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26.9.2011 | Von:
Anne Huffschmid

Alltag statt Apokalypse: Mexiko-Stadt als Labor städtischen Lebens - Essay

Die bewohnte Stadt

Zwar gibt es im postrevolutionären Mexiko schon seit den 1940er Jahren eine staatliche Wohnbaupolitik. Dennoch wurde ein Großteil der Stadt de facto durch private Initiativen produziert - und zwar im doppelten Sinne: durch informellen Eigenbau und durch privatwirtschaftliche Massenproduktion. Zwei Drittel des bewohnten Raums entstanden durch Landbesetzung und selbstorganisiertes Bauen, das erst im Nachhinein reguliert wurde. Daraus wurden dann die Colonias populares oder Armenbezirke wie etwa der Zwei-Millionen-Einwohner-Bezirk Iztapapalapa oder die ehemals informelle Siedlung Nezahualcoyotl. Seit Ende der 1980er Jahre der Bodenmarkt dereguliert und städtische Wohnbauprogramme an private Baufirmen delegiert wurden, hat sich die standardisierte Massenbauweise verbreitet: viele hundert zweistöckiger Einfamilienhäuser aus der Retorte, deren Pseudodesign nur notdürftig die schlechte Bausubstanz und minimale Ausstattung kaschiert. Seither sind daraus eine Unzahl Megasiedlungen, auch Condominios genannt, an den Rändern der Stadt entstanden. Wie in den Colonias populares liegen die Häuser dort dicht an dicht, ohne Chance auf Privatheit, aber auch ohne öffentlichen Raum. Die Condominios, die in der gehobenen Variante auch bewacht werden, sind so etwas wie die gated communities für die klassenbewussten, aber ärmeren Mittelschichten. Anders als die Wohnanlagen in den Vorstädten der USA, die oft völlig vom urbanen Leben entkoppelt sind, ist hier - schon durch die endlosen Fahrten zur Arbeit - das Band zur Stadt nicht ganz gekappt.

Aber auch in Innenstadtbezirken trifft man immer öfter auf Calles cerradas, abgesperrte Straßen. Dabei wird eine bis dahin öffentliche Straße kurzerhand abgesperrt, die Sperre mit einem Wärterhäuschen versehen, das ab sofort für Fahrzeuge und Fußgänger den Zugang kontrolliert. Begründet wird das meist mit der "Sicherheitslage". Vor allem seit der Wirtschaftskrise von 1995 sind Überfälle an der Tagesordnung - als Erfahrung, vor allem aber als Diskurs; an die 2.000 private Wachdienste sollen heute in der Stadt tätig sein. Viele Hundert solcher Cerradas soll es mittlerweile geben, nicht reguliert, kaum legal und doch geduldet. Doch die De-facto-Privatisierung städtischen Raums beschränkt sich nicht auf die Wohnanlagen der Bessersituierten. Auch die Ärmeren beanspruchen Nebengassen, Hauseinfahrten oder Bürgersteige für kommerzielle Zwecke - ob in Gestalt von Taco-Verkäufern, Orangensaftpressern oder Parkhelfern, die auch Anwohner nur gegen ein kleines Entgelt parken lassen. Lizenzen wird man hier vergeblich suchen, Uniformierte erhalten dafür ein kleines Trinkgeld. Experten sind sich in der Bewertung solcher Phänomene uneinig: Was die einen als Indiz für urbanes Chaos und Korruption sehen, werten andere als Symptom einer funktionierenden Verhandlungskultur.


Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

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