APUZ Dossier Bild

26.9.2011 | Von:
Günther Maihold

Mexiko und die USA: zwischen NAFTA-Partnerschaft und Zweckgemeinschaft

Mexikos Südgrenze - die dritte Grenze der USA

Das sicherheitspolitische Argument hat bezüglich der Grenzen Mexikos eine Erweiterung erfahren, denn zunehmend rückt auch die mexikanische Südgrenze in das Zentrum der US-amerikanischen Aufmerksamkeit.[22] Nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Verlagerung von Aktivitäten der Drogenkartelle nach Zentralamerika[23] wird immer deutlicher, dass sich die mexikanische Politik einseitig nach Norden orientiert und der Entwicklung der Beziehungen zu den südlichen Nachbarn nur sehr begrenzt gewidmet hat. Gerade in Bezug auf Zentralamerika bleiben die Leistungen Mexikos deutlich hinter den verbalen Solidaritätsbekundungen zurück.

Bis heute hat sich Mexiko schwer damit getan, seine Situation als Transitland für Migranten anzunehmen und eine entsprechende Politik zum Schutz der betroffenen Personen zu entwickeln.[24] 2010 wurden laut nationalem Einwanderungsinstitut (Instituto Nacional de Migracion) 62.141 illegale Migranten aufgegriffen und abgeschoben, was nicht einmal einem Fünftel aller Migranten entsprechen dürfte. Diese "Migranten, die nicht wichtig sind"[25] oder als "unsichtbare Opfer"[26] aus der öffentlichen Wahrnehmung verbannt sind, erhalten in Mexiko kaum Schutz durch staatliche Einrichtungen, vielmehr müssen Nichtregierungsorganisationen sie bisweilen sogar vor Übergriffen der Sicherheitsorgane bewahren. Das Bild einer "unsicheren Grenze" wiederholt sich insoweit auch im Süden des Landes: Die 1.000 Kilometer lange Südgrenze Mexikos mit Guatemala und Belize ist nur schwer zu kontrollieren, so dass viele Festnahmen auf den Transitstrecken in Richtung Norden vollzogen werden. Die vielfach genutzten Güterzüge erweisen sich dabei häufig als Falle für die Migranten, da die blinden Passagiere nicht nur den Gefahren der Reise selbst, sondern auch der Ausbeutung und Entführungen durch kriminelle Gruppen, Mitglieder der Sicherheitsorgane und Jugendbanden (maras) ausgesetzt sind.[27]

Die Entführung von Migranten und die Erpressung von Lösegeld von ihren Verwandten für die Freilassung hat sich zu einem lukrativen Wirtschaftszweig des organisierten Verbrechens entwickelt, dessen Ertrag von der mexikanischen Menschenrechtskommission (Comision Nacional de Derechos Humanos) bei rund 18.000 vermuteten Entführungsfällen auf 50 Millionen US-Dollar pro Jahr geschätzt wird.[28] Da die Betroffenen fürchten, unmittelbar abgeschoben zu werden, erfolgt meist keine Anzeige; entsprechend hoch ist die Dunkelziffer. Dies gilt in noch viel höherem Maße für die sexuelle Ausbeutung von Migrantinnen und Kindern, die zu Opfern des Menschenhandels werden.[29] Auch in diesem Bereich hat sich ein Markt herausgebildet, der von den Akteuren des organisierten Verbrechens versorgt wird und in Lateinamerika und der Karibik jährlich mehr als 16 Millionen US-Dollar Umsatz verspricht.[30] Mit der Initiative eines Migrationsgesetzes hat die mexikanische Regierung 2011 versucht,[31] den Missständen in der Behandlung zentralamerikanischer Migranten zu begegnen und ihnen grundlegende Rechte zuzuerkennen, ohne dass sie in die Falle einer Kriminalisierung illegal im Lande befindlicher Personen geraten müssen. Gleichwohl haben mehrere Skandale mit Übergriffen staatlicher Funktionäre im nationalen Migrationsinstitut verdeutlicht, dass das entscheidende Hindernis für eine Verbesserung der Situation vor allem im Bereich der Umsetzung zu suchen ist.

Fußnoten

22.
Vgl. George W. Grayson, Mexico's Southern Flank: A Crime-ridden "Third U.S. Border", Washington, DC 2003.
23.
Vgl. Günther Maihold, Mexikos Drogenkampf eskaliert. Gelingt die Kontrolle der Gewaltdynamik? SWP-Aktuell A 64, Berlin, September 2010.
24.
Vgl. Marianne Braig/Christian U. Baur, Mexikos Süden: Grenzüberschreitungen und die Schleusen hemisphärischer Sicherheit, in: M. Braig et. al. (Anm. 15), S. 181-206.
25.
So der Titel des Bandes von Óscar Martínez, Los migrantes que no importan. En el camino con los centroamericanos indocumentados en México, Barcelona 2010.
26.
Vgl. Amnesty International, Invisible Victims. Migrants on the Move in Mexico, London 2010.
27.
Der mexikanische Filmemacher Pedro Ultreras hat dies in seinem Dokumentarfilm "La Bestia" (2011) anschaulich dargestellt.
28.
Vgl. Comision Nacional de Derechos Humanos, Informe Especial de la Comision Nacional de los Derechos Humanos sobre los casos de secuestro en contra de migrantes, México, DF 2009, S. 12.
29.
Vgl. Günther Maihold, Der Mensch als Ware - Konzepte und Handlungsansätze zur Bekämpfung des globalen Menschenhandels, SWP-Studie, Berlin 2011.
30.
Vgl. Amy Risley, Sex Trafficking: The "Other" Crisis in Mexico?, in: The Latin Americanist, 54 (2010) 1, S. 99-117; Clare Ribando Seelke, Trafficking in Persons in Latin America and The Caribbean. Congressional Research Service Report RL 33200, Washington, DC, Dezember 2010.
31.
Vgl. Ley de Migracion, online: www.dof.gob.mx/nota_detalle.php?codigo=5190774&fecha=25/05/2011 (22.7.2011)

Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

Mehr lesen