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26.9.2011 | Von:
Anne Huffschmid

Alltag statt Apokalypse: Mexiko-Stadt als Labor städtischen Lebens - Essay

Die öffentliche Stadt

Ostern war stets die Zeit, in der sich die überbordende Hauptstadt ein wenig von sich selbst erholte. Semana santa, die heilige Woche, ist Auszeit im zumindest kulturell noch immer hochkatholischen Mexiko. Die Chilangos, wie die Bewohner sich nennen, suchen das Weite - am Strand, im Umland, in einem der gigantischen Freibäder, in dem Großfamilien für ein paar Pesos urlauben können. Die Stadt leerte und der Verkehr verflüssigte sich, sogar die Vulkane, die das Tal von Mexiko umschließen, ließen sich in dem ungewohnt klaren Licht plötzlich blicken. Dieses Jahr war etwas anders. Die Altstadt schien geflutet von Besuchern, vor allem Einheimischen aus anderen Teilen des Landes. Besonders aus dem Norden waren viele gekommen, um, wie sie den erstaunten Reportern berichteten, "endlich einmal wieder in Ruhe durch die Straßen zu flanieren". In vielen Städten Mexikos ist urbanes Leben durch Bandenterror und "Drogenkrieg" nahezu zum Erliegen gekommen. Öffentliches Leben aber ist, so lässt sich ohne Angst vor Pathos sagen, so etwas wie die Seele der mexikanischen Hauptstadt.

Da gibt es die post-aztekischen Muscheltänzer, die im Zentrum der Altstadt tagein, tagaus mit Weihrauch und Federschmuck den Geist des untergegangenen Mexiko beschwören. Oder Hunderte von Pärchen mittleren Alters, die sich jeden Samstagnachmittag im Park zum Danzon, dem karibischen Standardtanz, treffen. Oder auch die Mariachi-Combos auf der Plaza Garibaldi, die Nacht für Nacht darauf warten, dass Besucher ein oder auch zwei Liedchen bei ihnen bestellen: Das alles sind eingängige Momentaufnahmen davon, wie mexikanische Kultur den öffentlichen Raum - buchstäblich - bespielt. Im Alltag jedoch sind es vor allem zwei kollektiv verrichtete Tätigkeiten, die den städtischen als öffentlichen Raum zusammenhalten. Die eine davon ist das Essen. Am Straßenrand und auf Plätzen, an mobilen Wochenmärkten oder überdachten Markthallen: Überall stehen mobile Taquerías (Taco-Stände) mit roten und grünen Salsas, Limonen und frischem Koriander, Backbleche mit Quesadillas, Tlacoyos oder Gorditas aus gelbem oder blauem Mais, Aluminiumtröge mit dampfenden Tamales, Stände mit gerösteten Maiskolben, Obst- und Fruchtsaftbuden. Aus den bunten Plastiktellern, die von Kundin zu Kunde nur kurz mit einem Stück Papier ausgewischt werden, isst die vornehme Señora, die ihre Hunde ausführt, ebenso wie der Bauarbeiter, der alte Parkwächter oder die Blumenverkäuferin von gegenüber. Es ist kaum ein Chilango vorstellbar, der nicht dann und wann auf einem der Plastikhöckerchen Platz nimmt und "drei Quesadillas" bestellt, "mit Salsa verde und ohne Zwiebeln". Öffentliches Essen ist in Mexiko-Stadt eine zentrale städtische und vorübergehend sogar klassenübergreifende Praxis.

Die andere Verrichtung ist das Demonstrieren. Beachtliche 5,4 Aufmärsche pro Tag wurden im vergangenen Jahrzehnt im Schnitt gezählt, wie bei dem 2010 verstorbenen Stadtchronisten Carlos Monsiváis nachzulesen ist.[1] "Zuweilen", heißt es bei Monsiváis, "erscheint die Stadt wie ein Gewimmel der Dissidenz. Und dann sieht es wieder so aus, als ob gar nichts los sei."[2] Das hat damit zu tun, dass Protest keine Ausnahme, sondern Alltag ist in Mexiko-Stadt. Offizielle und unabhängige Gewerkschafter, Lehrer, Indigene und Bauern aus dem Süden, Studierende und Straßenhändler, Gays und Feministinnen, gelegentlich auch Evangelikale oder Lebensschützer - es vergeht kein Tag, an dem nicht eine oder mehrere dieser Gruppe durch die Stadt ziehen, meist mehr oder weniger entlang der selben Routen.

Eingebrannt ins urbane Gedächtnis haben sich vor allem die Bilder von den zornigen Megamarches des Spätsommers 2006, als Anhänger des bei den Präsidentschaftswahlen unterlegenen Andres Manuel Lopez Obrador gegen den vermuteten Wahlbetrug protestierten. Beim ersten Mal soll es schon eine halbe Million gewesen sein, am Sonntag darauf eine ganze Million und am dritten Sonntag gar zwei Millionen. Und als die Massenaufläufe nichts nützten und die geforderte Stimmennachzählung weiterhin verweigert wurde, beschloss man einfach zu bleiben: Der Planton, die Besetzung, war geboren. Fast sieben Wochen campierten Zehntausende im Stadtzentrum, Hunderte von Zelten blockierten die urbanen Lebensadern. Nicht wenige Chilangos begannen zu murren, die Stadtregierung aber ließ die Zeltenden gewähren. Erst zum Nationalfeiertag, als Protestlager und traditionelle Militärparade miteinander zu kollidieren drohten, blies Lopez Obrador die Besetzung ab.

Seit einiger Zeit ist auf den Straßen zudem jene andere Zivilgesellschaft unterwegs, der öffentlicher Protest lange wesensfremd war und die nun "für Sicherheit" und "gegen das Verbrechen" mobilisiert. Sie trägt Namen wie "Bürger in Weiß" und brachte 2004 einen riesigen Schweigemarsch auf die Beine - Forderungen nach harter Hand und Todesstrafe inklusive. Und seit sich die Gewalt als Folge des von Präsident Felipe Calderon erklärten "Krieges gegen die Drogen" sich wie eine Epidemie im Lande ausbreitet, ist Kriminalität geradezu ein Leitmotiv der urbanen Proteste geworden. Dabei fordern die Demonstranten heute allerdings nicht mehr die Todesstrafe, sondern den Rücktritt des Präsidenten und eine Kehrtwende in der fatalen "Sicherheitspolitik".

Fluchtpunkt aller Protestbewegungen ist seit jeher der Zocalo, eine weit auslaufende Zementfläche im Zentrum, in die seit Jahrzehnten nahezu jede Demonstration mündet. Der Platz ist an sich schon ein urbaner Ausnahmezustand, 200 mal 200 Meter nackte Betonplatten, kein Ort zum Verweilen, ohne Schattenspender oder Sitzgelegenheiten. Vor der Sonne schützen kann man sich nur im schmalen Schatten des gewaltigen Fahnenmastes, der 60 Meter in den Himmel ragt. Um ihn herum, im leeren Quadrat, versammeln sich die Bürger. Drumherum stehen Bauten, die die wichtigsten Mächte räumlich versammeln: an der einen Flanke die barocke Kathedrale mit ihren mächtigen Türmen, gegenüber der Sitz der Stadtregierung, daneben die altehrwürdigen Kaufhäuser und auf der anderen Seite der Palacio Nacional mit seinen schmucken roten Markisen. Bis in die 1950er Jahre war der Zocalo, benannt nach dem leer gebliebenen Sockel für ein Nationaldenkmal, noch eine Art Bürgerpark mit Blumenbeeten, Bänken und einem verschnörkelten Pavillon. Dann rief ein modernistischer Bürgermeister im Namen der "urbanen Hygiene" die Neuordnung der Altstadt aus, führte eine Sperrstunde für Cantinas (Kneipen) ein und ließ allen Zierrat von der Plaza entfernen. Der bürgerliche Park wurde zu einem staatsbürgerlichen Platz, zunächst noch reserviert für offizielle Zeremonien, Militärparaden und Massenaufmärsche. Für kurze Zeit gelang es 1968 den protestierenden Studierenden, auf den Zocalo zu gelangen, bevor die Panzer sie wieder räumten. Erst ab Mitte der 1980er Jahre, als die staatliche Kontrolle über Gesellschaft und Raum zu zerbrechen begann, begannen dissidente Bewegungen sich erneut des Herzens der Hauptstadt zu bemächtigen.

Fußnoten

1.
Vgl. Carlos Monsiváis, Apokalipstick, Mexiko-Stadt 2010, S. 131.
2.
Ebd., S. 132.

Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

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