs aus.

Als der legendäre Chef des Juárez-Kartells, Amado Carillo Fuentes, 1997 bei einem gesichtschirurgischen Eingriff verstarb, witterten die anderen Kartelle eine Chance, ihren Einflussbereich auf diese attraktive plaza auszuweiten. Die Juárez-Gruppe suchte sich durch ein Bündnis mit der Sinaloa-Föderation der Angriffe der verbündeten Golf- und Tijuana-Kartelle zu erwehren. In wechselnden Allianzen und Konstellationen weiteten die Kartelle in den folgenden Jahren ihren erbitterten Kampf um die Vorherrschaft in Juárez, Tijuana, Nuevo Laredo und anderen plazas aus. Verhaftungen einzelner Führungspersönlichkeiten stellten dabei keine wirklichen Erfolge dar, ist es doch in mexikanischen Haftanstalten keineswegs ungewöhnlich, dass sich prominente Insassen aus dem Drogenhandelsmilieu durch Korruptions- und Einschüchterungspraktiken Privilegien und Freiräume verschaffen, die es ihnen ermöglichen, mittels moderner Kommunikationsmittel die Aktivitäten ihrer kriminellen Organisationen weiterhin zu steuern.

Der Konfliktverlauf wurde durch mehrere Faktoren maßgeblich beeinflusst. Der erste davon betrifft die verstärkten Anstrengungen auf US-Seite zur Absicherung und Überwachung der Grenze sowie zur Effizienzsteigerung der Kontrollen an den Grenzübergängen. Gelingt es angesichts dieses Trends einem Kartell, seinen territorialen Einflussbereich zu Lasten eines Konkurrenten auszuweiten, vergrößert sich das Arsenal seiner Schmuggeloptionen. Ungleich wichtiger ist ein zweiter Aspekt: das Erreichen einer gewissen Obergrenze beim mexikanischen Lieferanteil an der in den USA verkauften Kokainmenge. Solange dieser Anteil im Steigen begriffen war (1990: rund 30 Prozent; 2000: rund 70 Prozent) hatten alle Kartelle die Chance, an den damit verbundenen Mehreinnahmen zu partizipieren. Da der seit etwa 2005 um die 90 Prozent oszillierende Beitrag zur Deckung der US-Nachfrage kaum weiter ausbaufähig ist, lassen sich größere Gewinnzuwächse im grenzüberschreitenden Schmuggelgeschäft nur noch auf Kosten der Marktanteile der anderen Kartelle realisieren, zumal sich gleichzeitig in den USA eine Stagnation des Kokainverbrauchs bemerkbar machte. Der dritte Faktor bezieht sich auf den raschen Bedeutungsanstieg des mexikanischen Drogenmarkts, der zu einem verstärkten Engagement der Kartelle in Mexiko selbst führte. Insbesondere in Großstädten kommt es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen verschiedener Drogenbanden.[9] Sehr viele Opfer des "Drogenkriegs" sind daher kleine Dealer.

Die Intensivierung des Bandenkonflikts ging mit einer Paramilitarisierung der Sicherheitsapparate der Kartelle einher. Golf-Kartell-Chef Osiel Cárdenas Guillén übernahm die Pionierrolle, als er Ende der 1990er Jahre eine schlagkräftige Kampftruppe formierte, deren Kern aus desertierten Mitgliedern einer Spezialeinheit der mexikanischen Streitkräfte bestand und die unter der Bezeichnung Zetas aufgrund ihres ebenso professionellen wie rücksichtslosen Vorgehens alsbald schaurige Berühmtheit erlangte. Die Mitglieder der Zetas werden in geheimen Trainingscamps militärisch geschult, sind mit modernen Schusswaffen und neuester Kommunikationstechnik ausgerüstet, agieren in größeren, hierarchisch strukturierten Formationen und treten zum Teil in einheitlichen Uniformen in Erscheinung. Um der Effizienz dieser Kampfverbände entgegenwirken zu können, kamen die gegnerischen Kartelle nicht umhin, den Professionalisierungsgrad ihrer eigenen Schutztrupps zu verbessern. Es liegen zahlreiche Indizien dafür vor, dass die Söldnerverbände der Drogenbanden einen stetigen Zugang von Deserteuren der mexikanischen Armee verzeichnen. Im Zeitraum von 2001 bis 2010 registrierte das Militär mehr als 150.000 irreguläre Abgänge, davon mehr als 1.600 Elitesoldaten.[10] Unter Präsident Calderon wurde der Sold für die unteren militärischen Ränge bereits zweimal spürbar angehoben, ohne dass dadurch die Desertionsquote nennenswert verringert werden konnte.

Die geografische Nähe zum wenig regulierten Waffenmarkt der USA erleichtert es den Kartellen, ihre Schutztrupps mit modernem Kriegsgerät auszurüsten. Pistolen und Gewehre werden von Strohmännern in US-Waffengeschäften oder auf sogenannten gun shows erworben, großen Verkaufsveranstaltungen für zumeist gebrauchte Waffen, wo die tödliche Ware ohne jegliche Identitätskontrolle des Käufers den Besitzer wechselt. Die Waffen gelangen als Schmuggelware nach Mexiko, wo sie zum Mehrfachen des Kaufpreises in die Arsenale der Drogenbanden übergehen. Appelle der mexikanischen Regierung an die USA, den Waffenschmuggel Richtung Süden zu unterbinden, zeitigten bislang wenig greifbare Folgen.

Die Eskalation des Konflikts betrifft nicht nur die rasch steigenden Opferzahlen, sondern auch die zunehmende Brutalität und Grausamkeit, welche die Gewalthandlungen kennzeichnen. Im mexikanischen Bandenkrieg werden prinzipiell keine Gefangenen gemacht; Mitglieder gegnerischer Kartelle, derer man habhaft wird, werden fast ausnahmslos getötet. Auch wenn es früher schon üblich war, die Gefangenen zwecks Informationsgewinnung vor ihrer Ermordung körperlichen Torturen zu unterziehen, haben die in jüngster Zeit praktizierten Foltermethoden eine Dimension erreicht, die das damit verbundene Leiden unvorstellbar machen. Die fürchterlich entstellten Leichen, die zur Verstärkung der medialen Aufmerksamkeit oftmals an stark frequentierten öffentlichen Orten abgelegt werden, geben Zeugnis von diesem Trend. 2006 tauchten die ersten abgetrennten Köpfe sowie Leichen ohne Köpfe auf. Was zu Beginn auf die Einschüchterung des Gegners abzielte, hat sich mittlerweile längst zu einem grausamen Ritual gewandelt.

Der war on drugs hat mittlerweile zu deutlichen Kräfteverschiebungen in der Kartell-Landschaft geführt. Dazu trugen wie schon früher Differenzen innerhalb der Führungsriege einzelner Kartelle sowie die Ausschaltung einiger Drogenbosse bei. Im September 2004 wurde Rodolfo Carrillo, der Kopf des Juárez-Kartells, im Auftrag von "El Chapo" ermordet, was der Allianz zwischen beiden Kartellen ein jähes Ende bereitete und den Anfang des systematischen Versuchs der Sinaloa-Föderation zur Übernahme der plaza Ciudad Juárez markiert. Ende 2007 löste sich die Beltrán Leyva-Bande aus der Sinaloa-Gruppe und ging alsbald eine Allianz mit den berüchtigten Zetas ein, die sich zu jener Zeit allmählich vom Golf-Kartell zu emanzipieren begannen. Spätestens seit Anfang 2010 agieren diese als eigenständige Organisation, welche sich in einen gnadenlosen Feldzug gegen ihre ehemaligen Partner begeben hat.

2009 wurden in Ciudad Juárez über 2.600 Opfer des "Drogenkriegs" registriert, womit der Kampf um die Beherrschung der begehrten plaza einen Höhepunkt erreichte. Vieles deutet darauf hin, dass sowohl in Juárez als auch in Tijuana die Sinaloa-Gang inzwischen die dominierende Rolle im Drogengeschäft übernommen hat. So schält sich seit 2009 ein Trend heraus, der auf eine zunehmende Polarisierung des mexikanischen Drogengeschäfts in Gestalt zweier Machtzentren hinausläuft: die Sinaloa-Föderation auf der einen und Los Zetas auf der anderen Seite. Beide Akteure sind bemüht, Geländegewinne des Gegners zu verhindern bzw. wieder rückgängig zu machen. So unterstützen Kampftrupps der Zetas die Reste der Arellano Félix-Bande in Tijuana sowie das massiv bedrängte Juárez-Kartell, während die Sinaloa-Föderation ihren ehemaligen Todfeinden vom Golf-Kartell bei dessen Abwehrkampf gegen die Zetas zu Hilfe geeilt ist.

Fußnoten

8.
Zur Geschichte der mexikanischen Kartelle siehe u.a. Malcolm Beith, The Last Narco. Hunting El Chapo, London 2010; George W. Grayson, Mexico. Narco-Violence and a Failed State, New Brunswick-London 2010.
9.
Siehe Jorge Fernández/Ana María Salazar, El enemigo en casa. Drogas y narcomenudeo en México, México, DF 2008.
10.
Vgl. Milenio vom 3.7.2011.

Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

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