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26.9.2011 | Von:
Günther Maihold

Mexiko und die USA: zwischen NAFTA-Partnerschaft und Zweckgemeinschaft

Leben an und jenseits der Grenze

Mexiko als Ursprungs-, Transit-, Ziel- und Rückkehrland von Migranten hat diese vielfältige Eigenschaft lange nur eindimensional in seinem Verhältnis zu den USA wahrgenommen. Dafür spricht die hohe Zahl von jährlich rund 550.000 Staatsbürgern, die die Grenze nach Norden illegal überqueren, zu denen aber noch jährlich etwa 140.000 Migranten aus Zentralamerika stoßen, die über Mexiko den Weg in die USA suchen. Auch wenn viele von ihnen dabei nicht erfolgreich sind und von den US-Behörden wieder abgeschoben werden, so ist doch das Migrationsphänomen inzwischen in seiner Süd-Nord-Dimension konstitutiv für einen großen Teil der Beziehungen zwischen Mexiko und den USA geworden, ohne dass die von Mexiko mit dem Abschluss des NAFTA-Abkommens 1994 erwartete Entspannung in diesem Bereich eingetreten wäre. Die wirtschaftlichen Asymmetrien haben sich nicht signifikant verändert;[4] die Motivation zum Verlassen des Heimatlandes hat zwar durch die Wirtschaftskrise in den USA konjunkturbedingt nachgelassen, aber in der Substanz sind die push- und pull-Faktoren, die das Migrationsgeschehen bestimmen, dieselben geblieben (Unsicherheit und eingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten in Mexiko, Erwartung auf erhöhten Lebensstandard und Familienzusammenführung in den USA).

Doch die restriktiven Zugangsmöglichkeiten zum Arbeitsmarkt der USA im Rahmen der Migrationskontrolle haben die zirkulären und temporären Wanderungsbewegungen mexikanischer Arbeitskräfte eingeschränkt. Von den rund 30 Millionen Mexikanern, die heute in den USA leben, sind 11,8 Millionen in Mexiko geboren, 18,5 Millionen sind sogenannte Mexican Americans, also in den USA zur Welt gekommen. Damit stellen sie zehn Prozent der Bevölkerung der USA und dominieren mit einem Anteil von zwei Dritteln die Gruppe der Hispanics, der aus Lateinamerika bzw. Spanien stammenden Bevölkerungsgruppe.[5] Dank dieser Präsenz in den USA flossen 2010 mehr als 21 Milliarden US-Dollar an Überweisungen an Familienmitglieder nach Mexiko - ein Devisenzufluss, der 2006 noch über 26 Milliarden Dollar betragen hatte.[6] Damit liegt diese Summe noch immer deutlich über den ausländischen Direktinvestitionen in Mexiko, die 2010 etwa 18 Milliarden Dollar erreicht hatten. Wer sich vor Augen führt, dass sowohl bei den privaten Rücküberweisungen als auch bei den Auslandsinvestitionen der Anteil aus den USA bei über 85 Prozent liegt, kann erahnen, dass die Wirtschaftskrise in den USA auch in Mexiko deutliche Auswirkungen hatte.

Fußnoten

4.
Vgl. Sidney Weintraub, Unequal Partners. United States and Mexico, in: Issues in International Political Economy, Nr. 124 (April 2010), online: www.csis.org/files/publication/issues
201004.pdf (22.7.2011).
5.
Vgl. Carlos Heredia Zubieta, La migracion mexicana y el debate en Estados Unidos. A la sombra del Tea Party, in: Nueva Sociedad, 233 (2011), S. 132-149, hier: S. 134.
6.
Vgl. Roberto González Amador, BdeM: las remesas no retoman los montos anteriores a la crisis, in: La Jornada vom 2.2.2011, S. 26, online: www.jornada.unam.mx/2011/02/02/
economia/026n1eco (22.7.2011).

Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

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